Macht der Schäuble den Sarrazin?

Wolfgang Schäuble ist ein kluger und besonnener Mann, der kein falsches Wort äußert - und auch nicht wie Gauland ein nur unbedachtes. Was treibt ihn, den Letzten, den man in dieser Führungsriege noch ernst nehmen kann, zu solchen Äußerungen?

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Ist es Ihnen aufgefallen? Biologismus! Diesmal aber nicht von rechts, sondern von, nun ja, Mitte-links. So wird die CDU schließlich mittlerweile laut Umfrage vom Volke gesehen.  Da hat doch Wolfgang Schäuble, Regierungspolitiker an Angela Merkels Seite, im Interview mit der Zeit Begrifflichkeiten verwendet, die man sonst eher beim satanischen Björn Höcke von der AfD vermuten würde. Oder eben bei Thilo Sarrazin, der sonst für alles Böse gut ist.

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„Inzucht“! „Degeneration“! Wer mit solchen Begriffen beim Menschen hantiert, bewegt sich ganz klar im sozialdarwinistischen Umfeld. Als Höcke mit seinen r- und K-Strategen bei Europäern und Afrikanern kam, wurde von befragten Wissenschaftlern nicht nur einmal darauf hingewiesen, dass die Nutzung dieser Konzepte zur Beschreibung menschlicher Gesellschaften Unsinn sei. Das stimmt auch: Das ökologische Modell der r- und K-Strategie dient zur Beschreibung der Fortpflanzungs-Unterschiede zwischen biologischen Arten wie Mücken (r) und Elefanten (K). Innerhalb einer Spezies wie dem Homo sapiens ist das Konzept nicht anwendbar, da alle Menschen dieselben biologischen Voraussetzungen bei der Fortpflanzung haben. Längst aber nicht dieselben kulturellen Grundlagen, weswegen man Unterschiede zwischen Gesellschaften und Kulturen zum Beispiel lieber mit Gunnar Heinsohns Modell beschreiben sollte.

Sachliche und politische Korrektheit schließen sich meist wechselseitig aus

Dasselbe gilt für Wolfgang Schäubles merkwürdige Einlassung, ob sie nun politisch korrekt ist oder nicht. Bis jetzt hat sich noch kein Wissenschaftler gemeldet, um den  offenkundigen Sozialdarwinismus theoretisch zu widerlegen, oder? Dann tue ich es einmal: In Europa leben weit mehr als 400 Millionen Menschen. Das sind wesentlich mehr, als nötig wären, um eine Population genetisch stabil zu halten. Selbst die 82 Millionen hier in Deutschland wären dazu noch ausreichend. Den Beweis dafür liefert unsere Vergangenheit: Der moderne Mensch, klassisch–systematisch auch als Homo sapiens sapiens bezeichnet, dem samt und sonders alle heutigen humanoiden Zweibeiner angehören, ist eine „kleine“ Unterart des Homo sapiens. Das Adjektiv bezieht sich nicht auf die Individuenzahl, sondern auf die Variabilität des menschlichen Genoms, die im Vergleich zu Schimpansen oder anderen unserer Verwandten sehr gering ist. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass unsere Unterart durch einen „evolutiven Flaschenhals“ gegangen ist; dass also alle heutigen Menschen von vielleicht nur einigen Tausend Individuen abstammen. Es hat uns genetisch nicht geschadet, wie wir heute sehen. Wir sind mit Abstand die schlauesten Wesen auf dem Erdenrund und haben auch nicht alle zwei Köpfe. Oder auch nur 6 Finger.

Tun zwei das gleiche, ist es noch lange nicht dasselbe

Wie ist es nun zu erklären, dass Minister Schäuble es riskiert, diesen biologistischen Unsinn zu verzapfen, wenn solcherlei Argumentationslinien regelmäßig zu medialen Empörungsstürmen führen, wie man bei Höcke, und vor Jahren schon bei Thilo Sarrazin, sehen konnte?

Der wahrscheinlichste Grund ist schlicht – Populismus. Wie bei dessen Nutzern von rechts, will nun auch der jetzt-linke Finanzminister mit scheinbar „rationalen“ Informationen Ängste schüren. Das ist nicht mehr, aber auch nicht weniger widerwärtig als der rechte Sozialdarwinismus des 20. Jahrhunderts. Einige Politiker und Journalisten weisen in letzter Zeit ja auf die methodische Nähe linker und rechter Extremisten hin – 2009 Jan Fleischhauer in seinem Buch Unter Linken, und vor kurzem erst Linken-Politiker Bodo Ramelow, als er sich mit der mitteldeutschen Antifa fetzte, die Höckes Dörflein aufmischen wollte. Ramelow wies mit Fug und Recht darauf hin, dass die Methoden der jungen Antifa-Genossen von der SA abgeschaut seien. Man wird sehen, ob sich nun in den Reihen der CDU ein Mutiger wie der Erfurter MP findet, der dem Populisten Schäuble die Leviten liest.

Schäubles Rolle in der CDU ist zu wichtig, als dass er sich selbst so beschädigen sollte.

Axel Robert Göhring ist Biologe und freier Journalist.

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