SPD: Der Letzte mit Format

Sigmar Gabriel hat das sinkende Schiff verlassen und die für sich denkbar beste Option gewählt. Warum mit Schulz jedoch alles noch langweiliger wird als mit dem polternden Gabriel, schreibt Anabel Schunke.

© Sascha Steinbach/Getty Images

„Ein ehemaliger Buchhändler mit Bestatteroptik aus Würselen.“ So beschrieb ich einst Martin Schulz in einem meiner Texte, in dem ich konstatierte, nur die Langweiler und sonstigen farblosen Gestalten würden mittlerweile die Posten der deutschen Spitzenpolitik besetzen. Da wusste ich noch nicht, dass Sigmar Gabriel wenige Monate später bekannt geben würde, dass er nicht Kanzlerkandidat werden will und auch vom Parteivorsitz zurücktreten werde, um beide Posten tatsächlich an den Oberlangweiler nach Frank-Walter Steinmeier schlechthin abzugeben.

Denn so ganz hatte ich bis zuletzt nicht damit gerechnet, dass Sigmar Gabriel jemand anderem den Vortritt lassen würde, auch wenn es eindeutige Anzeichen dafür gab, wie etwa Schulzs Abzug aus Brüssel. Vermutlich hatte ich Gabriels Fähigkeit zur Einschätzung der eigenen Chancen unterschätzt. Denn in Wahrheit hat sich der runde, stets gut gebräunte Mann, den ich seit meinen Kindertagen aus der gemeinsamen Heimatstadt kenne, denkbar gut aus dem sinkenden Schiff SPD befreit. Gabriel macht jetzt Außenminister und weiterhin Vizekanzler, während sich andere für die abzusehende Niederlage bei der Bundestagswahl werden verantworten müssen. Endlich wird er nicht mehr der ungeliebte Vorsitzende und Prügelknabe für die eigenen Parteileute sein.

Mensch statt Maske

„Zur Wahrheit gehört“, sagt Gabriel in seiner gestrigen Rede im Willy Brandt-Haus, „Ich habe es der SPD nicht immer leicht gemacht. Umgekehrt auch nicht immer.“ Wer durch das verschmitzte Lächeln des Vizekanzlers hindurchschaut, kann erahnen, wie all das in den letzten Jahren an ihm genagt haben muss und wie erleichtert er jetzt ist, den Job los zu sein. Gabriel weiß längst, dass es für ihn in diesem Leben nicht mehr zum Kanzler reichen wird. Außenminister und Vizekanzler – unter der Prämisse alles, was er hätte erreichen können und das ohne die Schmach einer verlorenen Kanzlerkandidatur und weiterhin Vorsitzender einer Partei im Sinkflug zu sein. Alles richtig gemacht, könnte man sagen.

Oft wurde Gabriel genau dieser Sinkflug zur Last gelegt. Dabei begann er eigentlich schon mit Schröder und der Agenda 2010, die der SPD von vielen alten Sozialdemokraten bis heute übel genommen wird. Es folgten Franz Müntefering, der Übergangsparteivorsitzende Matthias Platzeck und der ebenso erfolglose Kurt Beck. Über drei Jahre wirtschaftete Beck die SPD weiter herunter, ehe Frank-Walter-Steinmeier ihn kurzzeitig kommissarisch ablöste, um das Amt daraufhin für ein Jahr wieder an Franz Müntefering abzugeben. Gabriel übernahm den Vorsitz erst 2009. Fünf Jahre nach Schröders Rücktritt als Parteivorsitzender. Da war das Kind längst in den Brunnen gefallen.

Was man Gabriel anlasten kann, ist, dass er es in all den Jahren seines Vorsitzes nicht vermocht hatte, die Partei aus dieser Abwärtsspirale zu befreien. Ihm die alleinige Schuld dafür aufzubürden, wäre jedoch unangemessen. Da wären ja immerhin auch noch solch glanzvolle Personen wie Heiko Maas, Aydan Özogüz und massig andere. Gabriel polarisiert. Wer polarisiert hat etwas Angreifbares, aber damit eben auch etwas Greifbares. Gabriel hat Format. Oft kommt er polternd daher, aber was haben all die Schulzes, Scholzes und Steinmeiers? Der Vizekanzler, ob man ihn leiden kann oder nicht, ob man der Sozialdemokratie an sich nichts abgewinnen kann oder doch, war der Letzte in der Führungsspitze der SPD mit Ecken und Kanten, mit einem losen Mundwerk. Ein Mensch, der auch mal wütend, gar ungestüm auftreten kann und das auch zeigt. Der nicht wie der perfekte Parteisoldat agiert und auswendig gelernt erscheinende Sätze abspult. Inhaltlich war ich nie mit Gabriel einer Meinung.

Menschlich begründen gerade seine ersichtlichen Fehler, sein mitunter so manches Mal fast cholerisch erscheinendes Auftreten, weshalb er für mich einer der Letzten in der Spitzenpolitik mit dem Format und dem Mut früherer Politiker war, sich auch mal unbeliebt zu machen. Mir war ein Gabriel, der gerne mal mit seiner Frau durch Goslar schlendert, selbst in seinen arroganten Momenten, mit Stinkefinger und „Pack“-Statements zu jedem Zeitpunkt lieber als die stets nüchterne Merkel. Als eine Politikerin, eine Kanzlerin, von der in all den Jahren ihrer Kanzlerschaft man nie je auch nur eine echte Gefühlsregung vernommen hat. Von der man deshalb auch niemals nur erahnen kann, wie sie reagiert, was der nächste Schritt ist und die so zu einem unkalkulierbaren, unnahbarem Risiko für die eigene Bevölkerung wurde.

Dennoch scheint es so, als seien wir hier in Deutschland mittlerweile so eingelullt vom Politikertypus Merkel, dass wir abseits von inhaltlichen Differenzen mit den jeweiligen Parteien, menschelnde Politiker gar nicht mehr schätzen, geschweige denn erkennen. So kommt es mir jedenfalls vor, wenn unsere hiesige Presse den Zentralisten und Technokraten Schulz zum bodenständigen Sympathieträger hochschreibt, der bessere Chancen hätte als der abgehobene Gabriel. Gleiches gilt für Olaf Scholz, den man ohnehin für noch besser als Schulz halte und über den man schreibt, als hätte er auch nur im kleinen Zeh so viel Format und Charakter wie ein Willy Brandt oder Helmut Schmidt. Manchmal komme ich mir vor, als würde ich in einem Paralleluniversum leben.

Personell ausverkauft

Auch ein Gabriel ist kein Brandt oder Schmidt. Das ist keiner da. Eine Partei, in der am Ende Martin Schulz als bester Mann im Kampf um die Kanzlerschaft hervorgeht, hat bereits mit dieser Wahl alles über ihre Personaldecke offenbart. Da kann die Presse in den Monaten vor der Wahl noch so bemüht sein, Schulz zu etwas zu machen, was er nicht ist. Ja, er war als junger Mensch Alkoholiker, scheiterte in der Schule und hat sich dennoch bis ganz noch oben in der Politik gekämpft. Anders als viele andere politische Gegner würde ich ihm genau das auf persönlicher Ebene positiv anrechnen. Schulz steht jedoch damit auch für jenes politische System von Berufspolitikern, die abseits der Politik nie Erfolg im Leben hatten und vermutlich auch weiterhin nicht haben würden. Hieß es früher einmal: Wer nichts wird, wird Wirt, könnte man den Wirt im Satz heute nur allzu oft durch den Politiker ersetzen. Da täuscht auch der ein oder andere akademische Abschluss nicht darüber hinweg, wenn man so wie Andrea Nahles nach dem Germanistikstudium direkt in die Politik gegangen und sich somit keinen einzigen Tag in seinem Leben unter marktwirtschaftlichen Gesetzen in einem normalen Job beruflich behaupten musste.

Eine politische Riege, in der Frank-Walter Steinmeier den Einäugigen unter den Blinden gibt und sich vor allem deshalb höchster Beliebtheitswerte erfreut, obwohl er, wie eingangs erwähnt, sogar noch weniger als Martin Schulz ausstrahlt und über den Jan Fleischhauer kürzlich schrieb: „Es gibt von ihm keine Rede, die als erinnerungswürdig überliefert ist, nicht mal einen markanten Satz. Als er einmal laut wurde, weil er sich über ein paar Pöbler geärgert hatte, war das eine solche Sensation, dass alle Medien darüber berichteten.“

Bleibt zuletzt also nur der Trost, dass, egal, wen die SPD vorne heran stellt, ohnehin keiner von ihnen tatsächlich die Chance auf die Kanzlerschaft hat. Das weiß auch Gabriel und hat seine Schäfchen noch rechtzeitig ins Trockene gebracht. Bei der in Aussicht stehenden Alternative einer weiteren Amtszeit Merkels, ist diese Freude jedoch trügerisch. Ein Hoch auf die Demokratie.

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