Links und etabliert

Links ist nicht mehr APO und Revolution, sondern Beamtentum und Kathrin Göring-Eckardt im Hosenanzug. Die romantisierte 68er-Vorstellung hält: Links ist System und Anti-System zugleich. Die Differenz ergibt sich aus Wahrnehmung und Wirklichkeit.

© Pascal Parrot/Getty Images

Eine geschlagene Stunde bietet man Alt-68er Daniel Cohn-Bendit eine mediale Bühne bei Maybrit Illner. Jenem Europaabgeordneten der Grünen, dessen Büro einen Archivbestand mit der Überschrift „Pressekampagnen gegen Daniel Cohn-Bendit“ zunächst bis zum Jahr 2031 gesperrt hatte. Der nicht im Geringsten jemals daran interessiert war, die Geschichte seiner pädophilen Äußerungen transparent zu machen.

Inhalt des „Grünen Gedächtnisses“ der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin? Neben Korrespondenzen zum Buch „Der Große Basar“, in dem Cohn-Bendit schildert, wie Kleinkinder ihn im Hosenstall streicheln, auch Protest- und Solidaritätsbriefe von Eltern, so Archivleiter Christoph Becker-Schaum. Die Briefe reichen bis 1975 zurück, sind jedoch in einem Band bis zum Jahr 2001 deponiert. Bedeutet: Auch die Debatten um das Buch „Der Große Basar“ von 1975 waren damit insgesamt für 60 Jahre für Forschung und Recherche blockiert. 40 Deposita und Parteiakten zum Thema „Kindesmissbrauch“ befinden sich im „Grünen Gedächtnis“. Nur zwei davon waren gesperrt: Cohn-Bendits und die eines Bundestagsabgeordneten. Cohn-Bendit behauptet, mit der Sperrung nichts zu tun zu haben. Der Archivleiter berichtet indes von einer ausdrücklichen Bitte um einen Sperrvermerk aus dem Büro Cohn-Bendit.

Inzwischen ist die Sperrung der Akten aufgehoben. Unmittelbar nachdem die FAZ im Jahre 2013 darüber berichtet hatte. Ein übler Nachgeschmack bleibt.

Denn davon abgesehen, dass es angesichts dieser Zustände allein schon unerträglich ist, dass so jemand überhaupt noch ein politisches Amt bekleidet und dann auch noch eines, welches derart großzügig entlohnt wird, stellt sich erneut die Frage nach der Angemessenheit, jemandem wie Cohn-Bendit eine mediale Bühne zu bieten. Dabei zeigt der Fall Cohn-Bendit wie kaum ein Zweiter eindrücklich, was in diesem Land bezüglich der Akzeptanz unterschiedlicher politischer Strömungen schief läuft. Dass es ganz offensichtlich ok ist, ganze Abschnitte von Büchern über sexuelle Fantasien mit Kindern zu verfassen, nicht aber Kritik am Islam oder fehlender Integration von Muslimen zu üben. Dass es ok ist, wenn die Bundestagsvizepräsidentin auf Demos mitläuft, auf denen Banner mit Aufschriften wie „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ hochgehalten werden, nicht aber auf die Gefahren der Flüchtlingspolitik und die Tatsache hinzuweisen, dass es sich bei einem Großteil der Zuwanderer um Wirtschaftsmigranten und nicht um Kriegsflüchtlinge handelt. Dass es gesellschaftlich akzeptiert ist, Pflastersteine und Flaschen auf Polizisten zu werfen – was im Übrigen meines Erachtens den Tatbestand des versuchten Totschlags erfüllt – nicht aber mit harschen Worten, aber friedlich gegen die Politik der Kanzlerin zu demonstrieren.

Freifahrtschein Links-sein

Ab welchem Zeitpunkt und warum wurde Links-sein in einer Art und Weise gesellschaftsfähig, dass nicht einmal erdrückende Beweise in Bezug auf die eigenen pädophilen Neigungen zur gesellschaftlichen und politischen Isolation führen, während nur eine einzige Forderung der Anpassung in Richtung Migranten heute schon dafür sorgen kann, dass man aus bestimmten Richtungen als Nazi und Rassist verunglimpft wird? Dass man für das bloße Bestreben, die eigenen Werte und kulturellen Errungenschaften gegenüber einer rückschrittlichen Ideologie verteidigen zu wollen, letztlich nicht nur mit sozialer und politischer Isolation, sondern auch in nicht wenigen Fällen mit beruflicher Isolierung rechnen muss?

Dany findet AfD normal
Maybrit Illner: Wie wird aus Wut Politik?
Wird Daniel Cohn-Bendit dazu gezwungen, sich öffentlich zu schämen und zu entschuldigen, wenn er im Fernsehen auftritt? Muss Claudia Roth sich irgendwo dafür rechtfertigen, dass sie als Bundestagsvizepräsidentin auf solchen Demos hinter solchen Bannern läuft? Nein sie müssen nicht. Aber sie müssten. Denn umgekehrt ist es keiner deutschen Talkshow-Moderatorin von Anne Will bis Maybrit Illner zu doof, Vertreter der AfD und andere „Rechtspopulisten“ auch noch zum xten Mal pseudo-investigativ auf irgendwelche getätigten Äußerungen festzunageln und in erzieherischer Manier zu Einsicht bezüglich des eigenen „Vergehens“ zu bewegen.

Das Problem mit Links ist, dass wir uns in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern in einer paradoxen, ambivalenten Situation bezüglich unserer Wahrnehmung des linken Spektrums befinden. Links – das ist ganz klar Mainstream, gesellschaftsfähig und nicht zuletzt durch die tatkräftige Unterstützung der ausnahmslos linken Satiresendungen des Öffentlich-Rechtlichen medial hofiert. Links, das ist nicht mehr APO und Revolution, sondern Beamtentum und Kathrin Göring-Eckardt im Hosenanzug. Und trotzdem: Die romantisierte 68er-Vorstellung hält an. Links ist System und Anti-System zugleich. Die Differenz ergibt sich durch Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Die große Gefahr liegt in der evidenten Romantisierung der linken Weltsicht und auch Gewalt. Während aus der Verfolgung und Bekämpfung des Rechtsextremismus eine bis zur Unkenntlichkeit pervertierte Sanktionierung all dessen geworden ist, was auch nur annähernd rechts von der Mitte angesiedelt ist, verhalf die DDR leider nicht dazu, Umgekehrtes auch für Links geltend zu machen. Vielmehr erlebte man eine grenzenlose Romantisierung des antikapitalistischen, antiimperialistischen Kampfes: Kapital gegen Arbeiter. Klein gegen Groß. David gegen Goliath. Das zieht noch immer. Selbst wenn David ein pädophiler Widerling ist.

Linke Gewalt ist gute Gewalt

Aber Links ist halt nicht mehr David, sondern längst Goliath. Und Links ist auch lange nicht mehr nur freie Liebe und romantisierter Kampf gegen das böse Großkapital in Latzhosen und Ché Guevara-Shirt. Stattdessen ist es schwarzer Kapuzenpulli, Pflasterstein und Gesinnungsterror wie zu „besten“ DDR-Zeiten. Politisch gefördert durch linke Politiker wie Sahra Wagenknecht und Minister, die linksextremen Bands für ihren Einsatz gegen Rechts danken. Salonfähig gemacht durch gegen den vermeintlichen Mainstream schwimmende und zwangsfinanzierte Sendungen wie Die Anstalt und Die Heute-Show und cool gemacht durch verblödete Musiker und Schauspieler wie Jennifer Weist, Sängerin der Band Jennifer Rostock, die auch gerne mal den Migrationshintergrund der Angreifer auf ihren Freund verschweigt und auch sonst nicht den Hauch einer Ahnung vom Politischen hat.

Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir über linke Gewalt und Hausbesetzer genauso wenig sprechen wie über Cohn-Bendits pädophile Neigungen. Dass wir Gesinnungsprüfungen bei jedem vollziehen, der sich rechts von der Mitte äußert, aber nicht bei Claudia Roth, die sich offensichtlich mit Menschen umgibt, die Deutschland gerne dem Erdboden gleich machen wollen würden. Dass wir Sahra Wagenknechts finanzielle Unterstützung und Verbindung zur Antifa genauso wenig diskutieren wie Gysis und Kahanes DDR-Vergangenheit. Dass wir uns als Menschen des Postfaktischen titulieren lassen müssen, während die wirklich Postfaktischen weiter auf dem hohen Ross der linken Moral reiten.

Nicht auszudenken, was in Deutschland los wäre, verfügte ein „rechtspopulistischer“ Politiker oder auch ein erfolgreicher Autor wie Thilo Sarrazin über die ominöse Vergangenheit eines Daniel Cohn-Bendits. Oder was los wäre, wenn ein Journalist ein Pamphlet wie „Danke, liebe Neonazis“ verfassen würden, während „Danke, liebe Antifa“, wie man am Kommentar von Sebastian Leber im Tagesspiegel erkennen kann, niemanden wirklich in Wallung bringt. Ohnehin hat man hierzulande so gar kein Problem mit den linken Gesinnungsprüfern von Antifa und Co, die zur Not auch gerne mal Autos missliebiger Menschen anzünden oder Radmuttern lockern. Was in Deutschland mittlerweile in Sachen Kampagnen gegen „falsche“ Meinungen möglich ist, zeigt darüber hinaus aktuell auch der Fall des Berliner Professors Jörg Baberowski. So „protestiert“ der Asta der Universität Bremen auf seiner Seite dagegen, dass man „Rechtspopulisten“ wie Barberowski überhaupt noch eine Bühne für Ihre „rechtsradikalen“ Gedanken bietet. Auch Autor Hamed Abdel-Samad wurde jüngst Opfer einer solchen Kampagne. So entschied sich die Universität Augsburg, an der Abdel-Samad selbst studierte, jüngst gegen eine Veranstaltung mit ihm zu seinem Buch. Logisch, was bilden wir uns in diesem Land auch ein, noch so etwas wie ein Mindestmaß an Meinungspluralismus gewährleisten zu wollen? Da kann man ruhig mal einen respektablen Professor als Rechtsradikalen verleumden oder islamkritische Veranstaltungen verbieten.

Johannes Boie, bezeichnete Tichys Einblick jüngst in der Süddeutschen als das Medium für all jene Menschen, die der Meinung sind, dass nicht Teile der Gesellschaft nach rechts rücken, sondern Politik und Medien ständig nach links. Einleuchtend – oder?

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