Tichys Einblick
Fallzahlen: Der Trend dreht sich um

Corona-Update zum Morgen des 2. April: Krankenhäuser basteln sich Schutzausrüstung

Die Geschwindigkeit der Neuinfektionen steigt wieder. In Brandenburg ist Schutzausrüstung so knapp, dass ein Krankenhaus zur Spende von Folie und Einweg-Regenmänteln aufruft. China fälscht seine Zahlen und in Turkmenistan ist der Coronavirus illegal. Wie wird überhaupt auf Corona getestet - kleiner Ratgeber.

imago images / Michael Weber
Der Trend der letzten Tage, dass der prozentuale Zuwachs an Neu-Meldungen in den drei Hotspot-Bundesländern Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern abnimmt, hat sich umgekehrt. Eine Erklärung dafür ist nicht direkt ersichtlich. Auch ist der absolute Anstieg in den drei Bundesländern mit 3.060 neuen Fällen der bisher höchste.

Ein Blick auf die Fallzahlenentwicklung in den Ländern legt nahe, dass der erneute Anstieg der Zuwachszahlen auf Hamburg zurück geht. Mit 132,3 gemeldeten Fällen pro hunderttausend Einwohnern führt Hamburg nach wie vor die Statistik an, doch Baden-Württemberg und Bayern sind mit 131,6 und 131,1 Fällen/HT nicht mehr weit davon entfernt, die Hansestadt zu überholen.

Im Saarland steigen die Fallzahlen weiter mit einer beunruhigenden Geschwindigkeit an. Damit kann es bald der „Führungsgruppe“ von Hamburg, Baden-Württemberg und Bayern zugerechnet werden. Es sind dort mittlerweile 108,3 Fälle/HT gemeldet.

Deutschlandweit sind nun durchschnittlich 87,1 Fälle/HT gemeldet, gestern waren es noch 80,1 Fälle/HT.

Die Zahl der als erkrankt Gemeldeten stieg laut Länderinformationen von 66.757 auf 72.548 an (Stand 01. April: 20:30). Die Johns Hopkins Universität meldete einen Anstieg von 68.180 Fällen auf 76.544 Fälle (Stand 01. April, 21:30).

Insgesamt sind 845 mit Corona infizierte Personen verstorben. Das sind 1,16% der als infiziert Gemeldeten.

Folgephänomene: Corona und die Politik

Den Oberhavel Kliniken in Brandenburg, nur wenige Kilometer außerhalb der Tore von Berlin, droht die Schutzausrüstung auszugehen. Daher ist auf ihrer Website folgender Hinweis zu finden:

„Verfügen Sie vielleicht über geeignete Materialien (Folie, Einweg-Regenmäntel etc.), die Sie uns zur Fertigung von Schutzkleidung zur Verfügung stellen könnten? Vielleicht gibt es in Ihrem Unternehmen auch ein Depot an Schutzkleidung oder Ausrüstung, das Sie im Moment nicht benötigen?“

In einem der besten Gesundheitssysteme der Welt ist Schutzausrüstung also so knapp, dass sich die Kliniken selbst welche basteln müssen.

Bloomberg berichtet von geheimen Berichten der U.S. Geheimdienste, derzufolge die chinesische Regierung die Fallzahlen in der Provinz Wuhan gefälscht habe, ebenso die Zahl der Todesfälle. Andere Quellen werfen auch Iran, Russland und Indonesien vor, ihre Fallzahlen mindestens herunter zu spielen, wenn nicht sogar zu manipulieren. Nord-Korea meldet keinen einzigen Corona-Fall.

Das Bundesministerium für Gesundheit meldete gestern, am 1. April, dass nun keine Flüge aus dem Iran mehr in Deutschland landen dürften. Man könnte es für einen merkwürdigen April-Scherz halten, wenn nicht Gesundheitsminister Jens Spahn dazu auf Twitter ebenfalls eine Meldung veröffentlicht hätte. Bisher sah man wohl einen Einkaufsbummel als höchst gefährliche Aktivität an, nicht aber die Einreise aus einem Hochrisikogebiet.

Die Republik China (gemeinhin als Taiwan bekannt) schickt nun auch Hilfsgüter nach Europa:

Trotz Taiwans Erfolge im Kampf gegen das Coronavirus, ist es aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgeschlossen, denn die Volksrepublik China übt massiven Druck aus, um den Inselstaat draußen zu halten. Auf die Frage einer Reporterin, ob Taiwan in die WHO aufgenommen werden könnte, reagierte ein Mitarbeiter der WHO mit vorgetäuschten Verbindungsstörungen und schließlich damit, einfach aufzulegen. Besonders pikant: Der WHO-Mann Bruce Aylward führte das WHO-Eingreif-Team während der Corona-Pandemie in China. Kurz nach dem Interview wurde seine Biographie von der Website der WHO entfernt – bei der WHO wendet man im Social Distancing stalinistische Methoden an.

In Turkmenistan wird verhaftet, wer mit einem Mundschutz auf der Straße unterwegs ist oder über das Coronavirus spricht, das berichtet Reporter Ohne Grenzen. Auch in offiziellen Dokumenten des Gesundheitsministeriums wird das Coronavirus nicht erwähnt, Hinweise wurden sogar nachträglich wieder entfernt. Turkmenistan ist eines der repressivsten Regime der Welt.

Hintergrund: Testen aber wie?

Gestern wurde hier aus einem vertraulichen Papier des Bundesinnenministeriums zitiert. Dort wurde zur Vermeidung des „Worst Case“ Szenarios, welches 1,2 Millionen Tote und einen totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch skizzierte, folgende Strategie formuliert:

„Die einzige gangbare Möglichkeit dürfte daher die Einrichtung einer zweistufigen Strategie sein: Sie erfordert (i) die schnellstmöglich umgesetzte, strikte Unterdrückung der Neuansteckungen setzt, bis die Reproduktionsrate in der Nähe von 1 ist, und (ii) schließt ein umfassendes und konsequentes System des individuellen Testens und Isolierens der identifizierten Fälle an. […] Es wäre natürlich am besten, könnte man diese zweite Stufe sofort einleiten und so volkswirtschaftliche Verluste vermeiden. Aber das ist nicht möglich, die Testkapazitäten müssen erst aufgebaut werden. So lange das nicht geschehen ist, bleibt nur der „Holzhammer“ („The Hammer“) der starken sozialen Distanzierung, ungeachtet des genauen Infektionszustands aller Betroffenen.

Die Zeit, die mit dieser ersten Stufe gekauft wird, muss rigoros für die Entwicklung der Teststrategie für die zweite Stufe verknüpft werden.“

An anderer Stelle wird erwähnt:

„Eine Bestimmung der nationalen Testkapazität (Kapazitäten an Tests, med. Personal zur Durchführung, Auswertung) und deren größtmögliche Erhöhung sind überfällig. Dies erlaubt eine mit allen Bürgern geteilte Beobachtung der Ausbreitung und Eindämmung.“

Die weitere Ausweitung der Testkapazitäten für aktuelle Corona-Infizierte ist allerdings leichter gesagt als getan.

In Deutschland werden Corona-Verdachtsfälle mit einem sogenannten Reverse-Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktions-Tests (RT-PCR, „C“ für „Chain“ in „Chainreaktion“) überprüft. Dabei wird untersucht, ob in einer Probe bestimmte, für das gesuchte Virus einzigartige Gensequenzen (in Form von RNA) vorkommen. Es wird also gezielt nach dem Virus SARS-CoV-2 gesucht. RT-PCR-Tests werden auch zum Nachweisen einer HIV-Infektion genutzt, andere Formen von Polymerase Kettenreaktions-Tests können nicht nur zum Erkennen von Viruserkrankungen eingesetzt werden, sondern finden auch bei Vaterschaftstests und Untersuchungen auf Erbkrankheiten Anwendung. Sie gelten als sehr genau und können selbst geringe Mengen an Viren in der Probe mit großer Verlässlichkeit identifizieren. Zu falschen Positiven kommt es (unter Ausschluss von Durchführungs-Fehlern wie Kreuzkontaminierungen von Proben) sehr selten. Das Problem ist, dass das RT-PCR Verfahren viel Zeit und spezialisiertes Laborpersonal benötigt: Allein die Durchführung des Tests kann gut 5 Stunden dauern – und bevor getestet werden kann, muss die von einem Arzt entnommene Probe zum Labor gebracht werden. In Deutschland wurden die Kapazitäten für solche Tests schon massiv ausgebaut und laut Bundesgesundheitsministerium können in Deutschland circa 500.000 Tests pro Woche durchgeführt werden: Tendenz steigend. Allerdings steigt auch der Bedarf nach Tests kontinuierlich, was auch der Grund ist, warum die Kriterien wer überhaupt getestet wird, stark eingegrenzt wurden. Außerdem wiederholt sich hier auch die Problematik der fehlenden Schutzausrüstung, mit der sich Krankenhäuser momentan konfrontiert sehen: Test-kits für Abstriche, Chemikalien für Tests und Maschinen, um Testkapazitäten weiter zu vergrößern, gehen laut ARD Informationen angesichts des weltweit rasant steigenden Bedarfs zur Neige.

Vereinzelt wurde vorgeschlagen, Labore der Tiermedizin zum Testen von coronaverdächtigen Proben heranzuziehen. Dieser Vorstoß erweist sich jedoch aus gleich zwei Gründen als problematisch. Zum einen fehlen diesen Laboren die Zulassungen, um mit menschlichen Krankheitserregern umgehen zu dürfen. Zum andern fehlt in diesen Laboren laut Laborärzteverband „das gesamte Know-how des Patientenmanagements und dem damit verbundenen Schutz der persönlichen Daten“. Da haben die Laborärzte selbstverständlich recht. Eine Ausweitung der Testkapazität ist natürlich nichts im Vergleich zu der Gefahr, die durch ein Ungeschick im Datenschutz ausgelöst wird.

Bosch Healthcare Solutions, das auf Medizintechnik spezialisierte Tochterunternehmen der Bosch GmbH, verkündete schon am 26. März, einen RT-PCR Schnelltest entwickelt zu haben, der innerhalb von 2,5 Stunden Ergebnisse liefert und ganz ohne ein Labor und speziell ausgebildetes Personal auskommt. Die Probe wird einfach in eine vorbereitete Kartusche gelegt, die Kartusche wird in eine Analyse-Maschine eingeführt und die Maschine erledigt alles selbst. Auf der Verkaufswebsite erklären vier einfache Piktogramme, wie der Test durchzuführen ist. Anders als bei klassischen Labor-Tests kann der Test auch gleich an Ort und Stelle durchgeführt werden, ein Transport der Proben zum nächsten Labor entfällt.

Theoretisch kann ein Analysegerät 24 Stunden lang laufen, es braucht nur jemanden, der in die Bedienung eingewiesen ist. Macht fast 10 Tests am Tag, die ausgewertet werden können: Und gerade das ist das Problem. Während der Bosch-Schnelltest individuelle Tests schnell auswertet, skaliert er nicht gut. Der reguläre RT-PCR Labor-Test braucht fünf Stunden und spezialisiertes Personal, doch jedes Labor kann hunderte Tests gleichzeitig durchführen. Bis die Bosch Maschinen also die bisherigen Testkapazitäten ersetzen können, müssen gut 4.285 Maschinen angeschafft werden, die 24 Stunden am Tag ohne nennenswerte Unterbrechung laufen. Die Geräte samt Kartuschen sollen allerdings erst diesen Monat auf den Markt kommen. Wie schnell kann Bosch die Produktion einer brandneuen Maschine hochfahren, ohne dass die Testqualität leidet?

Der Pharmakonzern Abbott kündigte ein ähnliches Produkt an. Laut Times, wurde der von Abbott entwickelte Corona-Schnelltest, der sich ebenfalls des RT-PCR Verfahrens bedient, im Rahmen eines Notfallverfahrens des amerikanischen Center for Disease Control (CDC) für die Nutzung außerordentlich freigegeben – eine reguläre Zulassung steht noch aus . Auch hier ist kein spezialisiertes Personal notwendig, ein negatives Testergebnis wird innerhalb von 13 Minuten verfügbar, positive Testergebnisse brauchen bei hoher Virenbelastung des Patienten sogar nur fünf Minuten. Abbott will für den amerikanischen Markt 50.000 Testkartuschen am Tag herstellen. Anders als bei Bosch sind die Maschinen von Abbott zumindest schon länger erhältlich, aber auch keineswegs weit verbreitet.

Eine großflächige Einführung solcher „Kartuschentests“ wird also noch einige Zeit dauern und kann selbst im Idealfall die jetzigen Labore nur teilweise entlasten.

Der Fernsehsender China Global Television Network (CGTN) – ein von der chinesischen Regierung betriebener Auslandssender – verkündete schon im Februar, dass ein Schnelltest entwickelt wurde, der innerhalb einer Viertelstunde Ergebnisse liefert. Anders als der RT-PCR-Test sucht dieser Schnelltest nicht direkt nach Beweisen für SARS-CoV-2. Stattdessen sucht er nach Antikörpern im Blut des Patienten. Antikörper werden von weißen Blutkörperchen zum Kampf gegen Krankheitserreger und Fremdstoffe gebildet. Der chinesische Antikörper-Schnelltest sucht also nach der Immunantwort des Körpers auf den SARS-CoV-2 Virus.

Das Problem bei Antikörper-Schnelltests ist, dass Antikörper oft erst ein bis zwei Wochen nach Auftreten der Erkrankung nachweisbar sind; zu diesem Zeitpunkt war der Patient aber schon lange hochinfektiös. Auch ist noch nicht ganz klar, inwieweit frühere Erkrankungen mit anderen Coronaviren das Ergebnis eines Antikörper-Test verfälschen können.

Bei den chinesischen Schnelltests kommt noch ein Problem dazu: die Qualität. In Tschechien sollen die Tests bis zu 80% falsche Ergebnisse geliefert haben, in Spanien 70%.

Antikörper-Schnelltests werden auch außerhalb Chinas entwickelt und hergestellt. Doch aufgrund der oben beschriebenen Problematik, dass Antikörper erst spät nachweisbar sind, können sie das bisherige Testverfahren für die Bestimmung eines aktiven Corona-Falls nicht ersetzen. Sie könnten allerdings Anwendung in der Bestimmung vergangener Corona-Fälle finden, um zu bestimmen ob eine Person in der Vergangenheit mit SARS-CoV-2 infiziert war – denn Antikörper bleiben auch nach Ende der Infektion lange im Blut. Damit kann dann die Dunkelziffer der Infizierten mit geringen Symptomen ermittelt werden und ob jemand schon eine Immunität entwickelt hat. Gegen Ende der Kontaktsperren können diese Immunen dann zu allererst wieder an die Arbeit gehen – denn eine Gefahr der Reinfektion besteht (nach momentanem Erkenntnisstand) nicht.

Im Interview mit der Zeit erwähnte der Virologe Chirstian Drosten die Möglichkeit eines Antigen-Selbsttests. Ein solcher Test sucht ganz speziell nach für den Virus einzigartigen Eiweißgruppen im Blut des Patienten. Antigentests versprechen wenige Fehler und simple Anwendung. Zur Zeit sind solche Produkte allerdings noch nicht verfügbar und werden wohl noch einige Zeit brauchen, um entwickelt zu werden.