Von den Niederlanden lernen

Die Frage ist, ob man den Despoten Erdogan aus Angst vor sozialen Unruhen gewähren lassen darf. Ob Appeasement aus Angst, man könne Erdogan sonst in die Hände spielen, das adäquate Mittel ist.

imago/Peter Hilz
Netherlands, Rotterdam, March 2017, diplomatic row between Netherlands and Turkey, Turkish Foreign Minister Cavusoglu is not welcome in the Netherlands here closed Straatweg where Turkish consul lives Aboutaleb has near the Turkish Consulate to the Westblaak closed.

Laut hupend reiht sich Auto an Auto. Türkische Fahnen werden geschwenkt. Fast könnte man auf den ersten Blick denken, es handele sich um einen Autokorso während der Fußball-WM nach einem Sieg der Türkei. Aber die Menschen dort in Rotterdam am gestrigen späten Abend fahren nicht erfreut und feiernd herum. Sie schäumen vor Wut. 1.000 von ihnen haben sich zusätzlich vor der dem Rotterdamer Konsulat versammelt, vor dem die türkische Ministerin Kaya eigentlich zu ihnen sprechen wollte. Die türkische Netzgemeinde feiert die Demonstranten. Live-Videos von den Geschehnissen vor Ort werden tausendfach geteilt. Man liest fast ausschließlich türkische Kommentare unter ihnen. Es handelt sich vor allem um Drohgebärden in Richtung Niederlande. Von „Zerschlagung des kleinen Zwergs Niederlande“ ist da die Rede und natürlich auch von viel „Allahu Akbar“. Einige Türken kündigen an, aus Deutschland anzureisen, um jenen in den Niederlanden Beistand zu leisten. Allmählich mischen sich ein paar Deutsche unter die Kommentatoren. „Geht zurück in euer Land“ heißt es da. Später wird die Polizei die Demonstration mit Wasserwerfern und berittenen Beamten auseinandertreiben.

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In vier Tagen sind Wahlen in den Niederlanden. In der Türkei interessierte sich jedoch niemand dafür. Vielmehr wollte man wie auch schon zuvor in Deutschland seinen eigenen Wahlkampf für das Referendum Erdogans betreiben. Die Stadt Rotterdam untersagte daraufhin den Auftritt des türkischen Außenministers bei einer Kundgebung. Ein Affront von mehreren für die Erdogan-Regierung in der letzten Zeit. Der Minister pocht indes weiter auf seine Einreise und droht mit politischen und wirtschaftlichen Sanktionen. Daraufhin entzieht ihm die Regierung in Den Haag die Landerlaubnis. Der Minister ist gezwungen, in Frankreich zu landen, wo er nun an diesem Sonntag in Metz bei einer Kundgebung auftreten möchte. Nun macht sich Familienministerin Kaya als Ersatz für ihren Kabinettskollegen auf dem Landweg von Deutschland aus auf den Weg in die Niederlande. Die Polizei stoppt Kaya wenige Meter vor dem Konsulat und verhindert so ihren Auftritt. Es sei trotz stundenlanger Verhandlungen nicht gelungen, eine Lösung im Streit um die Einreise der Ministerin zu finden, erklärt der Bürgermeister daraufhin.

Ankara tobt. Schnell steht für den türkischen Präsidenten fest, dass auch die Niederländer „Nachfahren der Nazis“, „Faschisten“ seien, die keine Ahnung von Politik und Diplomatie hätten. Außenminister Cavusoglu droht gar mit dem Austritt der Türkei aus der NATO und einem Seitenwechsel. „Wenn sie (die Niederlande) denken, die Türkei werde alles hinnehmen, ist die Türkei weg“, droht er und weiter: „Wenn Europa so weitermacht, werden sie viele verlieren – unter anderem die Russen und uns.“

Es sind Drohgebärden, wie sie für die türkische Regierung üblich sind und wie sie auch auf kleinerer Ebene durch die Anhänger Erdogans in Deutschland und anderswo vorgetragen werden. Auf dem Profil der Autorin auf Facebook echauffierte man sich kurz nach den ersten Meldungen aus den Niederlanden darüber, dass die getroffenen Maßnahmen mit einem „Da haben die Niederländer einfach mal den Türsteher gemacht und gesagt „Du kommst hier net rein!“ kommentiert wurde. Immerhin sei „Du kommst hier net rein!“ der bekanntgewordene Spruch der Kunstfigur Hakan, türkischer Türsteher, dargestellt von Comedian Kaya Yanar, weshalb man diesen folglich nicht zu verwenden hätte. Beleidigungen und Drohungen folgen. So macht man das eben als türkischer Präsident genauso wie als türkischer Anhänger in Deutschland. Die osmanische Machokultur, der von übertriebenem Nationalstolz getriebene Türke erträgt keine Kritik, kein in die Schranken weisen. Er darf alles, die anderen nichts.

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Vielleicht auch einer der Gründe, weshalb ein großer Teil der Deutschen seit gestern etwas neidvoll, fast schon ehrfürchtig auf die „kleinen“ Niederlande blickt. Das erste europäische Land, das sich Erdogans Rücksichtlosigkeit und Anmaßungen entgegenstellt. Da interessiert es dann auch eher wenige, dass die Maßnahmen der Niederlande aus politischer Sicht nicht unumstritten sind. Wollte man noch einmal die Stärke des eigenen Landes demonstrieren, bevor am kommenden Mittwoch gewählt wird? Eine Stärke, die auch ohne Wilders geht? Sicherlich. Auch wenn nicht von der Hand zu weisen ist, dass auch Wilders von den Bildern des gestrigen Abends profitieren könnte. Dazu kommen Stimmen aus den Reihen der Journalisten und Analysten, die zu bedenken geben, dass Erdogan damit genau die Eskalation bekommen hat, die er von Anfang an mit seinen Provokationen forciert hatte.

Abermals kann er sich unter tatkräftiger Unterstützung der regimetreuen türkischen Medien zum Opfer des „dikatorischen“ Europas stilisieren, das sich stellvertretend für die vielen hier lebenden Türken die vermeintliche Undankbarkeit und Unterdrückung nicht mehr gefallen lässt. Es ist jenes Narrativ, was sich als DAS Erfolgsrezept für die Bindung seiner türkischstämmigen Anhänger in Europa erwiesen hat. Der geschundene Türke, der Europa nach dem Krieg quasi im Alleingang „aufgebaut“ und dafür nie Dankbarkeit, sondern immer nur Ablehnung von den Europäern erfahren hat. (Wer weiß denn noch, dass die türkischen Gastarbeiter in die folrierende Bundesrepublik kamen.) Es wird durch die jüngsten Ereignisse weiter genährt werden und zeigt erneut, dass die Integration eines großen Teils der in Europa lebenden Türken in Gänze gescheitert ist.

Die Frage ist, ob man den Despoten Erdogan aus Angst vor sozialen Unruhen gewähren lassen sollte. Ob Appeasement aus Angst, man könne Erdogan sonst in die Hände spielen, auf Dauer das adäquate Mittel gegen einen Mann ist, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Demokratie in der Türkei abzuschaffen und für dieses Vorhaben seine Anhänger auch hier in Europa aufstachelt, oder ob es wie im Falle der Niederlande genau richtig war, ihm Grenzen aufzuzeigen.

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Klar ist jedoch auch: Vielmehr als die Türken unsere „Geiseln“ sind, sind wir Geisel der Türkei. In Deutschland durch den Flüchtlingsdeal und vier Millionen hier lebender Türken noch wesentlich mehr als in den Niederlanden, was ein vergleichbares Handeln erschwert, aber nicht unmöglich macht. Was sich jetzt vor allem zeigt, ist die große Fremde zwischen hier lebenden Türken und ihren vermeintlichen europäischen Heimatländern, die man lange Zeit nicht wahrhaben wollte und die sich im Falle ähnlicher Maßnahmen Deutschlands wie in den Niederlanden selbstredend auch hier mit voller Wucht zeigen würde. Denn man identifiziert sich wesentlich mehr mit der Türkei als mit Deutschland. Man konsumiert türkische Medien, nicht die europäischen und hat es so geschafft, seine Parallelwelt über Jahrzehnte aufrecht zu erhalten. Umgekehrt rächt sich das nun dadurch, dass sich die Deutschen mit den Niederländern verbundener fühlen als mit den hier lebenden Türken. Das hat mit Erdogan zu tun, aber auch mit dem, was viele Türken ausstrahlen und deren Verhalten sich gegenüber den Deutschen in Erdogan spiegelt. Dass dieses Problem offenbar in allen europäischen Ländern und nicht nur in Deutschland besteht, dass es vor allem auch junge Türken sind, die hier geboren wurden, wirft darüber hinaus einmal mehr die Frage nach der grundsätzlichen Integrationsfähigkeit von Menschen aus dem islamischen Kulturkreis auf.

Fest steht: Die gestrigen Geschehnisse haben auch hierzulande gezeigt, wie groß die Sehnsucht nach einem wehrhaften deutschen Staat ist, der sich dem Despoten Erdogan entgegenstellt. Dahinter steckt nicht zuletzt die Sehnsucht vieler Menschen auch hier in Deutschland, nicht nur Erdogan in die Schranken zu weisen sondern auch seine hier lebenden Anhänger. Es geht nicht nur um Erdogan als Person sondern auch um das Bedürfnis der Zurückweisung des politischen Islams, das sich seit gestern in einer regelrechten Euphorie gegenüber den niederländischen Maßnahmen auch offenbart. Der große Bruder im Herzen Europas schaut neidisch auf den Kleinen und gibt damit zu, wie groß das Bedürfnis ist, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. Nicht von Erdogan, nicht von seinen hier lebenden Anhängern, nicht von Muslimen an sich, die man in einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung als Bedrohung für die Stabilität der europäischen Demokratien wahrnimmt. Erweist sich die deutsche Regierung weiter als zahnloser Tiger gegenüber der Regierung in Ankara, wird die unterschwellige Wut vieler Deutscher weiter ansteigen. Auch deshalb wäre es dringend geboten, sich aus der Geiselhaft der Türkei zu lösen und den hier lebenden Türkischstämmigen klar zu machen, dass sie nur eines sein können: Deutsche oder türkische Staatsbürger. Die Kritik an der doppelten Staatsbürgerschaft wird jedenfalls nicht zuletzt auch und vor allem im Zuge der türkischen Wahlkampfauftritte wieder lauter. So forderte zuletzt Norbert Röttgen (CDU) ihre Abschaffung. Es wäre der richtige Schritt. Die Konflikte, das hat der gestrige Abend gezeigt, sind da. Nun müssen grundsätzliche Antworten auch für Deutschland gefunden werden.

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Kommentare ( 37 )

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Richtig! Von den Niederlanden lernen und die Rechten mal richtig abwatschen.

„Dem müssen wir ein Ende bereiten. Je eher, desto mehr Bürger können am Leben bleiben.“
Das ist sehr bedrückend, aber leider wahr. Ich glaube, dass der islamische Mob nach den Bundestagswahlen erst so richtig losschlagen wird.

Haben die armen Niederländer eigentlich keine Nagelketten?
Das Problem wäre doch so einfach zu lösen gewesen. Kaum einer der voll konkret krasse BMW oder Mercedes dürfte über vier vollwertige, überbreite Ersatzreifen verfügen.
Tja, das kommt nun von gelebter Autofeindlichkeit.

Merkel sollte doch ein Geheimpackt mit dem türkischen Ministerpräsident gemacht haben, über jährlich 250.000 zusätzliche Migranten. wie Herr Orban schon vor einem Jahr behauptet (gewusst) hat. Nun die deutsche Regierung hat es vehement dementiert. Die Frage stehen in der Luft: was für Menschen sollten diese 250.000/Jahr werden? Wollte die Türkei IHRE unliebsame Bevölkerungsteil abschieben? WER kommt mit den nächtlichen Flugzeuge so in großen Zahlen in Köln, Hannover, Düsseldorf aus der Türkei? Touristen wohl nicht. Merkel hat Hoheitsaufgaben an die Türkei ausgelagert, (Deutschlands Grenze zu schützen), jetzt denkt die Türkei, sie können andere Hoheitsrechte wahrnehmen. Deutschland gehörte teilweise ihr. Das Wort,… Mehr

Die AfD wählen! Das ist die einzige und grundsätzliche Antwort! Auch wenn das Ihnen, liebe Frau Schunke, wieder nicht gefallen wird.

Derweilen soll diese Woche im Landtag von NRW darüber abgestimmt werden, ob man Nicht-EU-Ausländern das kommunale Wahlrecht zugestehen will. Das beträfe vor allem türkische Mitbewohner. Und warum auch nicht solches Wahlrecht auf Bundesebene ausweiten, denn gemäss der Kanzlerin ist das Volk ja alle, die hier wohnen? Sodann liest man heute Morgen in der Zeitung, Merkel habe mit Rutte zusammen mit den Türken einen Deal abgeschlossen, der die nicht öffentlich bekannt gegebene Verpflichtung enthält, pro Jahr bis zu 250 000 Flüchtlinge von der Türkei zu übernehmen (DE und NL zusammen). Wenn das stimmt, dann muss man sich wieder einmal fragen, ob… Mehr

Bei Ihrer Beschreibung sehe ich die ganze Zeit das Foto von diesen aufgereiht sitzenden schwedischen Männern mit ihren rosa Pussy-Mützen vor mir.

Das ist sehr zu hoffen!

Es ist doch ein übler Witz, dass gerade diejenigen vor dem Nationalismus der Türken kuschen, während auch nur zarte nationale oder gar patriotische Töne im eigenen Land mit Gewalt, Diffamierung und Ausgrenzung überzogen werden. Wenn diese Wahlkämpfe für das „Präsidialsystem“, das nichts anderes als ein Ermächtigungsgesetz zur Abschaffung der Demokratie ist, in Deutschland stattfinden dürfen, was kommt dann als nächstes? Das nächste türkische Referendum wird das zur Einführung der Todesstrafe sein. Wollen wir Werbung dafür hier in Deutschland zulassen? Und nachdem wir hier so viele Syrer haben, müssen wir dann übermorgen Assad hier vor „seinen“ Auslandssyrern reden lassen? Oder vielleicht… Mehr

Auch wenn es mir gewaltig stinkt, dass bei mir Russen, Rumänen und Polen Wohnungen wegkaufen und zu den hier länger Lebenden in Konkurrenz und alles einfach opportunistisch abernten treten, statt gefälligst ihre eigenen maroden Länder aufzubauen, muss ich widerwillig zähneknirschen und in den Eimer speiend zugeben, dass ich froh bin, dass sie hier sind. Sie werden wohl neben den Arbeitern die Einzigen sein, die in der Lage sein werden, sich gegen die dauerbeleidigten Osmanen und Araber zur Wehr zu setzen.
Die jungen deutschen Blondie-Männer mit nichtexistenten Veganermuskeln werden dann darüber bloggen.