Stellenabbau bei VW – Deutschland auf dem Weg zur Pizza-Wirtschaft

Nicht nur bei VW, sondern in der gesamten Hochleistungswirtschaft werden gutbezahlte Stellen gestrichen. Das derzeitige Beschäftigungswunder ersetzt Autobauer durch Pizzaboten. Das wird am Ende niemandem schmecken.

© Sean Gallup/Getty Images
VW wird 5.000 bis 7.000 Stellen abbauen. Klar, das Unternehmen steht unter Druck; es soll anspruchslose Elektroautos bauen statt komplexer Verbrenner. Billig-Büchsen um teure Batterien herum aus Asien – so was geht auch mit weniger Leuten. Die seltsamen neuen Zulassungstests haben dazu geführt, dass an sich fertige PKWs auf Halde produziert wurden und auf riesigen Parkplätzen vor sich hingammeln – das kostet mindestens 1 Milliarde. Insider schätzen laut Nachrichtenagentur Reuters sogar 3,6 Milliarden, und das dürfte wohl eher hinkommen: Wer kauft schon zum Vollpreis ein Auto von der Gammel-Halde? Zum Listenpreis jedenfalls nicht.

Der Betriebsrat schimpft auf das Management,  wie es seine Aufgabe ist und verschweigt, dass VW das Musterbeispiel von Co-Management ist: Nichts läuft bei VW ohne Betriebsrat, Gewerkschaft und die Vertreter des Landes Niedersachsen mit einer gesetzlich trickreich verankerten Sperrminorität – damit ist VW ein Zwitter zwischen Staatsunternehmen, gewerkschaftlicher Selbstverwaltung und Privatwirtschaft.

Der Chefredakteur der Börsen-Zeitung, Claus Döring, hat in einem vielbeachteten Beitrag darauf hingewiesen, dass genau diese Verflechtung VW zu langsam, zu träge und zu anfällig für Betrügereien bis hin zum Diesel-Gate macht: Too Big to Fail, too conected to fail.

Wie für jeden Staatskonzern zählen bei VW Größe, Köpfe, ein Maximum an Selbermachen und nicht Wirtschaftlichkeit. Und am Ende steht der Steuerzahler dafür gerade.

Flächendeckender Stellenabbau

Das wird auch dieses Mal nicht anders sein. Der Betriebsrat verweist auf die „Beschäftigungsgarantie“ bis 2025 oder teilweise 2028. Der zusätzlich Abbau soll sich offenbar auf die deutschen Standorte konzentrieren und hier auf die Verwaltung. Zudem sollen im laufenden Programm bis 2020 bereits 23.000 Stellen in Deutschland wegfallen.

VW verspricht, dass die Stellen größtenteils über Altersteilzeit abgebaut würden -„entlang der demografischen Kurve“, wie man das im Konzern nennt. Das bedeutet: Überflüssige Arbeitskräfte wandern in die Rente. Ob das nach 2020 noch einmal für tausende Stellen möglich wäre, ist unklar; der Umbau geht schneller als die Früh-Verrentung von Facharbeitern.  Also alles sozialverträglich, und damit alles paletti?

Keineswegs. VW ist ja nicht allein, auch viele andere große Unternehmen entlassen Mitarbeiter: Der Chemieriese Bayer, der Pharmakonzern Sanofi, die Autokonzerne VW, Opel und Ford, Bosch, der Mittelständler Vorwerk. Der Zulieferer Schaeffler will ganze Werke schließen, RWE ist dabei und T-Systems, und Siemens natürlich, notorisch auf dem Rückzug aus allem, was einst das Unternehmen groß gemacht hat. Und bei AUDI rumort es. Nur eines ist gewiß: Abbau.

Bei Airbus könnten es mindestens 1.000 werden, und so häufen sich die Ankündigungen von Stellenabbauplänen in der Industrie. Im Dienstleistungsbereich entlassen die Deutsche Bank, Deutsche Börse, Kaufhof und HSH Nordbank im großen Stil; selbst IKEA zeigt sein unfreundliches Gesicht und wirft Leute raus. Das ist mehr als der notwendige Strukturwandel oder die Krise einer Branche. Es ist ein Strukturbruch:

Deutschland verliert genau jene Jobs, die es braucht, um den Sozialstaat am Laufen zu halten. Aufschrei gibt es keinen. Nach wie vor suhlt sich die Politik im Rausch der Rekorde am Arbeitsmarkt, denn noch nie gab es so viele Beschäftigte. Und angeblich fehlen überall die Facharbeiter. Auf dem Papier. Denn es ist ein falscher Triumph. Denn Job ist nicht gleich Job, und die graue Salbe der Sozialverträglichkeit hat höchst gefährliche Nebenwirkungen.

Das Gift der weißen Salbe

In keiner Pressemitteilung fehlt sinngemäß der Passus vom „sozialverträglichen Abbau“. Aber was bedeutet „sozialverträglich“? Es ist weiße Salbe. Nette Worte, die das Problem verdecken sollen.

Bei Kündigung durch den Arbeitnehmer wird dessen Stelle nicht mehr neu besetzt; wer in Rente geht, wird nicht durch einen Jüngern ersetzt, die Personalabteilungen werben für vorzeitigen Renteneintritt. Andere werden mit Vorruhestandsregelung und häufig mit hohen Abfindungen zur Aufgabe ihrer Jobs verführt. Das ist vorteilhaft für die Beschäftigten und es soll nicht kritisiert werden, auch wenn es dann meist doch härter zugeht: Zeit- und Leiharbeiter werden gekündigt, das ist ja aus Arbeitgebersicht auch Sinn dieser Beschäftigungsform: Soll die Leiharbeitsfirma sich um ihre Beschäftigten kümmern und sie notfalls aufs Amt schicken! Das wirkt dann nicht so spektakulär wie die Meldungen vom „Stellenabbau bei XY“. Für die Betroffenen ist diese Art der „Sozialverträglichkeit” dann schon nicht mehr „sozial“ sondern ein harter Bruch in der Erwerbsbiographie mit gravierenden Folgen und Einkommensverlusten. Das wohlklingende Wort „sozialverträglich“ wird zur Floskel, zur Beschönigungsformel.

Aber welche Form für den Einzelnen mehr oder weniger „sozialverträglich“ gefunden wird, so bleibt eine Tatsache wirklich unerträglich: Die Jobs sind weg. Und mit den Jobs, die verschwinden, verdunsten Steuerzahlungen, Beitragsleistungen, und Zukunftschancen für die Jüngeren. Die Einkommen der Arbeitsplatz-Verlierer werden nicht mehr von ihnen selbst erwirtschaftet, sondern von der Solidargemeinschaft der Sozialversicherten, von Renten- und Arbeitslosenversicherung geleistet. Die mehr oder weniger erzwungene Freizeit für die „sozialverträglich Abgebauten“ wird von denen finanziert, die noch arbeiten, und das sind zukünftig leider immer weniger.
Noch ist Deutschland ein Beschäftigungs-Wunderland – auf den ersten Blick. Aber Tatsache ist auch, dass die meisten Jobs in Billigbranchen entstehen, bei Paketdiensten, im Billig-Service bis zum Pizzadienst.

Auf dem Weg in die Pizza-Wirtschaft

Das Wirtschaftswachstum ist auf Null geschrumpft, aber die Beschäftigung bleibt stabil? Die Formel geht nur auf, weil für wegfallende produktive Jobs zusätzliche Billigjobs entstehen. Dort gibt es kaum Produktivitätssteigerung wie in der Industrie.

Job ist nicht gleich Job: Auch wenn jetzt der Mindestlohn erhöht wird – es braucht fünf solcher Billig-Jobs, um die Lohnsumme zu erwirtschaften, die in der bisherigen Hochleistungswirtschaft wie in der Auto-, Chemie- oder Maschinenbauindustrie bisher von einem verdient wurden. Und während die Hochlöhner rund 50 Prozent ihres Einkommens an Abgaben abdrücken – aus den Billigjobs entstehen kaum Einnahmen für Staat und Sozialkassen.

Die Grünen in Berlin in Hamburg träumen davon, den Lieferverkehr auf Lastentaxis umzustellen; in München und Frankfurt oder Hamburg lassen sich Touristen aus China per Fahrrad-Rischka durch die Stadt radeln. Früher galten Schuhputzer und Fahrrad-Rischkas als Merkmale heruntergewirtschafteter Dritte-Welt-Länder. Heute sind sie Leitbild einer Politik, die völlig vergessen hat, woher der Wohlstand kommt: Die strammen Waden strampelnder Pizzaboten werden dafür nicht reichen.

Deutschland unter Merkel wird in rasantem Tempo umgebaut – hin zum Billiglohnland, das aber sozialverträglich. Wenigstens vorübergehend. Jedenfalls für die, die noch die Verträge von gestern haben und sich diese auszahlen lassen können. Die Weichen sind dafür gestellt, dass sich das beschleunigt: Ungelernte Zuwanderer ersetzen Fachkräfte, viele hochbezahlte Arbeitsplätze wandern aus. Die Schere öffnet sich immer weiter. Was noch fehlt sind die Schuhputzer. Natürlich nur zum Mindestlohn, da achtet die SPD schon drauf, und gewerkschaftlich organisiert. Oder sind sie schon unterwegs?

Ein kritischer Blick auf den „Migrationsbericht“ der Bundesregierung bestätigt das: Deutschland erlebt einen Boom der Armutszuwanderung meist unausgebildeter, kaum in eine moderne Hochleistungswirtschaft integrierbarer Leue – und verliert zunehmend Fachkräfte: Bei 9.000 neu ausgebildeten Ärzten wandern bereits 2000 ab.

Eigentlich sollte es andersherum gehen. Deutschland braucht wegen der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung Top-Jobs mit hohen Löhnen, damit die immer weniger werdenden Beschäftigten die Lasten der Altersversorgung noch tragen können. Wenn VW davon spricht, das geschehe entlang der „demographischen Linie“ dann ist das Zynismus. Wie sollen immer weniger Steuer- und Beitragszahler die Daten finanzieren für Ältere und Millionen von Zuwanderrern, die, wenn überhaupt, nur Billigjobs finden? Immer weniger Hineinzahler sollen für immer mehr Herausnehmer arbeiten. Das kann nicht gutgehen.

Die Politik wirkt genau in die andere Richtung: Sie wirft mit immer neuen Sozialleistungen um sich, die nicht finanzierbar sind. Es ist das Geheimnis der sozialdemokratisierten Wirtschaftspolitik der GroKo, wie die Rechnung aufgehen soll, wenn von immer weniger Leistungsträgern immer mehr abkassiert werden soll. Der Pizzabote bringt Pizza, aber keine Rente. Die wirtschaftsblinde GroKo erleichtert zudem den angeblich „sozialverträglichen“ Übergang in die altersbedingte Arbeitslosigkeit und ersetzt gutbezahlte Top-Jobs durch Mindestlöhner. Der Beschäftigungsabbau und Umbau zum Niedriglohnsektor wird als „sozial“ dargestellt. Pizzaboten statt Autobauer? Jobs für Analphabeten als Schuhputzer statt für IT-Spezialisten? Es ist ein Irrweg.

Das derzeitige Beschäftigungswunder ist keines. Es ist eine Falle.

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Kommentare ( 219 )

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Über dieses Thema diskutiere ich mit meinem Partner auch immer wieder. Unser Plan ist nach Österreich zu ziehen sobald er mit seinem Jurastudium fertig ist.
Wenn alle Babyboomer in Rente sind, bricht hier wahrscheinlich alles zusammen bzw m Armut aus weil einfach nicht mehr genug Geld da ist. Weder für Politiker noch für Beamte, Studenten, Rentner oder Hartz 4 Empfänger. Woher auch?
Mich wundert nur, was sich die Wähler von CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke und FDP bei ihrer Wahl denken. Wissen sie es nicht oder wollen sie es nicht wissen?

Der Gedanke klingt gut, jedoch wird es auch Österreich bei einem Crash mit runter ziehen, die Verzahnungen zu Schland sind viel zu eng. Somit wird auch das Sozialsystem in Österreich kollabieren und ihre Wehen hinterlassen. Ich würde wenn dann fast noch weiter östlich gehen. Wobei Kanzler Kurz die Zeichen der Zeit erkannt hat. Ob es reicht, ich bin skeptisch.

Meinen Sie mit weiter östlich Osteuropa? Problem ist, dass wir die Sprache nicht können und Neuseeland oder Australien ist uns zu weit.

Über diese Thema sprachen wir gestern Abend am Rande einer Geburtstagsfeier auch,sind doch einige der Familie oder deren Partner bei Zulieferern beschäftigt. Ich habe es „gut“,bin im Ruhestand,brauche mir um eine Anstellung keine Sorgen machen,aber ist das die Wirklichkeit? Ich würde sagen : ein wenig,denn ohne gut bezahlte Arbeit im Land werden auch die Sicherungssysteme Federn lassen,oder bringt der Pizzabote oder Hermesfahrer die benötigten Beiträge? Ein komisches Gefühl für die „jungen“Leute müsste sie doch zum Umdenken bringen und von der Wahl dieser „Weltverbesserer“ und Wirtschaftszerstörer abbringen,oder glauben die etwa sie würden von den rotgrünlinken unterhalten wenn die Arbeitsplätze erst einmal… Mehr
Um Ihre Frage zu beantworten, ob die jungen Leute es nicht merken, dass Ihnen die Zukunft geraubt wird: Nein, eine große Mehrheit merkt es nicht bzw. sie wird es erst merken, wenn es ernst wird. Sie werden in den Schulen systematisch indoktriniert und ich rede in meinem Fall von einem bayerischen Gymnasium, die ja noch als relativ gut gelten. Die Schüler gehen am Freitag zum Greta-Streik. Dafür bekommen sie von der Bio-Lehrerin offiziell eine Rüge, gleichzeitig stimmt die Dame ihnen, heimlich, aber doch öffentlich zu. Am Samstag fahren dieselben Schüler zum Marken-Klamotten-Kaufen ins nächste Einkaufszentrum und können nicht verstehen, dass… Mehr
Sie schreiben mir aus dem Herzen . Nur viele in der Politik verstehen das nicht. Meine Familie ist ebenfalls in der Automobilbranche tätig. Man muss mal überlegen wieviel Menschen direkt und indirekt ihr Geld mit Autos verdienen. Nun kommt die Politik und schürt ein Packet nach dem anderen ( Fahrverbot , CO2 Reduzieren usw. ) und das in einer Zeit in der das gar nicht zu schaffen ist. Klar es gab den Dieselskandal aber was gab es schon bei den Lebensmitteln oder Medikamente für Skandale . Es wird bei den Grünen für E-Autos Werbung gemacht obwohl jeder weiß, Stand Technik… Mehr
Sie fragen, ob diese Leute glauben, daß die grünlinken Träumereien funktionieren. Ich denke, ja, die glauben das wirklich. Wo sich solche Spinner früher zusammen in eine Landkommune zurückzogen, meinen sie heute, daß die ganze Welt nach diesem Landkommunenkonzept funktionieren kann. Von wirtschaftlichen Zusammenhängen haben diese Leute ja keine Ahnung, das ist in Deutschland i.d.R. nicht gerade eine Kernkompetenz der Menschen. Hier kommt der Strom aus der Steckdose und das Geld vom Staat. Jetzt ist der ganze Staat eben eine einzige grüne Landkommune. Wenn dann die ganze Sache schiefgeht, dann werden diese Leute schon Schuldige finden (USA, russische Hacker, usw.). Im… Mehr
Lieber Herr Tichy, ich verstehe zwar den Inhalt Ihres Textes hier (und fast gibt er wörtlich wieder, was ich seit Jahren sage: es werden immer mehr, die etwas aus dem Topf herausnehmen und immer weniger, die etwas hineinlegen), aber die Aufregung darüber – die verstehe ich nicht. Oft schon wurde gefragt (auch hier bei TE), was wohl der eigentliche Hintergrund für die Entscheidung war, Millionen an ** ins Land zu lassen. Genau der von Ihnen dargestellte Sachverhalt ist der Grund. Es sollen viele Billigjobs entstehen, die von den ** und den nicht bis wenig qualifizierten schon-länger-hier-Lebenden ausgeübt werden. Die Anderen… Mehr
Lieber Roland Tichy , mein Sohn und meine Schwiegertochter arbeiten bei VW. Sie haben mit ihren Beitrag recht . Beide verdienen ihr Geld mit der Herstellung von Verbrennungsmotoren im Motorenwerk. Normal könnten sie Kinder bekommen ein Haus bauen . Warum sie das nicht machen ? Weil keiner weiß ob sie in 5 Jahren noch eine Arbeit auf dem jetzigen Lohnniveau haben. Die Politik gerade von den Grünen würde VW ja am liebsten über den Jordan jagen. Früher war es immer möglich ( mit guten Schulabschluss) einen ordentlich bezahlten Job zu finden . Nun kommt nach einem gut bezahlten Industriearbeitsplatz eine… Mehr

Ich finde, man sollte nicht nur wegen finanzieller Unsicherheit auf Kinder verzichten, machen die Migranten doch auch nicht und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Kinder gar nicht so viel Kosten. Manchmal frage ich mich, ob eventuelle finanzielle Engpässe nicht nur eine Ausrede sind weil man eigentlich keine Kinder will.