Tichys Einblick
Dem Zweifel einen Raum geben

Der Nachrichtenforscher

In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten, sagt ein bewährter Rechtsgrundsatz. Zum guten Journalisten gehört die Ethik des Zweifels; BMU gab dem Zweifel einen Raum, später sogar einen ganzen Sender, den »Kontrafunk«. Ein Gegengewicht zum Moralblei auf der Diskurswaage, den sogenannten Narrativen. Von Uwe Tellkamp

Die Tausendundeinenachtabteilung gehört zu den öffentlichsten und zugleich verborgensten Organisationen. Sie sendet, funkt, zwitschert kurz und schreibt lang (Artikel, Broschüren, ganze Bücher), empfängt und bildet Meinungen, nimmt Nachrichten aus der Welt auf und gibt sie, aus alt mach neu, in die Welt zurück. Aus der Nacht kommen die Nachrichten, kreisen, Waschgang um Spülgang deutlicher, durch die Zuständigkeiten, sprudeln frisch ans Licht zurück.

Damals, als ich noch dazugehörte (doch wer von uns hört je auf, dazuzugehören?), begegnete ich Burkhard Müller-Ullrich, BMU, wie ich ihn bald nannte, bei »indubio«, dem Podcast der Achse des Guten. Sie befindet sich auf der schwarzen Seite der Tausendundeinenachtabteilung, bei den gebrannten Kindern, den Abweichlern von jenen Kursen, die seit etwa 2015 auf der weißen Seite, der einzig anständigen, erlassen werden.

In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten, sagt ein bewährter Rechtsgrundsatz. Zum guten Journalisten gehört die Ethik des Zweifels; BMU gab dem Zweifel einen Raum, später sogar einen ganzen Sender, den »Kontrafunk«. Ein Gegengewicht zum Moralblei auf der Diskurswaage, den sogenannten Narrativen zu Migration, Trump, Wirtschafts- und Energiewende, Corona, Ukrainekrieg, zur woken Identitätsdebatte mit ihrem Lippenbekenntnis, dem Gendern; der »Kontrafunk« gibt jenen Stimmen einen Ort, die anderswo nicht oder kaum mehr vorkommen. Ein Ort zum Hören und Zuhören, beides nicht mehr häufig im Gesprächswesen öffentlich-rechtlicher und sonstiger Zerrspiegel.

Die Maßeinheit des Verlustes ist die Zeit
Der neue Tellkamp: ein burlesker Roman des wiedervereinigten Deutschlands
BMU kam aus dem alten Deutschlandfunk, der mir seit meiner Kindheit im sogenannten Tal der Ahnungslosen (ohne Westfernsehen) vertraut war. Das Zeitzeichen, das »ta-ta-ta-taa«, danach das im Mittel- oder Langwellenrauschen vorgetragene »Hier ist der Deutschlandfunk mit den Nachrichten« drang durch die Wohnzimmer, in denen die Insassen über die Radios gebeugt hockten, manche sogar unterm Tuch, wie es im Dritten Reich die Eltern der Insassen beim Hören der BBC getan hatten.

Der alte Deutschlandfunk, das waren ausdauernde, ins Wesentliche vordringende Gespräche, Informationssendungen, verläßliche Nachrichten – die fehlende Seite der uns zugänglichen Informationen. Die guten Gründe für den Zweifel, diesem lebensnotwendigen Bestandteil des guten Journalismus.

Seit 2015 scheint es ihn in unseren sogenannten Qualitätsmedien immer seltener zu geben; in der Flüchtlingskrise triumphierten die Gewißheiten, man konnte endlich wieder einmal, schien mir, heil- und erlösungssüchtig hinter einer Fahne herlaufen, einer für das Richtige zumal, wie es wohl das tiefste Bedürfnis unserer von Angstgier geplagten, der Demokratie, wenn sie der guten Sache im Wege steht, überdrüssigen Meinungswirtschaft ist.  Wie rasch sie wieder da waren, die hehren Worte, der Rausch der Euphorie gepaart mit dem des Hasses, das Sag mir, wo du stehst, die Wonne der Zweifellosigkeit, die altbekannte totalitäre Fratze.

Phänomen "Schweigespirale"
Zwischen Wahrheit und Propaganda – Demokratie in Gefahr
Vom Deutschlandfunk, der wichtig war, sind BMU und seine Stimme geblieben. Zurückhaltend, um Ausgewogenheit bemüht, angenehm, hörbar rundfunkerfahren, eine Stimme, die den Verlockungen und den Bequemlichkeiten, die dem Gespräch innewohnen, nicht nachgibt, die, abgeneigt den Sprachstücken aus der Stanze und Sonderangeboten der Wortsaison, nach der elegant treffenden Formulierung sucht. Ein Perfektionist und Skeptiker, der an der Verkommenheit seines Berufsstands zu leiden, manchmal zu verzweifeln scheint, an der Dummheit, Eilfertigkeit, Schluderei, am schieren Unfug, der tagtäglich geschrieben und gesendet wird, was nicht nur eine Folge von Zeit- und finanziellem Druck, sondern auch eine mangelnder Achtung ist: vor dem Menschen, über den man etwas bringt, vor der Möglichkeit, sich zu irren, vor der Verantwortung gegenüber der Wahrheit und dem Anspruch, wenigstens danach zu suchen. Journalisten wirken ja durchaus in die Politik – im vorliegenden Buch werden Sie einige Beispiele finden, die von übler Meinung zu übler Handlung wurden.

Medienmärchen. Er geht ihnen nach in der Tausendundeinenachtabteilung, ein Aufklärer und Wißbegieriger, der seine Lampe an die Skandale und Lügen hebt und im Gewirk des allerneuesten Humbugs uralte Erzählmuster vorschimmern sieht. Im Grunde ändert sich nichts. Das könnte melancholisch stimmen, ist aber auch beruhigend; das angeblich Niedagewesene ist eben doch schon dagewesen. Ewiger Kreislauf. BMU betrachtet ihn mit Humor: dem grimmigen des Moralisten, der das, was er liebt, verelenden sieht und sich dagegen wehrt, dem stoischen eines Quichotte, der Grund zur Hoffnung hat, daß seine Windmühlenkämpfe womöglich doch nicht ganz vergeblich sind.

Sein Humor hat auf den Leser auch eine heilende Wirkung. Man lacht über all den wiederkehrenden Unsinn, den bodenlosen, leider oft auch gefährlichen und bösartigen Quatsch – und all das, was einen in der Gegenwart bedrückt, was einem als undurchdringlich erscheint, ordnet sich ein, wird erträglicher.

Den Deutschlandfunk höre ich kaum noch. Den Kontrafunk des zum Humor, zur Freiheit, Verantwortung, zur Noblesse begabten Wahrheitszweiflers BMU täglich.

Vorwort von Uwe Tellkamp zu:
Burkhard Müller-Ullrich, Medienmärchen. Gesinnungstäter im Journalismus – eine Wiedervorlage. Edition EXIL im Buchhaus Loschwitz, Klappenbroschur, 192 Seiten, 19,00 €.


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