Roger Scruton kritisiert die Meisterdenker des Marxismus

Das gewichtigste Erbe der marxistischen Linken ist die „Transformation der politischen Sprache“. In seinem Buch über die linken Denker des 20. Jahrhunderts geht es Scruton auch darum, die Sprache vor dem sozialistischen „Neusprech“ zu bewahren. Von Till Kinzel

Warum sollte man sich noch mit den „Meisterdenkern“ der Linken aus dem vergangenen Jahrhundert befassen? Sind das nicht alte Hüte? Ist der Marxismus in seinen wesentlichen Spielarten nicht längst widerlegt, hat er nicht jedes größere Interesse verloren? Für viele Bereiche des linken Denkens trifft dies zweifellos zu, trotz der periodisch wiederkehrenden Versuche, Marx und seinen „Followern“ eine neue Resonanz zu verschaffen.

Das wichtigste Erbe der marxistischen Linken besteht jedoch fort: Es ist das, was der 2020 verstorbene englische Philosoph Roger Scruton, die „Transformation der politischen Sprache“ nennt. Daher zielt sein eigenes Buch über die linken Denker des 20. Jahrhunderts in erster Linie darauf ab, „die Sprache vor dem sozialistischen ‚Neusprech‘ zu bewahren“. Dazu aber ist es höchst hilfreich, im Blick zurück zu erkennen, wie dieses Neusprech in die Welt gesetzt wurde und was diese Form der ideologischen Sprache für ein realitätsgerechtes Denken bedeutet. Im linken Denken sieht Scruton nicht nur eine fehlgeleitete Religion oder eine Art Gnostizismus, dem es auf der Grundlage eines angeblichen Wissens um die Macht geht. Vielmehr erkennt er bei vielen der untersuchten Autoren eine Zurückweisung des Erbes der abendländischen Zivilisation, die sich aus einer Haltung der Negativität speise.

In der Galerie der linken Denker, die Scruton von dem Leser Revue passieren lässt, sind auch solche vertreten, an die hierzulande wohl niemand so schnell denken wird, wie Edward Thompson, John Kenneth Galbraith oder Ronald Dworkin, aber auch der hierzulande eher bekannte kommunistische Historiker Eric Hobsbawm. Insbesondere Letzterer hat durch seine lebendige Geschichtsschreibung das Bild des Kapitalismus stark geprägt, aber auch durch seine verschleiernde Darstellung der bolschewistischen Herrschaft zur Verharmlosung linker Diktaturen beigetragen.

Aus dem Maschinenraum des Nonsens
Konservativer Philosoph dekonstruiert die Lieblingstheorien der Linken
Weiter geht es dann mit einem Kapitel über die französischen Linken von Sartre bis Foucault. Sartres Existenzialismus erscheint letztlich als eine spezielle Form des Marxismus. Denn Sartres anti-bürgerliche Rhetorik habe die französischen Nachkriegsphilosophen stark geprägt.
Seine Pose der Verneinung verbinde sich mit einer Anverwandlung des Marxismus, der von Sartre nie wirklich kritisiert werde. Der Begriff der „Totalität“, den Sartre vom Marxismus übernommen habe, verberge letztlich „die Leere im Herzen des Systems, wo eigentlich Gott hingehörte“.

Zu den zentralen und nachhaltig wirksamen Denkern der Linken rechnet Scruton den im heutigen Ungarn weniger geschätzten Georg Lukács, der früh einen Hass auf den Kapitalismus kultivierte und den Marxismus, dem er sich anschloss, als eine totale Weltanschauung begriff, zu der man geradezu konvertieren müsse. Lukács, der sich dafür einsetzte, „nicht-kommunistische Schriftsteller und Intellektuelle zu denunzieren und ihre Schriften zu verbieten“, trug dazu bei, der bürgerlichen Gesellschaft und der Wirtschaftsform „Kapitalismus“ in die Schuhe zu schieben, was er mit den Begriffen Fetischismus, Entfremdung und Verdinglichung bezeichnete.

Das bedeutetet nach Scruton aber, „dass die Leiden und die Sündhaftigkeit der Menschheit keine andere Erklärung brauchen als die Existenz des kapitalistischen Systems“. Die schon bei Hegel und Feuerbach angelegte „Ersatztheologie“ finde ihre Fortsetzung im Marxismus, ja die wichtigste Leistung von Lukács bestehe in der Enthüllung der theologischen Bedeutung der Marx’schen Wirtschaftslehre. Von Lukács geht Scruton zu den Denkern der Frankfurter Schule über, die wie Adorno und Horkheimer eine marxistisch geprägte Kulturkritik popularisierten, aber keine Vorstellung einer positiven Utopie mehr boten, die von irgendeiner Anschaulichkeit geprägt war. Bei Habermas überkommt Scruton offenkundige Langeweile, weil in dessen Schriften ein bürokratischer Stil vorherrsche, der die Ödnis seiner Abstraktionen endlos auswalze.

Scruton sieht durchaus, dass die von der Frankfurter Schule geübte Kritik der Konsumgesellschaft einen wahren Kern besitzt. Handele es sich dabei doch um eine Wahrheit, die bereits im Alten Testament enthalten war, wo der Götzendienst als Abwendung von Gott gedeutet wird. Adorno habe nicht an Gott geglaubt; sein wahrer Gott sei Utopia gewesen, die sich gegen den falschen Gott des Konsumismus wandte. Auch die „Kritik der instrumentellen Vernunft“ habe ihre Berechtigung. Aber es seien konservative Denker wie Burke, Hegel oder Oakeshott gewesen, die in der instrumentellen Vernunft einen Verlust des Respekts vor Institutionen und Loyalitäten sahen, welche der Frankfurter Schule wie früheren Marxisten als „bürgerlich“ galten und daher im Letzten zerstört werden sollten.

Narren, Schwindler, Unruhestifter
Die Taschenspielertricks des Theodor W. Adorno
Während die deutsche Variante des linken Denkens oft nur das Grau in Grau der theoretischen Ödnis malt, verband es sich in Frankreich viel mehr mit Formen eines wilden Denkens. Aber auch hier gab es Autoren wie Louis Althusser, die in einem schlechten Sinne marxistische Scholastik betrieben. Im Grunde präsentiert Althusser eine pseudo-theologische Dogmatisierung von Marx, so dass nicht mehr die Erkenntnis der Wahrheit das Ziel ist, sondern die Erzeugung politischer Treue zum politischen Projekt der Linken. Unter dem Einfluss von Denkern wie dem Psychoanalytiker Jacques Lacan und Gilles Deleuze entsteht eine Art Nonsens-Maschine, die einen neuen akademischen Stil produziert, in dem Syntax ohne Semantik existiert. Das linke Denken, das sich dieses Stils bedient, immunisiert sich Scruton zufolge gegen jede Kritik. Gerade deshalb bleibt eine aktualisierte Kritik des linken Neusprech eine Aufgabe, für die Scrutons Buch notwendige Grundlagen bereitstellt.

Die weiteren Entwicklungen des linken Denkens bis hin zu einem weltweiten Kulturkampf, in dessen Rahmen auch der Postkolonialismus einzuordnen ist, zeichnet Scruton vor dem Hintergrund von Antonio Gramscis Verlagerung des Interesses von der Ökonomie auf die Kultur nach – bis hin zu den populären Kommunisten unserer Tage wie Alain Badiou oder Slavoj Žižek, der mit irritierender Nonchalance sogar wieder an Lenin anknüpfen will. Hier entfaltete sich auch eine Form der Kritik, an der wir heute noch oder vielleicht mehr denn je zu nagen haben – denn es geht hier um nichts Geringeres als Munition gegen das Abendland, das sich in einer „Epoche des kulturellen Selbstmords“ befinde, wie Scruton mit Blick auf die USA schreibt: „Viele, die die Wächter der westlichen Kultur sein sollten, ergreifen jedes Argument, egal wie fehlerhaft es sein mag, und jede Wissenschaft, wie falsch sie auch sein mag, um ihr kulturelles Erbe zu verunglimpfen.“

Der knallige Titel – „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ – könnte manchen abschrecken, das Buch zu lesen. Das aber wäre sehr schade. Denn etwas Vergleichbares zu Scrutons Dekonstruktion der linken Theorie gibt es sonst nicht.

Dieser Beitrag von Till Kinzel erschien zuerst in Die Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur, der wir für die Genehmigung zur Übernahme danken.

Roger Scruton, Narren, Schwindler, Unruhestifter. Linke Denker des 20. Jahrhunderts. Edition Tichys Einblick im FBV, 368 Seiten, 25,00 €


Empfohlen von Tichys Einblick. Erhältlich im Tichys Einblick Shop >>>
Unterstützung
oder

Kommentare ( 12 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

12 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
LiKoDe
3 Tage her

Roger Scruton befasst sich in diesem Buch nicht mit Marxismus und erst recht nicht mit tatslächlichen marxistischen Denkern, sondern mit dem, was man seit den 1960ern ’neue Linke‘ nannte, also mit Personen aus der gehobenen bürgerlichen Mittelschicht, die in Universtitäten etabliert oder freiberuflich tätig waren und dem Marxismus genau entgegenstanden.

KoelnerJeck
2 Tage her
Antworten an  LiKoDe

Aus was für einer Schicht stammten eigentlich Marx und Engels? Das waren doch die beiden, die immer wieder betonten, dass nur ihr Sozialismus der wahre Sozialismus sei.
Der Name Marx zieht sich übrigens durch das Buch wie ein roter Faden.

Evero
3 Tage her

Offenbar haben all diese linken „Poeten“ Gott und Religion abgelehnt und haben sich dann in ihren Gehirnen verirrt. Was dabei herauskommen kann, haben wir zur Genüge erfahren. Ihnen fehlte Demut, die Fähigkeit sich zurückzunehmen und Gott anzunehmen.
Jesus sagte: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewõnne, und nähme an seiner Seele Schaden?“

Diese Männer haben einen Ersatz für Gott gesucht, aber nie gefunden.

Harry Charles
3 Tage her

„ANNABELL, ACH ANNABELL, du bist so herrlich intellektuell, du bist so wunderbar negativ und so erfrischend destruktiv […] ich bitte dich komm sei so gut mach‘ meine heile Welt kaputt […] Heut‘ sitz ich vor ihr und hör‘ mit offenem Mund, wenn sie für mich doziert, Theorien aufstellt und, Ich wünsche diese Stunden würden nie vergehen, Ich könnt‘ ihr tagelang zuhör’n, ohne ein Wort zu verstehen […] und zum Zeichen deiner Emanzipation beginnt bei dir der Bartwuchs schon.“ Diese bissig-sarkastischen Zeilen aus einem auf den Punkt gebrachten Lied von Reinhard Mey beschreiben schon 1972 treffsicher die Geisteshaltung der 68-er Kulturmarxisten.… Mehr

Last edited 3 Tage her by Harry Charles
country boy
3 Tage her
Antworten an  Harry Charles

„mehr muss man zu den verkrachten Kulturmarxisten eigentlich nicht sagen.“ In anderen Ländern mag das so gelten. In Deutschland sind diese abgestandenen Theorien immer noch die geistige Hauptnahrungsquelle für die „Eliten“ in Kultur und Medien.

AJMazurek
3 Tage her

Die Transformation der Sprache kennen wir aus der Zeit des Turmbaus zu Babel. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Roger sollte Hitler berücksichtigen, lt. Hermann Rauschning: „Ich bin nicht bloß der Überwinder, ich bin auch der Vollstrecker des Marxismus, wenn man das, was er wollte und was berechtigt an ihm ist, der jüdisch-talmudischen Dogmatik entkleidet.“ […] „Ich habe vom Marxismus viel gelernt. Ich gestehe das ohne weiteres ein. […] Aber von ihren Methoden habe ich gelernt. Nur, ich habe damit Ernst gemacht, womit diese kleinen Krämer- und Sekretärsseelen zaghaft angefangen haben. Der ganze Nationalsozialismus steckt da drin. Sehen Sie… Mehr

Georg J
3 Tage her

„…die Sprache vor dem sozialistischen „Neusprech“ zu bewahren…“
Wer die Kontrolle über die Sprache und die Auslegung der Wörter hat, der kontrolliert die Gesellschaft, denn der definiert den erlaubten Debattenraum.

Lucius de Geer
3 Tage her

Abgesehen davon dass ich Marxisten – beginnend mit dem namengebenden Großmaul aus Trier – schon immer für weltfremde Spinner gehalten habe, musste ich doch an einer Stelle schmunzeln: „eine Nonsens-Maschine, die einen neuen akademischen Stil produziert, in dem Syntax ohne Semantik existiert“ – das trifft es vorzüglich, bedarf aber eventuell der Übersetzung in „einfache Sprache“. Der im Alltag abseits selbsterverliebter Pseudowissenschaften geerdete Normalsterbliche würde hier schlicht von „inhaltsfreiem Gelaber“ sprechen.

Harry Charles
3 Tage her
Antworten an  Lucius de Geer

Ist es nicht. Als studierter Sprachwissenschaftler (Anglistik, Romanistik) kann ich vielleicht für etwas Aufklärung sorgen: Semantik bezeichnet den Bereich der „Bedeutung“, Syntax – grob gesagt – die Satzbauregeln, also wie man einzelne Worte innerhalb eines Satzes zu sinnvollen Äußerungen kombiniert. Wenn man rein formal scheinbar Sinn ergebende Sätze bildet, die aber inhalts- und bedeutungsleer sind, so erzielt dies eine Blendwirkung. Dies soll beim naiven Betrachter, der das Ganze nicht durchschaut, den Effekt erzielen, dass er annimmt, die rein syntaktische Form eines Textes vermittle schon Substanz. Dabei ist das Ganze formel- sowie klischeehaft und, wie gesagt, bedeutungsleer. Ein gutes Beispiel für… Mehr

Last edited 3 Tage her by Harry Charles
3 Finnen
9 Stunden her
Antworten an  Harry Charles

Eben „Dumm Labern“.

KoelnerJeck
3 Tage her

„Wer nicht merkt, dass der Kampf ideologisch ist, sollte besser aufgeben, denn er hat keine Chance“ so Ayn Rand. Deshalb sollte man solche Bücher lesen, wo es um die Ideen geht, denn „von den Ideen hängt alles ab“ so Ludwig von Mises. Ich habe Roger Scruton gelesen, und kann das Buch nur empfehlen.

Widerlegen kann man viele „Ideen“ dieser Marxisten mit Karl Popper: Falsisfizieren und Verifizieren. Anthony de Jasay zeigt, wie es geht.

Last edited 3 Tage her by KoelnerJeck
Harry Charles
3 Tage her
Antworten an  KoelnerJeck

Und was ich empfehlen kann, wo Sie Ayn Rand schon erwähnen, ist ihr Roman „The Fountainhead“, meisterlich verfilmt mit Gary Cooper in der Hauptrolle. Er spielt darin den Architekten Howard Roark, der sich gegen einen miesen, linken, neidisch-niederträchtigen Mainstream durchsetzt.