Tichys Einblick
Weltmeisterschaft der "Werte"

In Katar scheitert die Fußball-Allianz von hemmungslosem Kommerz und totaler Moral

Wenn Fußballer öffentlich vor allem um „Werte“ und „Zeichen“ kreisen und gleichzeitig ein Emirat sich eine WM kaufen kann, verliert der Sport seine Würde – und schließlich auch die Liebe der Zuschauer. In Katar erleben wir die Selbstzerstörung eines Sports aus Gier nach Werten – finanziellen und moralischen.

Weltmeister der bescheuerten Gesten, Fußballnationalmannschaft vor dem Spiel gegen Japan, 23.11.2022

IMAGO / Laci Perenyi

Die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft im Auftaktspiel war nur der jämmerliche Abschluss eines Tages voller Negativ-Schlagzeilen von der Fußball-Weltmeisterschaft: Der „Tatort“ schlägt am Sonntag die Fußball-WM auf dem Quoten-Feld! Die Brauereien verkaufen nicht mehr Bier als sonst. Rewe will sein DFB-Sponsoring nicht verlängern. Und der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger kommt – nun, da er nichts mehr zu befürchten hat – zu der Erkenntnis, dass FIFA-Präsident Infantino ein „Krimineller“ sei. 

Die öffentliche Fußball-Aufmerksamkeit war damit wohl ohnehin schon beim Anpfiff des Spiels verbraucht: Da hatten sich die deutschen Fußballer in einer missverständlichen und vor allem ziemlich lächerlichen Geste den Mund zugehalten. Begleitet von der üblichen Selbstbeweihräucherung in den sozialen Medien. Da hätten die Spieler sich vielleicht mehr Gedanken über das Spiel statt über ein neues „Zeichen“ für „Werte“ und eine „Botschaft“ machen sollen.

 Screenshot via Instagram / DFB

Die Bundesinnenministerin trägt derweil auf der Ehrentribüne jene „One Love“-Binde, die eigentlich laut DFB und Bundestrainer Hansi Flick für die „Werte“ der Fußballer steht, dem DFB dann aber eben doch weniger wert als eine nicht mal spezifizierte Strafe des Weltverbands FIFA war. 

Wer kann da noch Aufmerksamkeit, geschweige denn leidenschaftliche Anteilnahme übrig haben für das Spiel selbst?

In Katar geht womöglich auch eine Epoche der bundesdeutschen Gesellschaftsgeschichte zu Ende, nämlich die Liebesgeschichte der Deutschen und ihrer Fußballnationalmannschaft.

Was hab’ ich als 8-Jähriger geweint, als die Italiener mit Paolo Rossi im Endspiel 1982 in Madrid gewannen. Die vielen Endspiele mit deutscher Beteiligung von 1954 bis 2014 sind Erinnerungsorte der bundesrepublikanischen Geschichte. Ob man Adenauer oder Ollenhauer, Brandt oder Barzel bevorzugte, bei wichtigen Turnieren saßen die meisten Deutschen gemeinsam mitfiebernd vorm Fernseher. Doch 2022 ist jetzt schon anders. Die Devise lautet: Stell dir vor, Deutschland wird Weltmeister, und keiner jubelt! Oder sicher sehr viel realistischer: Stell dir vor, Deutschland scheidet zum zweiten Mal hintereinander in der Vorrunde aus, und niemand ist wirklich traurig! Aber wenigstens lacht man im Ausland über den deutschen Fußball…

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben daran einen gehörigen Anteil. Mit gewohnt giganteskem, zwangsgebührenfinanziertem Aufwand berichten sie aus Katar. Aber was? Am Dienstagabend zum Beispiel stellt das ZDF-Sportstudio die Mannschaft von Australien vor. Man erfährt nichts über deren spielerische Eigenarten, dafür umso mehr über die Lebensgeschichten dreier Spieler mit afrikanischem Migrationshintergrund, die nicht über ihr Spiel, sondern über ihre Vorbildrolle für andere Migranten sprechen. „Die Socceroos sind multikulti und sprechen auch Themen außerhalb des Fußballs an“, jubiliert das ZDF.

Aber vor allem die Fußballer selbst und die Funktionäre der Verbände haben sich das Desinteresse an ihren sportlichen Darbietungen selbst verdient. Wer jeden BLM-Kniefall, jede „Netz gegen Nazis“-Kampagne und jedes LGBTQ-Kapitänsbinden-Zeichen-Setzen gratismutig mitmacht, sollte sich jetzt nicht jammernd beschweren, dass Millionen Zuschauern und sogar den einst treusten Fans das ganze scheinheilig woke Theater die Laune verdorben hat. Wer als Fußballspieler wahrgenommen und geachtet werden will, sollte eben nicht so tun, als seien ihm „Werte“ am allerwichtigsten, zumal nicht, wenn er dann beim geringsten Widerstand der gastgebenden Kataris und der von ihnen mit Haut und Haaren gekauften FIFA kuscht.

Diese WM ist ein Wendepunkt in der Geschichte des Sports – und vielleicht sogar darüber hinaus. Die Allianz von hemmungsloser Kommerzialisierung und totaler Moralisierung ist in ihrer ganzen Verlogenheit entzaubert worden. Beide – Kommerzialisierung und Politisierung – haben eine lange Geschichte im Profisport und erst recht im Fußball. Große Sportereignisse wurden oft auch als Instrument für politische Botschaften missbraucht – trauriger Höhepunkt war die Olympiade 1936 in Berlin – und sogar Sepp Herberger spielte in den 1920er Jahren schon für Geld Fußball. Neu ist in jüngster Zeit allerdings, dass die Politisierung nicht von Regierungen ausgeht, sondern von einer internationalen, dezentralen, sich selbst immer weiter aufheizenden Moralisierungskampagne getrieben ist. Doch die hat in Katar nun einen Kipppunkt des Glaubwürdigkeitsverlustes erreicht. Von jetzt an wird Sportfunktionären klar sein müssen, dass die Toleranz und Zahlungsbereitschaft des Weltfußballmarktes begrenzt ist und ihren Zenit wohl überschritten hat.  

Im Nachhinein wird man sagen: Das konnte einfach nicht länger so weitergehen. Vermutlich waren alle großen Turniere der letzten Jahrzehnte mehr oder weniger eindeutig von den Gastgebern gekauft, bekanntlich auch die WM in Deutschland 2006. Aber im Falle Katars war das so dreist, dass die bisherige großzügige Toleranz der internationalen Sport-Öffentlichkeit gegenüber der Korruption überstrapaziert wurde. Diese WM verhöhnt einfach jeden Fußballfreund, auf dessen Bereitschaft zu zahlen letztlich das gesamte Milliardengeschäft angewiesen ist. Geringe Einschaltquoten der TV-Sender und miese Geschäfte der Sponsoren (Brauereien sind eine zentrale Säule im Finanzgerüst der nationalen und internationalen Verbände) werden ihre Wirkung sicher entfalten. Ebenso wie die Gleichzeitigkeit der Millionenzahlungen der deutschen Staatssender für die WM-Senderechte und ihre Aufforderung auf Sparten-Kanälen, die WM aus moralischen Gründen zu boykottieren. 

Dass die Akteure des Fußballs in der Lage sind, eine Lehre aus dem Katar-Debakel zu ziehen, ist schwer vorstellbar. Falls doch, würde sie lauten: Maß halten mit der Kommerzialisierung und endlich Achtung vor den Fans beweisen; und vor allem: Verzicht auf die Demonstration vermeintlicher „Werte“ und politischer Botschaften, die dem Sport seine Würde nehmen, die er nur aus sich selbst heraus gewinnen kann. Wenn der Fußball und der Sport im Allgemeinen gesellschaftlich und international oft eine befriedende Wirkung zeigten, dann gerade dadurch, dass Spieler und andere Akteure auf politische, also entzweiende Botschaften verzichteten.