Tichys Einblick
"Judenhass in Deutschland?"

Hart aber fair: 70 Jahre Staat Israel und neuer Judenhass in Deutschland

Es ist schon viel gewonnen, wenn Deutschland Juden auf der ganzen Welt seine uneingeschränkte Solidarität gibt. Sicherheit für Juden als deutsche Staatsräson. Und das gilt dann noch selbstverständlicher auch für alle Juden in Israel.

Screenprint: ARD/hart aber fair

Schwierig für eine Talkshow und ihre Moderation, wenn das Thema der Sendung schon feststeht und dann von den aktuellen Ereignissen – hier in Israel  – auf besondere Weise angeschärft wird. So etwas kann hilfreich sein, kann aber auch schief gehen.

Wie macht das nun Frank Plasberg, wenn er zunächst fragt: „Wie kann das noch sein: Judenhass in Deutschland?“ und dann explodiert gerade wieder der Gaza-Streifen mit über 60 Toten? Ist Kritik an der Politik Israels antisemitisch? Und wie können und dürfen sich hier überhaupt Deutsche verhalten oder positionieren? Sollen sie überhaupt? Oder ist hier schon aus historischen Gründen angeraten, sich mit Kritik zurückzuhalten?

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Gäste bei Hart aber fair sind der Rockmusiker Gil Ofarim, sein Vater, der Sänger Abi, ist leider gerade verstorben. Ebenfalls dabei ist Melody Sucharewicz, die Dame mit dem klangvollen Vornamen ist ehemalige Sonderbotschafterin Israels. Auch dabei ist Lamya Kaddor, dann der ehemalige ZDF-Studioleiter in Kairo, Dietmar Ossenberg, der sudetendeutsche Journalist Uwe-Karsten Heye als Vorstandsvorsitzender des Vereins „Gesicht zeigen“, der sich in angespannten Zeiten weiterhin für ein weltoffenes Deutschland einsetzten will.

„Wie kann das noch sein: Judenhass in Deutschland?“, fragt Plasberg. Eine Antwort darauf zu geben, kann ja eigentlich nicht schwer fallen. Mal sehen, ob mehr als eine Stunde Sendezeit ausreicht, diesen neuen Antisemitismus dort dingfest zu machen, wo er eingewandert ist. Werden die Verwerfungen im Nahen Osten hilfreich sein bei der Ortsbestimmung? Man sollte es ja annehmen.

Plasberg: Hat er eigentlich nur dieses eine rosa Hemd? Oder hängt das gleich ein duzend mal in der Garderobe? „Es ist keine Frage, Israel beherrscht heute die Schlagzeilen, die bunten, wie die ernsten.“, startet der Moderator mit Verweis auf den 70sten Jahrestag der Staatsgründung, den Platz Eins eines europäischen Sangeswettbewerbs und auf der anderen Seite die Toten von Gaza nach eskalierter Grenzstürmung, den Umzug der US-amerikanischen Botschaft nach Jerusalem zum Anlass nehmend.

„Der Wutlauf der Palästinenser geht weiter.“, lehnt sich Plasberg für manchen Linken sicherlich schon zu weit aus dem Fenster. Aber „Wutlauf“ trifft es schon ziemlich gut, will man beschreiben, was da gerade passiert. Ein Wutlauf, der mit Gewehrschüssen beantwortet wird. Schüsse, die treffen. Tödlich. „Können wir den Israelis erklären, was zeitgleich bei uns geschieht?“, fragt Plasberg. Und er meint damit die Tatsache, dass „Jude“ an manchen deutschen Schulen wieder gängiges Schimpfwort geworden ist.

„Ja, sicher, es sind nicht selten arabische Zuwanderer, die ihren Judenhass ausleben, aber macht das irgendetwas besser?“ Besser vielleicht nicht, aber Plasberg macht es dieses Mal besser, es einmal offen auszusprechen, anstatt so zu tun, als fände er nicht statt und Antisemitismus sei nur das Geschäft von deutschen Neonazis.

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„What a glorious day! Remember this moment! This is history!“, wird der israelische Ministerpräsident eingespielt. Gesprochen bei der Eröffnung der Botschaft der USA in Anwesenheit der Tochter von Trump (sie ist ihrem Ehemann zuliebe zum Judentum konvertiert). Zeitgleich randalieren an der Grenze zu Israel Leute aus Gaza. Zunächst werden von israelischer Seite mit einer Art Mini-Stalinorgel Tränengasbatterien abgefeuert, dann fallen die Schüsse. Am Ende sind über 60 Palästinenser tot. „Für die einen ein Tag der Freude, für die anderen ein Tag zum Sterben.“, so der O-Ton des Einspielers.

Ossenberg erinnert daran, dass Benjamin Netanjahu eine Zweistaatenlösung nunmehr ausgeschlossen hat. „Mit den Palästinensern will niemand mehr etwas zu tun haben.“, sagt Ossenberg. „Sie sind durch einen Rost gefallen.“, ergänzt Plasberg. „Völlig.“, bestätigt der Journalist.

Melody Sucharewicz bringt den Begriff „friedliche Koexistenz“ ein, selten aber klingt er so fern wie heute. Für sie hat nicht Trump Israel als Hauptstadt erfunden, das sei König Salomon vor 3000 Jahren gewesen. Die Muslima Lamya Kaddor sieht dabei extrem angefressen aus. Für sie ist Jerusalem eine Stadt vieler Religionen, ihr Wunsch ist es, dass diese Stadt nicht so vereinnahmt werden soll. Die Botschaftseröffnung mache eine friedliche Lösung fast unmöglich.

Gil Ofarim erinnert daran, dass so eine Botschaft „nur vier Wände“ sind. Ossenberg erinnert daran, das die europäische Stimme in der Region keine echte Bedeutung hätte. Uwe-Karsten Heye hält überhaupt nichts davon, die Deutsche Botschaft nun auch nach Jerusalem zu verlegen. Israel hätte deutlich gemacht, dass man an einer Friedenslösung, welche die Palästinenser mit einbezieht, nicht mehr interessiert sei.

Ok, das sind einmal echte kontroverse Standpunkte, die 3000 Jahre auseinander zu liegen scheinen. Und wenn das alles am Anfang einer Sendung steht, die über Antisemitismus in Deutschland diskutieren will, dann wird es doch eigentlich kaum mehr möglich sein, den zugewanderten Antisemitismus zu relativieren, wie in vergleichbaren Sendungen zuvor schon versucht.

Plasberg wiegt jede seiner Fragen genau ab. Diese Diskussion ist eine, wo jeder locker hingerotzte Satz zum Desaster werden kann. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Gil Ofarim spricht von einem riesengroßen Geschäft für Palästinenserführer, zu allem „Nein“ zu sagen. Das seien keine Millionäre, sondern Milliardäre, die in Katar sitzen und es sich gut gehen lassen. Wie soll hier der Bogen geschlagen werden zum eigentlichen Thema der Sendung?

Kommentar
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Melody Sucharewicz trägt einen glänzenden Davidstern stolz am Dekolleté, am Handgelenk ein Armband, das merkwürdig wie versilberter Stacheldraht aussieht. Lamya Kaddor sieht daneben aus wie eine Radikale. Zugegeben, ihre Rolle ist hier keine leichte. Ihre Eltern stammen aus Syrien. Und sie weiß, dass Kinder in Syrien immer noch so erzogen werden, dass Israel der Feind ist. Kinder, die nun als junge Erwachsene zu hunderttausenden nach Deutschland eingereist sind. Dieses Feindbild „gehört zur syrischen, zur arabischen Identität.“, berichtet Kaddor.

Antisemitismus wäre in Gaza integraler Bestandteil vom Kindergarten bis in die Schulen, weiß Frau Sucharewicz. Ein Einspieler führt dann aber nach Deutschland, wo eine Studie oder Umfrage herausgefunden haben will, dass vierzig Prozent der Deutschen zustimmen würden, dass die Politik Israels Hass auf Juden schürt. Für Uwe-Karsten Heye ist das die Bestätigung, dass es „keine Läuterung in Deutschland“ gegeben hat. Nun fragt leider niemand, wie diese Zahlen zustande gekommen sind, geschweige denn, wie viele dieser vierzig Prozent mittlerweile muslimischen Hintergrund haben. Heye erinnert an die fabrikmäßige Vernichtung von Millionen von Juden durch Deutsche.

„Der Nazi fällt ja nicht vom Himmel, er wird von Erwachsenen gemacht.“, sagt er noch und haut dabei mit der flachen Hand auf den Tresen. Nun kommt tatsächlich vieles durcheinander. Israelkritik ist Antisemitismus, ist Nazi? Sicher kann man das alles auch schlecht trennen, aber man muss zumindest den Versuch unternehmen. Es wird schwer fallen, den muslimischen Jugendlichen mit Hass auf Israel zum deutschen Neonazi zu machen. Zum Antisemiten ja, aber zum Nazi? In dieser Frage ist schon die ganze Problematik verankert. Dieser Uwe-Karsten Heye ist leider aus der Zeit gefallen. Da klingt bei ihm alles so, als schrieben wir 1975, nein, es gibt keinen Opa mehr, der Nazi war und etwa den deutschen Enkel antisemitisch unterrichten würde. Der Jugendliche heute zieht seinen Antisemitismus wenn, dann wohl eher aus Spotify, wenn er bestimmte Songs arabischstämmiger Rapper herunter lädt.

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Versteht man Melody Sucharewicz richtig, dann hatten die Israelis kaum eine andere Wahl, als zu schießen, denn sonst hätten die Fanatiker aus Gaza den Zaun überrannt, dann wären Israelis in den Dörfern auf der anderen Seite massakriert worden. Für Lamya Kaddor ist das das übliche Muster im Konflikt. Es verändert sich nichts. Dietmar Ossenberg erinnert fast schüchtern daran, dass, immer, wenn er über den Konflikt berichtet hätte, gleich die Vertreter Israels vor der Tür standen und die der jüdischen Gemeinden und gesagt hätten: „Ihr berichtet einseitig!“

„Wo verwechselt man das Volk mit dem Staat?“, wo sei es Israelkritik, wo Antisemitismus, fragt Plasberg Gil Ofarim. Der erzählt von antisemitistischen Anwürfen von Schulkameraden und davon, dass Benjamin Netanjahu nicht für ganz Israel stehen würde. Die Frage Plasbergs beantwortet er damit allerdings nicht. Aber hat er schon die richtigen Fragen gestellt? Noch ist Zeit dafür. Nun ist jeder Jude in Deutschland aus gutem Grunde prinzipiell Doppelstaatsbürger. Eine nachvollziehbare Rückversicherung. Andere deutsche Doppelstaatsbürger zeigten sich gerade im Fernsehen mit Recep Tayyip Erdogan, nannten ihn „meinen Präsidenten“. Jenen Präsidenten, der die aktuellen Ereignisse in Gaza gerade „Genozid“ bzw. „Völkermord“ nannte.

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Der Youtube-Film, wo ein Flüchtling aus Syrien einen Kippa-Träger mit dem Gürtel schlägt wird eingespielt. Für Gil Ofarim ist das alles nichts Neues. Er kennt es noch aus der Schule. Nun ist sein Erfolg als Sänger einer, den er im Nahen Osten bei Arabern aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hätte. Hier wird er mit großer Freude gemocht, gehört, gespielt, noch erfolgreicher war sein Vater.

Für Kaddor ist der Antisemitismus ein europäischer, der in den Nahen Osten kam und nun wieder reimportiert wurde. Wodurch? Durch Merkels Grenzöffnung? Also der arabische Antisemitismus, der Israelhass, einer mit europäischen Wurzeln? Der muslimische Antisemitismus falle hier in Deutschland auf fruchtbaren Boden, sagt Kaddor. Ok, das ist dermaßen neben der Spur, dass die Feigheit, die dahinter steckt kaum mehr auffällt. Denn bis hierher hat sich die Muslima spürbar zurückgehalten, als es darum ging, den Antisemitismus einiger ihrer Glaubensbrüder und -schwestern einmal explizit als solchen zu benennen. Aber man möchte an den Gesichtern abgelesen haben, dass Ofarim und Sucharewicz diesen Querfront-Versuch durchaus erkannt haben. Aber Widerspruch gibt es dennoch keinen. Diese Lösung ist für alle zu verführerisch.

Dietmar Ossenberg wagt es dann aber doch noch, den arabischen Islamismus auch in Europa anzusprechen. Was in den Moscheen passiert, muss viel genauer kontrolliert werden, „da warne ich davor, dass dieses Problem verharmlost wird.“ Ossenberg und Heye: Gerade ist überdeutlich geworden, wer hier ein journalistisches Ethos hochhält.

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Das Email-Portal gmx wird nach der Sendung die Schlagzeile setzen: „Gil Ofarim rassistisch beleidigt.“ Wie absurd aber ist das eigentlich, auf diese Weise Leser zu locken, als wäre Ofarim in der Sendung von irgendjemandem beleidigt worden. Und „rassistisch“ klärt dann auch gleich die Frage nach Religion oder Volk? Was für eine Sendung. Plasberg hat sich wirklich einmal besonders gut geschlagen. Uwe-Karsten Heye ist komplett aus der Zeit gefallen und angereist mit der Totalverweigerung im Gepäck, den muslimischen Antisemitismus als solchen zu benennen. „Wir brauchen Einwanderung!“, ruft er zum Schluss aus. Ja, es ist eben doch einfacher, den Deutschen als Deutschen als latent antisemitischen Nazi zu verstehen. Gar eine genetische Disposition? Die vielfältigen Errungenschaften der intensiven Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland gibt es aber auch. Und darüber zu sprechen, kann durchaus sinnstiftend wirken für die Jugendlichen von heute. Also tut es auch.

„Uns Deutschen steht kein Urteil zu, welches das Thema Israel betrifft. Zu groß ist der Schmerz, den wir einer religiösen Gruppe (Juden) angetan haben.“, wird der Zuschauer Ronald Szyska eingespielt. Und möglicherweise ist es das interessanteste Fazit, das man ziehen könnte: Deutschland ist eng mit seinen europäischen Nachbarn verbunden. Von dort kann doch eine europäische Haltung formuliert werden. Deutsche müssen nicht so merkwürdig zwanghaft in der ersten oder zweiten Reihe an der Lösung dieses Konfliktes beteiligt sein. Noch weniger, wenn das mit einer Israelkritik verbunden wäre.

Es ist schon viel gewonnen, wenn Deutschland Juden auf der ganzen Welt seine uneingeschränkte Solidarität gibt. Sicherheit für Juden als deutsche Staatsräson. Und das gilt dann noch selbstverständlicher auch für alle Juden in Israel.