Unser Krieg

Für jene muss es Konsequenzen haben, die sich bewusst einer Existenz des Hasses und der Gewalt zu verschreiben. Die Schonzeit ist vorbei – das gilt für unsere Befindlichkeiten genauso wie für die Komfortzone unserer Feinde.

© Gilles Bouquillon/Getty Images
Parts of this image have been pixellated to obscure the identity of the children) School children are comforted at the scene of a fatal shooting after a gunman opened fire outside the Ozar Hatorah school on March 19, 2012 in Toulouse, France. Four people, including three children, have been killed and others injured after a gunman opened fire outside a Jewish school as parents dropped their children off for morning classes.

Im März 2012, als ich gerade in Toulouse studierte, ermordete Mohammed Merah dort drei Soldaten, einen Rabbiner und drei Schulkinder jüdischen Glaubens. Elf Tage nach Beginn seiner Anschlagsserie wurde Merah in einem Haus gestellt und getötet. Der Anblick einer französischen Stadt im Schock- und Belagerungszustand ist seitdem schon so etwas wie eine traurige Gewohnheit für jedermann geworden. Das Gefühl wiederum, sich zu fragen, ob auf dem Motorroller, der gerade auf einen zukommt, möglicherweise ein gesuchter Terrorist sitzt – das kennt man nur, wenn man schon mal „dabei“ war.

Toulouse war jedenfalls nur der Auftakt zu einem, wie es scheint, Jahrzehnt des auf Europa abzielenden islamistischen Terrorismus. Den höchsten Blutzoll hatte bisher Frankreich zu leisten. Dies kann, wenn man das Land in den letzten Jahren mit offenen Augen betrachtet hat, nicht überraschen. In jeder Großstadt gibt es Ecken, die nur noch auf dem Papier zum französischen Staatsgebiet gehören. Die dortige Verwahrlosung und die Macht eines konservativ-fundamentalistischen Islam sind so prägnant, dass man sich nicht zu fragen brauchte, ob das Gebräu explodieren würde – sondern nur, wann. Ich hatte immer gedacht, dass dies jedem deutschen Politiker so klar sein müsse, dass er (oder sie) es auf keinen Fall riskieren würde, auch nur eine annähernd ähnliche Situation in Deutschland zu schaffen oder zuzulassen. Aber da habe ich die Risikobereitschaft der deutschen Politik anscheinend unterschätzt.

In Frankreich dreht die Haltung gegen den Terror zuerst

Frankreich befindet sich seit Toulouse in einer Wartestellung. Es wartet auf den nächsten großen Coup der Dschihadisten, es wartet auf das nächste Massaker, es wartet immer wieder auf die nächtlichen Polizeieinsätze, den Ausnahmezustand und François Hollandes Pressekonferenzen, es betrauert und begräbt seine Toten und es versucht anschließend, den gerade gewesenen Anschlag zu verdrängen und zu einem normalen Leben zurückzukehren. Daran, dass man es nun vielleicht endlich hinter sich habe, dass nun jeder Gefährder auf einer Liste stehe und überwacht werde – daran glaubt wohl niemand mehr. Die Franzosen sind mittlerweile so etwas wie Veteranen in diesem Krieg, der sich vor ihren Haustüren, in ihren Nachbarschaften, in ihren Restaurants und Konzertsälen abspielt – der Krieg, in dem sie an vorderster Front stehen, ohne eine Waffe zu tragen, in dem der Feind sie immer zuerst trifft, bevor sie überhaupt die Möglichkeit haben, in Deckung zu gehen.

Ergebnisse der 25. R+V-Studie
Kontrollverlust: Terror, Extremismus und Flüchtlingskrise dominieren die Ängste der Deutschen
Logischerweise werden in Frankreich die ersten Stimmen lauter, die abseits von der Front National eine Änderung der Kriegsführung verlangen und die Staatsgewalt verstärkt nutzen wollen, um präventiv und umfassend gegen diejenigen vorzugehen, die man sowieso schon als tickende Zeitbomben in der Kartei führt. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Man hört zwar immer wieder, wie Hollande, Merkel und Konsorten betonen, dass die Terroristen unseren freiheitlichen Lebensstil treffen wollen und wir uns deshalb nicht durch übertrieben harte Gesetzesänderungen und Pauschalverdächtigungen von ihm verabschieden dürften. Aber unsere Freiheit und Sicherheit haben die Terroristen mittlerweile auch ohne unser Zutun ganz ordentlich dezimiert. Was nützt denn ein freiheitliches Wertesystem, wenn es außerhalb der eigenen vier Wände nicht mehr geschützt werden kann? Auch das Vertrauen zwischen Muslimen und dem Rest der Gesellschaft wurde ganz ohne Generalverdacht untergraben. Es gibt eben eine kleine, aber wachsende Zahl an Muslimen, die Terrorismus aktiv befördert und unterstützt, es gibt eine ebenfalls kleine, aber wachsende Zahl an Muslimen, die innerhalb und mit den muslimischen Gesellschaften aktiv dagegen vorgehen will und es gibt eine große Zahl an Muslimen, die gar nichts tut, außer sich in Verschwörungstheorien zu flüchten und deren drängendste Sorge die ist, dass ein innermuslimischer Kampf gegen Extremismus die Muslime und ihre Religion in einem schlechten Licht und einer Position der Schwäche dastehen ließe. Wer weiß, vielleicht bauen die Terroristen und ihre Helfershelfer auch gar nicht darauf, dass wir unser Wertesystem im Kampf gegen sie aufgeben – vielleicht bauen sie darauf, dass sich unsere geschwätzigen Politiker durch ihre Phobie, islamophob genannt zu werden, beliebig in die Ecke drängen lassen, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Sollte das ihre Strategie sein, geht sie bisher wunderbar auf.

Wie machen wir ihnen Angst?

Für die westlichen Demokratien ist dieser Krieg deswegen so schmerzlich zu akzeptieren, weil er wohl nur dann mit Aussicht auf Erfolg geführt werden kann, wenn einigen Menschen und Bürgern die Freiheiten versagt werden, deren universelle Garantie eigentlich der Markenkern des Westens ist und bleiben soll. Aber dieser Krieg ist ein Krieg ohne Armeen, ein Krieg, in dem sich Freund und Feind nicht anhand des Passes unterscheiden lassen und einer, dessen Fronten nicht in Syrien, sondern mitten durch europäische Ballungszentren verlaufen. Eine Bombe mehr oder weniger, die über dem IS abgeworfen wird, ändert nichts. Auch hat es offensichtlich nichts gebracht, jedem am Rande der Legalität agierenden Hassprediger und seinem quasi-dschihadistischen Gefolge mit Toleranz und Grundgesetz zu begegnen. Diese Menschen lösen sich nicht einfach in Luft auf, nur weil wir versuchen, ihr Treiben zu ignorieren oder einzudämmen. Sie sind in den vergangen Jahren stärker geworden, wir schwächer. Wir sehen ziemlich verängstigt, gelähmt und untätig aus, sie dagegen dreist, agil und verschlagen. Vielleicht wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie man ihnen Angst machen könnte. Genauso wenig wie es ein historisches Gesetz gibt, dass Demokratien ihre Feinde immer durch Toleranz und nette Worte besiegen werden, gibt es ein historisches Gesetz, nach dem Demokratien zwangsläufig zu Diktaturen werden, wenn sie gegenüber ihren erklärten Feinden zu harten Bandagen greifen. Es existieren sogar historische Gegenbeispiele dazu – und womöglich kann gerade eine Demokratie dann wieder ausreichend schnell gegensteuern, wenn die Bedrohung bewältigt wurde.

Falls dieser Krieg bald von beiden Seiten mit demselben Eifer und Entschlossenheit geführt wird, sollte man sich über eines besser keine Illusionen machen: Am Ende wird es auf einen kleinschrittigen, heftigen und sicherlich auch blutigen Häuserkampf hinauslaufen – sowohl im übertragenden, wie auch im sehr direkten Sinne. Wie der britische Aktivist Maajid Nawaz betont, kann die freie Welt sich weder in Syrien zum Sieg bomben, noch den Sieg per Gesetz erzwingen – die jungen Menschen, die hier unter dem Einfluss der islamistischen Ideologie aufgewachsen sind, müssen mit Hilfe von Überzeugungen zurückgewonnen werden. Das heißt aber, sie müssen mit letzteren konfrontiert werden und zwar dort, wo sie leben. Ein Vorteil dabei ist, zu wissen, wie sie denken, denn dann kann man sie auch zum Umdenken bewegen. Einige werden das aber nicht wollen. Für sie muss es Konsequenzen haben, sich bewusst einer Existenz des Hasses und der Gewalt zu verschreiben. Die Schonzeit ist vorbei – das gilt für unsere Befindlichkeiten genauso wie für die Komfortzone unserer Feinde.

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