Im Laboratorium der Würde

Links und rechts sitzen jene, die sich in die Irre leiten ließen wie man selbst. Also geben sich beide aus Scham über ihre Irreleitung und auch aus Faulheit unterschwellig zu verstehen, dass sie am besten dran sind, wenn keiner den Mund aufmacht. Es ist ja nicht gerade so, als ob unser Volk damit keine Erfahrung hätte.

Unsere beschauliche kleine Republik bewährt sich dieser Tage wieder einmal als soziales Experimentallabor mit 80 Millionen Versuchsobjekten. Die Versuchsanordnung im Labor der Würde besteht darin, einem beachtlichen Teil dieser 80 Millionen um die Ohren zu hauen, dass die Politik, die seit einem Jahr als alternativlos propagiert worden war und an die man hatte fest glauben sollen oder tatsächlich geglaubt hat, nun doch nicht weiterverfolgt und sogar völlig revidiert wird. Durchgeführt wird dieser Versuch von der leitenden Laborantin des Landes, ihres Zeichens promovierte Physikerin, was nicht nur, aber unter anderem auch durch ihren hauseigenen Sprecher bestätigt wurde.

Damit kommen wir zur Forschungsfrage: Wie viel Würde und Selbstachtung sind in den Versuchsobjekten nach einem Jahr Dauerbehandlung in Sachen Flüchtlingskrise noch übrig? Die Auswertung der Ergebnisse läuft noch, aber alles deutet darauf hin: nicht viel.

Exemplarisch dafür ist der bekannte Tweet von Steffen Seibert mit der Aussage der Cheflaborantin, dass Europa seine Außengrenzen schützen lernen und entscheiden müsse, wer reinkomme. Dieser Tweet wurde etwa 130 Mal „retweetet“. Das ist nicht wenig, aber nichts im Vergleich zu den gewohnten Sensationsmeldungen über Germany’s Next Topmodel oder den Eurovision Song Contest. Wenn man zudem genauer hinschaut, stellt man fest, dass so gut wie alle Reaktionen auf Seiberts Tweet von Nutzern stammen, die gegenüber der Flüchtlingspolitik ohnehin schon kritisch eingestellt waren. Doch der Aufschrei der breiten Masse, die bis gerade noch davon überzeugt war, dass man Grenzen nicht schützen könne und nicht schützen brauche, bleibt aus.

Kein Aufschrei der Welcome-Refugees-People

Es ist eine traurige Beschäftigung, sich vorzustellen, was wohl in den Köpfen dieser plötzlich verstummten Humanisten und Refugees-Willkommenheißer vor sich geht. Traurig ist diese Beschäftigung vor allem deswegen, weil sie aufdeckt, dass es der Mehrheit der großen Menschenfreunde unter uns anscheinend reichlich egal ist, was für eine Politik in Sachen Asyl gemacht wird. Denn wäre es anders, müsste gerade eine Großdemonstration vor dem Bundeskanzleramt stattfinden. Man wünscht sich geradezu, dass es wenigstens etwas Empörung, ein paar zornige Gesichter geben würde, denn dann wüsste man zumindest, dass da irgendwo mal eine echte, wenn auch unhaltbare Überzeugung existiert haben muss. Aber man sieht nichts außer einer amorphen, gesichtslosen Masse, die gerade erst zum wackligen Pudding der Willkommenskultur zusammengequetscht wurde und nun wieder in alle Richtungen zerfließt.

Steffen Seibert twittert. Echt wahr.
Seibert twittert kurz, und die Welt dreht sich anders rum
Vielleicht geht es den sich nun bestätigt fühlenden Kritikern der Flüchtlingspolitik nur um nachträgliche Rechthaberei? Nun, für Rechthaberei muss man zuerst einmal Recht behalten haben und das kann im Moment gewiss nicht jeder für sich beanspruchen. Aber hier geht es – nicht zum ersten Mal – darum, wie die Gesellschaft mit dem umgeht, was sie ihre Überzeugungen nennt.

Die Überzeugungen eines Menschen können als seine feste Gewissheit, dass etwas richtig ist, bezeichnet werden. Über das Verhältnis von Wissen, Gewissheit und Überzeugung ließen sich vortreffliche philosophische Streitgespräche führen. In unserem Sprachgebrauch ist eine Gewissheit praktischerweise mit der Tätigkeit des Sich-Vergewisserns verknüpft. Das heißt, dass die Aussage, dass zwei und zwei fünf ergäben, keine Überzeugung ist, denn wenn man sich vergewissern würde, ob sie korrekt ist, würde man feststellen, dass dem nicht so ist. Dazu gehört wohlgemerkt nicht nur die Feststellung, dass zwei und zwei vier ergeben, sondern zuerst einmal der Entschluss, sich überhaupt zu vergewissern und dann nochmal der Entschluss zur Anerkennung der Feststellung. Eine Überzeugung ist somit das Resultat bewusster gedanklicher Entscheidungen.

Mit dieser Definition im Hinterkopf ist es alles andere als erstaunlich, dass die Masse unserer Mitbürger jede politische Kehrtwende kommentarlos mitmacht und ihre Selbstachtung dabei auch noch freiwillig zur Schlachtbank führt. Denn ihr Mittel der Wahl, um sich Gewissheit zu verschaffen, lautet eben nicht, nachzurechnen, ob zwei und zwei fünf ergeben, sondern nachzuhören, ob ihre Nachbarn und Facebook-Freunde finden, dass zwei und zwei fünf ergeben. Wer seine Überzeugungen nach dieser Methode wählt, durchläuft dabei keinen gedanklichen Prozess und hat später auch keinen Ansatzpunkt, von dem aus die aufgesogene Überzeugung hinterfragt werden könnte, sollte sie sich als nicht tragfähig erwiesen haben.

Keine Würde im konservativen Leitmedium

Die Presse, die sich selbst gerne mal als unabhängig, kritisch und hinterfragend über den grünen Klee lobt, ist da keinen Deut besser. Oder habe nur ich den großen Leitartikel unter der Überschrift „Wie konnten wir uns so irren?“ übersehen? Als exemplarisch kann hier bedauerlicherweise die FAZ gelten, die sich wie kaum eine andere Zeitung durch die Flüchtlingskrise geschlängelt und gewunden hat, was Roland Tichy und Fritz Goergen bereits angemerkt haben. In den Redaktionen links der FAZ war und ist man sich immerhin in den Annahmen relativ einig, dass die Deutschen auf Grund des Dritten Reichs Flüchtlinge nicht ablehnen dürften und dass die Deutschen zudem heute noch ständig Gefahr laufen würden, wieder den Nazi aus ihnen hervorbrechen zu lassen. Somit gelangte man zur Überzeugung, dass es daher nur recht sei, wenn die Deutschen in ihrer jetzigen Form durch Zuwanderung verschwinden würden. Dieser Gedankengang wird zwar natürlich nicht hinterfragt, aber immerhin irrt man sich konsequent.

Die FAZ dagegen teilt diese Überzeugung eigentlich überhaupt nicht, aber ihr steht eine ihrer besonderen Grundannahmen im Weg, von der sie selbst nicht weiß, dass es sich schon um eine Überzeugung handelt, und zwar eine, die dringend in Zweifel gezogen werden müsste: Die Regierung wird schon wissen, was sie da tut. Als diese es zuließ und anfeuerte, dass die Grenzen des Landes unkontrolliert überrannt wurden, nahm die FAZ dementsprechend ihre erste Bürgerpflicht mit vollem Elan wahr: Ruhe bewahren, fleißig die Vokabeln „Rechtsstaat“ und „Grundgesetz“ gebrauchen – und vor allem konstruktive Vorschläge an die Politik unterbreiten. Wenn die Grenzen schon überrannt werden, dann bitte nach Vorschrift und so ordentlich wie möglich. Bis heute spielt die Zeitung ihre Rolle als deutscher Untertan brav weiter, nur haben ihre gutgemeinten Vorschläge mittlerweile den Tonfall eines Flehens angenommen: Die Bundesregierung solle jetzt besser mal dies oder jenes tun, sonst könnte es glatt noch passieren, dass die FAZ das Vertrauen in sie verlöre. Sollte man es nicht irgendwann merken, dass die SPD nicht anders kann und will, als sich mit ihrem Spitzenpersonal in die Tiefe zu reißen, oder dass Jean-Claude Juncker wirklich zu borniert ist, um zu merken, wie er der EU eigenes Grab schaufelt? Doch bis zur Akzeptanz der Tatsachen scheint es noch ein langer, demütigender Weg zu sein. Soviel zur Würde eines konservativen Leitmediums.

Aber selbst wenn man sich als einfacher Bürger nur auf das Urteil Anderer verlässt, sollte es einen dann nicht wenigstens anschließend minimal stören, wenn man merkt, dass man durch die Fixierung auf die sozial diktierte Lehre in die Irre geleitet wurde? Wäre es da nicht an der Zeit für einen ernsten und ehrlichen Blick in den Spiegel? Stattdessen greift dann so etwas wie ein kollektiver Selbstschutzmechanismus: Man schaut wieder nach links, dann nach rechts und mit einiger Wahrscheinlichkeit wird zu beiden Seiten einer sitzen, der sich genauso in die Irre hat leiten lassen, wie man selbst. Also werden sich beide aus Scham über ihre Irreleitung und auch aus Faulheit heraus unterschwellig zu verstehen geben, dass sie beide wissen, dass sie am besten dran sind, wenn keiner von ihnen den Mund aufmachen wird. Es ist ja nicht gerade so, als ob unser Volk damit keine Erfahrung hätte. Wohlgemerkt handelt es sich auch dabei um bewusst getroffene Entscheidungen. Man darf annehmen, dass es den Betreffenden egal ist, welche Folgen diese Entscheidungen für die Wahrhaftigkeitstreue einer Gesellschaft haben – aber ob sie vollends realisieren, was diese Entscheidungen für sie selbst bedeuten, möchte man eigentlich lieber bezweifeln.

„To sell your soul is the easiest thing in the world. That’s what everybody does every hour of his life. If I asked you to keep your soul – would you understand why that’s much harder?” (Ayn Rand, The Fountainhead)

Doch solange der Selbstbetrug möglich und billig ist, gibt es keinen Anlass, um die eigene Würde zu streiten – besonders dann nicht, wenn diese sowieso schon eine Variable ist, die zur Disposition gestellt wird. Im Grunde kann die Regierung mit dem Ergebnis ihres kleinen Laborversuchs also durchaus zufrieden sein, denn es scheint genug Versuchsobjekte zu geben, bei denen der Vorgang nicht mal mehr ein letztes würdevolles Aufbäumen hervorruft. Da muss sie sich keine Sorgen machen, von denen für irgendein Handeln zur Rechenschaft gezogen zu werden. Und was den Rest betrifft – da muss sie alle Daumen gedrückt halten, dass sie niemals auf dessen Nachsicht oder Vergebung angewiesen sein wird. Denn sie mag vielleicht nicht bedacht haben, wie wenig davon nach ihrem Experiment noch übriggeblieben ist.

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