SPD Baden-Württemberg: Landeschefin Breymaier zieht sich zurück

Breymaier hat Castellucci vorgeschlagen, gemeinsam dem Parteitag einen dritten Kandidaten vorzuschlagen, der die Partei zusammenführen kann. Der Professor aus Mannheim sieht das wohl komplett anders …

Lukas Schulze/Getty Images

So wird das nichts mehr mit dieser SPD, die, und der Autor bittet viele Genossen um Verzeihung, für seine harte Wortwahl, die einfach nur noch verkommen zu sein scheint. Ohne Gespür für das, was echte Genossen und Sympathisanten an der Basis umtreibt – jedenfalls keine Personaldebatten, und Kandidaten, die auf „Teufel komm raus“, andere ausstechen wollen, wobei sie selbst jahrelang Zeit gehabt hätten, für eine Systemkorrektur einzutreten. Nein, stattdessen hat man sich weggeduckt und alles mitgetragen, was der vorherige Baden-Württembergische Landesvorsitzende und Vize-Ministerpräsident Kretschmanns, Nils Schmid (nun als MdB und im Auswärtigen-Ausschuss daheim), so entschieden gegen die Wand gefahren hat.

In persona: Lars Castellucci, der 44-jährige Jurist aus Heidelberg.

Zur Vita eines jeden SPD-Genossen in gehobener Position gehört, dass auch sein Zivildienst erwähnt wird. Castellucci verrichtete diesen nach seinem Abitur in Walldorf im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden. Neuere Geschichte und Öffentliches Recht studierte Lars Castellucci, Sohn eines italienischen Einwanderers, in Mannheim, Heidelberg und San Francisco. Momentan ist Castellucci Dozent für Nachhaltiges Management, insbesondere Integrations- und Diversity Management an der Hochschule der Wirtschaft für Management (HdWM) in Mannheim.

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Castellucci, der seit nunmehr 13 Jahren auch im Vorstand der Landes-SPD Baden-Württembergs sitzt, war demnach auch mitverantwortlich für das größte Desaster, die eine SPD jemals im Lande der Schwaben und Badener einfuhr und ergo auch den Regierungspartner mit den Grünen verlor. Unter 13 Prozent? Winfried Kretschmann wollte und konnte mit so einem schwachen Partner nichts mehr anfangen. Vor allem aber in und um Stuttgart waren sich konservative Christdemokraten und die Realo-Grünen immer sehr nah.

Es war umso wichtiger, dass mit Leni Breymaier eine Vorsitzende gefunden und gewählt wurde, die die SPD, wenn auch in kleinen Schritten (und selbst wenn sie pro-Groko einstand und dann „umgekippt“ ist), verändern und aufpäppeln musste. Zu groß ist der Scherbenhaufen bis heute (!), den Leni Breymaier dabei war aus dem Weg zu räumen, mit zahlreichen Gesprächen mit Personen und Institutionen – Multiplikatoren.

Leni Breymaier, eine streitbare Person, die einfach so redet, wie ihr der Schnabel, (auf schwäbisch: „die Gosch“) gewachsen ist, kam bei den Bürgern und Genossen und bei vielen Frauen gut an. Die Einzelhandelskauffrau hatte sie gegen die Gewerkschaftssekretärin eingetauscht – nun ja, es kann nicht schaden, ein wenig Ahnung von Arbeitnehmerrechten zu haben in Zeiten, in denen viele Verträge immer noch prekär gestaltet und über Leiharbeitsfirmen abgewickelt werden.

Man blicke nur nach Berlin, wie schnell die SPD um Nahles (Leni Breymaier sitzt auch im Bundesvorstand) plötzlich HARTZ-IV abschaffen möchte. Die Angst der Abwahl hat sich in Seelen und Gemüter gefressen.

Von Beginn an war Leni Breymaier den Netzwerkern, denen Castellucci angehört, ein Dorn im Auge. Fast alle Vorhaben Breymaiers wurden torpediert, ihre Generalsekretärin Luisa Boos galt vielen für zu linkslastig.

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Netzwerker können eines sehr gut, wie der Name schon sagt, „netzwerken“, also Strippen ziehen, ohne jemals selbst Großes für die Partei geleistet zu haben – man kann auch sagen, Netzwerker sind „Parteisoldaten“ und Macht-Technokraten. Umso erstaunlicher, dass Castellucci, der die Mitgliederbefragung und Abstimmung vorgestern knapp gegen Breymaier verloren hatte, zwar nur wegen 39 Stimmen, aber verloren ist verloren, dennoch am Landesparteitag am Samstag antreten möchte, denn, so Lars Catellucci: „Deshalb stehe ich für keine Klüngeleien oder Absprachen im Hinterzimmer für vermeintliche Konsenskandidaten zur Verfügung. Das Wort hat jetzt der Landesparteitag.“

Er wirkt fast diabolisch, wie er das sagte, und welche Mimik und Gestik der Genosse dabei aufführte. Der Autor hat schon zu viel erlebt und ist beruflich weltweit tätig gewesen, doch andere Genossen schaudert es heftig bei der Vorstellung, dass da einer Leni Breymaier beerben möchte (die sogar vor Ende der Auszählung ihren Rücktritt bekannt gab; das Ergebnis, das sich abzeichnete, war ihr zu knapp), der absolut der alten Garde um Nils Schmid angehört – verantwortlich für den größten Stimmenschwund und für das miserabelste Ergebnis der SPD in „BaWü“.

Ohne Skrupel und vielleicht im Wissen, dass ihn ein eng gesponnenes „Netzwerk“ stützt, will Castellucci es also wissen. Die Genossen und viele Stuttgarter sowie Leute im Umland verstehen es nicht, wie sich der Heidelberger jetzt in Szene setzt und, ja dass er überhaupt Leni Breymaier herausforderte.

Themen und enggesteckte Punkte blieb Lars Castellucci stets schuldig, der Professor kam mit Allgemeinplätzen daher:

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Er wolle die SPD modernisieren. Das kann alles und nichts heißen und vor allem, wie? Und weshalb ausgerechnet er, der nicht einmal Nils Schmid einst von seinen Ideen intern (viele aus dem Zirkel meinen, Castellucci sei stets devot gewesen und genauso aufgetreten, andere sagen Schmid und Castellucci hörten andere gar nicht) überzeugen konnte, zum Wohle der Partei. Nein, stattdessen hieß es fast im SMV-Slang, „Wer die AfD wählt, ist unanständig“, und man fuhr im Windschatten der Grünen mit – und von dort dann allein in den Keller.

Castellucci und andere (darunter auch SPD-Bürgermeister kleinerer Städte) verstanden sich vielmehr als Opponenten gegen Leni Breymaier und deren Team innerhalb der Partei. Castellucci verlor jetzt gegen Breymaier, aber sieht die Niederlage „fast als Patt“. Sein Verständnis von Demokratie. Sportskameraden lernen eigentlich früh, „Mit Anstand gewinnen“ und mit Anstand verlieren.

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Der Dozent der HdWM in Mannheim promovierte einst zum Thema „Thema sozialer Ausgrenzung in Deutschland und neuer Handlungsmöglichkeiten der Arbeitsmarktpolitik“, ist ein wahrer Meister im Befeuern und Ausgrenzen von Genossen, die ein wenig links der Mitte stehen, und das liberale Lager, um die Netzwerker und Seeheimer zu Recht kritisieren. Denn die größten Desaster sind eben Leute wie Schmid, Castellucci, Kahrs, sowie Maas oder auch Olaf Scholz, Klingbeil und etliche andere Spitzengenossen selbst oder gerade, wenn sie nur backstage operieren. Wer seinen Anspruch auf den Vorsitz nur deshalb erhebt, mit der fadenscheinigen Begründung „Wenn ich es nicht mache, stehen wir ohne Personal da“, lässt tief blicken in die Abgründe der SPD. Und das macht sie wirklich unheimlich. Sollte die SPD im Ländle keinen Ausweichkandidaten stellen können, wir sagen, Fraktionsvorsitzender Andi Stoch, ja, auch ein Jurist, aber ein „bodenständiger“ Heidenheimer, könne die Genossen in Baden-Württemberg unbelastet und unbeschadeter führen, durch stürmische Zeiten, vor allem aber, als Flügel übergreifender Vermittler.

Was bleibt? Castellucci wird als derjenige angesehen, der den Keil hineingetrieben hat, und so mancher wird sich gern, bei aller Kritik an Leni Breymaier erinnern. Unprätentiös trat sie also mit dieser persönlichen Erklärung an alle Mitglieder via Email zurück: „Ich habe Lars Castellucci deshalb vorgeschlagen, dass wir gemeinsam dem Parteitag einen dritten Kandidaten oder eine dritte Kandidatin vorschlagen“, und zwar eine Persönlichkeit, die die Partei einen und zusammenführen kann. Breymaier sei überzeugt, dass dies nicht Tage der Egoismen sein dürfen, „sondern der gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft der Partei.“

Der Professor aus Mannheim sieht das wohl komplett anders …


Giovanni Deriu, Dipl. Sozialpädagoge, Freier Journalist. Seit 20 Jahren in der (interkulturellen) Erwachsenenbildung tätig.

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Kommentare ( 25 )

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Nach allem, was über Leni Breymaier berichtet wurde, besonders über ihre persönlichen Ausfälle und ihre nicht vorhandene Teamfähigkeit, auch über die Art ihres Angangs, erst die Wahl knapp zu gewinnen und dann abzulehnen, erschließt sich mir nicht, wer von den Beiden der oder die Unfähigere ist. Feststellen kann ich, dass die SPD zunehmend gar keine geeigneten Leute mehr hat. Scheinbar will da niemand mehr rein, der etwas auf dem Kasten hat und persönlich integer ist. Das ist jetzt wohl der Schlussakkord.

Sehe ich auch so. Eine Partei ist immer nur so attraktiv wie ihr politisches Personal. Und gerade da ist bei der SPD offenbar alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann. Eine Partei, die mit einem Martin Schulz in den Bundestagswahlkampf zieht und wo ein Kevin Kühnert bereits als Nachwuchshoffnung gilt, ist personell am Ende. Man könnte hier jetzt die Namen der kompletten Partei-Nomenklatura aufzählen – da ist wirklich nichts und niemand mehr. Die SPD wurde inhaltlich, moralisch und personell an die Wand gefahren. Da geht nichts mehr und da kommt auch nichts mehr. Wer heute noch SPD wählt, ohne direkter Nutznießer oder… Mehr
Lieber Herr Deriu, vielen Dank für den sehr informativen Artikel. Er ist sehr gut. Nur eine Frage: Meines Wissens besitzt Herr Castellucci keine juristischen Staatsexamina. Wieso ist er dann in ihrem Artikel ein „Jurist“? Meiner Ansicht nach ist er einer der typischen SPD- Funktionäre: Abitur, Politikstudium (in diesem Fall immerhin noch mit Promotion, aber zu einem sinnlosen Thema), Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem SPD Abgeordneten und dann selber SPD Abgeordneter. Nils Schmid hatte immerhin noch ein Prädikatsexamen in Jura. Außerdem: Sie schreiben von dem „Professor“. Das ist zwar vollkommen richtig. Es handelt sich aber nicht um eine W3 Professur an einer… Mehr

„Momentan ist Castellucci Dozent für Nachhaltiges Management, insbesondere Integrations- und Diversity Management“ – nach der Lektüre des Artikels scheint auch ein Theorie-Praxis- Problem vorzuliegen. Mir scheint er eher ein Fachmann für Des-Integration zu sein und die Anwendung des mittlerweile sinnentleerten Begriffsfeldes „Nachhaltigkeit“ ist am wenigsten auf die SPD anwendbar. Herrn Roths Beobachtung teile ich: mich verwundert seit Jahren die Inflation von Professorentitel an skurrilen Privatuniversitäten in Pillepallefächern. Gilt hier der Satz „Unter den Talaren der Muff von 50 Jahren“ ? Mit dem Erfolg der 68er im Kultur – und Wissenschaftsmilieu nahm der einst verpönte Titelwahn erneuerte Formen an.

Charakterliche Negativauslese der Negativauslese.

Nichts neues bei der spd und besonders nicht im WB-Haus.

Wirklich nicht.

Castellucci passt zu dieser SPD wie die Faust aufs Auge.

Diese sog. „etablierten“ Parteien sind der Niedergang der Demokratie und der Untergang Deutschlands. Karrieregeile, egoistische und dekadente Parteisoldaten, allein um pers. Macht und um die lukrativen Privilegien, Posten und Pöstchen mit allen Mitteln kämpfend und intrigierend. Was mit Bürgern und Land passiert ist da völlig egal, die persönlichen Vorteile aller Art sind das Ziel und Maß aller Dinge, ansonsten nach mir die Sintflut. **

Habe diesen Bericht über die Interna der SPD mit grossem Desinteresse gelesen.

Ich dachte schon, es ginge nur mir so 😉

„Momentan ist Castellucci Dozent für Nachhaltiges Management, insbesondere Integrations- und Diversity Management an der Hochschule der Wirtschaft für Management (HdWM) in Mannheim.“ –> Als Nächstes bekommt er dann bestimmt noch den Gender-Gaga-Lehrstuhl hinterhergeworfen. Der optimale Mann also, um die Interessen des typischen SPD-Wählers zu vertreten. IRONIE AUS!

„Sportskameraden lernen eigentlich früh, „Mit Anstand gewinnen“ und mit Anstand verlieren.“ –> Herr Deriu, besuchen Sie mal ein Fußballspiel unter Beteiligung einer monoethnischen Neuköllner Fußballmannschaft und schauen und hören gut hin. Sie werden Ihr Bild schnell revidieren.

Sehr richtig. Fußball ist kein Sport. Fußballspiele sind Spiele fürs Volk – eine Art Zirkus. Da gelten in immer stärkerem Maße nicht die Regeln des fairen Sports sondern die Spielregeln der Politik.

Und das interessiert wen?

Ich bin stets daran interessiert, mein Bild, das ich von dieser “ Partei“ habe, abzurunden.