Mit Fundamentalismus gegen Fundamentalismus?

Wenn wir in Deutschland mehrheitlich liberal miteinander umgehen, tolerant im Umgang mit anderen Meinungen, Lebensformen etc. sind, dann liegt das nicht am toleranten, Nächstenliebe predigenden Christentum, sondern zuvorderst an unserer im Zuge der Aufklärung stattgefundenen Emanzipation von dieser Religion.

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Es ist zwanzig vor sieben am Abend des vergangenen Freitags, als ich die Infobroschüre der Bibliothek des Konservatismus von einem der schwarzen Plastikstühle räume, um mich neben Alice Weidel zu setzen, die mich zuvor bereits ganz ungewohnt freundschaftlich und so gar nicht politikermäßig begrüßt hatte. Sie hat mich eingeladen nach Berlin. Ganz spontan, weil sie dort zu tun hat. Weil sie mit mir sprechen will – über die AfS und weshalb sie sich insbesondere mit den jungen Leuten meiner Generation so schwer tut. Meine Texte kennt sie, weiß, dass ich wie so viele andere junge Frauen vor allem mit der Familienpolitik und dem Bild der Frau, dass viele AfD-Anhänger haben, meine Probleme habe. Passend dazu haben wir uns auf einer Veranstaltung verabredet, in der es um jene vermeintlich „traditionellen Werte“ gehen soll, die auch so viele der AfDler bedroht sehen. Alice Weidel will die Argumentation dieser Leute, die auch Teil ihrer Partei sind, nachvollziehen. Teilen tut sie diese Auffassungen kaum. Nicht umsonst machen wir ab, dass wir jederzeit gehen können, wenn es einer von uns nicht mehr aushält.

Wir gehen nicht. Auszuhalten ist es dennoch kaum. Eine gute Stunde spricht Hedwig von Beverfoerde – das auch optisch wandelnde Klischee einer verklemmten, spießigen Oberschichts-Perlenkettenträgerin mit Reitstall-Naturkrause – über die angeblich notwendige Verteidigung „existenzieller Werte“, den „Kampf für Ehe, Familie und Leben“, der nach Ansicht der überzeugten Katholikin allerdings nur für die klassisch heterosexuelle Paarbeziehung ausgefochten werden sollte. Diese sei nach von Beverfoerde, wie sie immer wieder im Laufe des Abends betont, nämlich die einzig „richtige“ und „natürliche“ Verbindung zwischen zwei Menschen.

Eingebettet ist die Veranstaltung passenderweise dann auch in den „Marsch für das Leben“, einer Kampagne von radikalen Abtreibungsgegnern, die einen Tag nach von Beverfoerdes Vortrag in Berlin stattfinden soll.

Der Vortrag selbst ist ein Witz. Vielleicht auch, weil das, was von Beverfoerde dort betreibt, gar kein Vortrag ist, sondern ein nicht mal im Ansatz mit Fakten unterlegter Aufruf zum politischen Aktivismus gegen ominöse übermächtige Homo-Familien-Zerstörungs-Lobbygruppen, die uns alle auf direktem Wege in die Apokalypse führen werden. Und wenn ich keine Fakten sage, dann meine ich keine Fakten. Also nicht mal Pseudo-Fakten aus der Bibel oder von irgendeinem Pseudo-Wissenschaftler. Nichts. Gar nichts. Nada. Rien. Stattdessen eine Anleitung, wie man als Anhänger „traditioneller“, „natürlicher“, „richtiger“ und „wahrer“ Werte am Besten gegen die wachsende Bedrohung durch Homosexuelle, Polyamoristen und Inzest-Befürworter vorgeht, die Beverfoerde – ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken – alle in einem Atemzug nennt. Mails an Abgeordnete könne man z.B. schreiben und wichtig sei dabei, dass man sie, wie man das ja auch bei Hunden tut, dabei lobt. Demos seien im Kampf um das Existenzielle das wirksamste Mittel (an dieser Stelle erinnerte mich von Beverfoerde an ein rhetorisch und intellektuell weit unterlegenes katholisches Pendant zur frühen Ulrike Meinhof). Und ja, wenn all das nichts hilft, dann bleibt uns zumindest noch das Beten und das sei ja ohnehin die mächtigste Waffe im Kampf gegen all die Gottlosen.

Bekenntnis statt Argument

Warum Gott sich offensichtlich mit Hilfe von Homo-Familienzerstörungs-Lobbygruppen gegen Frau von Beverfoerde und ihre Anhänger verschworen hat, bleibt indes leider unbeantwortet. Genauso wie solche Fragen, warum er kleine afrikanische Kinder verhungern lässt, weshalb es Homosexuelle überhaupt gibt, wenn sie doch unnatürlich sind und ob gar die Religion selbst uns Menschen erst widernatürliche Verhaltensweisen und Moralvorstellungen aufoktroyiert hat, sprich, ob Vorstellungen von Jungfräulichkeit bis zur Ehe und Co. der menschlichen Natur nicht viel eher zuwider laufen als Paarbeziehungen zwischen zwei Frauen oder zwei Männern.

Ohnehin war Fragen stellen so eine Sache. Da Alice Weidel und ich nicht die einzigen Kritiker von Hedwig Von Beverfoerdes Aufruf zur politischen Agitation waren, hatte es sich nämlich sehr schnell mit der Geduld vieler Zuhörer, die es ganz offensichtlich nicht gewöhnt waren, sich mit anderen Ansichten, wie für eine liberale Demokratie eigentlich üblich, auseinandersetzen zu müssen. Religion, sofern man sie ernst nimmt, kennt eben nur eine Wahrheit.

Und während wir so zusammen mit den anderen Kritikern des Vortrags von einem sehr christlichen Zuhörer mit Fingerzeig und Gottes Strafe bedroht wurden, kam mir erneut in den Sinn, wie gefährlich Religion ist, wenn sich die Menschen nicht genügend von ihr emanzipieren. Und dass das eben nicht nur den Islam betrifft, sondern auch nahezu jede andere Religion.

Denn Religion ist genuin antidemokratisch und illiberal. In dem Moment, wo ich an den einen Gott glaube und meine Religion und alle mit ihr verbundenen Vorstellungen von Liebe, Ehe, Sexualität und Co. als die einzig „richtigen“ ansehe, bezichtige ich alle anderen Menschen des Unrechts und grenze mich von ihnen ab. Entscheidend ist also nicht die vermeintliche Toleranz der Religion, die es naturgemäß demnach gar nicht wirklich gibt, sondern der Grad der Emanzipation von der eigenen Religion. Wenn wir in Deutschland mehrheitlich liberal miteinander umgehen, tolerant im Umgang mit anderen Meinungen, Lebensformen etc. sind, dann liegt das nicht am toleranten, Nächstenliebe predigenden Christentum, sondern zuvorderst an unserer im Zuge der Aufklärung stattgefundenen Emanzipation von dieser Religion.

Zugleich müssen wir erkennen, dass es genau dieser Faktor ist, der einen unterschiedlichen Umgang mit Christentum und Islam hierzulande und generell in unseren westlichen Gefilden erforderlich macht. Denn ja, Fundamentalisten, Radikale, Extremisten gibt es auch, wie man unschwer an von Beverfoerde und ihren Anhängern erkennen kann, unter Christen. Aber während diese sich in kleinen marginalisierten Grüppchen bei Vorträgen treffen und eine Demo mit hundert Menschen als Erfolg für die eigene Sache deklarieren, wächst die Zahl derer unter den Muslimen, die sich nicht von ihrer Religion emanzipiert haben oder sich – noch schlimmer – wieder de-emanzipieren, in besorgniserregender Form. Während ich mich im Normalfall bis jetzt nie ernsthaft mit solchen Menschen wie bei Beverfoerdes Vortrag auseinandersetzen bzw. ihnen überhaupt begegnen musste, ist die Konfrontation mit den radikal-konservativen Strömungen des Islams zu einem alltäglichen Dauerzustand für die westliche Gesellschaft geworden.

Ja, bei Frau von Beverfoerde hätte ich zu jedem Zeitpunkt gehen können. Ich hätte sie und ihre Anhänger nicht aushalten müssen. Ich konnte das illiberale Verhalten dieser Leute mir gegenüber, ihr Persönlich-Werden auf meine Frage an sie kritisieren, aber mehr als die verbale Androhung von Gottes Strafe, egal wie verstörend das im ersten Moment auch wirken mag, habe ich nicht zu befürchten. Nicht, weil sie doch nicht so fundamentalistisch sind, sondern weil sie einen marginalisierten Teil der Bevölkerung darstellen – etwas, was man über die radikal-konservativen Strömungen des Islams hierzulande mittlerweile nicht mehr sagen kann.

Wenige katholische Fundamentalisten, aber viele islamische

Stattdessen wäre ich froh, wenn ich mich mit radikalen Muslimen allenfalls im Rahmen einer kleinen nichtigen Diskussionsrunde auseinandersetzen müsste und wenn ich außer Verbalattacken nichts zu befürchten hätte. Ohnehin würde man sich in Homophobie und traditionellem Familienbild kaum von unseren freundlichen Katholiken unterscheiden, weshalb ich deren Angst vor dem Islam gar nicht so recht nachvollziehen kann. Aber ich hätte eben mehr zu befürchten. Ich hätte nicht in mich hinein gelacht oder Empörung gezeigt, wenn etwa Dinge wie Homosexualität und Inzest auf eine Stufe gestellt werden. Ich hätte wohl nicht ohne Weiteres meinen Mund aufgemacht und forsche Fragen gestellt. Und ich hätte sicher nicht ruhig schlafen können, wenn mir mit Allahs Strafe gedroht worden wäre, weil ich nicht gewusst hätte, ob man die Bestrafung nicht gleich selbst übernimmt.

Aber obgleich die größere Bedrohung in diesen Zeiten zweifelsohne von den konservativen Strömungen innerhalb des Islams ausgeht, will ich den einen religiösen Fundamentalismus nicht gegen den anderen eintauschen. Da bin ich mir mit Alice Weidel einig. Von Beverfoerde und Co. mögen eine kleine Randgruppe sein, aber genau diese wittert vor dem Hintergrund der drohenden Gefahr durch den Islam nun ihre Chance. Hierin liegt das entscheidende Problem für einen Großteil der jungen Menschen meiner Generation und die Antwort auf die Frage, weshalb so viele von uns nichts mit AfD und Co. anfangen können.

Oft bekommt man das Argument zu hören, wir Islamkritiker müssten an einem Strang ziehen, aber ich möchte nicht und halte es darüber hinaus auch nicht für sinnvoll, mit Leuten an einem Strang zu ziehen, die ein ähnlich rückschrittliches Weltbild über Familie und Frauen besitzen wie viele Anhänger des Islams. Was wir brauchen, ist in jeglicher Hinsicht nicht mehr, sondern weniger religiösen Dogmatismus. Die Revitalisierung des Christentums, wie im Übrigen auch von Angela Merkel und jüngst Thomas de Maizière propagiert, ist die denkbar schlechteste Antwort auf die Revitalisierung des Islams.

Wer dem rückschrittlichen Islam mit eigenen zivilisatorischen Rückschritten begegnet, der verliert am Ende alles, wofür wir im Westen über Jahrhunderte gekämpft haben und was uns erst so erfolgreich gemacht hat. Denn es ist nicht der religiös angehauchte Konservatismus, der unsere westlichen Gesellschaften zu dem gemacht, was sie sind, sondern der Liberalismus. Der Schlüssel liegt demnach also nicht in einem widererstarkenden Konservatismus, sondern in einem wehrhaften Liberalismus, den es zu etablieren gilt.

Für diesen wehrhaften Liberalismus stehen u.a. Menschen wie Alice Weidel. Lesbisch, jung, gutaussehend und darüber hinaus mit einem messerscharfen Verstand ausgestattet, steht sie stellvertretend für jenen Flügel der AfD, der ob der verbalen Fehltritte von Petry und Co. und der medialen Berichterstattung zusehends ins Abseits gerät. Dabei ist es jener Flügel innerhalb dieser Partei, der die größten Chancen auf langfristige Etablierung der AfD im Parteienspektrum birgt. Würde die Presse dieses Potenzial erkennen und medial begleiten, statt den Rechten innerhalb der Partei durch unsachliche Berichterstattung weiter in die Hände zu spielen, wäre schon viel getan. Vielleicht würde die AfD es dann auch endlich schaffen, sich von ihren erzkonservativen und rechtsextremen Mitgliedern loszusagen, von denen nicht wenige ganz begeistert von Frau von Beverfoerdes Vortrag gewesen wären. Dann, ja und nur dann wäre sie auch für andere Wählerschichten und vor allem für die junge Generation und vor allem für junge Frauen wie mich wählbar.

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