Tichys Einblick
Reichtum in der Krise

Stromsparen: Stadt Berlin verzichtet zu Weihnachten auf Beleuchtung

Die Stadt Berlin verzichtet dieses Jahr auf die Weihnachtsbeleuchtung. In Zeiten der Energiekrise müsse man sparen. Einmal geht das ja wohl. Das Argument ist der Schlüssel zu einer Ära des Wohlstands-Verzichts.

IMAGO/Joko

Selbst für nicht religiöse Menschen erfüllt Weihnachten eine wichtige Funktion. Es ist eine Art persönlicher Inventur: Feiert die Familie zusammen oder ist sie zerstritten? Lebe ich alleine oder im Rahmen einer mich liebenden Gemeinschaft? Kann ich mir ein üppiges Fest leisten oder muss ich schauen, ob und wie ich mir wenigstens ein großzügiges Mahl finanzieren kann? Schenke ich oder muss ich auf Geschenke hoffen?

Ob Deutschland ein reiches Land sei, ist ein beliebtes Streitthema. Die einen versuchen, die Frage über die Statistik zu klären: Weil es so viele gibt, die deutlich weniger Geld haben als der Schnitt, sagen sie, es wäre arm. Da nahezu alle Menschen hierzulande mehr haben als in Bangladesch, ist das Land reich, sagt die andere Seite. Beide – pro und contra – müssen also Vergleiche bemühen, um die Frage zu klären, ob Deutschland reich sei.

Zeit zum Lesen
„Tichys Einblick“ – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen
Deutschland kann sich aber auch mit sich selbst vergleichen: Können wir uns an Weihnachten noch eine Festbeleuchtung leisten? Feiern wir mit Strom oder im Dunkeln? Diese Frage hat sich in diesem Jahrhundert für die Bundesrepublikaner nie gestellt. Unter Helmut Kohl und Gerd Schröder auch nicht. Oder in den 60ern und 70ern. Selbst in den 50er – der Nachkriegszeit – waren Geld und Strom genug da, für eine festliche Beleuchtung zu dem Fest, das für viele ein Moment der Einkehr ist. Ob sie religiös sind oder nicht.

2022 ist das vorbei: Berlin schafft die Weihnachtsbeleuchtung ab. Es fehlt an Geld und Strom: „Wir können doch niemandem ernsthaft vermitteln, dass wir Hunderttausende Euro an Steuergeld für Weihnachtslichter ausgeben, während alle zum Sparen aufgerufen sind“, sagt Stephan Schwarz, Wirtschaftssenator der Stadt Berlin. Keine Neuigkeit. Licht einsparen an einem Fest, das für viele Menschen eine Zäsur darstellt. Das hatten wir schon mal. 2020. An Silvester. Das Feuerwerk. Aber nur wegen Corona. Nur für ein Jahr. Hieß es. 2020. Und dann 2021 wieder. Ein Einzelfall. Und noch ein Einzelfall.

Aber wer eins und eins zusammenzählt, ist in Deutschland schon verdächtig. Denn wer behauptet, die Bundesregierung würde die Bevölkerung umerziehen wollen, hin zu freiwilligem Verzicht auf Lebensqualität, der ist ein Schwurbler. Ein rechter Aluhutträger und Verschwörungstheoretiker. Oder Karl Lauterbach (SPD). Der gab der Welt schon zum ersten Lockdown ein Interview. Darin verwies er auf den Wert, den der coronabedingte Verzicht für den Klimaschutz habe und wünschte sich, dass die Corona-Maßnahmen nach der Pandemie bleiben sollen. Da war Lauterbach allerdings noch kein Mitglied der Bundesregierung. Dazu machte Olaf Scholz (SPD) ihn erst lange nach dem Interview, das Lauterbach bis heute nicht zurückgerufen hat.

Die Ampel steht auf grün für:
Die Entlastung der Mittelschicht vom überschaubaren Wohlstand
Nun halten Pandemie und Maßnahmen an. In Deutschland und in China. Zwei Länder, die für ihre Freiheitsliebe und ihre Wirtschaftsstärke bekannt sind. Wobei auch Ironie keinen falschen Eindruck erwecken darf: China will eine Wirtschaftsmacht sein und tut alles dafür, dass es so ist und so bleibt. Deutschland schrumpft freiwillig. An Silvester sind die Lichter schon ausgegangen. Aber nur einmal und einmal, nicht zweimal. An Weihnachten gehen sie jetzt aus: Auch nur einmal, danach wird es bestimmt wieder, wobei man, aber echt, Kopf hoch, allerdings langfristig, aber das erklären wir euch, wenn, also dieses eine Mal, jetzt ist es nur für einmal. Ein Minister, der sich offen zum Ziel des schrumpfenden Wohlstands bekennt, macht noch keine ehrliche Regierung aus.

Da ist die Taz schon weiter. Ein Video ihrer Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann macht seit einiger Zeit die Runde im Netz. Das müsste es nicht. Denn Herrmann hat auch ein Buch geschrieben zum Thema. Aber Bücher, in denen vorher alles schon stand, hat hinterher nie einer gelesen. Nur das Video, das schauen sich schon einige an. Herrmann beschreibt da eine Welt, die den Wohlstand gegen Klimaschutz eintauscht: Mobilität gebe es da nicht mehr, Überfluss ebenso wenig, auch keine überflüssigen Berufe wie Grafiker oder so. Aber arbeitslos werde niemand. Die Menschen würden ja gebraucht, um die Nahrung von Hand anzupflanzen. Nur Wohlstand hätten sie halt trotz Arbeit nicht.

Ist das Mittelalter? Nicht ganz, da gab es wieder Maschinen, die den Bauern halfen. Es ist eher die Epoche zwischen Antike und Mittelalter. Jene wirklich dunklen Jahre nach dem Untergang Roms, in denen Fanatiker eine Zivilisation gestürzt hatten, ohne sie durch etwas Neues zu ersetzen. Als die Zerstörung lange genug angehalten hatte, bis Verzicht etwas war, das man als Regierung nicht mehr umständlich und beschönigend rechtfertigen musste – sondern das alternativlos war.

Weihnachten ist eine Zäsur. Das Gedächtnis vieler Menschen funktioniert in Weihnachtsfesten: 1987 hat Oma Ursel zum letzten Mal mit uns gefeiert, dafür war 1988 Sascha zum ersten Mal dabei. 1993 habe ich dann in Homburg gelebt, bin aber zum Fest nach Hause gefahren. Weihnachten ist eine Zäsur. Es ist ihnen so wichtig, dass sich Menschen anhand der Feste ihr Gedächtnis einteilen können.

Skepsis als wertvolle Ressource in Krisen
Den Wohlstand spielerisch in die Tonne treten
Wie wird das aussehen? Am Heiligabend 2031? Erinnerst du dich an Weihnachten 2019? Es war das letzte, das wir zusammen gefeiert haben. 2020 musste Onkel Kurt alleine im Heim bleiben, keiner durfte ihn besuchen. Zwei Monate später ist er gestorben. 2021 wollte Christine dann mit den Kindern nicht vorbeikommen. Um Opa Heinz zu schützen. Schade, dass er sie vor seinem Tod nicht mehr gesehen hat. 2022 hatten wir dann zum ersten Mal keine Festbeleuchtung mehr und 2024 keinen Festbraten. 2027 haben wir zum ersten Mal in der Kartoffelsetzer-Kommune gefeiert, aber 2028 gab es dann schon keine extra Ration mehr. Aber genug jetzt. Seit 2030 dürfen wir eigentlich nicht mehr über Weihnachten reden. Was linke Utopisten wie Herrmann als funktionierende Harmonie zum Wohl eines Heils formulieren – hier der Klimaschutz – endete in der Realität schon oft genug in der wahr gewordenen Dystopie.

Deutschland ist reich. Im Vergleich. Keiner zahlt in der EU seinen EU-Abgeordneten mehr als Deutschland. Obwohl es meist ausgediente Parteisoldaten sind, die nach Brüssel geschickt werden, um ihren einflussreicheren innerparteilichen Konkurrenten nicht mehr gefährlich zu werden. Es gibt immer noch Reichtum in Deutschland. Es werden nur immer mehr davon ausgeschlossen sein. Erstmal. Danach wird es bestimmt wieder … Und so weiter.

Man kann doch mal auf die Weihnachtsbeleuchtung verzichten. Das ist das Totschlag-Argument der Wohlstands-Verzichter. Es ist eine Gewöhnung: Man kann doch ein wenig mehr Steuern bezahlen, man kann doch einmal die Woche in der Kantine auf Fleisch verzichten, man kann doch einmal auf das Feuerwerk an Silvester … – und es stimmt immer. Einmal. Solange keiner eins und eins zusammenzählt.

Aber wenn Abgeordnete die Strategie der Gewöhnung an Verzicht ausgeben, sollte man aufpassen: Spätestens, wenn sie dann zum Minister befördert werden, sollte man die Strategie ernstnehmen. Sonst wacht man auf in einem Land, in dem Bundesregierung und EU-Kommissare entscheiden, ob man die Nacht mit Strom und Heizung verbringt oder im Dunklen friert. Auch wenn das Land dann immer noch reich ist. Im Vergleich. Was für Regierung und Kommissare nicht einmal gelogen ist.

Anzeige