Der Krieg der Zukunft im Cyberraum und die deutsche Fahrlässigkeit

Holger Douglas sprach dieses mal über den neuen Kriegsraum Cyber mit Ralph Thiele, Oberst a.D., Vorsitzender der politisch-militärischen Gesellschaft und Geschäftsführer StratByrd Consulting.

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Eine neue Truppe der Bundeswehr soll aufgebaut werden, die den Cyberraum absichern soll. Wie gut wird die neue Truppe aufgestellt sein? Die Cyber-Dimension ist eine Dimension, die sich einen ganz eigenen Raum erarbeitet hat. Wie das Meer, der Weltraum, das Land. Früher gab’s das nicht. Und heute ist er sehr wichtig, und wer sich da nicht aufstellt, weiß gar nicht, was mit ihm passiert.

Deswegen ist der Gedanke eines Cyberkommandos ein ganz relevanter. Da kommt die Ministerin eher ein bisschen spät. Wie gut das wird, ist komplex zu beantworten. Im Augenblick wollen wir dafür kein Geld ausgeben, auch keine neuen Leute einstellen. Von daher ist nicht zu erwarten, dass es gleich leistungsstark wird.

Holger Douglas: Wer greift uns denn im Cyberraum an?

Ralph Thiele: Alle möglichen. Es beginnt bei Nachbars Jungen, der Spaß daran hat, im Cyberraum zu wurschteln. Die Kriminalität blüht. Vor Jahren waren es Zehntausende, die sich im Cyberraum beschäftigten. Später waren es Hunderttausende. Heute sind es Millionen von Menschen, die beruflich, aus wirtschaftlichen Gründen oder auch aus kriminellen Gründen Geld mit uns verdienen wollen, und die schauen schon alle mal rein.

Dann gibt es noch staatliche Stellen, die daran Interesse haben, was wir tun. Zum Beispiel diejenigen, die nach Terroristen suchen, aber auch diejenigen, die feststellen wollen, wo die Verwundbarkeiten unseres Landes sind. Es gibt also unendlich viele interessierte Betreiber, die gute und schlechte Gründe haben, uns im Cyberraum auszuforschen.

Russland ist im Cyber-Raum, aber China noch viel mehr

Holger Douglas, Vor allem russische Cyber-Truppen sollen sehr stark vertreten sein. Können Sie das bestätigen?

Ralph Thiele: Ja, ich kann sagen, dass die Russen sehr stark engagiert sind. Aber: Deren Kapazitäten liegen bei 10 Prozent der chinesischer Akteure. Es gibt auch andere wesentliche Akteure. Brasilien zum Beispiel ist ein wunderschönes cyberkriminelles Land. Oder auch viele asiatische Staaten haben sehr viele Cyberkriminelle, die sich auch alle bei uns umschauen, wie gut sie reinkommen, wie sie Geld verdienen können. Die kennen sich vor allem mit der Hardware gut aus, weil unsere Hardware von denen kommt. Und auch ein Teil der Software.

Holger Douglas: Wo sollen bei uns die neuen qualifizierten Leute für die Cybertruppe herkommen?

Ralph Thiele: Eigentlich hat die Bundeswehr schon mit der Gründung der Bundeswehr-Universitäten in den siebziger Jahren angefangen, auch den IT-Bereich gut anzulegen. Dummerweise haben wir dann die Leute, die wir zu guten Ingenieuren ausgebildet haben, erst einmal zu Sicherungszugführern gemacht.

Das fanden die nicht ganz erquickend, haben sich lieber eine Verwendung in privaten Unternehmen gesucht und sind relativ schnell aus der Bundeswehr ausgeschieden, so dass wir eigentlich immer eine klasse Cyber-Expertise gegründet haben, aber sie auch ganz schnell wieder losgeworden sind.

Im Zuge der Cyber-Errungenschaften jetzt haben wir die Emergency Truppen CERT. Die hat geschaut, wie man solchen Gefährdungen begegnen kann und haben ganz gute Qualitäten entwickelt. Von daher ist die Bundeswehr eine der wenigen öffentlichen Einrichtungen, in Deutschland, die über Exzellenz und auch über eine gewisse Stärke verfügt. Das ist ein Thema, das glaube ich, eher untergeht.

Das ändert sich nun gerade alles in den stürmischen Cyber Zeiten, die wir haben. Der Markt ist heftig umkämpft, das Personal wird abgeworben. Und jetzt vor diesem Hintergrund eine schlagkräftige Cybertruppe aufzubauen in der Bundeswehr, dürfte schwierig sein, weil es den Personalmarkt eigentlich nicht gibt. Alle Mitarbeiter, die man dafür ausgebildet, werden auch von den zivilen Märkten heftig umworben werden. Von daher wird sich die Bundeswehr schwertun, dass entsprechend meistern zu können.

Holger Douglas: Es gibt ein komplettes neues Konzept, das von Katja Suder für die Bundeswehr erarbeitet wurde. Wie sieht das denn aus? Und was ist davon zu halten, wenn diejenigen, die das Konzept ausarbeiten, die Verantwortung für die Folgen nicht mehr tragen müssen, weil sie dann weg sind?

Ralph Thiele: Das ist natürlich nur eine Spekulation. Der Ministerin sagt man Ambitionen nach, dass sie demnächst ein anderes Ministerium vielleicht leiten möchte, Frau Suder ist gerade schwanger geworden, und man wird also abwarten müssen, wie sich ihre Familienplanung weiter gestaltet. Das ist sicherlich ein Problem.

Das größere Problem ist, dass die Bundeswehr seit Ende der Achtzigerjahre im Grunde genommen zu wenig Geld ausgibt für die Menschen, die sie hat. Sie ist eigentlich immer zu groß für den Etat, den sie hat. Und jetzt eine neue Teilstreitkraft aufzumachen, ohne sie mit den entsprechenden Investitionen zu begleiten, im Personal, im Betrieb, im Material, in der Ausbildung – da ist der Kern des Problems. Und wenn dann auch noch die Häuptlinge stiften gehen, dann hat man es natürlich doppelt schwer.

Alle lernen von Clausewitz, nur wir nicht

Holger Douglas: Wenn ich etwas planen will, muss ich eine Zielvorstellung haben. Sollte ich zumindest. Sehen Sie eine Strategie in der Verteidigungspolitik?

Ralph Thiele: Es gibt ja immer Strategien. Die Grundfrage ist natürlich: Wie valide sind die Strategien, wie gut durchdacht und vorbereitet?

Die Grundstrategie, die Bundespräsident, Außenminister und Verteidigungsministerin verkündet haben, ist: Wir wollen mehr Verantwortung wahrnehmen. In Europa, aber auch außerhalb Europas – für Europa. Das bedeutet, dass man neben dem Willen auch Können entwickeln muss. Wenn man Können entwickeln muss, muss man Ressourcen einsetzen.

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Hier beginnt es schon zu kneifen, der Ressourceneinsatz besteht im Wesentlichen immer im Sparen. Sparen führt bei uns heute in der Praxis zur Kannibalisierung. Weil ein Teil bei einem Gerät fehlt, baut man es beim anderen Gerät aus, um es beim ersten wieder einzubauen. Das ist kein sehr viel versprechende Ansatz, um die Dinge wirklich zum Besseren zu machen.

Darüber hinaus geht es auch in den Bereich der Konzeption. Strategie, Operation, Taktik sind da die Stichworte. Clausewitz – die ganze Welt lernt von Clausewitz. Man muss glauben, dass die Welt heute besser gelernt haben, als wir selbst das gelernt haben. Zum Beispiel denkt man im Cyberbereich, dass man ohne das offensive Element auskommt.

Das ist nun wirklich problematisch. Zum einen stellt sich leider im Cyberbereich heraus, dass der Computerkriminelle wesentlich mehr Chancen hat, einen Computer zu beschädigen und anzugreifen, als der, der es schützen möchte. Also im Prinzip hat der Angreifer die besseren Karten. Wenn ich also sage, ich will mich nur verteidigen, bedeutet das: Ich möchte gerne Niederlagen einstecken und Schaden haben. Ich glaube nicht, dass das wirklich ein kluger Gedanke ist.

Holger Douglas: Die neue Truppe darf sich nicht mit Offensivmitteln verteidigen?

Ralph Thiele: Offensiv ist, wenn ich die Firewall des anderen durchschreitet. Beispiel: In den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo ich gerade war, wurde eine Bank überfallen. Scheinbar kamen die Angreifer aus Ägypten. Als man dann mit forensischen Mitteln nachforschte, stellte man fest, nein, es waren iranische Angreifer. Die hatten Computer in Ägypten ge-hijackt, und über diese Computer die Angriffe auf die Vereinigten Arabischen Emirate gefahren.

Wie will ich denn nun mit so einer Situation umgehen? Ich könnte die Computer vom Angreifer kaputtmachen. Damit wäre das Problem erst einmal bereinigt, man könnte sich dann mit anderen Mitteln darüber auseinandersetzen, wie können die andern das verhindern?

Wenn ich aber nicht einmal nachschauen darf hinter der Firewall, wer es eigentlich ist: Wie will ich mich dann wehren können?

Wir haben derzeit beim Aufbau dieses Cyberkommandos im Wesentlichen erst einmal alten Wein in neuen Schläuchen. Also Kommandos, Dienststellen, die es vorher schon gab, bekommen jetzt einen neuen Namen. Damit werden sie aber nicht neue Fähigkeiten erwerben. Das steht alles noch an. Von daher kann man sich sicherlich darauf einrichten, dass man hier eine langjährige Baustelle eingerichtet.

Holger Douglas: Ist der Cyberbereich wirklich ein kritischer Bereich? Dort kann niemand erschossen werden.

Ralph Thiele: Ich bin immer wieder überrascht: Man denkt immer, im Cyberbereich kann man Menschen nicht weh tun. Aber wenn der Strom im Winter ausfällt, sterben auch Menschen durch Kälte. Sie können zum Beispiel bei Deichen die Kraftwerksturbinen so in Schwingungen bringen, dass sie sich selbst zerstören und damit den Deich vernichten.

Dieser Cyberraum kann auch enorme physische Folgen entfachen. Es geht darum: Wie kann ich das Leben meines Gegenübers durcheinanderbringen? Wir haben das im Zuge der Ukraine-Krise aus Russland ganz deutlich erfahren, da werden Aktienkurse manipuliert, da wird organisierte Kriminalität eingesetzt, da werden Scheinidentitäten geschaffen. Alles Dinge in einer Komplexität, die man sich so als ein normaler unbedarfter Bürger gar nicht vorstellen kann. Hier werden wir Westeuropäer dazulernen müssen.

Mehr im Gespräch mit Ralph Thiele.

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