Tichys Einblick
Konstant inkonsistent

Bei Anne Will: Ganz langsam meldet sich eine Opposition

Dann tauchen wir mal wieder ein ins öffentlich-rechtliche Paralleluniversum. Während der Untertan morgen nur noch maskiert ins Freie treten darf, saßen bei Will die Gäste ohne Mundschutz, und der Mindestabstand dürfte einer genauen Überprüfung wohl auch nicht standhalten.

Screenprint: ARD/Anne Will

Wir begrüßen Karl „ohne Fliege“ Lauterbach von der SPD, der die jüngste Lockerung als zu früh empfindet. Aus der Partei, die Kobolde in Elektroautos entdeckte, den Strom im Netz speichert und deren abgeordnete Vertreter der Ansicht sind, „die Wirtschaft jetzt mal gegen die Wand fahren“ zu lassen, durfte Annalena Baerbock in der Corona-Krise verlorene Stimmen wieder einzufangen versuchen. Sowie, gut gelaunt, Armin Laschet, Ministerpräsident vom Homeland NRW, und Christian Lindner von der FDP, die seit wenigen Tagen wieder Opposition im Bundestag macht.

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Christina Berndt von der Süddeutschen teilt die Meinung der Kanzlerin, und tschüss. Lindner wiederholt, was er unter anderem auch bei TE seit vielen Tagen hat lesen können: Dass Autohäuser aufmachen dürfen, Möbelläden nicht, Geschäfte mit 800qm ja, mit 820qm nein – all das ist schlicht Willkür. Von diesem Tun ist er „nicht mehr überzeugt“. Sein Vorschlag: Weiter lockern, auch Restaurants öffnen lassen, „wenn das Hygienekonzept stimmt“. Parallel dazu ein regionales Vorgehen: Warum wird in Leverkusen ein Hotel geschlossen, wenn es in Passau Fälle gibt?

Auch in Armin Laschets Pressemappe findet sich offenbar mancher Text, der den Segen des Kanzleramtes nie bekommen hätte. Etwa der über die Verdopplungszeit und die Reproduktionszahlen, die jeweils längst im grünen Bereich lagen, als der Lockdown beschlossen wurde. Dann hätten die Drostens (Laschet sagte „Virologen“) vorhergesagt, über Ostern käme der Peak der Ansteckungs- oder Todeszahlen – und nichts war‘s. Drosten-Konkurrent-Kekulé widerrufe sich selbst. In NRW seien 40% der Intensivkapazitäten ungenutzt, und er werde nun empfehlen, dringende, verschobene Operationen wieder anzugehen. Armin Laschet hat offensichtlich wirklich „so viel Zuspruch wie noch nie in meinem politischen Leben“ bekommen wegen seiner Lockerungspolitik, dass er selbst vor Dr. Angela Merkel keine Angst mehr hat.

„Wir sind vor das deutsche Volk getreten…“, sagte er pathetisch, dass wir den Rest des Satzes vor Schreck nicht mehr mitgeschrieben haben. Donnerwetter! Das hat lange niemand mehr so schön gesagt.

Karl Lauterbach hat mehr Dinge studiert als das ganze SPD-Bundeskabinett zusammen, aber kommt dennoch zu dem Schluss, „wir hatten zu 80% Glück“, dass wir so glimpflich davongekommen sind. Während er eine Reihe Virologen, Epidemiologen und andere Logenbrüder aufzählt, die alle seiner Meinung seien, dass die Öffnung zu früh sei, bleiben seine Begründungen reine Spekulation. Zum Beispiel, wenn er sagt, in den USA seien 80% aller Beatmeten gestorben („ich habe da gute Kontakte“), dann ist ihm wohl nicht geläufig, dass viele auch wegen der Beatmung sterben. Lauterbach setzt nun jedenfalls auf die Angst von einer zweiten Welle, die auch Drosten und Co. propagieren.

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Jetzt aber. Der lange in Talkshows vermisste Sachverstand der grünen Verbots-(Schwester-)Partei. Annalena Baerbock (Haus mit Garten, 2 Kinder) geht das täglich neue Aushandeln des Zusammenlebens mit ihren beiden Schratzen offensichtlich gehörig auf die Nerven. Die baldige Öffnung der Kitas und Schulen sind ihr besonderes Anliegen. Gott, könnten denn nicht wenigstens fünf Kinder einmal pro Woche zur Lehrerin gehen?

„Desinfektionsmittel fehlen in den Schulen, die Klos sind defekt, wir müssen da drangehen, mit allem was wir haben!“ fauchte sie Armin Laschet an, aber der blieb ganz gelassen. Er finde das auch bitter, aber „Schulträger sind die Städte und Gemeinden“, belehrte er die Jungpolitikerin, ohne den Zusatz, dass das Schul-Elend in rotgrünen Städten wohl am größten ist. Seine Schulministerin habe eine Million Desinfektionsmittel und Seife organisiert, die sich die Städte auch anonym, ohne Gesichtsverlust, sichern könnten. Auch die überforderten Gesundheitsämter stünden in städtischer Trägerschaft, da sei besonders stark gekürzt worden.

Da lenkte Baerbock schnell ab zur grünen Pandemie-Wirtschaft, laut der Masken und Schutzausrüstung nunmehr in Deutschland hergestellt werden sollen, sie hatte aber offensichtlich nicht gelesen, dass die Firmen, die das tun, auf der Ware sitzenbleiben, weil Jens Spahn lieber in China ordert.

Und dann ging es zum Sport, wo die Emotionen kochen. Die Bundesliga habe ein Hygienekonzept vorgelegt, so dass ab Mitte Mai die Liga wieder losgehen könne, ohne Publikum, sagte Laschet, der sichtlich stolz war, dass Söder mit an Bord ist. Die Spieler würden vor jedem Spiel getestet, und Negative dürfen auflaufen. Da übernahm Baerbock aufgebracht gleich den Part der roten Bruderpartei SPD mit und echauffierte sich, dass die Bundesliga ja wohl „definitiv nicht wirtschaftlich leidet“, und das ginge gar nicht. Sie sei „größter Fußballfan“ (Werder München?), aber „unsere Polizeikräfte“ würden gebunden, wenn Fans vor dem Stadion stünden.

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Eigentlich geht es aber darum: Auch in der Krise sind nicht alle gleich. Weil die BuLi genug Geld hat, kann sie solche Dauertests mühelos durchführen, während Privatleute nicht getestet würden, um etwa ins Büro zu gehen. Nun, sagte der Liberale, er sei dafür, auch Handel, Gewerbe, Gastro zu öffnen, wenn ein vernünftiges Hygienekonzept vorliege. Bei der Neiddebatte wurde es jedenfalls laut, und auch unsere Couchnachbarin schimpfte was von Lamborghinis und Ungerechtigkeit, so dass wir schnell zum Schluss kommen wollen.

Karl „ohne Fliege“ Lauterbach kannte die meisten Virologen, die aber auch nicht unbedingt Recht haben müssen, letztendlich hatten wir ja Glück gehabt, nicht Know How (seine Worte). Außerdem weiß er, dass wir nicht genügend Masken haben (trotz Pflicht), zwei Millionen Tests pro Woche machen müssten (?) und eine Corona-Tracing-App das Wichtigste sei. Armin Laschet glaubt seinen Virologen, und die App, von ihm aus, da wartet er aber mit der Kanzlerin auf eine europäische Lösung (oje). Annalena Baerbock träumt von einer Pandemie-Zentrale, die alle Maßnahmen steuert wie in China und setzt auf eine Pandemiewirtschaft, weil ja schon die Energie-Planwirtschaft so erfolgreich ist. Christian Lindner hat sich entschieden, wieder in die Opposition zu gehen, und fordert von der Regierung mehr Transparenz, denn für die Einschränkung der Freiheit liege die Beweislast beim Staat.

In der nächsten Woche lesen Sie dann, was unsere Volksvertreter und Journos zu den Fantastilliarden sagen, die das Navigieren im Nebel ohne Steuermann bis jetzt schon gekostet hat.


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