Tankstellen dicht: Ein Warnsignal für die Versorgungssicherheit

Abgesperrte Tankstellen und Autofahrer, die vergeblich nach Benzin oder Diesel suchen: Im Rheinland zeigten sich plötzlich Probleme, die man in einem der größten Industrieländer Europas kaum erwartet. Für die Versorgungsmängel gibt es mehrere Gründe.

Der Versorgungsmangel lässt wohl auch nicht die Preise für Diesel und Benzin sinken. picture alliance / Rene Traut Fotografie | Rene Traut
Der Versorgungsmangel lässt wohl auch nicht die Preise für Diesel und Benzin sinken.

Wie widerstandsfähig ist Deutschlands Kraftstoffversorgung noch, nachdem über Jahrzehnte Raffineriekapazitäten abgebaut wurden? Wirtschafts-Blogger wie Emanuel Boeminghaus berichten aktuell jedenfalls über eine nicht alltägliche Situation in der Sprit-Versorgung: An einer Aral-Tankstelle in Siegburg war am Montag der Premiumkraftstoff Ultimate vollständig ausverkauft. Bereits am Wochenende hatten zeitweise auch Diesel und Super E10 gefehlt. Ähnliche Probleme wurden aus Rommerskirchen gemeldet. Dort konnten Tankstellen von Aral und TotalEnergies ebenfalls nicht sämtliche Kraftstoffsorten anbieten.

Inzwischen wurden einige Bestände wieder aufgefüllt, und es soll auch hier in diesem Bericht keinesfalls nur eine Tendenz von Panikmache feststellbar sein. Doch die Vorfälle machen deutlich, wie empfindlich die Versorgung auf Störungen reagieren kann.

Die Gründe für die Mangelversorgung

Als wichtigste Ursache nennt die Mineralölwirtschaft das außergewöhnlich niedrige Wasser des Rheins. Am 19. Oktober zeigte der Pegel in Köln lediglich 54 Zentimeter, für die Binnenschifffahrt ist das ein erhebliches Problem. Zwar entspricht der Pegelstand nicht der tatsächlichen Wassertiefe der Fahrrinne. Dennoch müssen Frachtschiffe ihre Ladung bei Niedrigwasser drastisch reduzieren, manche können bestimmte Strecken überhaupt nicht mehr wirtschaftlich befahren. Und der Rhein ist eine der wichtigsten europäischen Transportverbindungen für Mineralölprodukte: Über ihn werden große Mengen Benzin, Diesel, Heizöl und andere Erzeugnisse zwischen Raffinerien, Tanklagern und Verbrauchszentren transportiert. Der Branchenverband en2x warnte bereits am 7. Oktober vor einer außergewöhnlich angespannten Lage. „Die Situation ist aktuell sehr angespannt“, erklärte Hauptgeschäftsführer Christian Küchen.

Zwar versuchen die Unternehmen, fehlende Schiffstransporte durch Eisenbahn und Tanklastwagen zu ersetzen, doch dafür stehen weder unbegrenzt Fahrzeuge noch ausreichend freie Transportkapazitäten zur Verfügung. Die Folge: Lieferungen verzögern sich, die Transportkosten steigen deutlich und einzelne Tankstellen bleiben eben zeitweise ohne Nachschub.

Raffineriekapazitäten reduziert

Der niedrige Rheinpegel erklärt aber nicht sämtliche strukturellen Probleme der deutschen Mineralölversorgung. Ein Blick auf die langfristige Entwicklung zeigt, dass Deutschland seine Raffineriekapazitäten deutlich reduziert hat: Im Jahr 2000 konnten deutsche Raffinerien jährlich 112,9 Millionen Tonnen Rohöl verarbeiten. 2025 waren es nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen noch 102,9 Millionen Tonnen. Das entspricht einem Rückgang um etwa zehn Millionen Tonnen oder knapp neun Prozent. Allerdings geschah dieser Abbau nicht kontinuierlich, seit 2014 bewegt sich die Kapazität weitgehend auf einem stabilen Niveau. Aber Anfang der 1980er-Jahre verfügte Deutschland zeitweise über wesentlich größere Verarbeitungskapazitäten. Seither wurden Anlagen geschlossen, zusammengelegt oder modernisiert. Die Ursachen dafür: eine veränderte Nachfrage, internationale Konkurrenz, hohe Investitionskosten und zunehmend strengere Umweltauflagen.

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Der Rückgang bedeutet allerdings nicht automatisch, dass heute zu wenig Benzin oder Diesel produziert wird: Deutschlands Raffinerien waren zuletzt nur zu 79,5 Prozent ausgelastet. Die aktuellen Produktionszahlen widerlegen sogar die Vermutung, dass Deutschlands Raffinerien bereits an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten: 2024 wurden noch 85,8 Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet, im vergangenen Jahr waren es lediglich 81,9 Millionen Tonnen. Die Auslastung der Raffinerien sank damit von 82,4 auf 79,5 Prozent. Rein rechnerisch waren erhebliche Verarbeitungskapazitäten also ungenutzt.

Allerdings spielen Wartungsarbeiten, technische Einschränkungen, unterschiedliche Rohölsorten und die Zusammensetzung der produzierten Kraftstoffe ebenfalls eine Rolle bei der möglichen Auslastung der Raffinerien.

Und Deutschlands Kraftstoffversorgung hängt längst nicht ausschließlich von den heimischen Raffinerien ab, entscheidend ist vielmehr ein komplexes System aus internationalen Lieferungen, Raffinerien, Pipelines, Binnenschiffen, Tanklagern, Eisenbahn und Lastwagen. Fällt ein wichtiger Transportweg aus, kann dieses System regional unter erheblichen Druck geraten.

Die entscheidende Schwachstelle liegt derzeit offenbar weniger in der Raffinerieproduktion als in der Fähigkeit, Kraftstoffe auch unter schwierigen Bedingungen rechtzeitig zu den Verbrauchern zu bringen. Die aktuellen Bilder von geschlossenen Tankstellen sind eine Warnung: Selbst ein hoch entwickeltes Industrieland kann bei der Versorgung mit alltäglichen Energieträgern schnell an logistische Grenzen stoßen.

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Kommentare ( 3 )

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3 Comments
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Ceterum censeo Berolinem esse delendam
3 Minuten her
Haba Orwell
6 Minuten her

> Abgesperrte Tankstellen und Autofahrer, die vergeblich nach Benzin oder Diesel suchen: Im Rheinland zeigten sich plötzlich Probleme, die man in einem der größten Industrieländer Europas kaum erwartet.

Wieso kaum erwartet – so wie hiesige Züge funktionieren, war es eher ein Wunder, dass die Tankstellen bisher liefen. Jetzt zogen sie nach.

Glaubt wer noch nicht, dass die Nahost-Kriege sich hier auswirken könnten?

Yani
22 Minuten her

Die traditionell stets stramm auf der Seite der Obrigkeit zu findenen Rheinländer könnten ja auch auf ihre Lästenräder oder die DB umsteigen.