Ursachenflucht in Fluchtursachen

Die Arroganz, mit der unsere Weltaufsichtsräte die Leben von potentiell Millionen von Menschen zu Figuren in ihren Planspielen reduzieren, sollte uns Angst machen. Die Gewissheit ihres Scheiterns ist dagegen nur ein geringer Trost, wenn man an die Milliarden denkt, die mit Sicherheit für diese Pläne fließen werden.

DAMBAS, KENYA - MARCH 16: Workers drive in a borehole as they search for water to supply the village March 16, 2006, in Dambas, Kenya. Thousands of people are facing starvation due to deepening drought in northern Kenya. The government is distributing food rations to communities in the worst-affected areas and is appealing to the international community for urgent aid to save the lives of an estimated 2.5 million people. North-eastern Kenya could take 15 years to recover from the effects of the drought, aid agency Oxfam has warned. Many people fear they will soon begin to start dying like their animals.(Photo by Chris Jackson/Getty Images)

Die Regierenden stehen derzeit vor einem politischen Dilemma, das sie zu ihrem Unglück auch noch selbst geschaffen haben: Einerseits haben sie im vergangenen Jahr die moralische Messlatte ihrer Asylpolitik ein ganzes Stück höhergelegt – zumindest, wenn man es als moralisch erachtet, Millionen von Menschen zu motivieren, sich in Schlauchbooten auf nach Europa zu machen. Andererseits mussten dieselben Regierenden aber nur wenige Monate später, als ihn langsam dämmerte, welche Welle da auf Deutschland zurollte, ihre selbstgesetzte Messlatte schon erheblich unterlaufen, indem sie ein Abkommen mit der Türkei schlossen und zudem auf die Robustheit mazedonischer Grenzanlagen zu vertrauen lernten.

Damit die Asylpolitik in den Augen der desorientierten Wähler daher nicht zu einer noch größeren Farce wird, als sie ohnehin schon geworden ist, sollten besser bald einige moralische hochwertige Taten verkündet werden. Ein Strohhalm, nach dem immer wieder gern gegriffen wird, um eine „humane“ Lösung der Flüchtlingskrise vorzutäuschen, ist die so getaufte Bekämpfung der Fluchtursachen. Diese Initiative folgt nicht nur einer bestechend einfachen (oder einfältigen?) Logik, sondern lässt sich politisch auch deswegen gut vermarkten, weil sich immer eine Argumentationskette konstruieren lässt, laut der „wir“ an den Fluchtursachen Schuld seien, womit Widerspruch sogleich moralisch gebrandmarkt werden kann.

Ablasspfennig Entwicklungshilfe

Auch hier ist es wieder die Ernsthaftigkeit, mit der diese Idee verfolgt wird, die einen fassungslos macht: So hat Angela Merkel Anfang der Woche bereits eine Erhöhung der Entwicklungshilfe für Afrika versprochen. Als Ökonom sollte man von dieser Ankündigung einigermaßen überrascht sein, denn ihr zufolge muss man sich ja anscheinend keinerlei Gedanken über Wirksamkeit, Fehlanreize und entstehende Abhängigkeiten von Entwicklungshilfe mehr machen – man muss einfach nur den Geldhahn aufdrehen. Falls es irgendein akademisches Konzept gibt, das diese Vorgehensweise rechtfertigt, dann wohl am ehesten die Vorstellung eines „big push“, eines starken Anschubs an Investitionen, den Entwicklungsländer vorgeblich als Starthilfe benötigten. Jedoch hat man diese simple Vorstellung seit den 1940er Jahren mehrmals in die Tat umzusetzen versucht und hat dabei nie die versprochenen Erfolge erzielt.

Viele Faktoren, die erheblichen Zweifel daran aufkommen lassen, ob der Migrationsdruck mit Entwicklungshilfe gesenkt werden kann, hat bereits Helmut Asche in der taz erläutert. Darunter zu nennen ist das empirisch nachgewiesene wechselhafte Verhältnis zwischen Einkommen und Auswanderung: Die ärmsten Menschen würden gerne auswandern, können es aber nicht, da dieser Vorgang durchaus kostspielig ist. Erst wenn der Entwicklungsprozess in Gang kommt und den Menschen erstmalig mehr Geld zur Verfügung steht, können sie die Kosten decken, weshalb die Armutslinderung den Migrationsdruck im Durchschnitt erhöht statt verringert. Erst wenn die Einkommensunterschiede zwischen Auswanderungs- und Zielländern deutlich geringer geworden sind, nimmt der Migrationswille wieder ab.

Modell Hongkong statt Migrationschaos
Neu-Karthago
Helmut Asche schlägt daher vor, von ausländischen Unternehmen in Afrika geschaffene Arbeitsplätze zu subventionieren. Aber dies impliziert ja, dass diese Arbeitsplätze im Grunde nicht wirtschaftlich wären – was sie auch in der Tat nicht sind, denn Ökonomen messen eine beständig niedrige Arbeitsproduktivität auf dem afrikanischen Kontinent. Unternehmerisch in afrikanischen Staaten tätig zu werden, bedeutet einfach oft, mehr Geld in ein qualitativ schlechteres Produkt stecken zu müssen, als anderswo. Die Konkurrenten, von denen die afrikanischen Staaten in den letzten Jahrzehnten von den Weltmärkten verdrängt wurden, stammen nicht aus dem Westen, sondern ebenfalls aus Regionen, die bis vor relativ kurzer Zeit selbst noch in bitterer Armut gelebt haben.

Ein Zahlenbeispiel: 1993 betrug laut der Weltbank das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen von Kenia rund 2.200 US$, das von Ghana immerhin rund 2.000$. Vietnam verfügte nur über 1.900$, während der durchschnittliche Kambodschaner mit 1.100$ auskommen musste. Bis 2015 hatte Ghana sein Pro-Kopf-Einkommen immerhin verdoppelt, während Kenia dagegen gerade mal auf 2.900$ pro Kopf gewachsen war. Vietnam und Kambodscha allerdings hatten ihr Pro-Kopf-Einkommen jeweils verdreifacht, so dass ein durchschnittlicher Vietnamese nun deutlich wohlhabender als ein durchschnittlicher Ghanaer oder Kenianer war, während die Kambodschaner immerhin schon die Kenianer überholt hatten. Dies sagt noch nichts über die Gründe für diese divergierende Entwicklung aus – aber gerade die Frage nach den Gründen muss erst einmal gestellt und beantwortet werden, bevor man überhaupt an ein weiteres Engagement in den afrikanischen Staaten denken kann. Eine dauerhafte Subventionierung von Arbeit und damit die Gefahr einer Zementierung der Leistungsunterschiede kann man kaum eine begeisternde Vision nennen.

Nur mit (mehr) Geld keine Fortschritte

Falsche Vorstellungen über Herkunft und Art der Probleme, an denen afrikanische Nationen kranken, sind nicht nur auf die wirtschaftliche Dimension beschränkt, sondern dehnen sich besonders gerne auch auf den Bildungssektor aus. Die Bekämpfer der Fluchtursachen haben hier große Schulbauprojekte im Sinn, wenn sie von den mangelnden Bildungschancen sprechen, welche die Migranten dann in Europa suchen würden. Aber auch hier übersehen sie schlicht die Realität: Der Zugang zu zumindest grundlegender Bildung ist in Afrika in den vergangenen 20 Jahren erheblich ausgeweitet worden. Die Verfügbarkeit von Schulen ist mittlerweile das geringere Problem. Ein nach wie vor gewaltiges Problem ist dagegen, dass mit dieser quantitativen Verbesserung keine qualitative Verbesserung des Schulwesens einherging. Die Kenntnisse und Fertigkeiten, die Kinder und Jugendliche in vielen afrikanischen Staaten durch ihren Schulbesuch erwerben, stehen in keinem Verhältnis zur investierten Zeit und sind kaum geeignet, den Absolventen ein produktives Arbeitsleben zu ermöglichen. Da ihre Lehrer aber dasselbe Bildungssystem durchlaufen haben, reproduzieren sich diese Missstände kontinuierlich. Nur mit Geld wird man hier keine Fortschritte erzielen.

Schließlich noch ein Aspekt, der von den hilfswütigen Gesellschaftsingenieuren überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird: Eine wirkliche Beseitigung der „Fluchtursachen“ würde bedeuten, die Herkunftsländer der Migranten von Grund auf umzukrempeln. Man kann leicht argumentieren, dass es sich dabei um Veränderungen zum Besseren handeln würde wie effizientere Regierungen, höhere Bildung und mehr Arbeitsplätze. Aber nichtsdestotrotz hieße es faktisch, dass Deutschland und andere Geberländer sich anmaßten, die nächsten Entwicklungsstufen dieser Völker zu bestimmen – und damit wäre man doch genau wieder bei dem paternalistisch-kolonialistischen Verhältnis zu Afrika angelangt, welches man in den letzten Jahrzehnten mühsam versucht hatte, hinter sich zu lassen. Denn wenn man etwas für einen Menschen erledigt, das er auch selbst tun könnte oder müsste, dann nimmt man diesem Menschen etwas weg – haben wir das Recht, Afrika nach unseren Vorstellungen umzubauen, nur weil effektive Grenzkontrollen schlechte PR bedeuten? Andererseits wurden die Afrikaner damals schon nicht gefragt, ob sie ausgebeutet werden wollten, da wird man sie jetzt wohl erst recht nicht fragen, ob sie wollen, dass ihnen geholfen wird. Die Arroganz, mit der unsere Weltaufsichtsräte die Leben von potentiell Millionen von Menschen zu Figuren in ihren Planspielen reduzieren, sollte uns Angst machen. Die Gewissheit ihres Scheiterns ist dagegen nur ein geringer Trost, wenn man an die Milliarden denkt, die mit Sicherheit für diese Pläne fließen werden.

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