Tichys Einblick
80. Geburtstag

Reinhard Mey ist der Poet des deutschen Alltags

Reinhard Mey feiert an diesem Mittwoch seinen 80. Geburtstag. Der Berliner Liedermacher hat in 55 Jahren 40 Studioalben herausgebracht. Mit ebenso feinen wie scharfen Worten wurde er zum Poeten des deutschen Alltags.

Reinhard Mey bei einem Konzert in Siegen 2014

IMAGO / Rene Traut

Bleistifte, Kinderhosen oder Küchenschaben. Reinhard Mey hat schon sehr vielen Dingen ein musikalisches Denkmal gesetzt. Vom Banalen bis zum Hochdramatischen hat der Liedermacher alle Tonlagen des Lebens drauf. Auf seinen Platten folgen lustige Lieder direkt auf berührende Werke wie „Die Kinder von Izieu“. Das Lied beschäftigt sich mit einem Mord an 44 Kindern, der selbst aus den Verbrechen der Nazis noch einmal durch seine Widerwärtigkeit hervorsticht. Oder „3. Oktober ’91“, in dem Mey den Mord an einem Einwanderer besingt.

Mey haftet das Image des netten Schwiegersohnes an. Er selbst hat sich schon lustig darüber gemacht. Etwa als er während eines Konzerts einen Song ansagt mit den Worten: „Ich weiß genau, wie schmachtend ich gleich schauen werde.“ Ausgerechnet sein Freund Hannes Wader hat dem Image des netten Reinhards dann ein musikalisches Denkmal gesetzt.

„Meine Mutter, die sie abstoßend fand,
meinte ich solle mich mal was schämen
und mir an meinem Freund ein Beispiel nehmen
an der Art wie der seine Verse setzt
so sensibel und fein, dass es niemand verletzt
Ich will hier den Namen des Freundes nicht nennen
Weil Reinhard ja noch lebt und alle ihn kennen.“

Sensibel und fein sind seine Worte. Meys bevorzugte sprachliche Waffe ist das Florett. Aber wen er damit so richtig trifft, der ist für allezeit stigmatisiert. 1977 erschien sein „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“. Seitdem beschreibt es trefflich den Irrsinn eines öffentlichen Dienstes, der sich 45 Jahre später immer noch ans Faxgerät klammert.

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Oder der deutsche Theaterbetrieb: arrogant, untauglich und hoch subventioniert. Was könnte man sich darüber aufregen. „Zwei Hühner auf dem Weg nach vorgestern“ zu hören, geht aber auch. In dreieinhalb Minuten nimmt Mey den Theaterbetrieb nach allen Regeln der Kunst auseinander. Und ist lustig dabei. „Die Läuterung findet im Plastikbeutel und zudem völlig geräuchlos statt / wohl dem im Saal, der Butterbrote oder eine Thermosflasche bei sich hat.“

Brillant ist auch das Denkmal, das er seiner ehemaligen Zimmerwirtin in der Berliner Friedrichstraße gesetzt hat: Frau Emma Pohl. In einer Trilogie besingt er, wie er gemeinsam mit Wader und Wolfgang „Schobert“ Schulz Mauern in deren Wohnung einzog: „… das macht aus ihrem Wohnzimmer drei / ein Tipp unter Freunden: vermieten sie zwei“. Dann gibt es auch seine Zeit mit Annabelle, an der ihm besonders gefiel: „Seit ich auf ihrem Bettvorleger schlief / da bin ich ungeheuer progressiv / Ich übe den Fortschritt und das nicht faul / nehme zwei Schritt auf einmal und fall‘ aufs Maul.“

Waders und Meys Karrieren beginnen in etwa zur gleichen Zeit. Vor allem die Freiluftkonzerte auf der Burg Waldeck im Hunsrück verhelfen den beiden Liedermachern Mitte der 60er Jahre zum Durchbruch. Der Begriff ist noch neu in Deutschland. Folk und Country heißen damals in Deutschland Volksmusik und werden von Künstlern wie Heino repräsentiert. Eher bekannt ist der französische Chanson. Mey tritt mit diesem anfangs als Frédérik May auf. Der französischsprachige Raum ist Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre ein wichtiges Standbein für den Berliner.

Neben dem Lästerer lieben ihn seine Fans als Poeten. Am bekanntesten ist sein „Über den Wolken“, in dem er es schafft, einen Reim auf „Luftaufsichtsbarracke“ zu finden. Der Song hat es dank Cover-Versionen sogar in die Welt des Eurodance geschafft. Mindestens genauso schön, wenn auch weniger bekannt, ist Meys „Golf November“. In weniger als vier Minuten erzählt er die Geschichte einer Hubschrauber-Rettungsstaffel, die ein Kind aus einem vereisten See rettet: „Keiner hat ein Wort herauszubringen / während da drin mit all ihrer Kraft / all ihrer Kunst und Meisterschaft / Ein Dutzend Menschen um ein Leben ringen.“

Reinhard Mey ist ein Schöngeist. Er gilt als nett, als fein. Aber er ist auch ein Denker und ebenso ein überzeugter Mensch. Dem Staat erklärte er 1986 trotzig „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ und meinte das als Pazifist ernst. Mey ist ein Freidenker. Das ist für die Deutschen okay, solange er fröhlich von Klempnern, Mannequins und heißen Schlachten an kalten Buffets singt. Es ist die Seite an dem Liedermacher, die populär ist. Auf 40 Studioalben bleibt aber genug Platz für Freigeister, die sich an Texten freuen wie „Sei wachsam“: „Wie sie das Volk zu Besonnenheit und Opfern ermahnen / Sie nennen es das Volk aber sie meinen Untertanen / Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm, ich halt sie arm.“

Die meisten und vielleicht auch die schönsten Lieder hat Mey über seine drei Kinder geschrieben: „Menschenjunges“, „Keine ruhige Minute“ oder „Aller guten Dinge sind drei“. Doch das Schicksal ist nicht fein. Nicht nett und verbindlich. 2009 fällt Meys Sohn Maximilian ins Wachkoma. Unter anderem hatte der Sänger ihm das Lied „Du bist ein Riese, Max“ gewidmet. Fünf Jahre später stirbt er. Mey macht das, was ein Künstler macht: Er nimmt sich seine Gitarre und arbeitet weiter.

2020 erscheint seine vorerst letzte Langspielplatte „Das Haus an der Ampel“. Sie erreicht Platz zwei der Charts. Reinhard Mey ist längst eine deutsche Institution geworden. Der Gerüstbauer hört ihn genauso wie der Oberstudienrat. Die Stimme ist ein wenig brüchig geworden. Zur Zeit der Aufnahme ist Mey schon 77 Jahre alt. Doch die Texte sind noch immer das, was sie schon seit 55 Jahren sind: „so sensibel und fein, dass es niemand verletzt.“ Aber auch witzig und intelligent und poetisch. Oder, um es mit den Worten eines deutlich weniger talentierten Autoren zu sagen: gut, einfach gut, verdammt gut.

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