Deutschland lernt dazu – Handreichungen zum Terrorfall

Der Verfassungsschutzpräsident Maaßen sagt, die Deutschen müssen sich mental auf Anschläge einstellen - Gesundheits-, Rettungs- und Medizin-Organisationen bereiten sich und andere bereits sehr praktisch vor.

Screenshot: Twitter/ZDFheute

Die nächsten Anschläge kommen bestimmt, sagt nicht nur Hans-Georg Maaßen, der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Der Bundesinnenminister und praktisch alle Innenpolitiker warnen nach jedem Terrorschlag davor, dass es neue geben wird. Alle sind und werden auf Daran-Gewöhnen getrimmt. Das gilt auch für Begleiterscheinungen wie mit Maschinenwaffen ausgestattete Polizisten, für Straßensperren und mehr. Ausgespart wird, was Bürger erwartet, die sich in der Nähe eines Anschlages befinden, auch wenn sie das Glück haben, selbst nicht verletzt zu werden oder nur leicht.

Hans-Georg Maassen (L), President of the Federal Office for the Protection of the Constitution (Bundesamt fuer Verfassungsschutz), speaks to the media while attending a symposium on Islamist Terror in Europe on May 4, 2015 in Berlin, Germany (Photo: Sean Gallup/Getty Images)

© Sean Gallup/Getty Images

Sage keiner, es werde nichts vorbereitet. Wir brauchen zum Beispiel Tourniquets, wieder viel mehr Tourniquets. Ein nützliches Abbindesystem, um den Blutfluß in Blutgefäßen zu stauen oder vollständig zu unterbrechen. Es empfiehlt sich, um große, stark blutende Wunden vor allem an Extremitäten zu schließen. Zumindest es zu versuchen. Druckverbände, wie wir dies aus den 1. Hilfe-Schulungen kennen, funktionieren in solchen Situationen nicht so gut.

Beim Militär gehört ein solches Abbindesystem im Rahmen der Tactical Combat Casualty Care zur Ausrüstung, schreibt bereits Wikipedia und vergisst auch nicht den Hinweis, dass auf das Tourniquet ein vorbereiteter Klebestreifen mit Datum und Zeit aufzukleben ist, damit man weiß, wie lange der Blutfluss bereits gestoppt wurde. Auf längere Zeit gesehen drohen nämlich Blutgerinnsel.

Behaupte niemand, die Deutschen seien nicht lernfähig. Nicht nur Pfarrer lernen dazu („Was können wir für Flüchtlinge tun?”), sondern auch Ärzte. Der letzte Krieg ist Gottseidank schon etwas länger her, die Kenntnisse in Notfallmedizin sind daher verblasst. Gut, Massenunfälle mit den typischen Verletzungen werden routiniert von Rettungsdiensten und Krankenhäusern beherrscht. Aber das ist etwas anderes.

„Maschinenpistolen, Sprengsätze und Nagelbomben verursachen ganz andere Verletzungen als Autounfälle“, sagt Reinhard Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie.

„Denn bei Explosionen von Sprengsätzen kommt es zu vier Verletzungsmustern, an die wir nicht gewohnt sind”, erklärte Heinz-Johannes Buhr, Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine- und Viszeralchirurgie (DGAV) im vergangenen Jahr auf dem Chirurgen-Kongress.

Zunächst führt die Detonation einer Bombe zu einem exponentiellen und sofortigen Anstieg des Luftdrucks. Es entstehen Hochgeschwindigkeitsdruckwellen, die kleine Blutgefäße in Leber, Lunge, Niere und allen Organen zerstören können. „Ein solches Barotrauma ist eine ganz neue Form des Politraumas, das wir bisher nur von zu tiefen Tauchgängen kennen und das von außen kaum zu erkennen ist”, so Buhr. Nach seiner Schätzung kennen sich höchstens acht Prozent der Chirurgen mit einem solchen Barotrauma aus. Der Patient müsse umgehend beatmet werden. So schreibt das Ärzteblatt und an anderer Stelle:

„Besser vertraut seien Ärzte in Deutschland mit der zweiten Stufe der Explosions­verletzung, in der es zu perforierenden und penetrierenden Verletzungen durch umherfliegende Trümmerteile komme. In der dritten Phase wirft die Druckwelle den Betroffenen durch die Luft. Der Aufprall führt zu stumpfen Verletzungen, Schädel-Hirn-Traumata oder Schürfungen – ähnlich wie bei einem Motorradunfall. In der letzten Stufe kommt es zu Verbrennungen oder Rauchgasverletzungen. ‚Was man hierbei oft nicht bedenkt sind, Infektionen’, so Buhr. Der Patient stirbt in der Regel an Verletzungen des Thorsos und des Abdomens, erklärt der Chirurg aus Berlin.”

„Während bei Verkehrsunfällen die Stabilisierung der Atmung für gewöhnlich oberste Priorität hat, steht bei Explosionen die Stillung der Blutung an erster Stelle“, erklärt Bertil Bouillon, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie am Klinikum Köln-Mehrheim.

Auf einer Fachtagung „Terrormedizin” befassten sich Mediziner mit dieser für deutsche Verhältnisse neuen Medizinsparte. Etwa 90 Prozent der Opfer von Ter­roranschlägen sterben, so die Erkenntnisse, weil sie verbluten.

Schwierig wird es für Ärzte, ein neues Verhalten einzutrainieren: Mental möglichst schnell einzuordnen, bei welchem Schwerverletzten welche Maßnahmen noch lohnen und bei wem sie vergeblich sind, weil keine Überlebenschancen mehr bestehen. Wissen, das die alten Militärfeldärzte „drauf hatten”.

Auch die Bevölkerung könnte unterstützen, schlagen Experten vor, indem sie stark blutende Gliedmaßen mit Kleidungsstücken abbinden. Im besten Fall seien Verbandskästen mit Tourniquets ausgestattet.

Die Krankenwagen werden derzeit in vielen Bundesländern verstärkt mit diesem Hilfsmittel ausgerüstet, das die Nützlichkeit in den letzten Kriegen unter Beweis gestellt haben.

Auch die Rettungsdienste des Malteser Hilfsdienstes in Deutschland stellen sich auf mög­­­­­liche Terroranschläge ein. Bei einem Treffen in Paderborn berie­ten die ehrenamtlichen Diözesanärzte und der Bundesapotheker unter der Leitung des Bun­desarztes der Malteser, Rainer Löb, über notwendige Reformen im Rettungsdienst, im Katastrophenschutz und in den Krankenhäusern.

Löb sagte, bei Terroranschlägen seien nicht nur veränderte medizinische Vorgehens­wei­sen notwendig. Ausgesprochen wichtig und manchmal sogar lebensrettend seien auch bessere Abstimmungen zwischen den Sicherheitskräften und der Medizin sowie die um­fassende Vorbereitung der haupt- und ehrenamtlichen Einsatzkräfte. Deshalb würden entsprechende Bedrohungsszenarien erarbeitet und durchgespielt.

Gut zu wissen, dass auch die Arbeitsgemeinschaft für Militär- und Notfallchirurgie der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie zusammen mit der Bundeswehr seit 2015 Kurse anbietet, an denen bereits mehr als 200 Viszeralchirurgen teilgenommen haben. Bei der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin befasst sich der Arbeitskreis der „AG Taktische Medizin“ mit dem Thema.

In Frankreich sind bereits alle Rettungsfahrzeuge mit Tourniquets ausgerüstet, in Deutschland soll das jetzt zügig geschehen, fordern Unfallchirurgen. Diese Systeme könnten auch an allen öffentlichen Plätzen gelagert werden ähnlich wie Defibrillatoren.

In einem anderen Bericht heißt es: „Hessen ist nicht das erste Land, dass die Einsatzstrategien der Retter überdenkt. Bayern etwa geht mit seinem Konzept noch weiter: Da sollen Helfer nicht nur in Selbst­schutz und Einsatztaktik geschult werden, sondern auch im Umgang mit typischen Verletzungen, die nach Terroranschlägen zu erwarten sind – etwa durch Explosionen oder Schüsse. Rettungs- und Polizeiwagen haben in Bayern spezielle Aderpressen zum Abbinden star­ker Blutungen an Bord oder werden noch nachgerüstet. Früher kamen diese Abbinde­sys­teme nur beim Militär zum Einsatz. Auch in Hessen stehe die Ausstat­tung der Rettungswagen auf dem Prüfstand, hieß es aus dem Sozialministerium.”

Bleibt jetzt, das strategische Verhalten an einem Anschlagsort zu lernen. Islamistische Terroristen neigen gern zum Zweitschlag. Kurze Zeit nach dem ersten Anschlag wird eine zweite Bombe gezündet, wenn die Rettungskräfte eingetroffen sind. Das verstärkt die Wirkung.

Die Notfalltrupps können von den israelischen Rettungskräften lernen. Bergen und gleich abhauen – deren Devise.

Ist der Deutsche so? Keine Revolution gegen unkontrollierte Einwanderung, sondern lieber praktisches Organisieren. Den Umgang mit dem Unbill lernen, der mit dem einhergeht, wogegen keiner aufstehen will.

Also Tourniquets zu den gelben Warnjacken in den Verbandskasten. Und wieder den praktischen Umgang üben, wie man fachgerecht abgesprengte Arme oder Beine abbindet, bis der Arzt kommt. Dann bleibt nur noch hoffen und beten, dass der nicht Sichtungskategorie T4 erklärt, bei der ein Überleben unwahrscheinlich ist.

Mit wieviel Hilfe wie vieler Bürger zu rechnen ist, muss angesichts der Beobachtung bei Verkehrsunfällen skeptisch stimmen. Die Gaffer sind da im Vergleich zu denen, die helfen, schon immer die erdrückende Mehrheit.

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Kommentare ( 51 )

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51 Kommentare auf "Deutschland lernt dazu – Handreichungen zum Terrorfall"

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>>Schwierig wird es für Ärzte, ein neues Verhalten einzutrainieren: Mental möglichst schnell einzuordnen, bei welchem Schwerverletzten welche Maßnahmen noch lohnen und bei wem sie vergeblich sind, weil keine Überlebenschancen mehr bestehen. Wissen, das die alten Militärfeldärzte „drauf hatten”.<< Früher haben sich linke Kabarettisten gerne über solche Dinge lustig gemacht: Triage im Kriegsfall oder bei Nuklearkatastrophen, Zeitung als Schutz vor "Atomblitz" etc. Tenor war stets: Wer sowas einübt, ist ein rechter Depp, der versucht, die Apokalypse handhabbar zu machen, der die Kriegsgefahr (natürlich nur vom Westen, nie von dem Warschauer Pakt ausgehend) dümmlich-naiv bagatellisiert. Heute wird streberhaft das Gleiche buchstäblich "in… Mehr

Ich hatte das Vergnügen 1979 im Rahmen des Wehrkunde Unterrichts in der DDR (9. Klasse) Atemschutzmasken aus Stoffstreifen zu basteln, erheiternd war auch das Fertigen eines Sichtschutzes aus angerußtem Glas für den Atomblitz, so etwas hat man ja immer dabei. Natürlich haben wir auch das Schienen von verletzten Gliedmaßen gelernt, Druckverband anlegen etc. , übrigens waren unter den Ausbildern auch NVA-Offiziere in Uniform. Marschieren, Schießen mit dem Luftgewehr gehörte auch dazu, 2 Jahre später bei der GST schossen wir schon mit der KK-Maschinenpistole. Ich finde, Frau von der Leyen ist jetzt gefragt.

Also ab sofort keine Kelly bag oder Herrenhandtasche mehr, wenn man ausgeht. Ein schmuckes Köfferchen mit Mull, Pflaster und Tourniquet ist angesagt. Irgendwie schnuffig…

„Wir werden den Terrorismus besiegen“ (Helmut Schmidt)
„Wir werden mit dem Terrror leben müssen“ (L.d. Maiziere)

Beides Aufmacher der „Bild“, nur eben aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Wer mag, der möge den Unterschied in den beiden Aussagen erkennen.

Die sich dabei einstellende Erkenntnis unterstreicht das, was Herr Görges in seinem guten Beitrag schon erläutert hat: Desensibilisierung, Gewöhnung und (medizinische) Verwaltung!

Das Wissen darum, könnte die Bevölkerung beunruhigen, frei nach dem Zitat unseres Innenministers.

Deutsche Leidkultur, da ist sie.

Mit solchen Opportunisten wurde unser Land zerstört und damit unsere gewachsene gesellschaftliche Struktur, an der meine Generation mitgearbeitet hat. Keinen Finger werde ich krumm machen für diese politischen Geisterfahrer.

Zuerst haben Grüne, Linke, Sozen und Christdemokraten dafür gesorgt, dass die Bundeswehr verschwindet, dann dafür, dass die Polizei verschwindet, dann dafür, dass der Grenzschutz verschwindet. – Jetzt sorgen sie dafür, dass wir unsere Hauser zu Trutzburgen umrüsten (wohlgemerkt: unterstützt durch steuerliche Vergünstigungen vom Staat), dass unsere Volksfeste, Weihnachtsmärkte und Fußgängerzonen durch Poller und schwerbewaffnete Grenzschützer gesichert werden, und schließlich wollen sie uns an die Kriegssituation vor unserer Haustür, auf unseren Straßen und Plätzen gewöhnen.
Fangen wir damit an, unsere Politiker zum Teufel zu jagen und dann kümmern wir uns um unser Land.

Ich hab es gerade mal geschafft, 2 Minuten zu lesen. Danach konnte ich nicht mehr. Dieser Zynismus macht wütend. Und damit bin ich jetzt allein, Donnerstagabend, den 11. Mai 2017, 19:40 Uhr. Wenn sie jetzt in meine Tür hereinkommen würde, könnte ich für nichts mehr garantieren.

Wird der „Darwin award“ eigentlich auch für Staaten vergeben?

Warum bieten wir dem Einwanderungsgott nicht einfach direkt ein paar Menschenopfer an, z.B. einmal jährlich 50 zufällig ausgewählte Bundesbürger („Die Wahrscheinlichkeit, dass es da einen selber trifft ist ein Hundertstel so groß, wie in einem Autounfall umzukommen“, also ist das kein echtes Problem), vollzogen vor dem Brandenburger Tor in einer tragischen, aber erhebenden Feier von Angela Merkel und Bundespräsident Steinmeier. Dann kann die Welt endlich sehen, zu welchen Opfern Deutschland aus humanitären Gründen bereit ist! Die Bevölkerung hätte den Rest des Jahres Ruhe, und ISIS könnte sich den enormen Aufwand für terroristische Attacken sparen und das Geld für etwas Sinnvolles… Mehr

Gute Idee!
Man könnte ja trotzdem, wie von einigen gewünscht, den totalen Überwachungsstaat, Kriegsrecht und One-World-Government-Dictatorship einführen.
Würde schliesslich alles dem Schutz der Bevölkerung dienen.

Alternativ könnte man die Verantwortlichen abwählen oder per Massenprotest aus dem Amt jagen.
Die zentral Verantwortlichen heißen Merkel und Altmeier, zweifelsfrei.

Der ukrainische Majdan war doch eine gute Blaupause, wie die Massen einen gewählten Präsidenten los werden können.
Frau Merkel und Co haben diese Amtsenthebung per Massendemo total begrüßt, Soros i.ü. auch und nicht nur begrüßt, sondern mitgesteuert.

Dann könnte sich Frau Merkel konsequenterweise auch nicht beschweren, wenn die Massen nunmehr ihren Abtritt verlangen würden.

Also, ein deutscher Majdan müßte her, denn ohne Massen geht friedliche Revolution bekanntlich nicht, siehe 1989 oder Ukraine oder beliebige andere Fälle der Geschichte.

Weise Worte unseres gehabten Bundespräsidenten waren schon anno 2012 zum Lichtelfest in staatsmännischer Voraussicht zu hören: „Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen…“ Macht sich gut anlässlich des schönen Brauches, am Orte des Anschlags Kerzen und liebe letzte Grüße aufzustellen; seien wir bereit und basteln wir schon jetzt Schildchen mit jener Aufschrift, damit uns dann bei all der Hektik nach dem Geschehen nicht die Zeit mit Schildermalen verloren geht, Zeit, die wir doch so dringend brauchen, wenn wir nach dem Anschlag nicht durch zu spätes Erscheinen zur Andacht in der Moschee stören wollen.