Stanislaw Tillich: „Das sind keine Menschen, die das tun. Das sind Verbrecher.“

Es geht nicht darum, Leute zu tolerieren, deren Taten nicht hinnehmbar sind. Verbrechen müssen geahndet werden. Erst recht wenn sie solch widerlicher Natur sind. Aber auch Verbrecher sind Menschen, Herr Tillich.

Es ist ein vermeintlich kurzer, simpler Satz, den der sächsische Ministerpräsident als Reaktion zu den Vorfällen von Clausnitz und Bautzen von sich gibt. Ein Satz, der in den Nachrichten zitiert wird, als wäre es vollkommen selbstverständlich, dass man Menschen die Menschlichkeit aberkennt. Ja, fast hätte man gar nicht bemerkt, dass dieser Satz die ganze verlogene, opportunistische Verwendung der Worte Moral und Würde offenbart.

Eigentlich sollte man in der Politik mittlerweile eingesehen haben, dass man mit pauschalen Beleidigungen und jetzt sogar der Entmenschlichung einiger Bevölkerungsteile nicht sehr weit kommt. Zwar haben sich Begriffe wie „Pack“, „Mob“, „Hetzer“ und „Rassisten“ in der Flüchtlingsdebatte einerseits lange Zeit als wirksame Stigmatisierungen erwiesen, wenn es darum ging, Menschen davon abzuhalten, Kritik an der hiesigen Asylpolitik zu äußern. Für alle wirklichen Hetzer und Rassisten war dies jedoch nur die Bestätigung, auf der „richtigen Seite“ zu stehen. Darüber hinaus wurde eine nicht zu verachtende Sympathisantenszene aufgebaut. Menschen, die nicht „rechts“ sind, aber in ihrem Ärger über die staatliche Bevormundung in der Flüchtlingsfrage beginnen, mit all jenen zu sympathisieren, mit denen man eigentlich nicht wirklich viel gemein hat und gemein haben will. Und nun also der nächste Schritt: Entmenschlichung.

Ein krudes Weltbild dieses Ministerpräsidenten

Dabei ist die Frage, die sich bei diesem Satz eigentlich zuerst stellt, jene, seit wann sich die Begriffe Verbrecher und Mensch eigentlich gegenseitig ausschließen. Hier offenbart sich ein krudes Weltbild dieses Ministerpräsidenten, welches anscheinend nicht von der Realität ausgeht, sondern von dem, wie man die Realität gerne hätte – ein Phänomen, welches man sonst eher bei linken Politikern wiederfindet. Der Mensch, ein von Natur aus gutes Wesen, welches, wenn es zum Verbrecher wird, sein Anrecht auf das Menschsein verwirkt hat? So weit wäre nicht einmal Rousseau gegangen, der lediglich vom depravierten Bourgeois sprach und den Menschen im Naturzustand weder als gut noch böse ansah.

Hier offenbart sich die Beliebigkeit, mit welcher Worte wie Moral und Würde verwendet werden. Ja, es ist unsere moralische Pflicht, Menschen bei uns aufzunehmen, die Schutz suchen und das unabhängig davon, wo sie herkommen und ob sie dort Verbrecher waren oder hier Verbrechen begehen. Das gilt für die libanesischen Clans hierzulande, die der Polizei mancherorts seit Jahrzehnten Beschäftigung bringen, genauso wie für die Diebesbanden aus den Balkanländern und selbst die Grabscher von Köln. Sie alle sind genau wie die Menschen, die Flüchtlingsheime anzünden, Verbrecher. Für sie gilt wie für jeden anderen auch Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nach Köln wurde jedenfalls keiner entmenschlicht, auch wenn er selbst wie die Rassisten hierzulande die Würde seiner Opfer nicht geachtet hat.

Natürlich kann man abscheuliche fremdenfeindliche Taten nicht mit Diebstählen vergleichen. Dennoch bleiben Verbrecher Menschen. Egal, welche Verbrechen sie begehen. Und ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass gerade weil sie Menschen sind, solche Dinge wie in Clausnitz und Bautzen passieren. Der Mensch ist schwach und voller Fehler. Gerade das macht das Menschsein aus und enthebt ihn nicht von diesem Status. Das Dritte Reich war nicht möglich, weil Menschen durch irgendwelche blutrünstigen Rassisten-Aliens ausgetauscht wurden. Das Dritte Reich, der Zweite Weltkrieg, der Holocaust – all das war von Menschen gemacht. Nichts hat je wieder in solch einer erbarmungslosen Abscheulichkeit aufgezeigt, wozu der Mensch fähig ist.

Das ist das Entscheidende und muss immer wieder ins Bewusstsein gerufen werden. Der Nationalismus hat keinen neuen, abartigen Menschen geschaffen. Er hat  lediglich das geweckt, was in ihm schlummert und was jederzeit – auch noch heute – zu Tage treten kann. Begriffe wie Inklusion und Exklusion, Identität spielen hierbei eine entscheidende Rolle und diese Mechanismen sind heute nicht weniger dazu in der Lage, Abscheuliches im Menschen hervorrufen als damals. Nicht umsonst würde ich so etwas wie das Dritte Reich immer wieder für möglich halten und nicht umsonst sehe ich es als größte Aufgabe der Geschichte, der Soziologie, der Sozialpsychologie und anderer Disziplinen, diese Mechanismen aufzudecken, damit der Mensch die eigene Schwäche erkennt und ihr nicht auf den Leim geht. Sich damit differenziert auseinanderzusetzen, wäre moralisch. Andere zu entmenschlichen und ihnen damit ihre Würde zu nehmen nicht.

Auch Verbrecher sind Menschen, Herr Tillich

Ja was ist Würde eigentlich? Und wie verliert man sie? Als menschliche Würde, so steht es in unserem Grundgesetz, ist sie unantasbar. Wie ist das mit der Würde von Menschen, denen die Menschlichkeit aberkannt wird? Es ist ein fundamentaler Fehler der Politik, sich dieser Mittel zu bedienen. Wer den Rassisten entmenschlicht, der nutzt am Ende die gleichen faschistoiden Mittel wie der Rassist selbst. So ist es gerade die Aufgabe von gewählten Demokraten, über diesen Fehler erhaben zu sein, den Mensch zu nehmen wie er ist und nicht, wie er ihn gerne hätte. Diese Leute, die in Clausnitz und Bautzen standen, sind nicht das Volk, aber sie sind Teil des Volkes, sie sind Mensch wie jeder andere auch. Dies nicht anzuerkennen, wird die Gräben nur weiter vertiefen, den falschen Leuten Sympathien zuspielen und den sozialen Frieden gefährden. Wer mit Moral in der Flüchtlingsfrage argumentiert, der muss auch moralisch mit seinen Mitbürgern umgehen. Wer die Würde des Menschen betont, der muss diese Würde allen zugestehen – egal wie zuwider ihm das in manchen Momenten auch sein mag.

Nein, es geht nicht darum, diese Leute zu tolerieren und sie einfach machen zu lassen. Verbrechen müssen geahndet werden. Erst recht wenn sie solch widerlicher Natur sind. Aber auch Verbrecher sind Menschen, Herr Tillich.

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