Tichys Einblick
Volkswagen vs. Tesla

Erstaunlich gleichzeitig: Elon Musks Aktienverkauf und der Burgfrieden in Wolfsburg

Während VW-Betriebsratschefin Cavallo offenbar den neuen Expansionskurs von Vorstandschef Diess nun mitträgt, verkauft der große Konkurrent Elon Musk ein riesiges Tesla-Aktienpaket – mit Zustimmung seiner Twitter-Anhänger. Tut er das wirklich nur, "um Steuern zu zahlen"?

Elon Musk war beliebtes Objekt der Kampagne "Tax the Rich!" ("Besteuert die Reichen!") in den USA

IMAGO / UPI Photo

In den letzten Wochen erregten zwei Meldungen die automobilen Gemüter, die tausende von Meilen getrennt stattfanden aber dennoch intensiv die Medien beschäftigten. Und scheinbar völlig unabhängig und inhaltlich losgelöst voneinander Schlagzeilen machten. 

Die eine Meldung betraf den Volkswagenkonzern und den Machtkampf zwischen VW-Chef Herbert Diess und der frisch gekürten Betriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo, Nachfolgerin von Raubein Bernd Osterlohe. Die zweite Nachricht, die die Automobilwelt und die Börsen bewegte dreht sich um Tesla Gründer und Großaktionär Elon Musk. Musk wollte sich von 10 Prozent seines Aktienbestands für ca. 20 Milliarden US-Dollar trennen – angeblich, um auf diesem Wege die Steuern zu bezahlen, deren Vermeidung ihm oft vorgeworfen werde – und unterwarf sich dabei per Twitter der Zustimmung oder Ablehnung seiner 63 Millionen Follower und Aktionären. Ein ungewöhnlicher Vorgang.

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Ob Musk dabei tatsächlich nur das Verlangen antrieb, seinen Ruf als Steuervermeider zu bereinigen und endlich einmal Steuern zu zahlen (was er sonst nicht tun muss, da er sich in seinem eigenen Unternehmen kein Gehalt auszahlt), oder vielleicht doch die eigene Erwartung über die Zukunft seines Elektro-Auto-Unternehmens im Wettbewerb mit nicht zuletzt Volkswagen eine Rolle spielt, wird nur er selbst wissen. Bemerkenswert jedenfalls ist die Gleichzeitigkeit dieses Vorgangs mit den Entwicklungen in der Führung des VW-Konzerns.

In Wolfsburg bei VW ging es nach außen um die Frage der „Lufthoheit“ im Konzern, wer bei Protokollfragen das Sagen hat, der Vorstand und die Kapitaleigner oder in alter Tradition wie seit 70 Jahren der Betriebsrat und die Arbeitnehmer. Und ob Konzernchef Diess bereit wäre, seine eigne Terminplanung zu ändern, um der Belegschaft auf der ersten Betriebsversammlung nach Corona über die Zukunft des Stammwerkes Wolfsburg und seiner 60.000 Beschäftigten Rede und Antwort zu stehen. Die Belegschaften waren der Meinung, dass das Volkswagen-Stammwerk in einer Krise steckt, Stoff für Konflikte also zur Genüge vorhanden, die Nerven angespannt auf beiden Seiten.

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Tatsächlich ist die Lage im Stammwerk dramatisch, Corona und der Chipmangel haben die Auslastung in die Knie gezwungen. In den Jahren vor Corona war noch von rund einer Million Autos die Rede gewesen, die im Stammwerk produziert werden sollten. In dem Ende 2016 zwischen Betriebsrat und Vorstand vereinbarten sog. „Zukunftspakt“ wurde noch langfristig mit mindestens 820.000 Autos geplant. „Auch bereinigt um die aktuellen Negativfaktoren Corona und Halbleitermangel sind wir von diesen gemeinsam verabredeten Plänen weit entfernt“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo. In 2020 wurden in Wolfsburg gerade mal knapp 500.000 Autos gebaut, Tendenz weiter rückläufig. 

Die Belegschaft im Stammwerk dümpelt seit Wochen und Monaten in Kurzarbeit herum und ist verunsichert, denn sie „kennt solch lange Kurzarbeitsphasen nicht“ (Cavallo).Hinzu kommt die Furcht, im Stammwerk bei der Wende zur Elektromobilität abgehängt zu werden. 

Als dann in dieser Situation CEO Herbert Diess vertraulich (!) in internen Runden von einem möglichen Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen gesprochen haben soll, brach der Konflikt zwischen Konzernleitung und Betriebsrat offen aus. Selbst ein Sturz von Diess wurde, trotz seiner erst vor wenigen Monate beschlossenen Vertragsverlängerung, wieder für möglich gehalten.

Diess gab nach, stand auf der Betriebsversammlung Rede und Antwort. Und bleib weiter im Amt, getreu der alten Militärweisheit, dass man mitten im Gefecht die Pferde nicht wechseln soll. Und der Gefechtsgegner für Volkswagen-Konzernchef Diess war Tesla und Elon Musk.

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Herbert Diess und sein Markenchef Ralf Brandstätter machten die Lage vor 120 Top-Managern auf einer Krisensitzung sehr plastisch deutlich: Volkswagen produziere zu langsam und zu teuer, wenn man den Vergleich mit Innovatoren wie Tesla und den aufstrebenden Herstellern aus China wagt. Und vor allem brauche VW zum Bau seines Elektroautos ID.3 mit mehr als 30 Stunden dreimal so lange wie Tesla, der sein Model 3 innerhalb von gut zehn Stunden fertigt. Und bei der Qualität hätten die Kalifornier wie auch die Chinesen mittlerweile europäische Standards erreicht. Das setzte Volkswagen massiv unter Druck, zumal Tesla in wenigen Wochen sein erstes Werk in Europa einweihen wird, die Gigafactory Berlin.

Kurz: Bleibe alles beim Alten, sei VW auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig, so Diess. 

Dass dabei möglicherweise auch die Abkehr vom Verbrenner eine Rolle spielen könnte, kam dabei nicht zur Sprache. Im Gegenteil: Konzernchef Diess kündigte für Wolfsburg den Bau einer neuen, zweiten Fabrik für Elektroauto an. Eine endgültige Entscheidung über den Neubau muss der Aufsichtsrat noch fällen, gilt aber als sicher. 

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Volkswagen plant, für die Produktion von Elektroautos eine neue Fabrik auf der grünen Wiese im nahen Umland des Wolfsburger Stammwerks zu bauen. Vorgesehen ist eine Art „zweites Werk Wolfsburg“. Der Aufbau könnte nach Schätzungen aus Konzernkreisen mindestens einige hundert Millionen Euro kosten. Das Vorhaben gilt als einer der entscheidenden Punkte in der Investitionsstrategie für die kommenden fünf Jahre.

In dem neuen Werk soll von 2026 an die nächste Generation von teilautonom fahrenden Elektroautos mit dem Namen Trinity vom Band laufen. In den bestehenden Werksstrukturen sei es bei laufender Produktion der Verbrennermodelle nicht möglich, so effiziente und wettbewerbsfähige Strukturen aufzubauen wie zum Beispiel der amerikanische Wettbewerber Tesla in Grünheide – das große Vorbild für Herbert Diess.

Der Aufsichtsrat muss der Entscheidung zum Neubau noch abschließend zustimmen. Auch die Zustimmung des Betriebsrates ist sicher. Dem Vernehmen nach hat Betriebsratschefin Cavallo die Pläne des Vorstands für die neue Trinity-Fabrik für mutig und genau richtig erklärt. Mit dem Bau eines zweiten Werkes in Wolfsburg sichere sich das Unternehmen die Beschäftigung vor Ort. 

Die Produktion von Trinity läuft voraussichtlich im Jahr 2026 voll an. Es handelt sich um ein komplett neu konzipiertes Fahrzeugsystem, in dem die modernsten E-Antriebe sowie weitgehend selbst programmierte Software, Vernetzung und Technologien des autonomen Fahrens von VW zum Einsatz kommen sollen. Und all das soll auch den Töchtern zur Verfügung stehen. Auf dieser technischen Basis sollen insgesamt mehr als 40 Millionen Wagen entstehen. Das größte deutsche Unternehmen will damit vor allem den US-Rivalen Tesla angreifen, der schon jetzt kurz vor dem Start seiner neuen „Gigafabrik“ in Grünheide bei Berlin steht, wenn die Baugenehmigung endgültig erteilt wird. 

Mit dem Trinity will dann auch VW die Jagd auf den Konkurrenten Tesla eröffnen, ab 2026 zwar spät, aber sicher nicht zu spät. Andere deutsche Waidmänner waren schneller, so Daimler mit der EQ-Palette, vor allem mit dem Leuchtturm-Modell EQS. Jüngstes Mitglied der ehrbaren Jagdgesellschaft ist der von Grund auf elektrisch konzipierte iX von BMW, ebenfalls Technologie- und Hoffnungsträger des Konzerns.

Wie passt das alles zusammen? 

Bekanntlich sind viele Hunde des Hasen Tod, und dies umso mehr, je qualifizierter die Hunde werden. Ob Musk diesen Spruch in Grünheide (schon) gelernt hat oder nicht, ob Zufall oder nicht?

Fakt ist jedenfalls, dass nahezu zeitgleich Tesla-CEO Elon Musk medienwirksam ankündigte, sich von einem milliardenschweren Aktienpaket zu trennen und den Zugewinn ordnungsgemäß zu versteuern. Der Kursanstieg der Tesla-Aktien hat Elon Musk auf dem Papier zum reichsten Menschen der Welt gemacht. Steuern auf die Kursgewinne würden aber erst bei einem Anteilsverkauf fällig: „Der einzige Weg für mich, Steuern zu zahlen, ist Aktien zu verkaufen.“ 

Bei Twitter ließ er abstimmen, ob er ein milliardenschweres Aktienpaket im Wert von 20 Milliarden Dollar abstoßen dürfe oder nicht. Normalerweise würde eine solche Verkaufs-Ankündigung durch den Haupteigner von den Aktionären als Warnsignal aufgenommen werden und als Hinweis, sich schleunigst von Tesla-Papieren zu trennen. Kursrutsch und Vermögensverluste bei allen wären die Folge.

Nicht so bei PR-Genie Elon Musk. Er machte aus dem Riesen-Aktien-Verkauf ein gutes Werk als freiwilliger Steuerzahler. Es kam wie erwartet: Von den über 63,7 Millionen Menschen, die Musk auf Twitter folgen, stimmten knapp 3,5 Millionen (57,9 Prozent) für einen Verkauf. Auf diese Weise hat der Multimilliardär sich von Twitter-Nutzern dazu verpflichten lassen, zehn Prozent seines Anteils am Elektroauto-Hersteller zu verkaufen. Der Tesla Kurs stieg, statt zu fallen.

Elon Musk hatte angekündigt, er werde sich an das Ergebnis des Votums halten – „wie auch immer es ausgeht“. Er machte aber keine Angaben dazu, wie schnell er das Aktienpaket abstoßen werde. Die Eröffnung von Grünheide und der ihn mit großer Sicherheit begleitende Hype der Muskianer böten nach deren Meinung sicherlich eine gute Gelegenheit für Kleinaktionäre zum Einstieg, für Elon Musk zum Ausstieg. Sollte der Tesla Chef etwa Kasse machen?

Es bleibt an allen Fronten spannend.

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