Der Westen trägt die geringste Schuld an Aleppo

Die Ankläger des Westens einen sehr dürftige und diffuse Vorstellungen, was genau der Westen denn in Syrien hätte besser machen können. Und die "Meinungsführer-Medien" eint, dass sie damals wie heute den wechselnden Stimmungen hinterherschreiben.

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Symbolbild

In den vergangenen Tagen und Wochen fand parallel zum Bombardement von Aleppo etwas statt, das einem medialen Bombardement gleichkam. Zeitweise bestand die gesamte obere Startseite von Spiegel Online aus Augenzeugenberichten, Videos und Twitter-Meldungen, welche allesamt den apokalyptischen Untergang der syrischen Stadt bezeugten. Der Tagesspiegel titelte „Syrien – die Schande“ und auch Springer ist natürlich nicht weit, wenn es hautnahe menschliche Dramen zu „berichten“ gibt: „Syrien stirbt…und die Welt schaut zu.“ platzierte Online-Chefredakteur Julian Reichelt auf bild.de und schrieb über „Epochales Versagen“ in der Welt. Die intendierte Botschaft brachte Christoph von Marshall wiederum beim Tagesspiegel anscheinend ernstgemeint auf den Punkt: „Wir Deutsche sind mitschuldig am Sterben in Aleppo. Wir haben die Opfer nicht militärisch geschützt.“

Ein etwas weiterer Sprung in die Vergangenheit: Im August 2013 veröffentliche Spiegel Online einen Kommentar zum damals scheinbar bevorstehenden Luftschlag der Obama-Administration gegen das syrische Regime auf Grund dessen Einsatzes von Chemiewaffen. Der Kommentar warnte vor unvorhersehbaren Reaktionen Assads, einem Flächenbrand der Region und einer Blamage der USA. Folgerichtig mündete er in der Frage: „Wenn aber nicht nur die militärische, sondern auch die politische Wirkung eines Militärschlags in Zweifel steht, stellt sich die Frage: Wozu soll er dann überhaupt dienen?“ Auch beim Tagesspiegel, der jetzt die Deutschen von der Kanzel herab verdammt, wusste man im Mai 2013 noch:

„Konsequenterweise müsste Obama handeln. Das Problem ist nur: Was immer er tut, könnte sich als falsch erweisen. In Syrien gibt es längst nichts mehr zu gewinnen, sondern nur zu verlieren.“

Diese mehrere Jahre alten Kommentare zeugen ironischerweise von einem deutlich kühleren Kopf, als die emotionalisierte Berichterstattung und Kommentierung der letzten Tage. Denn an den Einwänden gegen einen westlichen Militäreinsatz hat sich ja bis heute im Grunde nichts geändert: Eine Handvoll gezielter Marschflugkörper hätte das Kriegsglück in Syrien wohl kaum wenden können, während der Irak und Libyen überdeutlich die Risiken eines großangelegten „regime change“ offenbart haben. Eine Unterstützung einiger Rebellengruppen durch Waffenlieferungen seitens der USA fand zwar statt, stellte sich aber als wenig effektiv heraus, auch weil sogar diese indirekte Form der Intervention nach wie vor die Gefahr birgt, die Falschen zu stärken. Diese angebrachten Bedenken verschwinden nicht dadurch, dass es nun für die Bevölkerung von Aleppo verheerende Folgen hat, Assad und seinen Verbündeten mehr oder weniger freie Bahn gelassen zu haben.

Notabene: Es gibt kaum Anlass, am berichteten Ausmaß des syrischen Leids zu zweifeln. Man darf zwar skeptisch sein, ob jeder Tweet und jedes Video von der Front durch mehrere voneinander unabhängige Quellen verifiziert wurde, aber wer glaubt, dass die Menschenfreunde Assad und Putin „nur mal richtig unter den Terroristen aufräumen“, hat den Bezug zur Realität verloren. Ebenso täuscht sich jeder, der ausschließlich Frauen, Kinder und demokratische Revolutionäre unter Assads Opfern vermutet. Es liegt in der Natur des Bürgerkriegs, in ungezählten Gemetzeln zu münden und keine der in Syrien kämpfenden Parteien ist vor dieser Aussicht zurückgeschreckt. Hätte der Westen zugunsten einer Seite direkt militärisch eingegriffen, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er nun Kriegsverbrechen unter seiner Aufsicht zu verantworten hätte. Sich stattdessen herauszuhalten, verhindert die Kriegsverbrechen zwar nicht, ist aber immer noch besser, als in sie verstrickt zu werden.

Welches Dilemma?

In einem Videokommentar der Süddeutschen wird dennoch von einem moralischen Dilemma des Westens gesprochen, welches dieser durch die Passivität in Syrien geschaffen habe. Aber ein Dilemma ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass man noch zwischen zwei unangenehmen Möglichkeiten wählen muss. Der Westen hat seine Wahl getroffen und er ist seitdem mit ungewohnter Konsequenz kaum von ihr abgewichen. Was ihn jetzt plagt, sind die Folgen seiner Wahl, aber da diese Folgen das Entscheidungskalkül auch rückblickend nicht ändern, gibt es kein Dilemma.

Die Ankläger des Westens eint, dass sie sehr dürftige und diffuse Vorstellungen davon haben, was genau der Westen denn in Syrien hätte besser machen können. Neben der Erwägung militärischer Schritte hat der Westen es nämlich auch an diplomatischen Initiativen für Syrien nicht mangeln lassen. Etwas muss man dem zukünftigen Bundespräsidenten Steinmeier dabei schon lassen: In seiner Rolle als Außenminister war er immerhin stets bemüht, zu vermitteln und hat dafür auch so manche kühle Abfuhr aus Moskau über sich ergehen lassen. Dass er nichts erreicht hat, ist nicht seine Schuld: Putin und Assad war seit August 2013 klar, dass die Amerikaner sie nicht stoppen würden und unter dieser Prämisse hatten sie schlicht keinen Anlass, sich auf Verhandlungen einzulassen, wenn sie ihre Ziele besser durch Bomben zu erreichen glaubten.

Auch abseits der gern gescholtenen Medien sollte sich der nun über Aleppo bestürzte deutsche Bürger daran erinnern, dass ebenfalls im August 2013 eine Mehrheit der Deutschen laut Umfragen gegen einen Militärschlag des Westens war, genauso wie sich eine Mehrheit gegen eine deutsche Unterstützung einer möglichen US-amerikanischen Aktion aussprach. Die damalige Mehrheit hatte nachvollziehbare Gründe für ihre Wahl und kann heute durchaus zufrieden sein: Sie wollte einen US-Präsidenten, der die UN-Gremien respektiert und die russische Blockade im Sicherheitsrat nicht durch unilaterale Cowboydiplomatie umschifft – und diesen Präsidenten hat sie bekommen. Mit den Folgen der Aufgabe jeglichen westlichen Drohpotentials in Syrien muss sie jetzt leben. Schuldig ist sie deswegen nicht.

Die Kinder, die in den vergangenen Wochen blutüberströmt und staubbedeckt unter zerstörten Häusern in Aleppo hervorgezogen wurden, hätten genauso gut die „Kollateralschäden“ US-amerikanischer Raketen und Bomben gegen das Assad-Regime sein können – und jeder, der jetzt das angebliche Versagen des Westens in Aleppo beklagt, sollte einmal tief in sich gehen und ergründen, ob ihm diese Alternative wirklich mehr zugesagt hätte und ob damit irgendetwas für die Menschen in Syrien hätte gewonnen werden können.

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