Nation ohne Geschichte

Auf die Frage, was Deutschsein bedeutet, folgt im bundesrepublikanischen Derzeitdeutschland meist nur leeres Schweigen. Über den Verlust der nationalen Identität.

Wenn die Grüne Jugend, fast schon unerträglich offen provokativ, den Deutschen mal eben verordnet, sie mögen bei der diesjährigen Fußballeuropameisterschaft doch bitte auf das Zeigen der Nationalflagge verzichten,  weil der durchschnittliche Partypatriot eo ipso hinter seiner Fußballeuphorie sein tiefliegendes dunkeldeutsches Wesen verstecke, dann kann man das als Ideologie gewordenen Schwachsinn abtun und nicht weiter ernstnehmen. Es ist ja immerhin nicht das erste mal, dass sich die Nachwuchsgrünen im antideutschen Abseits tummeln, also dort, wo man sonst nur KPD-Altlinke oder berufsmäßige Steineschmeisser des Schwarzen Blocks vermutet. Doch auch ernstere Wortmeldungen der vergangene Monate belegen eindrücklich, dass die Deutschen – oder zumindest ihre classe politique – ein gebrochenes Verhältnis zur ihrer Nation, Identität und Geschichte haben. Was ist deutsch? Diese Frage lässt viele Derzeitdeutsche im Unklaren zurück, auf sie folgt entweder leeres (oder entleertes) Schweigen, nicht selten ein Tabu.

Dabei ist die Identität einer Nation weder Naturgesetz noch Beliebigkeit. Es wäre töricht, ein „natürliches“, von alters her existentes Deutschland zu unterstellen, ist doch die Idee einer Nation eine moderne, die historisch einmalig ist. Genauso zeugt es allerdings von intellektueller Anmaßung, die Eigenart eines Landes als beliebig gestaltbares Konstrukt kleinzureden, dessen Bedeutung und Inhalt von der Laune wohlmeinender Journalisten, Politiker und Migrationsforscher abhänge. Ersteres ist in NPD-Ortsvereinen eine sicherlich beliebte Behauptung, Letzteres die Generallinie im öffentlichen, linksliberalen Juste Milieu.

Der „Verfassungspatriotismus“ als Fluchtpunkt

Die Idee vom „Verfassungspatriotismus“, die Jürgen Habermas nach der Wiedervereinigung in die Welt setzte, um allerlei tieferen Nachfragen zum Deutschsein zu entgehen, ist eine solche Anmaßung. Denn freilich haben wir hierzulande eine hervorragende, liberal-demokratische Verfassung, die man nicht missen möchte, doch zu einer Nation gehört noch einiges mehr als 146 Grundgesetzartikel (von denen eine Mehrzahl übrigens kaum jemanden interessieren dürften, außer man ist Jurist, Bürokrat oder beides). Eine Verfassung kann nur der konstitutionelle Überbau eines tieferliegenden kulturellen Gemeinsinns sein. Der regelrechte Grundgesetzfetischismus, dessen argumentativen Ausfluss man beobachten kann, wenn nach „deutscher Leitkultur“ gefragt wird, gibt Zeugnis über die weit verbreitete identitäre Ahnungslosigkeit und Leere. Was sonst stellen die vielen Wortmeldungen in der Einwanderungsdebatte dar, wenn ihnen auf die Frage nach der Kultur, in die sich Zuwanderer integrieren müssen, nichts besseres einfällt als: „Das Grundgesetz, was sonst?“ Was Deutschsein bedeutet, bleibt bis aus weiteres ungeklärt – auch für den Zuwanderer.

Die fragenden Blicke aus der Runde, wenn nach einer nationalen Identität gefragt wird, können allerdings nichts Gutes bedeuten. Denn bei Nationen handelt es sich nur um „vorgestellte Gemeinschaften“ (Benedict Anderson), weil deren Mitglieder sich aufgrund der räumlichen Trennung nicht persönlich kennen, aber in ihren Köpfen die Vorstellung von einer Gemeinschaft kreieren. Das, was sie verbindet, nennt man nationale Identität, die mit Inhalten gefüllt werden muss, sonst bleibt der kollektive Fortschritt auf der Strecke.

Normalerweise übernimmt die Geschichte der Urahnen die Funktion der Bildung einer erinnerungswürdigen Kultur und Identität. So erinnern sich die Franzosen – besonders in schweren Zeiten – ihrer révolution oder der résistance, die Briten feiern die Glorious Revolution oder das Empire, die Amerikaner den Unabhängigkeitskrieg und der daraus folgenden Erklärung – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Doch was feiert der Deutsche? Woraus schöpft er Mut und Zusammenhalt in schwierigen Zeiten? Diese Frage ist deswegen schwer zu beantworten, weil sie nicht nur nicht diskutiert, sondern sogar bewusst ignoriert wird.

So dient ein Spiegel-Beitrag unseres Bundesjustizministers Heiko Maas hier als charakteristisches Beispiel. Dort schreibt er, der AfD entgegen: „Bleiben wir ein modernes und weltoffenes Land, oder werden wir eine Nation verkniffener Spießer, die ihr Heil in der Vergangenheit sucht? […] Das AfD-Programm ist der Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern.“ Ähnlich gerichtet hielt die Frankfurter Allgemeine Woche in ihrer Titelgeschichte „Wie die AfD Leben möchte“ fest, wie rückwärtsgewandt und falsch die Heilssuche in der Vergangenheit doch sei. Unabhängig von diesen Bewertungen der AfD: Auffällig ist die lakonische Leichtigkeit, mit der mal eben die deutsche Vergangenheit zum trüben Gestern und Vorgestern erklärt wird, deren Bezug zum Heute man mit allen Mitteln pauschal verhindern müsse. Sogar die 50er Jahre zählen neuerdings zu diesem bösen, bösen Gestern.

Die Berliner Republik hat kein Narrativ

Steht nun also das bunte, weltoffene, moderne Diversity-Deutschland gegen das dunkeltrübe, spießige Vergangenheitsdeutschland, das gottlob vorüber ist? Ewigmorgige gegen Ewiggestrige? Sind die erhabenen Burgen, edlen Schlösser, emporragenden Kathedralen, die vielen Reichs- und Hansestädte, der reiche kulturelle Schatz des Heiligen Römischen Reichs, die Biographien eines Friedrich des Großen bis Otto von Bismarcks, die aufklärerischen, romantischen und modernen Geister von Leibniz, Goethe, Schiller, Kleist, Heine, über Bach, Kant, Hölderin, Hegel, Nietzsche bis zu Schopenhauer und Thomas Mann, die großen Erfinder, Tüftler, Wissenschaftler und Unternehmer von Gutenberg über Röntgen, Planck, Einstein, Benz, Diesel, Otto Hahn, Siemens oder Lilienthal, denn keine Erinnerung wert? Gehört das alles – und vieles mehr – nicht wie selbstverständlich zur deutschen Identität? Die deutsche Romantik, die Kulturnation, die Eiche im Wald, an der schon von Eichendorff dichtend vorüberzog, und der Erfindergeist. Sind das alles nicht wir? Und ist es dann nicht unsere Aufgabe, dieses wunderschöne Erbe zu pflegen und zu hüten? Von „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ bis zum Gütesiegel Made in Germany, von Hambach bis zur Wartburg. Diese schöpferisch-noble Vergangenheit mag von der Schreckensherrschaft der Nazis zwar missbraucht worden sein, aber nie wurde sie von ihr berührt. Ist das alles denn keines Wortes mehr würdig? Immerhin wusste schon Edmund Burke: „Menschen, die nicht auf die Vorfahren zurückblicken, werden auch nicht an ihre Nachwelt denken.“ Wenn hierzulande über Deutschsein oder nationale Identität gesprochen wird, dann abfällig oder unwissend. Ja bei manch einem hat es den Anschein, als gäbe es Deutschland erst seit 1945 oder erst seit 1968, als das vermeintlich weltoffene Deutschland erstmals die Welt erblickte.

Bei jedem Versuch, diese verkürzte Sicht hinter sich zu lassen und an kultureller (nicht ethnischer) Identität anzuknüpfen „handelt (es) sich um einen Akt der Auflehnung: gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will.“ (Botho Strauß). Die Geschichten, Mythen und Helden des Nachkriegsdeutschlands sind immerhin mehr als dürftig. Gerade so taugen Wirtschaftswunder und D-Mark als ökonomische Heroen und das Ende der NS-Diktatur markiert den eigentlichen, ex negativo festgelegten Gründungsmythos der Bundesrepublik. Doch das andere, das vor 1933, so scheint es, wollte niemand retten. „Der Berliner Republik ist es schlichtweg bislang nicht gelungen eine große, integrierende, politisch sinnstiftende Erzählung zu entfalten“ konstatierte vor kurzem Herfried Münkler.

Dabei ist die Mythen-, Identitäts- und Geschichtslosigkeit der heutigen Bundessrepublik keineswegs ein liberaler Vorteil. Ohne sinnstiftende Erzählung sind große Krisen schwerlich zu meistern und die Hochkultur verliert ihren anthropologischen Kontext. Gerade jetzt, wenn sich die Frage nach tausendfacher Integration stellt, erweist sich das post-historische Dasein im massenmedialen Alltag als akutes Problem. Was ist Deutschland? Sobald der Einwanderer diese Frage stellt, wird er feststellen, dass er in ähnlicher Weise entwurzelt ist wie die vielen Deutschen, zu denen er sich nun gesellt. Es wäre an der Zeit, auf diese Frage kein leeres Schweigen folgen zu lassen, sondern eine selbstbewusste Antwort.

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