Sucht und Ordnung oder Ein Hunger, der sich nie stillen lässt

Matthias Matussek vollführt einen dialektischen Salto: er schreibt ein Buch über Sucht, das den Leser dazu verleitet, das Rauchen aufzugeben

Matthias Matussek ist süchtig nach vielen Dingen, aber nach einem Stoff noch mehr als nach allen möglichen Pulvern: nach Lob. Lob ist das Heroin des Künstlers. Und das verdient er für Sucht und Ordnung reichlich. In seinem neuesten Buch tritt er, Autor, Reisender, langjähriger SPIEGEL-Schreiber, als norddeutscher Brandner Kaspar auf, den der Sensenmann alias Boandlkramer besucht und ihm bedeutet: Jetzt ist langsam Schluss, mein Lieber.

In seinem Fall kam der Boandlkramer mit der finalen Drohung in Gestalt eines Herzinfarktes („ein Elefantentritt aus heiterem Himmel“), der den Raucher Matussek ein letztes Mal verwarnt. Und wie Brandner Kaspar schloss Matussek einen Handel ab: Er, der sich sicher war, nie von den Zigaretten lassen zu können, verordnete sich den kalten Entzug.  Gleichzeitig sagte er dem Boandlkramer, der ihn eigentlich schon mitnehmen möchte: setz dich erst mal, ich erzähle dir von meiner Begegnung mit noch einem ganz anderen Süchtigen, nämlich William Burroughs, ich erzähle dir von Drogenslums in Sao Paulo, ich erzähle dir, warum die Sucht in mir steckt. Und wie ich – ich, ausgerechnet ich – es gegen jede Wahrscheinlichkeit schaffe, mit dem Rauchen aufzuhören. Und wie der originale Brandner Kaspar schwatzt Matussek ihm mit seinem Talent für gute Geschichten viele zusätzliche Lebensjahre ab. So ungefähr könnte das Buch über (seine) Sucht und seine Rettung entstanden sein.

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Gleich am Anfang zitiert Matussek einen kleinen Bruder im Geist, nämlich Charles Dickens‘ Oliver Twist, der im Waisenhaus mit diesem Satz einen Tumult auslöst: „Please Sir, I want some more.“ Nachschlag also, obwohl es sich bei dem Essen nur um Matschpampe handelt. Suchttypen wie er, erklärt der Autor, seien wie Oliver Twist Menschen, denen die eine Portion nie genügt, die immer mehr wollen, deren Hunger sich nie stillen lässt.

Nach diesem Prinzip funktioniert die Zigarette, und zwar mehr als jede andere Droge: „Als ich in der Herz-Reha hörte, dass die Nikotinabhängigkeit noch schwerer zu bekämpfen sei als die von Heroin, konnte ich durchaus mitreden. Sie ist die purste aller Süchte, das Zen der Sucht. Warum? Sie produziert nichts anderes als – Sucht. Sie schenkt keine angenehmen Gefühle wie Heroin, keine Über-Wachheit oder gesteigerten sexuellen Appetit wie Koks oder kreativen Quatsch wie Marihuana, sondern nur das Wonnegefühl, das sich einstellt, wenn der Abhängige seinen Entzug kurzfristig befriedigt.“

Die Rettung vor der Zigarettensucht ist für ihn also der Achttausender der Drogenüberwindung. Und gleichzeitig sein bestes Argument für dieses Buch:  Wenn jemand wie er es schafft, auf Tabak zu verzichten – dann können sich auch alle anderen Süchtigen noch schnell auf die sichere Seite bringen. Wenn auch nicht so amüsant und lehrreich wie der Autor.  Denn er nimmt seine Leser nicht nur mit bei seinem Aufstieg zum neuen rauchfreien Menschen – jeder durchgehaltene Monat ein Sieg –; er wandert auch über das weite Themenfeld der Sucht, und fragt sich, warum sie so fest zur menschlichen Matrix gehört: leicht zugänglich und kaum entrinnbar.

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Seine Qualität ist die eines Erzählers. Darin besteht Matthias Matusseks eigentliches Metier. Wir sind dabei, wenn er William Burroughs trifft, wenn er in Brasilien erlebt, was Drogenkrieg bedeutet. Der Leser begleitet den Autor in eine amerikanische Knastzelle, in der er wegen eines Missgeschicks mit einer eigentlich harmlosen illegalen Substanz landet.

Was die illegalen Substanzen betrifft: Er plädiert in „Sucht und Ordnung“ für eine kontrollierte Freigabe von Rauschmitteln – wie sie Portugal beispielsweise seit dem Jahr 2000 mit entkriminalisierten Mengen für den Eigenverbrauch praktiziert, sogar ziemlich erfolgreich und ohne die befürchteten Verwerfungen. Seine Idee passt gut in eine Zeit, in der LSD und MDMA beispielsweise in der Schweiz wieder in die Medizin zur Therapie von psychischen Traumata und Depression zurückkehren. Eine ähnliche Bewegung zur Entkriminalisierung von MDMA gibt es auch in den USA – wo auch Cannabis in vielen Bundesstaaten zuerst über den Weg der medizinischen Anwendung in die allgemeine Legalität fand. Vor kurzem startete das Unternehmen Compass Pathways des deutschen Investors Christian Angermayer erfolgreich an der Börse: die Firma entwickelt ein Antidepressivum aus Psilocybin, dem Stoff, der in so genannten Zauberpilzen steckt. Noch gilt der Stoff als illegal (obwohl nicht suchterzeugend), aber auch hier deutet sich eine Änderung an.

Legalisierung und Suchtüberwindung gehören für Matussek zusammen: bei ihm steht der Wille zur Unabhängigkeit im Mittelpunkt. Und der ist bei ihm auch sehr ausgeprägt. Außerdem erlebte er viele, viele Oliver-Twist-Momente. Das macht die Abkehr nach dem Elefantentritt leichter. „Jede einzelne Zigarette ist eine Abschiedszigarette. Jede schmeckt geil“, schreibt er über seine letzten Stäbchen in der Klinik.  Aufgeben können, das verdankt er dem Alter, das ihm zwar so wenig schmeckt wie jedem anderen, das er aber noch eine Weile genießen möchte: „Das Älterwerden ist selbstverständlich Grund zur Empörung, denn es ist ‚alternativlos’, auch wenn du dich dagegen anstemmst mit Sport und Heilkräften in Kapseln und Pillen, und manchmal schreist du in dich hinein vor Verlangen nach einer Zigarette, ja, auch das passiert noch ab und zu, aber es vergeht wie eine Wolke am Himmel, die weiterzieht.“

Die Oliver-Twist-Forderung, das ist die dialektische Pointe, bezieht sich jetzt nicht mehr auf den nächsten Genuss – sondern etwas mehr Zeit. Die Bitte um mehr Jahre.

Das Buch – Unterhaltung plus praktischer Nutzen – kostet etwa so viel wie zwei Schachteln Zigaretten. Für das noch neue Jahr oder den baldigen Beginn der Fastenzeit bietet es sich als ideale Lektüre für alle an, die das Abenteuer des Entzugs versuchen wollen.


Matthias Matussek, Sucht und Ordnung. Wie ich zum Nichtraucher wurde – und andere irre Geschichten. Neopubli, 160 Seiten, 15,- €


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Kommentare ( 9 )

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Medienfluechtling
19 Tage her

Wer sich nichts verbieten lassen möchte, kann die Zigarette auch einfach mal eine Stunde verschieben. Dann einen Tag. Tag für Tag.

Montgelas
20 Tage her

Ich bekam meinen Huftritt mit knapp über 50 durch nächtliche Erstickungsanfälle. Ich habe von einer Minute auf die andere aufgehört und bin nie rückfällig geworden. Ich fand diesen kalten Entzug nur schlimm in den ersten drei Tagen, am schlimmsten am ersten Tag. Dann ging es eigentlich immer besser. Man sollte halt begleitend etwa 14 Tage keinen Alkohol und keinen Kaffee trinken. Was jeder wissen sollte, der Entzug ist i.d.R. mit Gewichtszunahme verbunden. Bei mir waren es 5 Kg.

Schwabenwilli
20 Tage her

Man sollte sich nicht zu früh freuen. Nach 30 Jahren Nikotinabhängigkeit und unzähligen versuchen das Rauchen aufzuhören hatte ich es endlich geschafft eineinhalb Jahre clean zu sein. Dann kam der Herzinfarkt.

donpedro
19 Tage her
Antworten an  Schwabenwilli

ja und? mir scheint sie haben den infarkt ueberlebt. mit weiterrauchen waeren sie jetzt vielleicht unter der erde. es kommt ja auch auf die staerke des infarkts an. ich habe 40 jahre geraucht, die letzten 15 jahre je 3 paeckchen am tag. von heute auf morgen aufgehoert. war eben nicht schwer oder hart. 5 jahre danach den ersten infarkt bekommen. nun habe ich den dritten hinter mir und nur noch ein halbes herz, genauer 45 %, aber mit rauchen vielleicht nicht mal mehr das. jeder ueberstandene infarkt ist ein geschenk unseren herrgotts als ein neues leben, so bekam ich drei… Mehr

Last edited 19 Tage her by donpedro
cernunnos
20 Tage her

Ich habe vor einigen Wochen aufgehört zu rauchen. Nach gut 20 Jahren. Als Jugendlicher angefangen, beim Bund dann auf ne Schachtel am Tag hoch, später teils fast 2 Schachteln am Tag. Ich habs etliche Male versucht, immer gescheitert. Irgendwann hab ich aufgegeben aufhören zu wollen. Scheiß drauf. Ich hatte auch nie gesundheitliche Auswirkungen, DACHTE ich. Und ich dachte, ich kann eben nicht aufhören, ich habe gedacht, für mich muss erst der gesundheitliche Kollaps kommen damit ich gezwungen werde aufzuhören und das würde dann der blanke Horror. Gerade die letzten Jahre habe ich nicht gerne geraucht. Der gesundheitliche Aspekt. Der finanzielle… Mehr

Andreas R.
20 Tage her

„Was die illegalen Substanzen betrifft: Er plädiert in „Sucht und Ordnung“ für eine kontrollierte Freigabe von Rauschmitteln – wie sie Portugal beispielsweise seit dem Jahr 2000 mit entkriminalisierten Mengen für den Eigenverbrauch praktiziert, sogar ziemlich erfolgreich und ohne die befürchteten Verwerfungen. Seine Idee passt gut in eine Zeit, in der LSD und MDMA beispielsweise in der Schweiz wieder in die Medizin zur Therapie von psychischen Traumata und Depression zurückkehren. Eine ähnliche Bewegung zur Entkriminalisierung von MDMA gibt es auch in den USA – wo auch Cannabis in vielen Bundesstaaten zuerst über den Weg der medizinischen Anwendung in die allgemeine Legalität… Mehr

kuester
20 Tage her

Jahrzehntelang rauchend, morgens nach Luft ringend, (Zitat meines Mannes:“Ich weiß, dass Du wach bist, wenn Du anfängst zu husten…“), wundere ich mich. Herr Matussek ist schlicht und einfach eines der vielen Opfer der subtilen Werbemaschinerie der Tabakindustrie. Offen gestanden ist es befremdlich, dass ein prominenter Raucher da auf ein Podest gestellt wird, weil er doch endlich mal kapiert, dass ihn das Zeug eher früher als später ins Grab bringen wird! Ist sein Qualmen jetzt „edler“ weil er doch ein Künstler ist? Nö, dit stinkt genauso! Vor 20 Jahren hat mir da schon der geniale Alan Carr geholfen mit seinen Nichtraucherseminaren;… Mehr

StefanH
20 Tage her

Habe ca. 14 Jahre Zigarillos geraucht. Ca. 20 Stück am Tag. Als es gerade modern wurde, kaufte ich mir eine E-Zigarette – nicht so das Anfängermodell, sondern eher eins für „Profis“, weil meine Kumpels das auch hatten. Ich probierte es, es war ganz okay, vor allem drinnen im Winter. Ich probierte am Folgetag wieder einen Zigarillo und der war nur noch eins: Ekelig. Ich war etwas verwundert. Zwischendurch genehmigte ich mir dann immer wieder mal Zigaretten und Zigarillos, aber das Schlimmste war immer der Geschmack im Mund am Tag danach: Ekelig (und obendrein noch Kopfweh). Bis ich es schließlich ganz… Mehr

Delcarlo
20 Tage her

Na, ist ja toll!
Ich habe von meinem 16. Lebensjahr geraucht, die letzten drei Jahre drei Schachteln am Tag.
Ich lebte damals in Sydney und wohnte zwischen zwei Railway Stations, Lakemba und Belmore. Wenn die Metro in Lakemba abfuhr, lief ich los zur Station Belmore und erreichte stets pünktlich den Zug.
Kurz vor meinem 26. Geburtstag schaffte ich es nicht, den Zug zu erreichen, ich war außer Atem. Also beschloß ich mit dem Rauchen aufzuhören. Und das tat ich. Bis heute habe ich keine Zigarette angerührt. Was soll daran so schwierig sein?