Flüchtlingsstudien und flüchtige Studien

Getreu dem Prinzip „Zuerst die Meldung, dann vielleicht irgendwann die Tatsachen“ durfte Frank-Jürgen Weise postulieren, ohne dass Widerspruch oder zumindest Verifizierung möglich waren.

„We wanted the best, but it turned out as always” – dieser vom russischen Politiker Wiktor Tschernomyrdin überlieferte Ausspruch passte vergangene Woche trefflich zur Vorstellung einer großangelegten Studie mehrerer Forschungsinstitute zur Situation von Flüchtlingen in Deutschland. Denn anstatt ihre eigenen Sonntagsreden über distanzierte und kritische Berichterstattung einmal ernst zu nehmen, verfuhren die Leitmedien wie gehabt.

Den Ton des Ganzen setzte der enthusiastische BAMF-Chef Frank-Jürgen Weise, der bereits am Sonntag den 13. mit dem zentralen Ergebnis der Studie herausplatzte: Flüchtlinge seien besser ausgebildet, als bisher angenommen. Diese Meldung war unter anderem in den Augen der Tagesschau und des Deutschlandfunks so sensationell, dass sie sie am Montag den 14. über ihre Kanäle verbreiteten. Pikantes Detail: Die Vorstellung der Studie war erst für den darauffolgenden Mittwoch den 16. angekündigt worden. Das heißt, niemand unter den Medienmachern hatte davor die Möglichkeit, die Behauptung von Frank-Jürgen Weise anhand der Studie zu überprüfen. Ebenso wenig hatten die Hörer und Leser der Medien diese Möglichkeit. Getreu dem Prinzip „Zuerst die Meldung, dann vielleicht irgendwann die Tatsachen“ durfte Frank-Jürgen Weise postulieren, ohne dass Widerspruch oder zumindest Verifizierung möglich waren.

Andererseits suchte man auch dann noch vergeblich nach kritischen Rückfragen, als die Studie schließlich am Mittwoch offiziell vorgestellt wurde, sondern fand nur recht holzschnittartige Wiedergaben der zentralen Thesen vor. Das Rahmenwerk der Studie ist durchaus beeindruckend, wurden doch immerhin bisher 2.300 Migranten befragt. Die Studie spricht übrigens gemäß der aktuellsten Sprachregelung bevorzugt von „Geflüchteten“, obwohl in ihrer Stichprobe auch Individuen enthalten sind, die lediglich eine Duldung erhalten haben, sprich deren Antrag auf Asyl abgelehnt worden ist. „Migranten“ wäre wahrscheinlich der korrekte Sammelbegriff, aber der Ton macht bekanntlich die Musik.

Generell ist es aus Sicht der wissenschaftlichen Politikberatung immer vorteilhaft, über Daten zu verfügen. Daten können Anekdoten und Hörensagen als Basis der Entscheidungsfindung ersetzen, indem sie repräsentative Ausschnitte aus der Realität anbieten. Des Weiteren können sie genutzt werden, um die Wirksamkeit von Politikmaßnahmen zu überprüfen. Es kommt allerdings durchaus häufig vor, dass Daten eine bestimmte Frage gar nicht abschließend beantworten können, sondern stattdessen zahlreiche neue Fragen aufwerfen. So funktioniert Wissenschaft zu einem wesentlichen Teil. Problematisch wird es nur, wenn so getan wird, als würde man Fragen beantworten, wenn man sie eigentlich aufwirft.

Bullshit ist Bullshit
Nicht die Mitte war enthemmt, nur die Studie
Die Daten, auf denen die wesentlichen Ergebnisse der Studie beruhen, wurden durch Befragungen der „Flüchtlinge“ erhoben. Befragungen sind eine legitime Erhebungsmethode, allerdings setzen sie implizit voraus, dass die Befragten tendenziell korrekt und wahrheitsgemäß antworten. Anders ausgedrückt muss man sich fragen, ob es einen Anreiz gab, die Unwahrheit zu sagen. Eine „übertriebene“ Angabe des eigenen Schulbesuchs könnte beispielsweise dazu gedacht sein, die Bleibeperspektive zu erhöhen und Zugang zu attraktiveren Jobs zu erhalten. Den Befragten wurde zwar mitgeteilt, dass ihre Daten anonymisiert behandelt und keinen Einfluss auf ihre Asylverfahren haben würden, dennoch ist es eine weitere große Unbekannte dieser Studie, ob die Befragten solchen Verlautbarungen ausreichendes Vertrauen entgegenbringen (können). Theoretisch gibt es zwar die Möglichkeit, mündliche Angaben zur Bildung durch schriftliche Nachweise belegen zu lassen, allerdings ist dies im Fall von „Flüchtlingen“, die oft nicht einmal ihre Staatsangehörigkeit belegen können oder wollen, unrealistisch. Dementsprechend gab das BAMF auf Nachfrage durch einige Twitter-Nutzer dann auch zu: „Weder die Geflüchteten, noch die Deutschen mussten Unterlagen vorlegen.“

Nun gilt eine Studie nicht allein auf Grund ihrer wissenschaftlichen Akkuratesse als Erfolg oder Misserfolg, sondern auch und insbesondere mit Blick auf ihre Fähigkeit, eine bündige Aussage in der Wahrnehmung und Erinnerung der Öffentlichkeit zu verankern. Dies ist dieser Studie mit der vorgeblich besser-als-erwarteten Bildung der Flüchtlinge gelungen, obwohl die Untersuchung hier am angreifbarsten ist. Denn jede Beurteilung der Ausbildung von Flüchtlingen als „gut“ oder „überraschend“ verbietet sich, bis man gesicherte Erkenntnisse darüber hat, was zum Beispiel eine Schulausbildung in Syrien eigentlich bedeutet: Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben die Menschen durch sie und in welchem Umfang setzen sie sie später in ihrem Arbeitsleben ein? Dies kann man messen, es wird bereits gemessen und es ist möglich, die Messdaten international vergleichbar zu machen. Einfach die Zahl der Schuljahre zu erfragen und sie mit dem Durchschnitt der deutschen Wohnbevölkerung zu vergleichen, wie es die Studie stellenweise tut, ist dagegen so nichtssagend, dass es „nicht einmal falsch“ ist, wie der deutschsprachige Physiker Wolfgang Pauli gelegentlich zu sagen pflegte.

Haben also alle Flüchtlinge falsche Angaben gemacht und müssen alle Bildungsangaben zu 100% diskontiert werden? Sehr wahrscheinlich nicht, aber Antworten zu den Fragen zu Wahrheitsgehalt und Verwertbarkeit dieser Angaben wären sicherlich sensationeller gewesen als ihre bloße Erhebung. Dagegen sind beispielsweise die ebenfalls erhobenen Daten zu Dauer und Kosten der Migration in diesem Umfang ein wirkliches Novum und weniger problematisch. Fairerweise differenziert die Studie auch immerhin dahingehend, dass sie von einer „heterogenen“ Bildungssituation und eher von „Bildungsaspirationen“ statt tatsächlicher Bildung spricht. Inwiefern sich die Aspirationen der 19% der „Flüchtlinge“, die bis zum Erwachsenenalter nicht mehr als eine Grundschule besucht haben, wohl verwirklichen lassen werden, wäre eine interessante Frage gewesen, aber das Glas ist gemäß Studienkoautor H. Brücker bekanntlich halbvoll.

Ob die zuerst voreilige und dann erneuerte Schlagzeile der unerwartet gut ausgebildeten Flüchtlinge also auf das Konto der Autors, auf das des postfaktischen BAMF-Chefs, oder auf das der betreffenden Medien geht, lässt sich letztendlich nicht mehr nachvollziehen. Für letztere bedeutet dies aber, dass sie entweder etwas unhinterfragt nachgeplappert oder sich etwas aus den Fingern gesogen haben, was die Studie eigentlich nicht hergibt. Vielleicht hatten sie dieses Mal wirklich bessere Absichten, aber alles fügte sich eben wie immer.

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