Die Rede, die Donald Trump nicht halten konnte

Seinen Anhängern hat Trump nun unter den Augen der Weltöffentlichkeit bewiesen, dass er sie auch nach seinem Wahlsieg und trotz seines Umzugs nach Washington, also in das "Herz des Bösen", nicht vergessen hat.

© Alex Wong/Getty Images

Donald Trumps Ansprache an das amerikanische Volk anlässlich seiner Amtseinführung hatte einen einzigen Adressaten und dieser war ironischerweise nicht dieses Volk in seiner Gesamtheit, sondern nur derjenige Teil, der Trump zuvor mit seinen Stimmen ins Weiße Haus brachte. Damit brach der frischvereidigte 45. Präsident recht radikal mit den bisherigen Gepflogenheiten dieser Anlässe, denn zu letzteren hat bisher zumindest die erklärte Absicht des jeweiligen Siegers gehört, die Wogen der oftmals aufreibenden und würdelosen Wahlkämpfe zu glätten und die Nation hinter sich zu vereinen.

Trump dagegen erneuerte just in dem Moment, in dem das gesamte Washingtoner Establishment zu seiner Rechten und zu seiner Linken versammelt war, seine Kriegserklärung an eben dieses Establishment mit der Ankündigung, die Macht aus Washington weg und zurück zu „den Menschen“ zu verlagern. Wer mit „the people“ gemeint war, signalisierte Trump beständig durch seine aus dem Wahlkampf bekannte aggressiv-bizarre Rhetorik, welche mit hoher Treffsicherheit die Antennen seiner Anhänger erreicht hat.

Das heißt aber noch lange nicht, dass man deshalb alle Ankündigungen und Versprechungen, die in der Rede gemacht worden sind, gleich auf die Goldwaage legen sollte. Das Geld für seine Infrastrukturmaßnahmen und Militäraufstockungen muss Trump erst noch auftreiben. Und ob seine amerikanischen Patrioten innerhalb der nächsten vier Jahre erfolgreich den „islam(ist)ischen“ Terrorismus vom Antlitz der Erde tilgen werden, muss leider bezweifelt werden.

Die Motivation für Trump, seine Rede dennoch so vollkommen seinen treusten Fans zu widmen, hat sehr banale taktische Gründe: Er braucht sie noch. Bekanntlich verfügt er über keine politische Erfahrung und dürfte im Washingtoner Politikbetrieb, in den er nun wohl oder übel einsteigen muss, kaum echte Verbündete haben – Vasallen vielleicht und eine Menge Republikaner, die in seinem Fahrwasser etwas werden möchten, aber viel weniger standhafte Vorkämpfer, die seine Pläne durch den Kongress bringen werden. Fast bedingungslose Loyalität genießt Trump nur unter seinen Anhängern im ländlichen Amerika, weit weg von der Ostküste, aber dank Twitter trotzdem beliebig aktivierbar, um vermeintliche Störenfriede in Senat oder Repräsentantenhaus mit der bekannten Fäkalienlawine massiv unter öffentlichen Druck zu setzen. Ihnen hat Trump nun unter den Augen der Weltöffentlichkeit bewiesen, dass er sie auch nach seinem Wahlsieg und trotz seines Umzugs nach Washington, also in das „Herz des Bösen“, nicht vergessen hat. Dass er dafür auf einen beachtlichen Grad an staatsmännischer Würde verzichtet hat, werden sie wiederum ihm nicht vergessen.

Diese taktische Entscheidung mag man Trumps Konto politischer Fertigkeiten gutschreiben und gespannt abwarten, welche Künste er noch in Zukunft zur Erscheinung bringen wird, wenn es darum gehen wird, seine Anhänger davon zu überzeugen, dass er Amerika tatsächlich zu ihren Gunsten verändert hat, auch wenn er nur einen Bruchteil seiner Versprechungen umgesetzt haben wird. Andererseits hätte die andere Hälfte des Landes, die sehr skeptisch und verunsichert auf ihren neuen Präsidenten blickt, einen staatsmännischen Trump, der sich an die gesamte Nation wendet, sehr gut gebrauchen können. George W. Bush versuchte es 2001 in seiner ersten Ansprache als Präsident nach der quälend-peinlichen Neuauszählung von Florida wenigstens: „It sometimes seems as if we share a continent, but not a country.” Hätte Donald J. Trump nicht einen ähnlich klingenden Abschnitt in seine Rede einfließen lassen können?

„Meine amerikanischen Mitbürger,

ich weiß, dass heute nicht alle von Ihnen den Beginn dieser Präsidentschaft feiern. Viele von Ihnen blicken vielmehr besorgt, einige sogar verängstigt in die Zukunft. Ich respektiere Ihre Gefühle und verstehe, wenn der Wahlkampf, mit dem diese Präsidentschaft gewonnen wurde, dazu beigetragen hat, Ihre Zweifel noch zu bestärken. Wann immer es mir in den kommenden vier Jahren möglich sein wird, werde ich mich bemühen, Ihre Bedenken zu zerstreuen. Aber ich erwarte von Ihnen nicht, dass Sie deshalb anfangen werden, mich zu mögen und noch weniger erwarte ich, dass Sie mich möglicherweise in vier Jahren wählen werden. Es gibt nur eines, worum ich Sie bitte: Dass Sie in vier Jahren, nur für sich, eine Bilanz dieser Amtszeit ziehen und ehrlich überprüfen werden, ob diese vier Jahre wirklich in jeder Hinsicht so schlecht gewesen sind, wie Sie es erwartet hatten – oder ob Sie ihnen nicht doch irgendetwas Gutes abgewinnen können. Wenn Sie sich dieser Prüfung unterziehen, werden Sie damit mehr für die so schmerzliche vermisste politische Kultur unseres Landes tun, als wir heute erahnen können.“

Nein, diese Rede konnte Donald Trump nicht halten – schon deshalb nicht, weil er dann von seiner Wählerschaft als „cuck“ gebrandmarkt würde. Er mag die Wahl gewonnen haben, aber indem er sich den Steve Bannons des Landes als Vehikel für ihre Botschaft angedient hat, könnte er die Möglichkeit verloren haben, auch die Nation insgesamt für sich zu gewinnen.

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