Tichys Einblick
Arbeitskräftemangel

Deutschland funktioniert nicht mehr – die Gründe

Die Post kommt nicht mehr täglich, Unterricht fällt aus und Müll bleibt länger liegen. Immer weniger funktioniert in Deutschland, weil die fehlen, die es machen müssten. Trotz einer Million Langzeitarbeitsloser. Am Ende fehlt die Motivation zur Arbeit.

Briefkasten in Berlin

IMAGO / Hanno Bode

Hakan kniet. Er reinigt die öffentliche Toilette vor einem Berliner U-Bahnhof. Es ist ein ekelerregender Ort. Spuren von Fäkalien ziehen sich durch die kompletten vier Quadratmeter. Es gibt Hunde, die ihren Zwinger sauberer halten, als es die Nutzer mit dieser Toilette tun. Wie viel Geld er für diese Arbeit bekomme? Hakan winkt ab. Darüber rede man nicht. Ob es 2500 Euro im Monat seien? Er lacht. Dann dreht er sich weg. Das Gespräch ist für ihn beendet.

Die Namen der Arbeitnehmer sind in diesem Text geändert. Auch um die Betroffenen zu schützen. Arbeitgeber mögen es nicht, wenn ihre Untergebenen reden – nicht über ihren Job und erst recht nicht über ihr Gehalt. Letzteres untersagen Standard-Arbeitsverträge. Hakan macht eine großartige Arbeit. Wer die Toilette vorher gesehen hat, glaubt nicht, dass jemand sie wieder so sauber bekommen kann. Ob Hakan dafür 2500 Euro im Monat bekommt, bleibt offen. Jedenfalls ist jeder Cent hoch verdient und buchstäblich hart erarbeitet.

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Es gibt verschiedene Motivationen zu arbeiten. Die wichtigste und grundlegendste ist: der Lohn – der Broterwerb, der Lebensunterhalt. Wie auch immer jemand dazu sagen will, dass der Verdienst eines Arbeitnehmers erst einmal für das Elementarste reichen muss: ein Dach überm Kopf, Essen und Trinken, Wärme und Kleidung. Darum muss sich in Deutschland nun keiner mehr sorgen: 502 Euro Bürgergeld gibt es zukünftig für Langzeitarbeitslose. Dazu kommt die Miete, dazu kommt ein Heizkostenzuschuss, dazu kommt die Übernahme der Rundfunkgebühren, dazu kommen Sonderleistungen etwa beim Einzug.

Lohnt es sich da noch zu arbeiten? Der Focus und der Gewerkschaftsbund DGB haben es nachgerechnet. Beide kommen zu dem Ergebnis: Ja, es lohnt sich, unbedingt, geht arbeiten. Es ist eine gesellschaftlich notwendige Antwort. Würde wer zu einem anderen Ergebnis kommen, blieben Hakan und andere zuhause. Er ließe uns buchstäblich in dem sitzen, das so eklig ist, dass wir es hier nicht beim Namen nennen können – und das Hakan in der öffentlichen Toilette von den Wänden kratzt.

Wer als Alleinerziehender mit einem Kind 2500 Euro im Monat verdient, hat nach Rechnung des Focus im Monat 407 Euro mehr als ein Bezieher von Bürgergeld. Feste Zusatzleistungen wie Miete eingerechnet. Bezieht der gleiche Alleinerziehende den Mindestlohn und geht Vollzeit arbeiten, sind es nur noch 140 Euro an Mehr-Verdienst. Bekommt der Bezieher von Bürgergeld den Zuschuss für die „Erstausstattung“ einer Wohnung, muss der Alleinerziehende länger als ein halbes Jahr arbeiten, um diesen Unterschied auszugleichen. Geht der Empfänger von Bürgergeld dreimal im Monat arbeiten für 50 Euro am Tag, dann hat er so viel Bargeld übrig wie der Alleinerziehende, der im Schnitt 19 Tage mehr im Monat arbeitet.

Soweit der Alleinerziehende. Nun ein Paar mit zwei Kindern: Gehen beide für den Mindestlohn arbeiten, haben sie im Monat 783 Euro weniger als das Vergleichspaar mit Bürgergeld. Sonderzahlungen nicht eingerechnet. Das Paar mit Mindestlohn müsste also Geld mitbringen, wenn es arbeiten geht. Leben sie dann noch in einer Stadt, die überdurchschnittlich teuer ist, wie Hamburg, München, Berlin oder eine Stadt im Rhein-Main-Gebiet, ist die Summe, die sie mitbringen müssen, noch größer.

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Nicht mitgerechnet sind „Opportunitätskosten“: Der Bezieher von Bürgergeld hat Zeit. Er kann zum Beispiel Lebensmittel über die Tafel beziehen, die Schlange dort ist für ihn kein Problem. Auch kann er in den Angeboten suchen, welcher Supermarkt gerade Kartoffeln günstiger verkauft. Einkaufen, schälen, kochen – für alles hat er Zeit. Der Arbeitnehmer muss morgens erst einmal die Kinder versorgen. Frühstück machen, zur Kita bringen, für Betreuung sorgen. Dann muss er zur Arbeit fahren. Wenn es nach den Klimakindern geht, nimmt er Bahn oder Bus, auch wenn er sich innerstädtische Lagen längst nicht mehr leisten kann – oder in einem Gewerbegebiet außerhalb der Stadt arbeitet. Dann kommt die eigentliche Arbeit und das gleiche Spiel wieder zurück. Zehn Stunden, zwölf Stunden – bei manchen sind das 14 Stunden. Danach noch Angebote raussuchen, Kartoffeln kaufen gehen, schälen und so weiter? Oder doch lieber ein Fertiggericht? Oder gar eine Pizza bestellen? Der Preisunterschied zwischen Pizza und Angebots-Kartoffeln fällt unter Opportunitätskosten.

Dafür verdient der Alleinerziehende ja 140 Euro mehr als der Empfänger von Bürgergeld. Vorausgesetzt, er wohnt in einer günstigen Stadt. 140 Euro. Das macht fast einen Euro Stundenlohn aus. Würde er 2500 Euro brutto verdienen, wären es sogar knapp drei Euro die Stunde. Finanziell lohnt es sich also kaum, für ihn arbeiten zu gehen.

Nun ist Geld nicht die einzige Motivation, arbeiten zu gehen. Ehre, Stolz, Selbstverwirklichung oder Sinnstiftung sind andere Gründe, jeden Morgen das Bett zu verlassen. So wie Dirk. Er arbeitet für die Müllabfuhr einer Landeshauptstadt. Die werden einerseits dringend gebraucht und sind andererseits oft nicht verbeamtet – dürfen also streiken. Folglich konnten die Müllmänner für sich vergleichsweise gute Löhne rausholen.

Es ist Montag und Dirk erzählt, dass sich vier Kollegen krank gemeldet hätten. Dadurch wurde seine Route länger, dadurch musste er länger arbeiten. Am nächsten Tag werden noch mehr krank sein, fünf vermutet er. Sie seien frustriert, weil sie sähen, wie die anderen damit durchkommen. Gerade in der Corona-Zeit seien die Kollegen mit jeder Andeutung eines Schnupfen-Symptoms zum Arzt gegangen und hätten sich in Quarantäne schicken lassen. Dirk nicht. Er gehört zu den zehn Prozent, die nach einer jüngsten Umfrage noch dann arbeiten gehen, wenn sie tatsächlich krank sind. Auch wenn dann – gerade in der Grippesaison – die Routen immer länger werden wie bei Dirk, weil immer mehr Kollegen fehlen.

Dirk mag seine Arbeit nicht. Sie geht auf die Knochen und er weiß genau, wie viele Tage er noch abreißen muss, bis er in Rente gehen kann. Doch Blaumachen gäbe es für ihn nicht. Er sei anders erzogen worden. Es ist dieser Ethos, der ihn weiterarbeiten lässt. Bei anderen sind es die Lebensumstände. Thomas ist LKW-Fahrer. Er hat schlechte Zeiten hinter sich, war auf seinen Truck angewiesen – schlicht weil er darin schlief und lebte. Wäre er drei Tage ausgefallen, hätte er den Truck abgeben müssen und wäre obdachlos gewesen. Sein Arbeitgeber wusste davon, tolerierte die Situation stillschweigend und profitierte so von einem hoch motivierten Mitarbeiter.

Doch wie gut ist die Arbeit, wenn nicht Geld die Motivation ist, sie zu erledigen? Dirk bezieht seine Motivation aus seinem Ethos, Thomas hat sie aus seinen Lebensumständen bezogen. Finn sieht das anders. Er arbeitet in einem Berliner Laden für Tierfutter. Und er hat keinen Bock drauf. Das lässt er die Kunden auch spüren. „Ich mach die Sch…. hier nicht mehr länger mit“, bekommt man häufiger von ihm zu hören als „guten Tag“ oder „auf Wiedersehen“. Was sollen die Kunden auch machen? Wegbleiben und der Laden geht pleite? Sich bei Finns Vorgesetztem beschweren? Der ist so gut wie nicht greifbar. Und wenn schon. Finanziell würde Finn nicht viel verlieren, und er müsste nicht mehr Trockenfutter in Regale hieven oder sich mit Kunden rumschlagen, die den Kartenleser nicht bedienen können.

So einfach zu kündigen, das gehe ja auch nicht, warnt das Arbeitsministerium auf seinen Seiten. Dass das Bürgergeld ein Anreiz für Kündigungen sein könnte, scheint auch dort angekommen zu sein. Auch wenn es Minister Hubertus Heil (SPD) niemals öffentlich zugeben würde. Wer seinen Job mutwillig kündige, werde erstmal für Gelder gesperrt. Wem die Mutwilligkeit nicht nachgewiesen werden könne, müsse erst einmal durch das „ALG 1“. Das ist das ehemalige Arbeitslosengeld. Wer es erhält, bekommt 65 Prozent seines vorherigen Nettolohnes. Ohne Mietzuschuss. Wer also 20 Jahre gearbeitet hat, lebt erst einmal zwölf Monate schlechter als ein Langzeitarbeitsloser. Bei Menschen über 50 Jahren verlängert sich diese Durststrecke sogar. Gar nicht zu arbeiten, lohnt sich in Deutschland eher, als es wenigstens zu versuchen.

Nun gibt es auch Menschen, die deutlich mehr als 2500 Euro verdienen. Finanziell lohnt es sich also durchaus noch für sie, arbeiten zu gehen. Sie tun es auch. Motiviert sind sie trotzdem nicht. Wegen der äußeren Umstände. So wurden jüngst wieder Bildungsstudien veröffentlicht. Mit verheerenden Ergebnissen. Lief es schon vorher nicht gut an deutschen Schulen, ist es seit dem Ausbruch des Virus deutlich schlechter geworden. Lisa ist Lehrerin an einem Gymnasium im Rhein-Main-Gebiet. Sie erzählt von aggressiven Eltern. Die einen drohten mit Prügel, die anderen mit dem Rechtsanwalt, wenn ihr sonderbegabtes Kind nur eine Zwei oder eine Drei fürs Diktat bekommen hat. Man müsse den gestalterischen Willen sehen, die Rechtschreibung alleine dürfe doch nicht zählen. Die Direktoren würden sich in solchen Fällen oft eher wegducken, als ihre Mitarbeiter zu stärken.

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Folglich, schildert Lisa, hätten viele Kollegen das „Homeschooling“ als Erleichterung empfunden. Als Entlastung. Für sich selbst. Ein Bein ausgerissen hätten sie sich mit dem digitalen Unterricht nicht. Zumal auch die Ministerien ihren Lehrern kaum zur Seite gestanden hätten. Die Technik sei dabei nur ein Problem gewesen, es habe bis zuletzt an didaktischen Konzepten für den digitalen Unterricht gefehlt. Also machte das jeder Lehrer, wie es ihm einfiel – oder passte. Viele hätten einen Berg von Hausarbeiten verteilt, eingesammelt und korrigiert. Sonst nichts. Die eigentliche Vermittlung des Lehrstoffs überließen sie den Eltern, weiß Lisa, die selbst Mutter ist.

Ein besonders krasser Fall passierte in Rheinhessen. Eine Religionslehrerin war zuerst über Wochen abgetaucht. Dann berief sie am Wochenende eine Stunde für den Montagmorgen ein. Ihren Schülern erklärte sie, sie wolle heute nicht unterrichten. Sie habe jemanden gebraucht, mit dem sie über die Belastungen der letzten Wochen reden könne. Kinder als seelische Müllhalde einer erwachsenen Pädagogin. Das blieb folgenlos. Qualitätskontrolle findet seit dem März 2020 kaum noch statt.

Die Leute brauchen eine eigene Motivation, um zur Arbeit zu gehen. Seit Thomas wieder eine Wohnung hat, bleibt der LKW-Fahrer auch mal zuhause. Holt dringende Behandlungen nach, die er nicht in Anspruch genommen hat. Dirk kommt dienstags von der Arbeit zurück. Nur drei Kollegen hätten sich seit Montag zusätzlich krank gemeldet – er ist fast zufrieden. Und Hakan kommt eine Woche später wieder zur Toilette am U-Bahnhof. Sie sieht wieder so aus, dass es Wörter bräuchte, sie zu beschreiben, die wir hier nicht verwenden können. Warum er das trotzdem mache? Hakan lacht. In seinen Augen liegt mehr Unverständnis als Humor. Wer nicht versteht, warum sich jemand einen solchen Job antut, ohne dass es sich finanziell lohnt, dem kann man das auch nicht erklären.

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