Der Yom-Kippur-Anschlag von Halle

In Berlin marschieren antisemitische Hass-Demos. Die »Guten« nennen Gegner wieder »Ratten«, machen Hass »normal«. Jetzt der tödliche Yom-Kippur-Anschlag von Halle. Das ist nicht das Deutschland, das wir für unsere Kinder wollten!!

AXEL SCHMIDT/AFP via Getty Images

In Matthäus 18, Vers 20 sagt Jesus: »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« – Warum weist Jesus extra darauf hin, dass es von Vorteil sei, in Gemeinschaft zu sein?

Es ist gewiss kein Plädoyer gegen das heimliche Gebet des einzelnen Gläubigen in seiner stillen Kammer; es ist der Hinweis darauf, dass die Gemeinschaft von Gläubigen eine eigene, eine neue Qualität hat.

Jesus war, so das christliche Verständnis, auch selbst ein jüdischer Schriftgelehrter. Der Gedanke ist nicht neu, dass die Gemeinschaft der Gläubigen, vor Gott versammelt, eine eigene Qualität hat. Bereits im Judentum existiert die Regel des Minjan. Damit bestimmte Gebete stattfinden können, müssen sich mindestens zehn Juden zusammenfinden. (Es kann dem Flaneur passieren, dass wenn er an einem ruhigen Tag an einer kleineren Synagoge in einem jüdisch geprägten Stadtteil vorbeigeht – in Europa werden es weniger – er dann freundlich gefragt wird, ob er jüdisch sei: Ohne den »zehnten Mann« kann das anstehende Gebet nicht stattfinden.)

Man muss kein gläubiger Mensch sein – ich selbst bin ja sicher, dass es vorbei ist, wenn es vorbei ist – um mit dem Kopf zu verstehen und mit dem Herz zu fühlen, dass und warum es wichtig ist, als Gemeinschaft eine Harmonie mit dem Weltganzen zu suchen.

Jeder Gottesdienst ist der Versuch sowohl des Einzelnen als auch der Gemeinschaft, derer Teil der Einzelne ist, mit der »Essenz der Welt« in Harmonie zu gelangen. Wenn Menschen sich zu einem Gottesdienst versammeln (ob gläubig oder nicht), dann suchen sie nach ihrem Platz in der ganz großen »Ordnung der Kreise«. Ein Gottesdienst ist das organisierte Bemühen, eine Ordnung herzustellen zwischen sich, der eigenen Gruppe und der Welt insgesamt.

So kurz nach der Tat

In Halle (Saale) hat ein Täter (eventuell auch mehrere, noch ist die Nachrichtenlage unklar) einen tödlichen Anschlag vor einer Synagoge verübt, wobei er eine Frau vor dem Gotteshaus tötete, wohl auch Sprengsätze legte und den Gast eines Schnellimbisses tötete (bild.de, 9.10.2019). Laut bild.de, 9.10.2019 soll es »Neonazi Stephan B. (27)« (meine Kürzung des Nachnamens) gewesen sein. Ursprünglich versuchte er, in die Synagoge einzudringen. Laut Medienberichten waren zu dem Zeitpunkt etwa 70 bis 80 Betende in der Synagoge versammelt. Yom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag, ein Tag der Versöhnung, des Fastens und der inneren Einkehr, als Einzelner wie auch als Volk vor seinem Schöpfer.

Man muss davon ausgehen, dass es sich um einen antisemitischen Anschlag handelte. Es gibt bewegte Bilder vom Anschlag. Der Täter wirkt wie jemand, der professionell erscheinen will, es aber nicht wirklich ist. Wenige Stunden nach der Tat taucht in den sozialen Medien ein Manifest auf, das vom Täter stammen soll und Bilder seiner mit viel Mühe selbstgebauten, aber eher rustikalen Waffen enthält.

Nein, es war nach den veröffentlichten Bilder kein »Profi« (anders als die erschreckend professionell wirkenden Attentäter von Charlie Hebdo) – eher ein irrer Typ, der – warum auch immer – wie ein Profi aussehen will. Die Polizei geht aktuell von einem Einzeltäter aus.

Bewusst und aktiv

2019 ist kein »normales« Jahr, was auch immer »normal« bedeuten soll – bedeuten kann. Die gesellschaftliche Stimmung kocht hoch. Es wird zum neuen »Normal«, dass Abweichler etwa als »Ratten« bezeichnet werden. Im Bundestag werden die Abzeichen gewalttätiger politischer Schlägertrupps getragen, man bekennt sich (wieder) zur politischen Gewalt. Der mutmaßliche Attentäter von Halle bringt die Hass-Rhetorik deutscher Meinungsmacher zu ihrer tragischen Konklusion.

Der verabscheuungswürdige Mörder von Halle hat versucht, wovon mancher Teilnehmer der antisemitischen Demonstrationen in Berlin »nur« phantasiert – den Mord an Menschen, weil sie jüdisch sind. In den Sozialen Medien liest man, dass er Dinge wie »Die Wurzel aller Probleme sind die Juden« sagte, als er seinen Mord durchführte – in gewissen Kreisen würde man der Höflichkeit halber »Juden« durch »Israel« ersetzen, und ansonsten weitgehend zustimmen. Er wollte vollbringen, was mancher sogenannter »Israelkritiker« nur praktisch impliziert, nämlich einen neuen Massenmord an Juden – es gelang ihm »nur« ein Doppelmord. Er wollte Betende angreifen, doch es gelang ihm wohl nicht. Er scheiterte an der Tür der Synagoge, so die aktuellen Berichte.

Der Mensch sehnt sich danach, mit dem, was er Gott nennt, eins zu werden. Jede einzelne Auslöschung menschlichen Lebens ist das maximal Schlechte, und doch ist ein Angriff auf Betende eine spezielle Kategorie – und der Angriff auf Juden in Deutschland noch einmal eine ganz eigene. Wer Juden in Deutschland angreift, der setzt sich bewusst und aktiv in die unmittelbare Tradition des abscheulichen Verbrechens des Naziregimes. (Wer die Existenz Israels auch nur indirekt oder implizit zur Disposition stellt, der tut dasselbe, nur hinter der fadenscheinigen Hülle politischer Höflichkeit.)

Wir sehnen uns danach, mit dem »großen Ganzen« in Verbindung zu treten, unsere Kreise zu ordnen und dann zum Teil weit größerer Kreise zu werden.

Verweigere die Annahme

Ein Angriff auf Betende ist ein Angriff auf das Menschlichste im Menschen, auf seine Eigenschaft als »Abbild Gottes«, und das gilt, ob man selbst glaubt und betet – oder nicht, wie ich. Im gemeinsamen Gebet wendet der Mensch all seine Kraft auf, Teil eines Größeren zu sein. Mir fiele wenig Barbarischeres ein, als einen Menschen im Moment des Gebets anzugreifen.

Ja, der Angriff auf die betenden Juden von Halle ist ein Angriff auf uns alle. Gestern schrieb ich davon, dass das »Nichts« auf uns zukommt, und der Anschlag auf Betende widerspricht dem wahrlich nicht.

Ganz gleichgültig, ob der Anschlag von Halle vom Staatsfunk und Propaganda zynisch instrumentalisiert wird, um Demokratie und Freiheit anzugreifen, oder ob er ganz schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwindet, weil der Angreifer der Propaganda nicht ins »Täterschema« passt, die naheliegende Konsequenz bleibt die Gleiche: Schützt euch und Eure Lieben. Nehmt nicht den Hass an, der euch von Staatsfunk und Propaganda entgegenschallt – schaltet den aus. Kurz: Ordnet eure Kreise!

Leonard Cohen sang eine Zeile, an die ich in den letzten Jahren wieder und wieder denken musste, heute wieder:

When hatred with his package comes, you forbid delivery.
(Leonard Cohen, You have loved enough)

Übersetzung: Wenn Hass mit seinem Paket ankommt, verweigere die Annahme.

Jeder Gottesdienst ist der Versuch des Einzelnen, mit dem Großen und Ganzen in Beziehung zu treten, die geheimsten Kreise der Seele wie auch die ganz großen äußeren Kreise der Welt zu ordnen.

Der mörderische Yom-Kippur-Anschlag von Halle hat Kontext. In Berlin marschieren antisemitische Hass-Demos. Die »Guten« nennen Gegner wieder »Ratten«, machen Hass »normal«.

Yom Kippur ist ein Fest der Versöhnung. Wie kann Deutschland wieder Versöhnung finden? Wie können wir selbst zur inneren Ruhe finden? Es liegt an uns selbst.

Macht heute Abend bitte die Glotze aus – bitte! Nehmt euch Zeit für eure Freunde und Familie. Sucht die Gemeinschaft lieber Menschen, es müssen ja nicht gleich 10 Leute auf einmal sein. Und, vor allem: Wenn der Hass mit seinem Paket an eure Türe klopft, verweigert ihm die Aufnahme, schaltet ihn aus, selbst wenn ihr ihn bezahlen müsst. Das Leben ist kurz, viel zu kurz.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.

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Kommentare ( 27 )

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27 Kommentare auf "Der Yom-Kippur-Anschlag von Halle"

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Die Tat ist schrecklich. Punkt. Mein Beileid allen Betroffenen.

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Derzeit wäre eine schärfere Auseinandersetzung mit ALLEN radikalen Kräften ganz sinnvoll. Der Mitgründer von Extinction Rebellion darf gar im SPIEGEL verkünden, wenn eine Gesellschaft (so) „unmoralisch handelt“, „wird Demokratie irrelevant. Dann kann es nur noch direkte Aktionen geben, um das zu stoppen.“ Das muss man doch mal sagen dürfen, so als Linker, auch wenn es nicht konform mit dem Grundgesetz ist.

„Wie kann Deutschland wieder Versöhnung finden?“

Kann es zwischen Linksradikalen sowie -extremen einerseits und Bürgerlichen andererseits eine Versöhnung geben? Wie soll die beschaffen sein?
Das Abschalten der Mainstrem-Medien-Propaganda allein reicht nicht, denn sie ist nur Ausfluss dessen, was das Volk (Tschuldigung: natürlich die Bevölkerung) spaltet: die diametralen Ansichten über die Gestaltung der Gesellschaft. Die linksgrüne Propaganda mag die Spaltung verstärken, aber angelegt ist sie an der Basis.

Nach Viktor Frankl gibt es nur 2 Rassen:
1. Die „Rasse“ der Anständigen
2. Die „Rasse“ der Unanständigen

Dem stimme ich völlig zu, würde aber eine 3.Kategorie ergänzen:
3. Die „Rasse“ der moralisch hochmütigen und Selbstgerechten

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Wie sang doch Volker Lechtenbrink schon vor Jahren:
„Und ich hasse die Selbstgerechten, diese echten Schlechten….“

1. Ich verabscheue Antisemitismus aus tiefstem Herzen
2. Ich verabscheue den Mörder
3. Meine Gedanken sind mit den Opfern und den Familien
4. Ich verabscheue Rassismus aus meinem tiefsten Herzen. Ich habe seit Jahrzehnten Freunde in ca. 50 Ländern der Welt, jeglicher Hautfarbe und Religion

Ich stimme Viktor Frankl zu, dass es nur 2 Rassen gibt:
Die „Rasse“ der Anständigen und die „Rasse“der Unanständigen.

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Ihr besonnener Aufruf ist ehrenwert, aber es ist für mich schon ärgerlich, wie die abscheuliche Tat eines solchen Fanatikers vom bayerischen Innenminister Joachim Hermann sofort zur eigenen Profilierung ausgenutzt wird, bevor die Polizei mit ihrer Arbeit fertig ist: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-10/halle-anschlag-frank-walter-steinmeiner-horst-seehofer Damit will ich Herrn Höcke nicht als Säulenheiligen hinstellen, ich persönlich mag ihn nicht und trauere etwas Herrn Lucke nach. Aber von dem Regierungsmitglied einer Partei, die DublinIII-widrig zur Einwanderung einer hohen Zahl von antisemitisch geprägten Personen anderer Kulturkreise beigetragen hat, hätte ich mehr Zurückhaltung und Pietät erwartet. Manche würden auch Anstand dazu sagen. Da bin ich wohl zu altmodisch in… Mehr

Dem guten Wort Herr von Dushan Wegner werde ich folgen. Meinen Hass werden weder Rechts-noch Linksextremisten bekommen. Und die mediale Kotgrube der ÖR schon gar nicht! Denn Jesus sagte auch: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren!“ (Joh. 14;1)

Tja Herr Wegner, an und Pfirsich ein guter Ratschlag, Glotze aus, ÖR-TV insbesondere, aber auch die sog. privaten Dschungelcamp-DancewithMe-SchlandsuchtSuperDepp-Dauerverblödungssender sind keinen Deut „besser“. Was für ein Mist. Die größten Spalter sind jedoch die ÖR-Verwalter. Sag ich schon lange. Die zunehmende Spaltung in diesem Land mit großem Pathos anklagend, dabei selbst mit ihrem einfältigen, einseitig gestrickten und abscheulichen Dauerpropagandageschnatter den Unmut vieler noch Selbst- und Mitdenkenden am Köcheln halten und eskalierend forcieren. Uran-235 als Spaltmaterial ist harmlos dagegen, keine Chance. Aber an diesem heisskochenden Aggregat-Zustand im Land ist nicht allein die ÖR-TV-Sendeseite incl. aller angeschlossenen Rundfunk“anstalten“ verantwortlich (die tun v.a. abgestimmt… Mehr

Leider wird dieser Anschlag von den „üblichen Verdächtigen“ (wieder) zum Anlass genommen, die üblichen Kommentare, Worthülsen, Wortspenden in die Mikrophone zu sprechen. Als, meiner bescheidenen Meinung nach, Negativbeispiel möge man sich das Interview mit Frau KGE anhören.
Nachsatz: Wer aller in Deutschland -und natürlich auch in Österreich- plötzlich anscheinend alles über Yom Kippur weiß, nahezu atemberaubend.

Ach Herr Wegener, ich schätze Ihre Texte, sie sind wundervoll. Danke. Ich persönlich hasse niemanden. Nicht mal diese Verantwortlichen in Berlin, die dieses Land weiter ins Chaos driften lassen wollen (!). Möchte kurz bemerken, dass jüdische Synagogen an hohen Feiertagen Polizeischutz haben sollten. Wo war dieser Schutz? Und wo war die Polizei, als am Brandenburger Tor (2019 oder 2018) arabisch aussehende Menschen „Juden ins Gas“ schrien? Es läuft alles weiter nach Drehbuch. Der CIA sagte, dass Deutschland im Jahre 2020 in manchen Teilen nicht mehr regierbar sein wird. Vielleicht war es hier wirklich „nur“ ein durchgeknallter Einzeltäter … Mag sein.… Mehr

Wo war eigentlich die Polizei so lange? Werden jüdischen und israelische Einrichtungen hier nicht besonders geschützt? **