MiFID II: Spam und der Nanny-Staat

Der Regulierungs-Ansatz mit viel Papier, ist für die Endkunden ganz grundlegend verfehlt und schon jetzt gescheitert, weil er die menschliche Natur völlig außer Acht lässt. Denn damit bei Menschen eine Warnung Wirkung erzielt, muss diese selten erfolgen und sich aus dem Meer der Normalität herausheben. Wird es zu viel, wird es kein Mensch mehr lesen und die Warnungen haben sich selber sinnlos gemacht.

Heute will ich Sie noch auf eine „segensreiche“ Neuigkeit aufmerksam machen, die uns als private Anleger nun ab Juni „Dank“ des bürokratischen „Meisterwerkes“ MiFID II ereilt – natürlich wie immer nur zu unserem „Besten“.

Denn nach Art. 62 Absatz 2 MiFID II-DVO wird man als Anleger nun automatisch und zwangsweise auf Basis von Einzelpositionen über einen Buchverlust von 10% bei Hebelprodukten informiert, jedes Mal wieder in Einzelschritten. Jedes Mal bekommt man dafür ein Warnschreiben ins Postfach gestellt, das man nicht abbestellen kann, so wie bei Spam auch. Wenn ein Hebelprodukt stark hin und her schwingt, passiert das potentiell jeden zweiten Tag.

Nun will ich gleich einschieben, dass ich persönlich von diesen Hebelprodukten wenig halte, aber das ist nicht der Punkt. Ich halte auch vom Rauchen nicht viel und finde die „bösen Bildchen“ trotzdem Blödsinn und kontraproduktiv.

In Deklaration und Dokumentation verliebte Denkstrukturen

Der Punkt hier an MiFID II ist, wie daran wieder die zutiefst bürokratischen, in Deklaration und Dokumentation verliebten Denkstrukturen der staatlich Verantwortlichen sichtbar werden, die damit zuverlässig eher das Gegenteil des Gewünschten erreichen oder bestenfalls nutzlos sind. Früher, vor dem Aufstieg der Computer, hätte man flapsig gesagt, so etwas kommt von denen mit Ärmelschonern.

Nun stellen Sie sich theoretisch mal vor, Sie haben 100.000 € im Depot und betreiben ein sinnvolles Risikomanagement, in dem Sie keine Einzelposition zu groß werden lassen. So haben Sie unter anderem ein Hebelprodukt für 1.000 €, also 1% Ihres Depotvolumens gekauft. Dieses Hebelprodukt fällt nun „um sage und schreibe“ 100 € gleich 10%, oder 0,1% Ihres Depotvolumens – echt Peanuts in diesem Fall, trotzdem werden Sie davor nun immer wieder schriftlich gewarnt. Und wenn Sie diese Hebelprodukte gerade dazu nutzen, um in einer Krise Ihr Depot abzusichern (zu „hedgen“), bekommen Sie diese Meldungen auch, obwohl Sie damit ja gerade das Risiko Ihres Depots *vermindern* und nicht steigern und der „Verlust“ in der Absicherung daher sinnvoll und gewollt ist.

Gesetzlich erzwungener Spam

Gnadenlos bekommen Sie nun also für jedes Hebel-Produkt und jede Wertänderung von 10% ein Schreiben ins Postfach. Das ist für mich persönlich schlicht *Spam*, gesetzlich erzwungener *Spam*.

Und was bringt es? Wahrscheinlich gar nichts. Die Gier des Ahnungslosen, der heute sein Geld in windige „Binary Options“ steckt, wird durch so ein Schreiben bestimmt nicht gestoppt. Im Gegenteil, es entwertet zukünftige, berechtigte Warnungen, weil wenn man 100 x Warnungs-Spam genervt weggeklickt hat, bemerkt man die vielleicht wichtige 101-te Warnung garantiert nicht mehr. Und der Erfahrene, der weiß, was er tut, wird mal wieder gegängelt.

Vor allem kann man sich fragen, warum müssen überhaupt die Kunden dann im Vorfeld schon explizit Erfahrung mit einem Produkt nachweisen, wenn auch die, die wissen, was sie tun, dann gegängelt werden?

Bürokratische Denkstrukturen, die auch bei der DSGVO sichtbar wurden

Im Ergebnis sieht man wieder die bürokratischen Denkstrukturen der staatlich Verantwortlichen, die ich schon zur DSGVO kritisiert habe. Dieser ganze Regulierungs-Ansatz mit viel Papier, ist für die Endkunden ganz grundlegend verfehlt und schon jetzt gescheitert, weil er die menschliche Natur völlig außer Acht lässt. Denn damit bei Menschen eine Warnung Wirkung erzielt, muss diese selten erfolgen und sich aus dem Meer der Normalität herausheben.

Wenn aber der Warnungs-Spam selber die Normalität definiert, wird es kein Mensch mehr lesen und die Warnungen haben sich selber sinnlos gemacht.

Gängelung mit Warnungen breitet sich gesellschaftlich aus

Das gleiche Prinzip kann man auch bei den „bösen Bildchen“ auf Zigarettenpackungen beobachten und auch an vielen anderen Stellen dieser neuen Welt, in der ein immer weiter wuchernder bürokratischer Komplex – böse Zungen reden auch vom „Nanny-Staat“ – sich selbst ermächtigt, das Individuum an jeder Ecke seines Daseins zu „richtigem“ Verhalten zu ermahnen.

Auch im Straßenverkehr beobachte ich diese Tendenz schon seit Jahrzehnten. Früher noch war man dazu angehalten, sich den Straßenverhältnissen anzupassen und insofern eigenverantwortlich zu fahren. Heute steht gefühlt in jeder zweiten Kurve ein Warnschild, dass nur dazu führt, dass die Menschen unselbstständiger werden und sich auf das Schild verlassen, statt auf das eigene Sichtfeld. Wenn dann in einer besonders engen Kurve kein Warnschild ist, kracht es sofort und wird von der Gängelungsfraktion als Anlass genommen, noch mehr Schilder aufzustellen. So schließt sich der Kreis weiter.

Sollten wir irgendwann Datenbrillen im Sinne Augmented Reality haben, und das wird garantiert früher oder später der Fall sein, wird uns dann wohl beim Überqueren jeder Straße und Beginn jedweder potentiell gefährlicher Handlung, eine Warnung eingeblendet – Vorsicht, diese Handlung könnte Ihre Gesundheit gefährden! Das fragt sich doch, ist Sex nicht auch „gefährlich“? Man hat doch schon von Herzinfarkten gelesen, oder?

Und mit dieser Haltung wundern wir uns dann noch über Helikopter-Eltern und die wenig resilienten Gedankenstrukturen der sogenannten Generation Schneeflocke. Ich wundere mich da über überhaupt gar nichts mehr, alles hängt eben mit allem zusammen.

Erziehung zur Unmündigkeit

Was diese Art von Warnungs-Spam wirklich gefährdet, ist die Entwicklung von Menschen hin zu Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit und letztlich gefährdet es damit die Grundlagen eines modernen, demokratischen Staatswesens, das nämlich auf Eigenverantwortlichkeit des Individuums basiert, während es so etwas in der totalen Kontrolle des chinesischen Modells nicht mehr braucht.

Übrigens, um wieder den Bogen zur Generation Schneeflocke zu ziehen. Wie wird ein Kind groß und lernt? Nicht nur aus Ermahnungen der Eltern, sondern vor allem aus eigenen Fehlern. Wer im übertragenen Sinne nie „hingefallen“ ist und gemerkt hat, wie weh das tut, ist permanent in der Gefahr, eine ganz große Dummheit zu machen. Und wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, das „Hinfallen“ des Kindes permanent zu verhindern, wird diese Rolle das ganze Leben spielen müssen, weil es auch dem alt gewordenen Kind dann völlig an Selbstständigkeit fehlt.

Ein Nanny Staat erzieht seine Bürger zur Unmündigkeit. Der papierverseuchte „Regulierungswahn“ der nun mit MiFID oder DSGVO kommt, ist da nur ein kleines Symptom einer weit universelleren Problematik. Wo ist der Siegfried, der diesem bürokratischen, papierverliebten Monster mal ein paar Köpfe abschlägt? Dabei meinen es die Verantwortlichen ja nicht einmal böse, aber gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht. Es ist einfach die Folge von Denkstrukturen, die sich zwangsläufig in der Bürokratie ausbreiten. Schon Kafka hat das ja eindrucksvoll beschrieben.

Ihr Michael Schulte (Hari)

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Kommentare ( 19 )

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Focus: „Ein Termin nach dem anderen: Der ganz normale Wahnsinn an einem Tag der Kanzlerin“ Ein Huldigungsartikel für unsere Obernanny.
Seit wann wird am Mittwoch ein Blockbuster wie „Jurassic Park“ im ZDF gezeigt. Gleichzeitig läuft in der ARD „Die Unterwerfung“??? Will man zu viele Zuschauer bei diesem islamkritischenFilm vermeiden. ?

Das Zauberwort hieß mal Deregulierung, doch das wird nun alles abgewickelt, wie auch die Regulierung der ESMA bei den Hebelprodukten unter Beweis stellt. Ein Hebel von 5 auf Aktien, und maximal 30 bei Gold, macht das Traden in meinen Augen schon fast unattraktiv. Wem haben wir das nun alles zu verdanken, eine klagewütigen Meute von Anwälten, deren Broterwerb darin besteht, sich an den Verfahrenkosten zu mästen? Oder den Trotteln, die sich zu Null bei Herrn Draghi das Geld liehen, um es zu verzocken? Über letzteren schrieb William Shakespeare einmal, „Dies ist der Narr, der Geld umsonst auslieh. / Acht auf… Mehr