Wie man Hass und Misstrauen sät

Geht es hart auf hart, können Ayata, Gauland und Kazim einfach nicht aus ihrer Haut, können sie ihre Reflexe des Misstrauens gegenüber denen, die nicht so sind wie sie, nicht kontrollieren. Dann twittern sie eben Amokläufe oder verbreiten diffamierende Unwahrheiten. Zurechnungsfähig oder vertrauenswürdig ist deshalb keiner von den dreien.

Screenshot: Presseclub / Anne Will (ARD)

Einer der derzeit kursierenden Allgemeinplätze, der eindeutig wahr ist, ist die Feststellung, dass es sehr einfach geworden ist, in Deutschland Hass und Misstrauen zu säen. Aber wie funktioniert das eigentlich ganz genau, dieses Aussäen und Schüren von negativen Emotionen und Menschenbildern? Drei Exemplare, die sich dieser Tage dabei mal wieder besonders verewigt haben, sind der stellvertretende AfD-Bundessprecher Alexander Gauland, der Spiegel-Journalist Hasnain Kazim und die Sozialwissenschaftlerin Bilgin Ayata. Das Interessante an ihnen ist: Sie spielen alle drei, ob mit oder ohne Boateng, in derselben Mannschaft, sie wissen es nur nicht.

Alexander Gaulands absichtliche oder unabsichtliche Fehltritte der jüngsten Vergangenheit sind weitläufig bekannt. Dass er keine Aussage darüber gemacht hat, ob er persönlich Boateng als Nachbarn wolle, ist zwar korrekt, aber sein Hin und Her in Sachen Erinnerungslücken und der Videonachweis zum Stichwort „Kanzler-Diktatorin“ bei Anne Will ließen ihn alles andere als in einem seriösen Licht erscheinen. Bilgin Ayata erklärte in derselben Sendung, dass es in Deutschland ganz viel Rassismus gäbe, sogar schon im Begriff „Fremdenfeindlichkeit“, weil dieser „der Fremde“ enthalte – und krönte ihren Auftritt mit der Aussage: „Islamkritik ist eine Verschleierung von rassistischem Denken“. Immer, wenn so etwas im Fernsehen gesagt wird, denkt man, dass man irgendwie nicht wirklich auf diesen Planeten gehört. Hasnain Kazim randalierte auf Twitter mit einer Fahrlässigkeit (oder Ehrlichkeit) wie man sie sonst vielleicht von Beatrix von Storch erwarten würde. Zuerst schrieb er: Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen Deutschland für uns. Ob du willst oder nicht.“ Dann löschte er diesen Text und dann schrieb er, dass er zu jedem Wort stehe. Das nennt man Konsequenz.

Wie aber entstehen aus solchen „suboptimalen“, wie Gerhard Schröder sie nennen würde, medialen Auftritten Hass und Misstrauen? Gaulands wirre Aussagen werden sicherlich den ein oder anderen in seinen Ressentiments gegenüber der ethnischen Zusammensetzung der Nationalmannschaft bestärkt oder zumindest legitimiert haben. Das größte Misstrauen hat er allerdings sehr erfolgreich mit Blick auf seine eigene Partei und deren wahre Ziele und Absichten gesät. Dazu hat er noch eine weitere Runde des wechselseitigen Hasses zwischen AfD-Anhängern und -Gegnern eingeläutet.

Islamkritiker = Rassisten und Muslime = Terroristen sind ein und die selbe Liga

Auch Bilgin Ayata betätigt sich gleich an zwei Fronten, denn indem sie Islamkritiker als Rassisten abstempelt, legitimiert sie einerseits Hass gegen diese, einschließlich den kritischen Muslimen unter ihnen, denn wer hierzulande als Rassist bezeichnet wird, ist bekanntlich so gut wie vogelfrei. Andererseits erzeugt sie Wut und Empörung bei eben denjenigen, die sich bemühen, den Islam tatsächlich differenziert zu betrachten und zu kritisieren, da sie sich zurecht die Einstufung ihrer Kritik als rassistisch verbitten. Schließlich bestätigt sie alle in ihrem Misstrauen, die sowieso schon eine skeptische bis ablehnende Haltung gegenüber der muslimischen Kritikfähigkeit hegten. Wer Islamkritiker mit Rassisten gleichsetzt, spielt eben offensichtlich in derselben Liga wie jemand, der Muslime mit Terroristen gleichsetzt. „Woher kommt denn diese Angst, wer schürt diese Angst?“ fragte Frau Ayata auch noch. Hat sie sich in letzter Zeit mal selbst reden gehört?

Hasnain Kazim tut das seine, damit sich jeder bestätigt fühlt, der rationale oder auch irrationale Ängste vor einer schleichenden Umwälzung der Gesellschaft durch Einwanderung hegt. Kann sein Tweet nicht genauso verstanden werden wie eine, laut Meinung Der Zeit, „rechtsradikale Denkfigur“ von Thilo Sarrazin? Wieder sind es gerade diejenigen, die differenzierte Meinungen zu Themen wie Einwanderung vertreten, denen am ehesten Zweifel daran kommen müssen, ob sie ihre Meinungen tatsächlich bestätigt sehen und aufrechterhalten können. Gibt es sie vielleicht nicht doch, die unterschwellige Agenda, die Toleranz und Demokratie nur temporär als Mittel zum Zweck ausnutzt? Dass auch Kazim Ausländerfeindlichkeit und Rassismus mit Islamkritik gleichsetzt, ironischerweise in einem tiefbetroffenen Kommentar über Sarrazin, passt da wie die Faust aufs Auge.

Was treibt diese drei Akteure dazu, das Vertrauen zwischen Deutschen verschiedener Herkunft und Religion öffentlich zu untergraben? Im Falle Gaulands kann man es immerhin noch relativ leicht nachvollziehen oder zumindest vermuten – er sucht die Stimmen für die AfD eher an den Rändern als in der Mitte, er trägt einen AfD-internen Machtkampf aus und sein Wahlbundesland Brandenburg ist nun wirklich nicht gerade für seine Weltoffenheit verschrien. Eine gnädigere Hypothese wäre die, dass er vielleicht altersbedingt seine Formulierungen nicht so schnell überblickt, wie er sie ausspricht und somit negativen Interpretationen die Tür öffnet, obwohl er es wirklich nicht so gemeint hat. Der Punkt ist der, dass er mit den Folgen, wie einer Verschärfung des ohnehin schon strikten Freund-Feind-Denkens innerhalb und außerhalb der AfD, womöglich sogar gut leben kann.

Für die Fälle Ayata und Kazim haben diese Hypothesen offensichtlich keinen Erklärungsgehalt. Hinter ihnen steht kein besonderes Programm einer Gruppierung oder Partei. Was Ayatas Verhalten darüber hinaus rätselhaft erscheinen lässt, ist der zumindest oberflächliche Eindruck, dass sie keine sonderlich streng praktizierende Muslimin ist – wenn überhaupt. Deshalb muss es widersinnig klingen, wenn ausgerechnet sie bestimmen will, wer welche Kritik am Islam üben darf. Denn wem nützt diese haltlose Kritikverteufelung denn? Doch nur denjenigen, die ihre wachsende Macht und ihren Zulauf darauf bauen, dass ihre Lehre des Islam eben nicht kritisiert und nicht hinterfragt wird, sprich Islamisten, Salafisten und dergleichen.

Aber wenn diese sich Ayatas Kritikverunglimpfung immer stärker zunutze machen, dann werden die Folgen davon zuallererst diejenigen Muslime zu spüren bekommen, die es, wie vermutlich auch Ayata, mit ihrem Glauben gar nicht so ernst halten und auch nicht halten wollen. Ihr westlicher Lebensstil wird dann als erstes unter Beschuss geraten. Sprich, indem sie die Muslime gegen Kritik, oder „Rassismus“, abschirmen, gefährden Ayata und Kazim gerade diejenigen unter ihnen, die sich von ihrer Religion und der aufgezwungenen religiösen Identität emanzipieren wollen.

Sie können nicht anders

Warum aber tun sie das? Warum spielen sie den Feinden eines säkularen, kritikfähigen Islam in die Hände und hetzen Menschen gegeneinander auf, wenn doch beide sehr viel dabei zu verlieren haben? Die wahrscheinlichste Antwort lautet: Sie können nicht anders. Sie mögen zwar sogar in Deutschland geboren sein und das gesamte deutsche Bildungssystem durchlaufen haben, aber leider ist das nicht notwendigerweise genug, um ein Gruppendenken aus ihren Köpfen zu bekommen, das im Englischen so passend „tribalism“ genannt wird.

Sobald beispielsweise ein Nichtmuslim ohne Migrationshintergrund die Muslime oder Einwanderer kritisiert, springt der geistige Identitätsschalter um und die Kritik, auch wenn sie sachlich formuliert und berechtigt sein mag, wird nur noch als Angriff von außen – „von denen“ – gegen Muslime, gegen Einwanderer – „gegen uns“ – wahrgenommen. Persönliche Diskriminierungserfahrungen verstärken diesen Reflex noch, da sich Kritik an Muslimen und Einwanderern genauso anfühlt wie die auf die Religion oder Herkunft abzielenden Beleidigungen, die man erdulden musste, auch wenn beide de facto völlig verschiedene Dinge sind.

Hasnain Kazim hat darüber sogar schon selbst Zeugnis abgelegt: „Ich könnte Dutzende solcher Vorfälle aufzählen, die ich zwar verkraften, aber nie vergessen kann.“ Dann erhält man ganz einfach gutgebildete, gut integrierte Weltbürger, die aber nur entsprechend getriggert werden müssen, um sich völlig irrational einer kollektiven Wut hinzugeben, die sie selbst als erstes erschlagen könnte. Genauso wie ein Gauland, der, wenn es hart auf hart geht, einfach nicht aus seiner Haut kann, können auch sie ihre Reflexe des Misstrauens gegenüber denjenigen Deutschen, die nicht so sind wie sie, in diesen Momenten nicht kontrollieren. Dann twittern sie eben solche Amokläufe oder verbreiten diffamierende Unwahrheiten über Islamkritiker. Zurechnungsfähig oder vertrauenswürdig ist deshalb keiner von den dreien.

Diese Verhaltensprägung kann man gut anhand der jeweiligen Berufsauffassungen nachvollziehen: Ayata und Kazim können durchaus als scharfe Kritiker des türkischen Präsidenten Erdogan gelten. Kazim hat aus seiner Zeit in Pakistan außerdem nicht nur zu politischen Themen, sondern auch zu den dortigen Entartungen eines immer konservativeren und radikaleren Islam berichtet – Fakten, die zum Beispiel auch Islamkritiker aufgreifen würden. Kazims fatale Arroganz liegt aber darin, zu denken, dass nur er oder höchstens andere Einwanderer(kinder) dies tun dürften.

Dementsprechend hat er über seine Arbeit für Spiegel Online sein Revier klar markiert: Er ist der dunkelhäutige Deutsche mit Migrationshintergrund, der aus muslimischen Ländern und zu muslimischen Themen schreibt. Das ist sein Markenkern. Und was dort wie zu kritisieren ist und was nicht, entscheidet er. Ayata markiert dieses Territorium auf wissenschaftlicher Ebene: Chancen für und Diskriminierungen gegen Muslime in westlichen Gesellschaften erforscht sie und ebenso zieht sie die entsprechenden Schlussfolgerungen über die westlichen Gesellschaften.

Ja, das Säen von Hass und Misstrauen ist wirklich verdammt einfach geworden. Drei im Grunde unwichtige Persönlichkeiten müssen nur in der Öffentlichkeit ihrer ausgrenzenden Ignoranz freien Lauf lassen und schon ist das Feld für die baldige Ernte wieder gut bestellt. Das einzig Gute an diesem eingeschlagenen Weg ist, dass seine Konsequenzen so offensichtlich sind, dass später niemand sagen können wird, man habe sie nicht kommen sehen.

Andreas Backhaus auf Twitter.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 50 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung