Erzeuger- und Verbraucherpreise im Höhenflug – Inflationssorgen nehmen wieder zu

Starke Unternehmenszahlen reichen den Börsen plötzlich nicht mehr. Steigende Verbraucher- und Erzeugerpreise in den USA schüren neue Zinssorgen, während ausgerechnet bei hoch bewerteten KI-Aktien Zweifel an der Rentabilität wachsen. Die Märkte werden nervöser.

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Manchmal reicht es den Börsianern nicht einmal, wenn ein Unternehmen glänzende Zahlen vorlegt. Am Donnerstag zum Beispiel meldete der taiwanische Chiphersteller TSMC einen Gewinnsprung von fast 70 Prozent. Der Umsatz legte in heimischer Währung um gut 50 Prozent zu. Beides übertraf die Erwartungen der Analysten – die Aktie verlor trotzdem 1,8 Prozent. Denn während die Unternehmen weiterhin prächtig am Boom der künstlichen Intelligenz verdienen, fragen sich Anleger zunehmend, ob sie für dieses Wachstum inzwischen nicht zu viel bezahlen.

Dazu kamen in dieser Woche zwei unangenehme Nachrichten aus Washington: Am Mittwoch meldete das US-Arbeitsministerium, dass die Verbraucherpreise im September um 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Im August waren es noch 3,4 Prozent gewesen. Besonders kräftig hat sich Benzin verteuert: um 9,1 Prozent innerhalb eines Monats. Und am Donnerstag wurde bekannt, dass die US-Erzeugerpreise im September um 1,3 Prozent gegenüber August gestiegen sind. Das war der stärkste monatliche Anstieg seit März 2022. Gegenüber dem Vorjahr betrug die Teuerung sogar 6,3 Prozent. Besonders Energie und Transportleistungen sind deutlich teurer geworden.

Das ist für die Börse keine gute Mischung. Denn höhere Kosten bei den Unternehmen kommen früher oder später bei den Verbrauchern an. Und wenn die Inflation hartnäckig bleibt, hat die US-Notenbank (Fed) keinen Grund, die Zinsen zu senken. Im Gegenteil: Weitere Erhöhungen drohen.

Für Aktien ist das unangenehm. Hohe Zinsen machen Anleihen attraktiver und verteuern die Finanzierung der Unternehmen. Besonders empfindlich reagieren Technologieaktien, deren Bewertungen auf hohen Gewinnerwartungen für die kommenden Jahre beruhen. Diese künftigen Gewinne werden mit einem höheren Zinssatz abgezinst und sind daher aus heutiger Sicht weniger wert. Am Mittwoch verlor der Nasdaq deshalb rund 1,9 Prozent. In Asien fiel die Reaktion noch heftiger aus. Der japanische Leitindex sackte am Donnerstag um fast fünf Prozent ab, der Kospi in Seoul sogar um mehr als sieben Prozent. Am Donnerstag beruhigte sich die Lage an der Wall Street zwar wieder, um am Freitag wieder abzusacken.

Damit bestimmten am Freitag wieder Ängste über ausufernde Finanzierungskosten für KI-Konzerne das Bild. Hinzu kam im Handelsverlauf ein deutlicher Anstieg der Ölpreise, der einmal mehr Inflationssorgen schürte. Denn eine Gruppe von Abgeordneten hatte einen Gesetzentwurf eingebracht, um das Vorhaben von Präsident Donald Trump zu verhindern, mehr russischen Diesel auf die Weltmärkte zu bringen.

Der techwertelastige Nasdaq 100 sackte um 2,5 Prozent auf 29.188 Punkte ab und fiel auf das Niveau von Mitte September zurück. Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 1,1 Prozent auf 7.659 Punkte nach unten. Auch der Dow Jones Industrial drehte im Handelsverlauf ins Minus und gab am Ende um 0,3 Prozent auf 52.002 Punkte nach. In dem Leitindex sind die großen Tech-Aktien bei weitem nicht so schwer gewichtet wie im Nasdaq 100, sodass er sich noch vergleichsweise gut schlug. Auf Wochensicht ergibt sich für den Dow ein Plus von knapp 0,7 Prozent.

Unter den Einzelwerten geriet wie schon zur Wochenmitte Coreweave in den Fokus. Die Papiere des Anbieters von KI-Cloud-Computing-Diensten hatten sich am Donnerstag noch von einem Kurssturz um 15,5 Prozent erholt, sackten zum Wochenschluss aber wieder um 11,9 Prozent ab. Immerhin blieben sie in der Handelsspanne vom Vortag.

Am Mittwoch waren unbesicherte Hochzinsanleihen von Coreweave auf ein Niveau abgesackt, das in der Regel auf finanzielle Schwierigkeiten hindeutet. Daraufhin hatte am Donnerstag der Vorstandsvorsitzende des für seine KI-Chips bekannten Konzerns Nvidia Bedenken hinsichtlich Coreweave zurückgewiesen. Jensen Huang sagte, er glaube nicht, dass das tief mit Nvidia verflochtene Unternehmen eine Finanzspritze benötigen werde.

Doch offenbar konnte Huang die Zweifel am Markt nicht zerstreuen. „Die Frage ist nicht mehr nur, wie groß das Potenzial der Künstlichen Intelligenz werden kann, sondern wie rentabel die enormen Investitionen, die zu seiner Verwirklichung erforderlich sind, letztendlich sein werden“, sagte Marktanalyst Fawad Razaqzada vom Finanzdienstleistungsunternehmen StoneX Group. Die Nachfrage nach Chips und Rechenleistung sei zwar nach wie vor stark, doch die Anleger müssten auch angemessene Renditen für die enormen Summen sehen, die in Rechenzentren, Stromerzeugung, Netzwerke und andere Infrastrukturbereiche investiert würden, fuhr der Experte fort. Es gebe Anzeichen dafür, dass diese Bedenken auf die Kreditmärkte übergriffen.

In dem wieder für Techwerte sehr schwachen Umfeld konnten die Aktien von Tesla anfängliche Gewinne nicht halten und fielen schließlich um 2,1 Prozent. Der Elektroautobauer hatte nach einiger Verzögerung endlich einen Sportwagen vorgestellt, der dank Raketendüsen kurze Entfernungen im Flug zurücklegen kann. Der Schadenversicherer Travelers hatte trotz stagnierender Einnahmen und höherer Katastrophenschäden seinen Gewinn im Sommer moderat gesteigert. Das Unternehmen hatte mehr Rückstellungen für frühere Schäden aufgelöst, wodurch der Überschuss im Jahresvergleich um zwei Prozent stieg. Die Anteilscheine von Travelers gewannen im Dow 1,5 Prozent. An der Indexspitze profitierten die Papiere des Ölkonzerns Chevron mit einem Plus von 2,6 Prozent von den wieder gestiegenen Ölpreisen. Zuvor war das Bild an den deutschen Börsen noch anders gelagert. Die Zins- und KI-Sorgen hatten am deutschen Aktienmarkt vor dem Wochenende spürbar nachgelassen. Der Dax stieg am Freitag um knapp ein Prozent auf 25.623 Punkte. Damit baute er sein Wochenplus auf gut zwei Prozent aus. Außerdem ließ der deutsche Leitindex die 100-Tage-Linie als Indikator für den mittel- bis langfristigen Trend hinter sich, die an den Vortagen noch eine zu hohe Hürde war. Der MDax mit den mittelgroßen Börsenkonzernen gewann am Freitag 1,5 Prozent auf 30.657 Punkte.

Im Wochenverlauf hatte eine überraschend hohe Inflation in den USA Bedenken genährt, dass die US-Notenbank Fed den Leitzins bereits im Oktober ein weiteres Mal anheben und somit Finanzierungen verteuern könnte. Hinzu kamen Ängste mancher Anleger, dass sich die milliardenschweren Investitionen der KI-Konzerne womöglich nicht auszahlen könnten.

Timo Emden vom Broker Captrader gab zu bedenken: „Die aktuelle Schaukelbörse unterstreicht nach wie vor die undurchsichtige Gemengelage. Zwischen Zinsfragen, KI-Zweifeln und Krisenherden fehlt den Anlegern weiterhin der entscheidende rote Faden.“ Für Sören Hettler von der DZ Bank ist die jüngste Korrektur bei Halbleiter- und einigen KI-Aktien gleichwohl lediglich eine selektive Neubewertung durch Investoren. Eine breite Abkehr vom KI-Thema sieht er nicht. „Unter Druck stehen vor allem hoch bewertete und stark fremdfinanzierte Teile des KI-Ökosystems. Unternehmen mit hoher Profitabilität, auch aus anderen Geschäftsbereichen, und starken Cashflows sind dagegen deutlich weniger anfällig für steigende Finanzierungskosten.“ Der nächste Härtetest sei nun die laufende Berichtssaison zum dritten Quartal.

Der Erholungsversuch der Rüstungsaktien setzte sich fort. Rheinmetall legte als Spitzenreiter im Dax um 6,3 Prozent zu. Im MDax gewannen TKMS, Renk und Hensoldt zwischen 4,4 und sechs Prozent. Die Papiere des Raumfahrt- und Technologiekonzerns OHB schafften es im Kleinwerte-Index SDax mit 13 Prozent ins Plus.

Auch der Autosektor zeigte sich erholt. Im Dax belegten Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW mit Kursgewinnen zwischen 2,8 und 3,5 Prozent die vorderen Plätze. Angesichts der vorigen Tech-Schwäche waren klassische Industriebranchen generell gefragt. Außerdem stützte die Einigung zwischen Deutschland und Frankreich auf ein gemeinsames Auto-Paket.

Der Chipindustrie-Ausrüster Aixtron übertraf im dritten Quartal sowohl beim Auftragseingang als auch bei der operativen Profitabilität die Analystenerwartungen. Mit einem Kursplus von 6,2 Prozent machten die Aktien einen Teil ihrer Vortagesverluste von fast 13 Prozent wegen der schlechten Tech-Stimmung wett.

Ganz vorn im MDax aber schnellte der Aktienkurs von Nordex um 12,3 Prozent nach oben. Der Windkraftanlagenbauer überzeugte die Anleger mit einem überraschend guten dritten Quartal und einem optimistischeren Gewinnausblick. Für die Anteilscheine von Verbio ging es an der SDax-Spitze um 16,6 Prozent auf fast 30 Euro nach oben. Constantin Hesse vom Analysehaus Jefferies blickt nun deutlich optimistischer auf die Gewinnperspektiven des Biospritherstellers. Er hob das Kursziel auf 42 Euro an und stufte die Papiere auf „Buy“ hoch.

Die Börse steckt damit in einer merkwürdigen Situation. Die Unternehmen verdienen ordentlich, gleichzeitig steigen Inflation und Finanzierungskosten. Und ausgerechnet bei den bisherigen Lieblingen der Anleger werden die Zweifel größer. Gute Geschäfte sind eben nicht automatisch gute Aktienkurse.

Der Blick nach vorn

In der kommenden Woche werden die Unternehmensgewinne stärker in den Mittelpunkt rücken. Die amerikanische Berichtssaison nimmt dann Fahrt auf. Neben Tesla veröffentlichen zahlreiche Industrie-, Technologie- und Finanzunternehmen ihre Quartalszahlen. Entscheidend wird, ob die hohen Erwartungen an den KI-Boom weiterhin durch tatsächliche Gewinne gedeckt werden.

Gleichzeitig bleibt die Inflation ein Problem. Die jüngsten Verbraucher- und Erzeugerpreise haben gezeigt, dass der Preisdruck in den USA keineswegs verschwunden ist. Und solange Energie teuer bleibt, dürfte die Notenbank wenig Anlass zur Entwarnung haben.

Die Anleger müssen also auf zwei Dinge gleichzeitig achten: die Gewinne der Unternehmen und die Kosten des Geldes: Eigentlich sind die Aussichten weiterhin ordentlich. Jetzt müssten nur noch die Gewinne schneller wachsen als die Erwartungen.

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