Würzburg: Habermas statt Hobbes

Was sich in den Reaktionen auf die Gewalttat in Würzburg zeigt, ist die Gefährdung unserer permissiven Gesellschaft, die lieber Täter- statt Opfer- und Gemeinschaftsschutz betreibt.

Am Montagabend hat ein 17-jähriger Afghane in einem Regionalzug in Würzburg mehrere Fahrgäste angegriffen. Mit einer Axt und mehreren Messern bewaffnet hat er, wie die Polizei verlautbaren ließ, mindestens vier Menschen im Zug schwer verletzt. Nachdem er aus dem Waggon geflüchtet ist, wurde er von einem Sondereinsatzkommando der Polizei gestellt und, als er auf die Beamten losging, von diesen erschossen.

Angesichts einer solchen Tat gäbe es viel zu erörtern. Hatte der Täter einen islamistischen Hintergrund? Immerhin fand die Polizei in seiner Wohnung eine handbemalte IS-Flagge, ein Zeuge berichtete, der Täter habe im Zug „Allahu Akbar“ geschrien und der „Islamische Staat“ beanspruchte laut Medienberichten die Tat für sich. Und wenn ja, wieso konnte seine Radikalisierung stattfinden, ohne dass diese erkannt oder unterbunden wurde?

Führt die Politik der offenen Grenzen zu einem Gewaltimport, weil augenscheinlich nicht ausreichend Sicherheitsüberprüfungen der Eingereisten durchgeführt werden? Der 17-jährige war ja seit zwei Jahren in Deutschland, zwischenzeitlich in einem Flüchtlingsheim untergebracht und sollte nun sogar in eine Pflegefamilie kommen, warum gab es keine Hinweise, kein Durchgreifen, bevor es so weit kommen konnte?
Fürchten Gewaltbereite vielleicht das Durchgreifen der Staatsorgane zu wenig? Wie sieht es mit der Präsenz des Leviathan im öffentlichen Raum aus?

Es gibt haufenweise Fragen, deren Klärung oberste Priorität sein sollte, in Anbetracht des sowieso schon fragilen Sicherheitsempfindens der Bürger, die miterleben müssen, wie selbst eine einfache Zugfahrt offensichtlich eine Grundgefährdung mit sich bringt.

Doch statt ungeschönt zu reden und endlich zu handeln, kommt es in den Stunden danach zu einem unsäglichen Schutzreflex. Statt den Täter und seine Motive zu durchleuchten und Sicherheitsrisiken der gegenwärtigen Migrationspolitik zu überdenken, also Opferschutz zu betreiben, nimmt sich die linke Seite des politischen Spektrums der Belange des Täters an.

So schreibt die Grünen-Politikern Renate Künast suggestiv auf Twitter: „Tragisch und wir hoffen für die Verletzten. Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???? Fragen!“, die Journalistin Karin Sturm, die unter anderem für den Tagesspiegel schreibt, verweist erbost darauf, dass auch „junge Deutsche“ immerhin Amok laufen würden, „ohne möglicherweise traumatische Erfahrungen“, und die linke Bloggerin Julia Probst ist sich sicher, dass „der Täter auch ein Opfer ist“. Auch der Freitag-Chef und Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein legt nach: „warum fasst Polizei solche Täter nicht lebend? Gerechtigkeit entsteht vor Gericht, nicht durch Erschiessen“.

Ja, Sie haben richtig gehört, nicht die Tragweite der Tat, nicht die Brutalität des Täters, nicht das unglaubliche Leid der Opfer und ihrer Angehöriger ist von Interesse, sondern das Vorgehen der Polizei, die als ultima ratio den finalen Todesschuss angewendet hatte, wird lautstark und angriffslustig hinterfragt. Kein Danke, dass das Sondereinsatzkommando so schnell einschreiten konnte, sondern Gerede im Duktus der angeblichen Polizeibrutalität.

Es ist freilich nicht schön, wenn ein Täter vor Ort getötet werden muss und nicht verhaftet, angeklagt und eingesperrt werden kann, aber wer sich dafür entscheidet Unschuldige sinnlos und brutal anzugreifen, der hat sein Recht auf Mitleid verwirkt. Hier muss nicht der Täter geschützt werden, sondern die Gemeinschaft, die Gefährdeten, und selbstverständlich auch die Polizeibeamten vor Ort, die unter Lebensgefahr gottlob weiteres Unheil abwenden konnten und nun dafür Kritik – ach: Angriffe – einstecken müssen.

Hinter derartigen Äußerungen steckt eine verwegene humanitaristische Geisteshaltung, die den Täter, wie schlimm auch seine Tat sein mag, nicht als zivlisationsfeindliche Bedrohung, als das persongewordene Böse betrachtet, sondern als gefallenen Mitbürger, der selbst nur Opfer seiner sozialen Verhältnisse ist. Er gilt als verlorenes Mitglied der Gesellschaft und als solches ist er zu betrauern. In dieser Logik hat in Würzburg kein Gemeinschaftsfeind Unschuldige attackiert, sondern eine sozial-humane Tragödie hat stattgefunden, in der es – bis auf die vermeintlich unverantwortlichen Polizisten – nur Oper und keinen Täter gibt. Der Täter, so die Haltung, sei wahlweise „traumatisiert“, „frustriert“ oder von der Gesellschaft „nicht mitgenommen“ worden. Seine Tat sei deswegen zwar grausam, aber eigentlich habe er sie selbst ja nicht gewollt.

Weil Schwerkriminelle (oder: Terroristen) sich in ihren eigenen brutalen „Gewalträumen“ (Jörg Baberowski) befinden, ist „das einzige was sie beeindruckt“, so der Amerikaner Bill Buford, der einige Jahre unter Hooligans und Skins gelebt hat, „die Gewalt, die ihnen entgegengesetzt wird.“ Rüdiger Safranski ergänzte passend vor einiger Zeit: „Sie verstehen nur eine Sprache, und das ist die der Abschreckung und der Einschüchterung. Im Umgang mit ihnen ist man besser beraten, wenn man auf Hobbes statt auf Habermas hört. […] Eröffnet eine Gesellschaft aber Chancen für die Freisetzung der bösen Gelüste, so wird man erleben, dass die Menschen Taten begehen von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Rohheit, deren Möglichkeit man mir ihrem kulturellem Niveau für unvereinbar gehalten hätte“.

Was sich in den Redaktionen einiger linker Journalisten und Politiker offenbart, ist fragwürdiger Täterschutz, der die Opfer und die gefährdete Gemeinschaft nur allzu leicht außer Acht lässt. Er fügt sich aber ein in die gefährliche Permissivität unserer offenen Gesellschaft, die Gemeinschaftsschutz und rechtsstaatliche Härte grundsätzlich den Individualismen gewaltbereiter Einzelgänger und brutaler Terroristen unterordnet. Eine wehrhafte Demokratie lässt sich allerdings mit solcher Geisteshaltung nicht durch die Wirren und Gefährdungen unserer Tage führen.

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