Feminismus in der Krise

„Der Feminismus“ ist zu sehr mit der Frage beschäftigt, was er eigentlich sein möchte, um ernst genommen zu werden. Im Prinzip ist es dadurch heutzutage sogar einfacher, sich für Frauenrechte einzusetzen, wenn man es nicht als Feminismus labelt.

Jessica Kourkounis/Getty Images

Es ist nicht immer leicht, „den Feminismus“ zu verteidigen. Zumal es DEN Feminismus auch gar nicht gibt. Aber solche Unterscheidungen sind müßig und für seine Gegner ohnehin nicht relevant. Denn das Problem ist hausgemacht und bestätigt nur einmal mehr, wie uneins sich das weibliche Geschlecht selbst über die Frage ist, wie Gleichberechtigung und Emanzipation eigentlich aussehen sollten. Dabei wäre die Uneinigkeit unter unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten nicht das Problem, würden nicht alle Lager gleichermaßen den Begriff „des Feminismus“ für sich beanspruchen.

Es ist auch deshalb schwer, ihn zu verteidigen, weil er sich im 21. Jahrhundert alle Mühe gibt, unattraktiv daherzukommen. Weil seinen Protagonistinnen die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Lagern wichtiger ist als Stärke durch Einigkeit in den relevanten Fragen. „Der Feminismus“ ist zu sehr mit sich selbst und der Frage nach dem, was er eigentlich sein möchte, beschäftigt, um ernst genommen zu werden. Im Prinzip ist es dadurch heutzutage sogar einfacher, sich für Frauenrechte einzusetzen, wenn man es nicht als Feminismus labelt.

Dann besteht nämlich nicht die Gefahr, dass man wie Emma Watson dafür kritisiert wird, dass man es als Feministin wagt, sich mit einem knappen Bustier, dass gerade eben das Nötigste verdeckt, fotografieren zu lassen. Dann wird es einem nicht wie ihr zum Verhängnis, dass man Beyoncé zuvor selbst noch für die angebliche Widersprüchlichkeit zwischen eigener Inszenierung und Feminismus gerügt hat. Und dann muss man auch nicht den komplizierten Versuch einer Alice Schwarzer unternehmen, die Wogen zu glätten und Emma Watson zu verteidigen, indem sie dafür in die gleiche Kerbe haut und der Kritik an Beyoncé beipflichtet, sie degradiert, wie der Feminismus es eben so gerne tut mit Frauen, die nicht in sein Bild passen.

Ursprünglich ging es um Freiheit

Ging es im Feminismus nicht ursprünglich einmal um Freiheit? Jedenfalls bin ich Feministin geworden, weil ich diesem speziellen Kampf um Freiheit, um Gleichberechtigung und Emanzipation der Frau einfach noch ein bisschen mehr Ausdruck verleihen wollte und nicht, um mit dieser Selbstbezeichnung erst die Angriffsfläche für jene Frauen bereitzustellen, die einem die Ernsthaftigkeit dieses Engagements absprechen wollen. Emma Watson stellt fest: „Feminismus ist kein Stock, mit dem man andere Frauen schlagen kann.“ Die Realität sieht leider anders aus.

Wie viel Kampf um Freiheit steckt noch in einem Begriff, der sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen immer und immer wieder verteidigen muss? Wie viel Widersprüche kann sich der Feminismus noch leisten, wie viel Kampf für und gleichzeitig gegen Frauen, bis der eigentliche Sinn und Zweck nicht mehr existiert? Was bleibt noch vom Feminismus zwischen Islam-Toleranz und gendergerechter Sprache?

Feststeht: Der Feminismus benötigt heutzutage keine Achselhaare und keine ängstlichen Männer mehr, um unattraktiv daherzukommen. Seine unausgesprochenen, strengen Regeln für jede, die es wagt, sich dem Feminismus noch zuzuordnen, reichen vollkommen als Abschreckung. Denn „Feministin“, das zeigen Fälle wie Beyoncé und Watson, darf immer noch nicht jede sein. Erst recht nicht die Frau, die gerne sexy ist. Für sich UND auch für den Mann.

Das Problem ist hier wie an so vielen anderen Stellen auch die Ideologie. Aus dem Kampf um Chancengleichheit wurde wie auch schon in der Bildung der Kampf um Gleichmacherei. Geschlechter sind jetzt „sozial“ konstruiert, Unterschiede werden negiert oder wie im Falle des Widerspruchs der Verteidigung der patriarchalen Kultur des Islams nur dann hervorgeholt, wenn es nützlich erscheint. Das macht den Feminismus so unglaublich kompliziert und entfernt ihn so sehr von der Lebensrealität der meisten Menschen, dass er über sich selbst und seine Regeln und Gesetze stolpert. Dass er so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass er im eigentlichen Sinne aufgehört hat zu sein.

Nur noch Stutenbissigkeit?

Was ihm fehlt, ist ein liberales Grundgerüst, ein einfacher, klarer Rahmen, auf den man sich einigen kann und von dem ausgehend man Unterschiede der verschiedenen Ausrichtungen des Feminismus toleriert. Stattdessen wird weiter aufeinander eingedroschen und damit offenbart, was trotz Feminismus schon immer ein großes Problem der Frauenwelt war: Die gute alte Stutenbissigkeit.

Wir sprechen im Feminismus viel und oft über Machtverhältnisse zwischen Frau und Mann. Worüber wir nicht sprechen, sind die Strukturen der Macht innerhalb des Feminismus selbst. Dabei spiegelt sich in dem Bedürfnis nach Abgrenzung von jenen, die den strengen Maßstäben augenscheinlich nicht gerecht werden, nichts anderes als die Macht derer wieder, die außerhalb der fiktiven Räumlichkeiten des Feminismus zumeist wenig zu melden haben. So stellt die hübsche, intelligente Frau nicht nur für den ein oder anderen Mann eine wahre Provokation dar, sondern letztlich auch für nicht wenige Feministinnen selbst, die von der Natur nicht so wohlbedacht wurden und die sie schlussendlich mit ihren Stöcken unter dem Deckmantel des feministischen Anspruchs genau dafür verprügeln.

Insofern haben die Verneiner von geschlechterspezifischen Unterschieden doch in einer Sache Recht. Macht können wir mittlerweile auch. Wenn das nicht eine erfreuliche Nachricht um den Weltfrauentag herum ist. Schade nur, dass diese Demonstration zu Lasten der wirklichen Probleme für uns Frauen im 21. Jahrhundert geht.

Längst geht es hier nicht mehr nur um den Kampf für die Freiheit auch und nicht zuletzt für die muslimische Frau, sondern ganz akut auch wieder um unsere eigene. Köln war im Großen das, was sich auf kleiner Ebene mittlerweile tagtäglich in Deutschland vollzieht: Kulturell bedingte Übergriffe auf Frauen durch Männer, die es gewohnt sind, dass die Frau sich einzig dem Gehorsam des Mannes verpflichtet. Bei diesen Männern fangen wir in Bezug auf die Emanzipation und Gleichberechtigung bei Null an. Zeigt der deutsche Staat auch auf Druck des kritischen Feminismus hier nicht klare Kante, wird die Frau immer weiter aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Selbstverständliches wird durch Diskussionen um Verschleierung, Kinderehe und Co. plötzlich wieder hinterfragt und es ist nicht zuletzt am Feminismus, dass diese Selbstverständlichkeiten nicht neu ausgehandelt werden.

Stattessen zieht er es jedoch in ideologischer Hybris vor, genau jenen dieses so wichtige Feld zu überlassen, die er stets als unter seiner Würde betrachtete, während er sich selbst mit zickigen Grabenkämpfen und Spartenthemen begnügt. So lange die  freiwillige Entblößung von Haut wie im Falle von Emma Watson immer noch ein größeres Problem für den Feminismus darstellt als die unfreiwillige Bedeckung von Haut, die nun auch noch von großen Unternehmen wie Nike aktiv gefördert wird, braucht er sich über Ablehnung nicht wundern.

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Es fällt mir schon länger auf, wie zerstritten Frauen untereinander sind. Es gibt im wesentlichen drei weibliche Lebensmodelle: Die Hausfrau + Mutter, die berufstätige Mutter und die kinderlose Berufstätige. Diese drei Gruppen bekämpfen sich gegenseitig und werfen einander vor, dass die Probleme, die eine jeweils andere der drei Gruppen hat, von diesen Frauen individuell selbst verschuldet seien. Beispiel: die kinderlose Berufstätige wirft der Hausfrauenmutter vor, ihre kommende Altersarmut durch mangelnde Berufstätigkeit selbst verschuldet zu haben. Umgekehrt wirft die Hausfrauenmutter der kinderlosen Berufstätigen Egoismus und Karriersucht vor und dass diese ihre (oft im Alter zu großem Bedauern führende) Kinderlosigkeit selbst verschuldet… Mehr

Sie sind vollkommen daneben, Frau Schunke!

Feminismus ist die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, wie es Artikel 3 (2) des deutschen Grundgesetzes als Staatsziel formuliert:

(2) „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die
tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern
und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Demgemäß gehört der Islam nicht zu Deutschland. (Meine Tochter wird im April 9 – von daher bin ich sowieso ein „Feminist!“)

Was noch zu erreichen bliebe: gleiches Geld für gleiche Arbeit. Aber dabei wird letztlich keine „Feminismus“-Debatte helfen.

Abstrakter Feminismus ist in gewisser Hinsicht lediglich ein „Problem“ der Oberschicht, also der „Schönen und Reichen“. Mit der paritätischen Besetzung von Vorstandsposten, Aufsichtsratsposten und Professorensteilen ist das Problem nicht gelöst. Die breite Masse ist beispielsweise durch die Problematik der „Alleinerziehenden“ weitaus mehr tangiert. Und hier hilft eine Rückkehr zu intakten Familien (das ist keinesfalls Plädoyer für eine Rückkehr zu alten Rollenmustern) wesentlich hilfreicher. Im Prinzip geht es hierbei nämlich um die „Gleichberechtigung“ der Kinder. Ein Aspekt, der hier auch nicht unberücksichtigt bleiben sollte, ist die Tatsache, dass Kinder hierdurch bis zum 10. Lebensjahr in sehr vielen Fällen fast ausschließlich von… Mehr

„Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen. Gleichermaßen muss
ihr das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen“ Olympe de Gouges, 1791, (1793 unter dem Fallbeil hingerichtet).
Ohne blutige Ersetzung des Patriarchats duch das Matriarchat bleibt „der“ Feminismus eine nicht nur von Männern schöngeredete Utopie.

Nun, eines der grundlegenden Probleme des Feminismus ist, dass er als im Kern radikale linke Bewegung auch derselben destruktiven Logik wie der Linksradikalismus aufgesessen ist: Das Feindbild war für dieses Lager letztlich immer eine nebulöse Idee des „Privilegierten“, des Macht habenden, an sich – und der war und ist: – männlich – Westler – weiß – heterosexuell – Christ Die einzige Möglichkeit, sich von der Erbsünde dieser demografischen Eckdaten zu befreien, war, indem man sich möglichst rückhaltlos der „guten Sache“ verschrieb (je nachdem, wen man fragt, ist das dann die Weltrevolution mit offenen Grenzen, der Feminismus, manchmal reicht schon ganz… Mehr

„Köln war im Großen das, was sich auf kleiner Ebene mittlerweile
tagtäglich in Deutschland vollzieht: Kulturell bedingte Übergriffe auf
Frauen durch Männer, die es gewohnt sind, dass die Frau sich einzig dem
Gehorsam des Mannes verpflichtet.“ Das stimmt schon, aber warum sind in der Flüchtlingshilfe fast nur Frauen tätig? Vielleicht tief in Ihrer Unterbewusstsein wünschen sich Frauen eben so „starke“ Männer. Der Kampf um „Werte“ wird einfach mit der Gebärmutter ausgetragen. Das Ergebnis ist eine einfache Extrapolation. Ich bin mir Sicher die unterbewussten Wünsche der Frauen bestimmen die Emanzipation. Die vollkommene Emanzipation der Frau wird Burka!

Das Grundübel des Feminismus ist, dass er die überwiegend gemeinsamen Interessen von Männern und Frauen leugnet und einen künstlichen Gegensatz konstruiert, in dem die Männer die Unterdrücker und die Frauen die Unterdrückten sind. Der Feminismus hat zweifellos seine historischen Verdienste, aber auch da ist es nicht so, dass der Kampf zwischen Männern und Frauen stattfand, sondern vielmehr zwischen modernen, fortschrittlichen Kräften und konservativen, Traditionalisten. Auslöser waren die veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen in Folge der Industrialisierung. Dieser Prozess ist in der westlichen Welt praktisch abgeschlossen. Nur eine kleine Schar von Berufsfeministinnen will das nicht wahrhaben und erfindet immer wieder neue Missstände,… Mehr

Feminismus ist die Schwester von „Fake News“. – Jeder Mann kennt die Szene, wo eine Frau vor dem Kleiderschrank steht und sagt „Ich-hab-Nichts-zum-anziehen“.

Himmel, jede, aber wirklich jede Frau, die über Emanzipation redet, ist nicht emanzipiert. Jede Frau darf (im Westen) heute alles das, was auch ein Mann darf. Zusätzlich dürfen Frauen auch noch Kinder bekommen, Mutter sein, Baby stillen. Keine Frau muss noch irgendetwas sein, machen, sagen oder darstellen, was sie nicht möchte. Wenn das im Leben nicht immer so läuft, dann liegt es am eigenen Lebensentwurf! Eine Frau, die Geld verdienen möchte muss genauso gut bereit sein Überstunden zu machen wie ein Mann. Die Chancen sind da – umsetzen muss sie jede Frau selbst, das werden nicht die Männer für Euch… Mehr

„Himmel, jede, aber wirklich jede Frau, die über Emanzipation redet, ist nicht emanzipiert.“

Das ist das Tywin Lannister-Prinzip: „A man who has to say ‚I am the King‘ is no true king.“

In diesem Sinne: Eine Frau, die immerzu betonen muss, was sie doch für eine starke, unabhängige Frau ist, ist für gewöhnlich weder das eine noch das andere.