Tichys Einblick

Die Asymmetrie unserer Spielregeln

Wir werden beschimpft, dürfen aber nicht einmal kritisieren. Wir werden angegriffen, dürfen uns aber nicht wehren. Die Regeln, nach denen wir spielen sollen, sind ungerecht und asymmetrisch – warum spielen wir das Spiel mit?

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Ich finde Monopoly ein wenig langweilig (es zieht sich so lang!). UNO finde ich etwas lustiger, vor allem wenn man diese »+2«- und »+4«-Karten taktisch zurückhält und bei der richtigen Gelegenheit dem geschätzten Familienmitglied so richtig eins draufhaut. Am liebsten spiele ich aber mit dem Sohn das gute alte Schachspiel.

Bis vor kurzem spielte ich mit meinem Sohn unter Berücksichtigung einer besonderen Extra-Regel: Ich wies ihn auf jeden Fehler oder schwachen Zug hin, und er durfte (und sollte!) den schwachen Zug zurücknehmen und einen besseren Zug ziehen. (Die Züge aber, die ich ziehe, die gelten immer und erbarmungslos.)

Statt den Sohn zu frustrieren, indem ich ihm früh wertvolle Figuren abnehme und ihn dann Matt setze, wollte ich ihm beibringen, ein komplettes Spiel zu spielen, von e2-e4 bis zum Schachmatt. Es gibt Milliarden von Arten, beim Schach zu verlieren – er sollte sich das Gewinnen angewöhnen.

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Und dann, einige Wochen vor seinem zehnten Geburtstag, geschah das, worauf ich immer gehofft hatte – der Kleine zog seine Dame einmal quer über das Feld, über eine Schräge, die ich schlicht übersehen hatte, direkt auf das Feld neben meinem König, und sowohl seine Dame als auch mögliche Fluchtwege meines Königs waren von seinen Figuren geschützt, und ich war mattgesetzt, und zwar durch einen Zug, den ich nicht erwartet hatte – der Sohn sprang durchs Wohnzimmer wie ein Hüpfball, und er war mindestens so stolz auf sich, wie ich auf ihn stolz war.

Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass er gewinnen würde – ich bin auch kein besonders starker Schachspieler (da haben wir ganz andere Kaliber in der Verwandtschaft), und die Male, dass ich den Sohn korrigiere und ihn seinen Zug zurückzunehmen auffordere, die sind deutlich geringer geworden.

Die Regeln, nach denen mein Sohn und ich Schach spielen, sind eindeutig asymmetrisch – und ich will es genau so. Mein Ziel ist nicht in erster Linie, zu gewinnen, sondern meinem Sohn ein positives Schacherlebnis zu vermitteln.

Was würden wir aber von einem Wettbewerb in der realen Welt halten, etwa in der Politik, im Rechtssystem oder in der Wirtschaft, wo die Regeln derart asymmetrisch gelten, das praktisch sicher ist, welche Seite gewinnen wird?

Weder klug noch fair

Aus München hören wir aktuell: »18-Jähriger schlägt Polizist ins Gesicht – Jugendliche feuern ihn an« (welt.de, 12.7.2020). Die Schlägerei einer »Gruppe« ging dem Angriff voraus. Wir sind erfahren genug, zu ahnen, welche Gruppe mit »Jugendliche« gemeint ist. Während aber fast täglich die Polizei angegriffen wird, in Taten und in übelsten Worten, und regelmäßig aus denselben ein oder zwei Ecken, wird ihr die Arbeit täglich schwerer gemacht. Mainstream-Medien, teils politiknah, verbreiten Fake News über Polizei-Arbeit (vergleiche tichyseinblick.de, 13.7.2020) und Linksaußen-Politiker erlassen Gesetze, welche die Polizei-Arbeit gerade gegen die problematischsten unter den Gruppen bald unmöglich machen könnten (»Antidiskriminierungsgesetz«, siehe Essay vom 18.6.2020). Eigentlich sollte ein Rechtsstaat eine Macht-Asymmetrie zwischen der Polizei und den Bösen herstellen – zugunsten der Guten, und eine Gleichheit aller Bürger vor dem Staat und dessen Organen – es werden neue Asymmetrien geschaffen, und diese sind weder klug noch fair.

Ein Kaffeehaus eröffnen

Es sind gefährliche Asymmetrien und innere Widersprüche, die uns heute an der Nachrichtenlage so weh tun. Es sind Asymmetrien, entlang derer unsere Gesellschaft auseinandergerissen wird.

Die von Linken forcierte Asymmetrie zwischen der Macht der Gesetzeshüter und der Macht der Gesetzlosen ist ein Beispiel, und fürwahr nicht das einzige. Eine verwandte Asymmetrie erkennen wir in der ungleichen Behandlung von linker und nicht-linker verbaler Zuspitzung – während Linke offen den Umsturz des »Systems« und die Einschränkung der Grundrechte für politische Gegner fordern, kann für Nicht-Linke bereits die Forderung nach Einhaltung offiziell geltenden Gesetze zur sozialen wie wirtschaftlichen Vernichtung führen – und wenn man nur ein Zehntel so scharf formuliert, wie linke und globalistische Politiker oder Journalisten es regelmäßig tun, kann und wird es einem wohl auch Ärger mit den Behörden einbringen. Meinungsfreiheit kann nicht wirklich unbegrenzt sein, kein Zweifel, doch wir erleben einen harten Debattenkampf, in welchem eine politische Seite mit einer Hand auf dem Rücken in den Boxkampf steigt, während die andere, linke Seite, mit beiden Fäusten, mit Steroiden in den Muskeln und Blei in den Boxhandschuhen kämpft. Eine asymmetrische Meinungsfreiheit ist kaum eine.

Vom Kulturkampf zum nackten Machtkampf
Es geht um die Macht, die ganze Macht
Die lähmende, ungerechte Asymmetrie, wir erleben sie nicht nur im Markt der Meinungen, wir erleben sie auch und besonders im ganz realen Markt der Globalisten und Über-die-Demokratie-Lächler. Ein Kaffeekonzern etwa mit seinen komplexen Gesellschaftskonstrukten zahlt ganz andere Steuern als wenn Sie oder ich ein Kaffeehaus eröffnen – es ist ein asymmetrischer Wettbewerb, und zwar nicht nur der günstigeren Einkaufsmöglichkeiten eines Konzerns wegen. Es sind auch Konzerne, die eine spannende moralische Asymmetrie praktizieren – während sie ihre Produkte in fernen Ländern billig produzieren lassen (zu den Margen bei Apfel-Telefonen siehe etwa reuters.com, 6.11.2017), predigen sie in ihren Medien-Outlets von Moral, LGBT, Anti-Rassismus und anderen Schlagworten des Tages. Ach, überhaupt diese moralische Asymmetrie: Die Prediger der offenen Grenzen leben ja weiterhin selbst hinter den höchsten Mauern, und die roten Bonzen haben ihre Millionen bei durch und durch kapitalistischen Banken geparkt.

Wie hält es übrigens die Religion mit der Asymmetrie? Nun, wir wissen es: Die Religion liebt Asymmetrie umso mehr, umso machtbewusster sie ist. – Es scheint fast nichts zu geben, was die Vertreter einer bestimmten Religion nicht über »Ungläubige« sagen dürfen, doch wehe, ein Ungläubiger versucht sich an auch nur vorsichtiger Kritik! Ausländische Mächte finanzieren Moscheen in Deutschland und anderen westlichen Ländern (sueddeutsche.de, 27.12.2018 und andere), in den Heimatländern werden aber Christen verfolgt, und wenn sich ein »Ungläubiger« dort erlauben würde, was sich einige derer Gläubigen täglich in Deutschland erlauben, würde er dort keines Lebenstages mehr froh werden (siehe Wikipedia: »Menschenrechte in Saudi-Arabien«). Die radikale Asymmetrie in religiösen Angelegenheiten nennen wir im Westen »Toleranz«.

Und dann gibt es die Asymmetrien, die wir gar nicht auf dem Radar haben, die von jenen betrieben werden, die in längeren Zeitspannen denken. In den letzten Jahren kaufen Chinesen weltweit Immobilien und Grundstücke auf (ob Privathäuser, marketwatch.com, 16.5.2019. oder Gewerbeimmobilien, trotz hoher Gebühren, yahoo.com, 20.5.2020) – einem ausländischen Investor ist es aber nicht erlaubt, in China das Eigentum an Grund und Boden zu erwerben (siehe engl. Wikipedia), er kann höchstens befristete Nutzungsrechte kaufen.

Nicht zu faul

Einst eroberte man Länder mit Soldaten und Waffen; heute hat man friedliche, »moderne« Mittel. Man kann ein Land schwächen, indem man die Bevölkerung mithilfe von »Moral-Panik« gegeneinander aufbringt. Eine weitere Weise, Länder zu erobern und zu unterwerfen, besteht darin, dem Land asymmetrische Regeln aufzuzwingen. Das Ergebnis asymmetrischer Spielregeln ist immer, dass die bevorteilte Seite weit häufiger gewinnt, als ihr fairerweise zustünde.

Wenn ich mit meinem Sohn immer wieder mal Schach spiele, dann spiele ich sehr bewusst nach asymmetrischen Regeln. Ich will, dass er (ordentlich) gewinnt, damit er das Gewinnen übt. Ich spielte bewusst nach asymmetrischen Regeln, so lange bis er weitgehend ohne Hilfe gewann, und meine Absicht war erfolgreich! Warum aber sollte ich den Vorteil, den ich meinem Sohn gern und absichtsvoll gewähre, denen zugestehen, für die wir wenig als Hindernis und Problemchen auf deren Weg zur immer größeren Macht sind?

Das Ergebnis der asymmetrischen Spielregeln auf den Spielfeldern der Religion, der Debatte, der Wirtschaft wie auch der Politik ist jedes Mal das Gleiche: Die Seite, zu deren Gunsten die Spielregeln asymmetrisch sind, wird weit öfter gewinnen, als ihr fairerweise zustünde – und umgekehrt wird die verlierende Seite ungerechterweise viel zu oft und viel zu schmerzhaft verlieren.

Deutschland verliert, auf mehr als einem Feld – und zuerst verliert es seine Freiheit und seine Sicherheit. Wir verlieren aber nicht, weil wir faul wären, weil wir zu wenig fleißig wären. Die Spielregeln sind asymmetrisch, und zwar asymmetrisch zu unserem Schaden. Staatsfunk und Propaganda schüren immer neue Moral-Paniken, um uns davon abzuhalten, gegen die asymmetrischen und zutiefst ungerechten Spielregeln zu rebellieren.

Sammelt den Mut!

Würden Sie freiwillig und gern ein Spiel spielen, in welchem für Sie andere, schlechtere Regeln gelten als für Ihren Gegner? Nun, als Land, als Deutsche und als Nicht-Linke spielen wir jeden Tag ein Spiel mit unterschiedlichen, unfairen, asymmetrischen Regeln.

Das Mindeste, das wir tun können (und deshalb wohl auch sollten), ist es doch, offen und ehrlich zu benennen, dass hier mit unterschiedlichen, asymmetrischen Regeln gespielt wird.

Etwas mehr als das Minimum wäre der Versuch, jene asymmetrischen Regeln zu ändern, die wir ändern können. Ein nach asymmetrischen Regeln gespieltes Spiel ist ohnehin nicht auf allzu lange Spielzeit angelegt – vielleicht gelingt es uns ja hier und da, das unausweichliche, aber eventuell ferne Ende durch ein erträgliches, näheres Ende zu ersetzen, ein besseres Ende, das ein echter neuer Anfang ist.

Sammelt den Mut, die Ungerechtigkeiten und Asymmetrien zu sehen und zu benennen! Ändert die Regeln, so sie ungerecht sind, so ihr sie denn ändern könnt! Dort aber, wo die Regeln ungerecht sind, und wo ihr sie nicht ändern könnt, da lernt, den Asymmetrien auszuweichen. Es wird immer einen nächsten Tag geben, genauer: es muss immer einen nächsten Tag geben.

Nach dem Spielzug ist vor dem Spielzug. Noch haben wir weder gewonnen noch wurden wir endgültig Schachmatt gesetzt – noch nicht.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.

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