Von Freiheit reden wir nur

Verächtlich schauen wir auf die USA und ihre schießwütige, polarisierte Gesellschaft oder aktuell auf die Türkei. Aber wie polarisiert ist unsere Gesellschaft eigentlich unter der Oberfläche? Wie radikal sind die Meinungen, wenn sie nicht mehr von der Political Correctness zurückgehalten werden (können)?

© Carl Court/Getty Images
Nizza, Promenade des Anglais am 15. Juli 2016

Nizza ist nur wenige Tage her, aber es sieht danach aus, als würde man weitermachen wie bisher, als würde man dem unvorstellbaren Terror einmal mehr mit stoischer Ruhe und dem tiefen Glauben an liberté, égalité und fraternité begegnen. Es ist jenes Verhalten, welches langsam aber sicher Fragen bei dem ein oder anderen aufwirft, bei dem man sich nicht sicher ist, ob man es noch bewundert oder schon als lächerliche Naivität ansieht. Besteht die Wehrhaftigkeit der freien Gesellschaft in der Gelassenheit? Darin, dass man dem unendlichen Hass und der Intoleranz versucht mit Liebe und Toleranz zu begegnen? Oder reicht das schon lange nicht mehr und zeigt es nicht am Ende vielleicht genau das Gegenteil, nämlich, dass wir keine Antworten haben?

Entsetzlich oft habe ich in diesen Tagen an den Mann gedacht, dessen Botschaft an die Attentäter vom 13. November um die Welt ging. Er hatte seine Frau im Bataclan verloren. Da war die Tochter wenige Monate alt. Er schrieb, dass Sie seinen Hass nicht bekommen würde und gefühlt die ganze Welt feierte ihn für seinen Stolz, seine Erhabenheit über diese unmenschliche Gewalt und den Verlust.

In den letzten Tagen habe ich mich immer öfter dabei ertappt, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob ich seine Haltung noch gut finde oder einfach nur entsetzlich dumm und ob ich das überhaupt sagen darf. Immerhin hatte der Mann seine Frau verloren. Es sind seine individuellen Gefühle. Und ja, aus einer tieferen philosophischen, intellektuellen, abstrahierenden Akademikersicht oder schlicht unter Bezugnahme der Werte, die wir als die Westlichen bezeichnen, spiegelt genau seine Haltung alles wieder, was ich mit den Begriffen Erhabenheit, Stolz und Ehre beschreiben würde. Was ist es also, was dafür sorgt, dass ich diese Haltung mit einem Mal als Problem begreife?

Wie lange kann man sich Eleganz leisten?

Fakt ist, dass immer mehr Menschen die Ruhe der Franzosen nicht mehr nachvollziehen können. Das Ende der Geduld scheint bei einer zunehmenden Anzahl in greifbare Nähe gerückt zu sein. Man gibt sich allmählich nicht mehr damit zufrieden, das Gefühl der Erhabenheit, des Über-Den-Dingen-Stehens auf seiner Seite zu wissen, wenn der Terror am Ende doch immer wieder obsiegt und Menschen aus dem Leben reißt. Das Bewusstsein darüber, dass man dem Terror langfristig nicht mit Toleranz und demonstrativer Freiheit beikommt und dass Umarme-Deinen-Feind bei Kopf abschneidenden Barbaren kein guter Ratgeber ist, dringt langsam aber sicher selbst bis in die moderaten linken Ecken der Gesellschaft vor. Die Vorstellung davon, wie man Stolz und Erhabenheit demonstriert und westliche Werte wirksam verteidigt, scheint sich im Angesicht des zunehmenden Terrors und der damit einhergehend wachsenden Unsicherheit, in Anbetracht von Masseneinwanderung und illiberalen Islam, fundamental zu wandeln. Von der elegant-philosophischen, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg und nun mehr 70 Jahren Frieden in Europa durchgesetzt hat, zum Willen der faktischen Verteidigung dessen, was man da an Werten vor sich herträgt. Die Zeiten, in denen alle Bevölkerungsteile bereitwillig in der defensiven Stellung gegenüber Terror und gesellschaftlicher Umwälzung verharrten und allenfalls zur symbolischen Verteidigung des liberalen Rechtsstaates schritten, sind, so scheint es, vorbei. Stattdessen wächst in einem immer größeren Teil der Bevölkerung der Wunsch heran, zurückzuschlagen, weil man es schlicht satt hat, sich von fanatischen Irren auf der Nase herumtanzen zu lassen. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Das Gesetz des Stärkeren zählt wieder etwas. Das ist nicht elegant, aber Eleganz muss man sich eben auch leisten können.

Zweifelsohne übernimmt man damit die Kampftaktik des Feindes. Das Recht des Stärkeren ist zutiefst anti-zivilisatorisch. Genau wie die Rache. All das hatte man längst in die ewigen Jagdgründe verfrachtet und war sich sicher, sie nie wiederzusehen. Umso schwerer fällt es jetzt, von der eleganten europäischen Variante abzuweichen, die ohnehin nur etwas für Sonnenscheintage war und die Freiheit auf andere Art und Weise zu verteidigen.

Der Europäer ist zum Theoretiker der Freiheit verkommen. Die Vorstellung der Gesellschaft, des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist nicht länger ein Abbild der Realität, es ist allenfalls eine akademisierte Idealvorstellung, die durch Terror und zunehmenden Clash der Kulturen gerade in rasender Geschwindigkeit von eben jener Realität eingeholt und überholt wird.

Bei jenen, die dies bereits realisiert haben, wird die Stimmung zunehmend schlechter und der Drang zur Verteidigung wächst. Der andauernde Zwang zur Political Correctness und die damit einhergehende mittlerweile herrschende Zensur, sorgen dafür, dass diese Wut immer weiter unkontrolliert vor sich hingärt. Man will, aber man darf nicht. Dabei bräuchte es vermutlich mittlerweile nur einen Anschlag in Deutschland, um dafür zu sorgen, dass ein Großteil der Menschen schlagartig auf das Nicht-Dürfen scheißt.

Was, wenn die Stimmung kippt?

Ja, was ist eigentlich, wenn die Stimmung kippt? Also nicht nur in den Internetforen, den Seiten, auf denen noch kein Diktat der Political Correctness herrscht. Wenn sie nicht nur bei jenen kippt, die jetzt schon wütend sind, sondern auch bei jenen, von denen man es aktuell nicht einmal denken würde? Was, wenn das Fass irgendwann doch bei allen überläuft, wenn die Leute das Kerzenanzünden und die Phrasen der Bestürzung auf Seiten der Politik endgültig satt haben?

Verächtlich schauen wir immer wieder auf die USA und ihre schießwütige, polarisierte Gesellschaft oder aktuell auf die Türkei. Aber wie polarisiert ist unsere Gesellschaft eigentlich unter der Oberfläche? Wie radikal sind die Meinungen, wenn sie nicht mehr von der Political Correctness zurückgehalten werden (können)? Wie sähe die Antwort darauf aus, wenn man nicht nur hören und lesen könnte, was die Leute sagen, sondern auch was sie denken? Sind wir am Ende vielleicht auch schon längst eine polarisierte Gesellschaft und sind nur zu feige, uns unsere Meinung übereinander ins Gesicht zu sagen oder uns gegenseitig über den Haufen zu schießen?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Ergebnis verheerend wäre. Dass wir vermutlich jedoch nur noch ein paar Katastrophen weit davon entfernt sind, uns diese Meinung ins Gesicht zu sagen. Würzburg war ein erster Vorgeschmack auf das, was uns noch erwarten kann. Wer sich in den letzten Monaten mit Polizisten unterhalten hat, der weiß, dass der 17-jährige Afghane nicht der Einzige ist. Dass sich unter den Flüchtlingen zu Hauf radikale Muslime und selbstverständlich auch IS-Kämpfer befinden. Die Frage wird sein, wann die Unsicherheit für die Menschen unerträglich wird. Wann es genug ist. An diesem Punkt werden sich die ganze falsche Toleranz und die auferlegten Maulkörbe rächen. Dann wird sich alles Aufgestaute mit einem Mal entladen. Dann wird offensichtlich, was längst Fakt ist. Dass die Kulturen zu unterschiedlich sind und dass sie es auch nach all den Jahrzehnten geblieben sind. Dass man in den wenigsten Fällen wirklich jemals miteinander, sondern immer nur nebeneinander hergelebt hat. Und dass im Zweifelsfall jeder wissen wird, auf welcher Seite er steht und dass es ganz oft nicht dieselbe sein wird. Dann wird uns all das auf die Füße fallen. Die Masseneinwanderung aus mehrheitlich islamisch geprägten Ländern und die falsche Toleranz gegenüber jenen, die seit Jahrzehnten ihre Parallel-Türkei hier errichtet haben.

Man darf gespannt sein, wie sich das alles entwickelt und wie lange den Menschen der elegante Weg noch genügen wird.

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