Europa zurück in die Geschichte

Die Flüchtlingskrise steht auch für ein Rendezvous der Europäer mit ihrer Grenzlandschaft. Es ist paradox, aber gerade über die Erfahrung des eigenen Raumes und seinen Begrenzungen könnte Europa zurück in die Geschichte finden.

© Alex Wong/Getty Images

Wenn es eine Sache gibt, wegen derer künftige Historiker mit einem kleinen Lächeln auf das öffentliche Gerede unserer Tage zurückblicken könnten, dann ist es unsere Sicht auf die Krisen und Katastrophen der Weltpolitik aus Europa. Überall ist zu vernehmen, wir lebten in „unsicheren Zeiten“ oder gar einer „neuen Weltunordnung“. Hier Krisenherde, dort ein Putsch, anderswo eine Militärintervention oder ein Bürgerkrieg. Alle Konflikte und Tragödien rund um uns herum scheinen in ihrer Breite neu und unbekannt, gefährlich allemal. So sehr, dass die Phrasen von der krisengeplagten Welt in allen erdenklichen Bereichen auftauchen. Man findet sie in Behördendokumenten, Sonntagspredigten, Leitartikeln, Aschermittwochsreden und mehrmals im Monat führt eine Anne Will oder Maybrit Illner uns damit in ihr Programm ein.

Doch unsere Einbildung von dem am Ausnahmezustand leidenden Weltprozess ist erstaunlich kurzfristig. Stellen die Krisen unserer Tage wirklich eine historische Ausnahme dar? Durchleben wir wirklich einen Besonderheitsfall? Die europäischen Konflikte des langen 19. Jahrhunderts – von Napoleon über die deutschen Einigungskriege bis zum ersten Weltkrieg – lassen anderes vermuten. Auch hier gab es zahllose Schlachten, endlose diplomatische Eiszeiten, Krieg und Gewalt in vielen Nischen und Metropolen Europas. Kurzum, ein durchaus gefährliches Umfeld, innerhalb dessen die Bewohner nicht selten nur wenige Kilometer von feindlichen Territorien entfernt lebten. Ja, sogar von einem eurasischen Weltkrieg muss die Rede sein, wenn man sich das Ausmaß des Krimkrieges vor Augen führt, dessen Auswirkungen noch bei der vierten oder fünften Generation vor der unseren präsent waren.

Ausnahme für Normalität gehalten

Doch unsere politische Sicht auf den Globus stand scheinbar bisher weiterhin unter der Prämisse der bipolaren Eindeutigkeit des Kalten Krieges, einem Denken in ideologischer Konfrontation und imperialer Weltaufteilung, wie es seit Jalta praktiziert wurde, von dem aber spätestens seit 1991 keine Rede mehr sein kann. Als dessen Folge sehen wir die weltpolitischen Eruptionen inner- und außerhalb unserer westlichen Wohlstandsinseln gegenwärtig als Krisensituation, statt als historische Normalität. Denn der Kalte Krieg, wie er in Westdeutschland geführt wurde, war vornehmlich durch ideologische und rechtliche Schlachten charakterisiert. Der Beitritt zur NATO und UN, die Westbindung, der Aufbau der Europäischen Gemeinschaft – all das waren keine sehr strategischen Fragestellungen über Welt und Ordnung. Es waren geistige und praktische Schritte zur Integration der Bundesrepublik in die westliche Hälfte des politischen Globus‘. Die Alternative lautete Blockfreiheit, also vollkommene außenpolitische Inaktivität, oder eine Einordnung in den Sowjet-Totalitarismus. Beides keine sehr schönen Wahlmöglichkeiten. Hier könnte man ihm Nachhinein tatsächlich von „Alternativlosigkeit“ sprechen. Doch diese recht klare Aufteilung der Welt und die Einordnungsgenauigkeit der globalen Phänomene ist, wie mit Blick auf etwa das 19. Jahrhundert deutlich wird, eine historische Anomalie. Sie ist die wahre Ausnahme, das Vorige und Nachfolgende ist Normalität.

Wer regiert Berlin?
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Was wir seit 1990 erleben, ist geradezu ein Ausbruch an möglichen Alternativen. Die Welt ist aus ihrer imperialen Zweiteilung gelöst und damit wurde der Raum frei für lange unbekannte und unbeachtete Probleme und Konflikte. In Peking berät eine Elite, die über mehr als eine Milliarde Menschen herrscht, über den Ausbau ihrer Hochseemarine zur Artikulation weltpolitischer Ansprüche. In Moskau und Ankara ergeben sich neo-imperiale Träume. Die USA sehen sich nun weit mehr als pazifische (statt atlantische) Macht. Auf der arabischen Halbinsel ringen Lokalmächte – von Iran über Saudi-Arabien bis zum „Islamischen Staat“ – über die militärische und geistige Vorherrschaft in ihrer Region. In Nordafrika zerfallen und entstehen neue Staaten, während sich Teile Südafrikas selbstbewusst aus ihrer internationalen Schlussposition herauszubewegen versuchen. Auch in Südamerika artikulieren sich Hegemonialansprüche, ob nun in den Hauptstädten Brasiliens oder Argentiniens.

Und in Europa? Hier tauchen plötzlich wieder längst vergessene Namen in der Debatte auf. Nickelsdorf, Spielfeld, Röszke, Idomeni stehen für ein neueres Rendezvous der Europäer mit ihrer Grenzlandschaft. Sie lernen Grenzorte kennen, Häfen, Hot-Spots, Routen – wenn auch aus traurigem Anlass. Mit den gegenwärtigen Diskursen über Außengrenzen und südeuropäischer Geografie kehrt der Raum als politische Konstante wieder in das Bewusstsein der grenzenlosen Europäer zurück. Der Erfahrungsraum der Schengen-Unionsbürger, geprägt durch den europäischen Mauerfall von 1989 und die Grenzenlosigkeit innerhalb der EU, wird ergänzt durch eine Grenzerfahrung und Raumerkenntnis: Wo verlaufen unsere Außengrenzen? Wie weit reicht unser geografischer Anspruch? Welchen Ort bewohnen wir Europäer hier? Und was existiert eigentlich um uns herum?

Diese Entwicklung wird flankiert von einer Öffentlichkeit, die sicherheitspolitische und vor allem geopolitische Themen wieder zunehmend Raum im politischen Diskurs gewährt. Der Historiker Karl Schlögel („Im Raume lesen wir die Zeit“) verfasst im Feuilleton der Süddeutschen einen langen Leitartikel über die „Neuvermessung Europas“ und die Renaissance des politischen Denkens in Räumen, und sein Kollege Dan Diner schreibt für die Frankfurter Allgemeine, nicht gerade mit einer kleinen historischen Anspielung: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Geopolitik.“ Gleichzeitig nimmt Angela Merkel auf einer Konferenz in Potsdam Teil, die „die Rückkehr der Geopolitik“ bereits im Untertitel trägt und der ehemalige Außenminister Joschka Fischer sinniert, wiederum in der SZ, über die politische Geografie des europäischen Kontinents und seiner Lage in der Welt. Gleichzeitig rangiert Tim Marshalls „Die Macht der Geografie“ wochenlang in den britischen und deutschen Bestsellerlisten und der Direktor eines großen europäischen Think-Tanks plädiert in der WELT für die aktive Beteiligung Europas an einer neu entstehenden Ordnung in der Welt.

Die Chancen der Krise

Ganz offenbar ergibt sich in Kontinentaleuropa – und insbesondere in Deutschland – erstmals seit dem Zerfall der Sowjetunion wieder eine Chance, sich global nicht mehr rein auf die viel beschworenen universalistischen Werte, die unbegrenzte Moral und zeitlose Dogmatik zu berufen, die den außenpolitischen Debatten unsereins lange genug zu eigen war, sondern sich als Europäer einen Raum im Weltgeschehen zuzuweisen, von dem aus sie entlang ihrer Nationalinteressen am globalen Konzert der Mächte teilnehmen könnten. Wir Europäer scheinen langsam durch das Entdecken unserer Grenzen wieder zu lernen, in Räumen und weltpolitischen Machtzusammenhängen zu denken, statt sich in Zeitlosigkeit und grenzenlosen normativen Ansprüchen zu verlieren. Die bipolare Eindeutigkeit des Kalten Krieges ist zwar – wie oben beschrieben – noch laut und deutlich zu vernehmen, aber sie bekommt Konkurrenz. Plötzlich entdecken wir, dass Syrien nur wenige hunderte Kilometer entfernt liegt, dass die Türkei als „Tor Europas“ im Besitz einer politischen Schlüsselgeografie ist, dass die neoimperialen Ansprüche Russlands und die gefährliche Passivität Westeuropas nur ein sehr kleiner und schwacher cordon sanitaire aus Zwischenstaaten trennt, dass China mit der Seidenstraße seine geopolitische Relation zu Europa verändert und dass das Mittelmeer zu einem weitgehend herrschaftsfreiem Gebiet verkommen ist. Wer in diesem Great Game noch mitspielen will, muss geopolitisch und ökonomisch viel nachholen und neu erlernen. Der braucht gute strategische Fähigkeiten und eine realistische außenpolitische Rationalität. Vor allem aber einen ausgeprägten Sinn für Weltentwicklung und Machtpolitik. Wenn die öffentliche Entwicklung so bleibt, wonach sie derzeit aussieht, könnte in Europa gerade hierzu der erste Schritt getan werden. Es ist paradox, aber über die Erfahrung der eigenen Grenzenlosigkeit könnte Europa zurück in die Geschichte finden.

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