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Die Regeln regeln das schon, oder, Herr Nachbar?

Unter Metallesel-Artisten

THEMA:
Klaus-Jürgen Gadamer genießt die freundliche Straßenverkehrs-Anarchie in Burma.

Ich schwinge ich mich auf ein klappriges Moped und starte los hier im heißen Mandalay, im Herzen Burmas. Wie ein Heuschreckenschwarm umschwirrt mich die Meute der rostigen Stahlrösser. Die Burmesen reiten sie wie Zirkusartisten.

Mein Metallesel bockt und ist störrisch. Ich bin eben kein Artist. Funktionierende Bremsen? Nur für Angsthasen. Helm? Na ja. In Sandalen, Shorts und T-Shirt brausen wir Straßen, oder sagen wir lieber die Holperpisten der Stadt entlang. Immer eingehüllt von Staub, Auspuffwolken, Dreck & Lärm. Hier redet niemand von Feinstaub.

An den Kreuzungen geht es kreuz und quer, drunter und drüber sowieso. Mir scheint: Nahkampf ist angesagt. Jeder gegen jeden und mir wird mulmig. Will nicht nachgeben. Gebe auch Gas. Auf ins Getümmel! Würge die Maschine ab. Mitten auf der Kreuzung. Verdammt. Haarscharf ziehen die Mopeds um mich herum, und als Deutscher erwarte ich Aufgebrachtsein, Missmut, Ablehnung. Aber die Fahrer lachen mir freundlich zu.

Das ist kein Nahkampf. Wo es keine Regeln gibt, gibt es auch kein Rechthaben. Jeder ist auf alles gefasst, keiner beharrt auf seiner Linie. Jedes Karma ist anders. Und Schuld gibt es schon gar nicht im Buddhismus. So vergibt jeder freundlich jedem, denn keiner ist besser als der andere. Das klappt natürlich nicht immer. Unfälle gibt es genug, denn auch nicht alle Burmesen sind Metallesel-Artisten.

Aber anders als in Deutschland ist es. Wo alles streng durch reglementiert ist, beharrt jeder auf seinem Recht. Spinnst du? Rechts hat Vorfahrt! Du Grasdackel! Hast du deinen Führerschein im Lotto gewonnen?

Hier ein Lächeln. Einstweilen genieße ich ganz undeutsch die freundliche Straßenverkehrs-Anarchie in Burma. Gebe Gas. Bremse. Du Halbdackel, ich komme doch von rechts! Aber alle lächeln, also lächele ich auch. Anarchie ist machbar, Herr Nachbar. Und alles hat seine Vor- und Nachteile.

Bei den wenigen Ampeln in Mandalay läuft es so: Funktioniert die Ampel nicht, so mischen sich die Polizisten auch nicht ein. Den Schutzmann zu spielen, der den Verkehr regelt, dazu hat keiner Lust. Für den Verkehr gilt das freie Spiel freundlicher Kräfte.
Funktioniert aber die Ampel, dann ist die Polizei hinter Büschen zur Stelle und schreibt alle Sünder auf, die wider des heiligen Rot gesündigt haben. Das ist eigentlich wie in Deutschland, nur übernehmen hier Kameras die Kontrolle über die Menschen und ihre Verfehlungen. Da weiß ich auch nicht, was besser ist.

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