BILD, BamS und Glotze wieder auf Linie für die Regierung

Der wohl mächtigste Chefredakteur Deutschlands, BILD-Chef Julian Reichelt, wird fristlos gefeuert. Damit fällt auch ein Blatt, das sich wenigstens ein paar Monate lang kritischen Journalismus gegenüber den Mächtigen getraut hatte.

IMAGO / Jörg Schüler

Der Axel Springer Verlag hat BILD-Chefredakteur Julian Reichelt fristlos entlassen. Offensichtlich hatte Reichelt Affären am Arbeitsplatz; „Privates und Berufliches“ seien vermengt worden und er habe die Verlagsleitung angelogen, so die Begründung des Verlags. Der Fall Reichelt ist, politisch oder gar historisch betrachtet, kaum mehr als eine Fußnote. Aber die verschiedenen Facetten dieses Skandals scheinen symptomatisch für die wachsenden Gefahren einer freien und demokratischen Gesellschaft zu sein.

Es geht kaum noch um Gesetze, Spielregeln und Augenmaß, sondern um eine fast willkürliche Emotionalisierung und Moralisierung. Das sind die bewährten Waffen der Linken in ihrem Kulturkampf der westlichen Demokratien. Dank ihres enormen Erfolgs in der jüngeren Geschichte können sie sich einen fast hemmungslosen Umgang mit Begriffen und Interpretationen leisten. Der Spiegel titelte schon früh „Vögeln, fördern, feuern“, um die angeblichen Methoden Reichelts zu geißeln. „Ein verheerendes Sittenbild“ – diese dramatische Formulierung verwendet nun der „Medieninsider“.

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Es lohnt ein nüchterner Blick auf die zumindest bisher vorliegenden Fakten, wozu auch durchaus die Anschuldigungen gehören sollen. Nicht in einem einzigen Aspekt werden dem bisherigen BILD-Chef Gesetzesverstöße vorgeworfen; nicht einmal Compliance-Regeln wurden verletzt, weil es die im Hause Springer gar nicht gibt. Reichelt wird auch explizit zugestanden, sich Frauen niemals sexuell unangemessen oder gar gewaltsam genähert zu haben. Angeblich habe er Mitarbeiterinnen, mit denen er ein Verhältnis gehabt hatte, redaktionell bevorzugt und befördert, er soll sogar ein gefälschtes Scheidungsdokument genutzt haben, um eine Affäre fortzusetzen. Das sind die härtesten Vorwürfe bisher. Dafür wurde Reichelt schon mal von der Verlagsleitung deutlich gerügt, offenbar hat er sich aber an damals getroffene Vereinbarungen nicht gehalten. Da viele Anschuldigungen gegen Reichelt von Zeuginnen stammen, die keinesfalls öffentlich zitiert werden möchten oder gar selbst auftreten wollen, muss sich hier ein Mann gegen Vorwürfe verteidigen, bei denen er kaum eine Chance hat, sich mit den Zeuginnen und ihrer Glaubwürdigkeit auseinanderzusetzen.

Ohnehin ist es in den ohnehin tief verunsicherten westlichen Gesellschaften immer üblicher geworden, dass (meistens) Frauen Männer übler Dinge bezichtigen, die oft sogar Jahrzehnte zurückliegen. Eine einigermaßen faire Nachprüfung ist dann so gut wie ausgeschlossen. Dennoch gibt es in den USA, in Großbritannien oder Deutschland reihenweise Opfer dieser perfiden Beschuldigungs-Methode. Es reichen oft Anschuldigungen, Eindrücke und Gefühle, hinzu kommt dann eine aufgeblähte Moralisierung, die oft genug keine Rücksicht auf die vorhandenen Fakten und Beweise nimmt.

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Wenn nun sogar im Fall Reichelt nicht mal bekannt wird, wer denn die Anklägerin genau ist, dann gibt es nicht mal theoretisch eine Chance auf eine Verteidigung. Diese zunehmende Abkehr von rechtsstaatlichen Prinzipien und von der Unschuldsvermutung zeichnet den Weg in eine beängstigende, von Willkür, Volkszorn oder gezielter Skandalisierung gebeutelten Gesellschaft.

Es war sicher kein Zufall, dass ausgerechnet die New York Times (NYT) mit einem großen Artikel über Reichelt und den Springer-Verlag den entscheidenden Beitrag zum beruflichen Ende des Bild-Chefs leistete. Schließlich ist die Zeitung das mächtige Medien-Flaggschiff der amerikanischen „Liberals“, der Linken, die massiv die „woke“-Kultur verbreiten. Im angeblichen Interesse von Frauen und von Minderheiten, die wegen ihrer Rasse oder sexuellen Orientierung diskriminiert würden, gibt das Blatt die Vorgaben für das, was gedacht, gesagt oder veröffentlicht werden darf. Kaum eine andere Zeitung hat das tiefe Misstrauen gegenüber der westlichen Kultur und ihren Werten so intensiv propagiert wie die NYT. Die „Enthüllungsgeschichte“ über Springer und Reichelt, entsprach inhaltlich der Ideologie des Blattes – hinzu mag gekommen sein, dass Springer derzeit ansetzt, sich auf dem US-Medienmarkt stärker zu engagieren.

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Ob im Fall Reichelt eine fristlose Kündigung nun angemessen ist oder nicht, können wohl nur die Chefs im Springer-Verlag entscheiden. Allerdings sind die Umstände dieses Falls so grotesk und absurd, dass der Verdacht nahe liegt, hier gehe es gar nicht um Fragen der Unternehmenskultur, sondern um knallharte Politik, mit Auswirkungen weit über den Verlag hinaus.

Wie um alles in der Welt kann sich ein mehrköpfiges „Investigativ-Team“ der Ippen-Zeitungsgruppe monatelang mit den Bettgeschichten im Haus Springer beschäftigen, als ob es hier darum ginge, einen Staatsaffäre aufzuklären, einen politischen Skandal zu entlarven? Begründet wurde das mit angeblichen „Machtmissbrauch“ bei Springer – wohlgemerkt, nicht Gesetzesrelevantes kam bei den Recherchen heraus. Vermutlich ist die Diskrepanz zwischen objektiver Bedeutung der Vorgänge in der Bild-Redaktion und dem absurden Personal- und Materialeinsatz des Reporterteams ein wesentlicher Grund gewesen, dass Verleger Ippen die Notbremse zog und die Veröffentlichung des Schmuddelmaterials aus dem Haus Springer nicht zulassen wollte.

Es ist sicher kein Zufall, dass gerade Medien wie der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung oder die ARD-Sender den Fall Julian Reichelt auswalzen, als ob es sich um einen spektakulären Skandal handeln würde. Denn der 41 Jahre alte, sendungsbewusste Boulevard-Journalist ist nicht irgendein Chefredakteur, sondern in dieser Zeit ein krasser Außenseiter seiner elitären Gilde.

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Seitdem Reichelt 2017 das alleinige Sagen in der Bild-Redaktion hatte, wurde das Blatt zum heftigsten Kritiker der Regierungspolitik in Berlin – sei es in Fragen der Migration und Flüchtlinge, der Corona-Politik oder Energie-Politik. Zudem begegnete die Zeitung unter seiner Führung den Grünen-Politikern mit deutlich weniger Bewunderung und Nachsicht als so gut wie alle anderen deutschen Massenmedien; auch wurde das Thema islamischer Extremismus und Antisemitismus unter Migranten in der „Bild“ nicht so ignoriert oder unterbewertet wie in fast allen anderen deutschen Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern.

Es liegt also nahe, die Ausschaltung Reichelts als einen für unsere Zeit typischen Charaktermord anzusehen – also die Diskreditierung einer öffentlichen Person ohne jede rechtliche Basis, nur aufgrund von mehr oder minder vagen Anschuldigungen. Cancel Culture für jene, die eine Machtposition haben, die die Apologeten des links-grünen Zeitgeists aber stört.

Sollten sich Journalisten einmal mit Affären und Sex-Dramen in den ARD-Sendern, in den Redaktionen großer Magazine oder überregionaler Zeitungen beschäftigen, würden sie vom Material erschlagen. Es ist sicher gut, dass heute Machtverhältnisse nicht mehr so missbraucht werden können, wie das früher gang und gebe war. Aber den Fall Reichelt als spektakulären Skandal zu präsentieren ist vermutlich nur politische Willkür. Reichelt wird all jenen fehlen, die mit größter Besorgnis die Folgen des moralisierenden und emotionalisierenden Haltungsjournalismus in sehr vielen Medien erkennen.

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Ausgerechnet ein Boulevard-Journalist und ein Massenblatt haben sich in den vergangenen Jahren bei heiklen Themen um Sachlichkeit und Distanz – und nicht wie viele andere Medien, insbesondere die öffentlich-rechtlichen um die Erziehung und Bevormundung ihrer Leser, Hörer und Zuschauer. Ausgerechnet das angebliche Revolverblatt nahm sich ernsthaft der Sorgen von Millionen Menschen an, die höchst irritiert wahrnehmen, wie sich das Land nach dem Willen linker und grüner Kräfte radikal ändern soll – in Wirtschaft, Sprache, Werten, Landschaften, Familien.

Ironischerweise war es Springer-Verlagschef Mathias Döpfner, der das Politikum im Fall Reichelt zugespitzt auf den Punkt gebracht hatte. Die NYT zitiert aus einer angeblichen Nachricht Döpfners an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, in der Döpfner schreibt, man müsse „sehr vorsichtig“ sein, weil Reichelt „der letzte und einzige Journalist in Deutschland“ sei, „der noch mutig gegen die neue DDR-Obrigkeit“ rebelliere. Womit Döpfner vermutlich auf die Berliner Corona-Politik anspielte, die ohne große Bedenken die Grundrechte der Bürger massiv einschränkte, als auch auf eine Medienlandschaft, die kaum noch ernsthaft die Regierung kritisiert.

Aber längst geht es nicht mehr nur um Reichelt. Matthias Döpfner ist Präsident der Zeitung- und Zeitschriftenverleger.
Jetzt soll der Verband bzw. er dazu gedrängt werden, diesen Job abzugeben – weil Döpfner mit seiner Aussage „alle Journalist:innen verunglimpft“ habe, da sie gegen den „neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ nicht aufbegehren würden; so einer, den man heute als „Aktivist“ bezeichnet. Für andere aus der Gilde ist Döpfner nicht mehr zumutbar, weil er die gefälligen Journalisten als „Propaganda-Assistenten“ bezeichnet habe.

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Kommentare ( 120 )

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hert
1 Monat her

Eigentlich nicht neu. Was für ein heuchlerischer Sumpf an Duckmäusern. Welche große Tageszeitung ist davon nicht betroffen?

caesar4441
1 Monat her

Wir hatten uns gewundert als Bild plötzlich Regierungskritik übte.Und schon gewitzelt ,daß Friede nicht mehr zum Kaffee bei Angela eingeladen wird.
Ob Reichelt mit irgendwelchen Mitarbeiterinnnen ein Techtelmechtel hatte ist völlig uninteressant und praktisch auch nicht nachweisbar.Der wahre Grund ist seine regierungskritische Haltung.Döpfner ist offenbar eingeknickt um seinen eigenen Kopf zu retten.Wieso das so lange gedauert hat wäre natürlich interessant aber das werden wir nie erfahren.

Oliver Koenig
1 Monat her

Bei Bild-online ist der Kreidesack schon angekommen. „Promi“skandälchen, Allerweltsgeschwurbel, Coronapanikmache und Impfpropaganda.
Kannste abhaken jetzt,

Monika
1 Monat her

Kommt es mir nur so vor, oder merkt man das jetzt schon? In der BZ ist heute eine „Flüchtlinge“-Mimimimi-Schlagzeile. Die BILD schreibt seit Tagen gefühlt nur noch über Helene Fischer. Mal sehen, wann der erneute Linksruck sich dort wieder überdeutlich manifestiert.

Peter Klaus
1 Monat her

Dann heißt es in Zukunft wohl: „BILD uns unsere Meinung!“

usalloch
1 Monat her

Die Kündigung hat mit Sicherheit auch eine positive Seite.Nun ist er befreit von allen Gängeleien.. Hat das richtige Alter, um seine Geschäftsideen selbstständig zu verwirklichen. Merke.Es kann nichts so schlecht sein, dass es nicht auch für etwas gut ist.

Riffelblech
1 Monat her

Dieser Umgang mit der Persona Reichelt entspricht der Arbeitsweise des Deep States . Es werden Anschuldigungen und Gerüchte in Umlauf gebracht ,die sich weder beweisen noch belegen lassen Diese werden dann so lange wiederholt bis der Betroffene reif zum „ Abschuss“ ist . Die Stufe „ investigativer Journalismus „ folgt danach um das Wild zu erlegen . So wird eine Scheinwirklichkeit erzeugt die den Anschein von Wahrhaftigkeit hat ,deren Beweise aber nie vorgelegtwerden . Es ist nur zu hoffen das Herr Reichelt nun Ross und Reiter nennt . Wer kam in den Genuss privater Zuwendung innerhalb der Damengesellschaft und welche… Mehr

miscellaneous
1 Monat her

Vielleicht wird er ja der neue Steffen Seibert, als Regierungssprecher der frisch gebildeten Ampelregierung.

ktgund
1 Monat her

Eigentlich müssten die Feministinnen, die sonst sofort bei jedem fehlenden Genderstern schreiend und keifend zur Stelle sind, hier laut aufschreien. Echte Streiterinnen für die Emanzipation hätten das in den 70er Jahren auch getan. Heute bleiben Doppelmoral, Heuchelei und Rufmord. Denn was soll man denn von den Vorwürfen der Damen halten? Beine breit gemacht, um sich hochzuvögeln und als es mit der großen Karriere nichts wurde, spielt man das unschuldige Opfer? Natürlich wollen die Protagonistinnen ihren Namen nirgendwo im Protokoll stehen haben, denn außer der wenig handfesten Solidarität irgenwelcher Antifa-Schrubber vom linken Rand ist in der realen Welt mit dem sofortigen… Mehr

Nibelung
1 Monat her
Antworten an  ktgund

Salome und der der servierte Kopf wiederholen sich immer wieder und deshalb ist die die Emanzipation nur eine Scheinforderung um dahinter ganz andere Dinge durchzusetzen, wobei die Frauen nur das Vehikel sind, während die anderen davon partizipieren.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Nibelung

Von Rockefeller soll stammen: „Wir haben die Frauenrechte-Bewegung gestartet und finanziert, damit wir fortan beide Geschlechter besteuern konnten. Auf diese Weise haben wir es geschafft, Frauen arbeiten zu schicken und konnten auch noch die Kontrolle über ihre Kinder übernehmen , weil wir die Familien destabilisiert haben: https://twitter.com/elkepoley/status/1443562525551996931
Wenn es so wäre hätten sie es geschafft, dass Familien hier zur Zeit auch mit 2 Vollverdienern mit dem Rücken zur Wand stehen.
Migration wäre der nächste Schritt, um etwas mehr oder weniger schleichend zu zerstören, Corona ein Hilfskonstrukt und Klima wie Impfseren etwas, um weitere Gelder aus der Beute zu ziehen.

horrex
1 Monat her
Antworten an  Nibelung

Exakt so ist es!
Die nur so genannte Emanzipation ist nur der Schleier hinter dem sich das wahre Ziel verbirgt: Die Destabilisation der Gesellschaft und die Destruktion sämtlicher „erprobten Werte“ im Namen einer wolkig-abstrusen Heils-Idee mit dem Ziel die absolute Macht über Menschen an sich zu reißen. –
Aldous Huxley als auch George Orwell lassen grüßen. –

horrex
1 Monat her

Ein alter weißer Mann meint: 1: Irgendwann, keine Ahnung wann, so wie jede Welle sich schließlich am Ufer bricht, wird sich der suizidale Wahnsinn den wir erleben eines Tages „überschlagen“. Leider werden die Schäden die woke und cancel, LGBT und BLM an Material und in und an Menschen bis dahin verursacht haben so groß sein, dass von dem sicherlich nicht perfekten, aber dem besten „Haus das Menschen mit Hilfe ihres Verstandes je bauten“ nur noch Asche übrig ist. 2: Manchmal genügt auch der zufällige „Flügelschlag eines Schmetterlings in Californien“ um weltweit einen gigantischen Tsunami auszulösen. Danach beginnt der Kreislauf von Aufbau… Mehr

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  horrex

Der Westen spielt, mit allem und allen. Der Spieltrieb hat nichts mit Weisheit zu tun. Weisheit setzt eine gewisse Distanz voraus. Wer spielt, experimentiert, ist drin. Was letztlich erfolgreicher sein wird……