Der ausgeschlossene Bürger

Die Radikalisierung des normalen Bürgers beginnt in den Haushalten, wo der Fernseher aus bleibt, wenn politisch diskutiert wird, wo die Kommentarspalte nicht mehr mit Meinung gefüllt wird und das Kreuzchen auf dem Wahlzettel der eigenen Ansicht nach sowieso keinen Unterschied mehr macht.

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Vermutlich ist Ihnen schon aufgefallen, dass der normale Bürger im deutschen Fernsehen keine signifikante Rolle mehr spielt. Bereits in einem vorangegangenen Kommentar beklagte ich, dass vor allem junge Frauen ohne Migrationshintergrund in den deutschen Talkshows nicht vorkämen. Dass man statt dieser Gruppe, die, wie wir seit Köln wissen, als Erstes in drastischer Weise Schaden durch die unkontrollierte Zuwanderung aus mehrheitlich islamisch geprägten Ländern genommen hat, immer nur alle anderen Gruppen und vor allem irgendwelche Frauen mit Kopftuch zum Thema Islam und Flüchtlingskrise zu hören bekommt.

Aber genau genommen ist es nicht nur die junge Frau ohne Migrationshintergrund, die nicht gehört wird – was insbesondere in Bezug auf die wachsende Anzahl von kulturell bedingten sexuellen Übergriffen eine Schande ist – es ist der normale Bürger an sich, der Citoyen im rousseauschen Sinne, für dessen Meinung sich Politik und Medien schon seit geraumer Zeit nicht mehr interessieren. Was übrig bleibt, ist seit vielen Jahren ein in sich geschlossener Kreis aus ewig gleichen Politikern, die die ewig gleichen Positionen besetzen und Medienvertretern, die längst jeglichen Mut für investigativen Journalismus verloren haben. Sie alle kreisen wahlweise um sich selbst und/oder umeinander und irgendwo dazwischen ist der Bürger verloren gegangen, wurde einfach ausgeschlossen und wird gelegentlich nur noch als abstraktes Gebilde herangezogen, wenn es darum geht, mit Sätzen wie „Fragen Sie doch mal die Bürger…“ doch noch etwas wie Bürgernähe zu suggerieren.

Öffentlichkeit ohne Bürger

Es ist zweifelsohne wichtig, dass zu den jeweiligen Themen Experten gehört werden. Dazu gehört auch, dass man Politiker zu Wort kommen lässt, die aktiv an der thematisierten Politik beteiligt sind oder Kritik an ihr üben. Was bei all dem jedoch auffällt, ist das fehlende Pendant. Das Gegenstück zum Politiker. Der deutsche Journalismus, schaut man sich jüngere Auftritte von Ulf Poschardt bei Lanz oder Hans-Ulrich Jörges bei Illner an, ist es jedenfalls nicht. Hier ist man in weiten Teilen und immer unverhohlener dazu übergegangen, sich schützend vor Mutti Merkel zu werfen, wann immer es jemand wagt, ihre Flüchtlingspolitik als das zu bezeichnen, was sie ist: desaströs.

Der Journalismus hierzulande hat schon lange nichts mehr mit kritischer Distanz zur Politik, sondern vor allem mit Hofberichterstattung und noch viel mehr mit Propaganda und Erziehung zu tun. An diesem Eindruck ändert auch ein Giovanni die Lorenzo nichts, der sich in letzter Zeit erfrischend selbstkritisch gab, als er beklagte, die deutschen Medien hätten sich in der Flüchtlingskrise vor allem zu Mitgestaltern gemacht, wo sie doch eher Beobachter hätten sein sollen. Vielleicht auch deshalb, weil die ZEIT, deren Chefredakteur er ist, und das dazugehörige Online-Format bis zum heutigen Tage nichts anderes als linke Willkommenskultur und wirre Rassismuskeulen von Leuten wie Mely Kiyak verbreiten. Von journalistischer Beobachterfunktion kann insbesondere in Bezug auf dieses Medium und die dazugehörigen Online-Plattformen jedenfalls nicht die Rede sein. Eventuell täte Herr di Lorenzo also gut daran, seine Verbesserungsvorschläge zunächst bei der eigenen Redaktion vorzustellen, als sie weiter in den luftleeren Raum der Selbstkritik des deutschen Journalismus zu blasen.

Wer bleibt also übrig? Wer füllt die Lücke mit ein wenig Realität aus dem Alltag des normalen Bürgers oder bereichert die Talkrunden dieses Landes beispielsweise mit seinen Erfahrungen mit muslimischen Mitbürgern oder Flüchtlingen und Einwanderern?

Die Politik kann es aus eigener Betriebsblindheit und Entkoppelung von den Sorgen und Nöten des Bürgers nicht. Wer seine Arbeitskraft nie auf dem freien Markt anbieten musste, wer weder Steuern zahlt, noch Krankenversicherungsbeiträge, wer bereits nach wenigen Jahren seine gesamte Pension zusammen hat und sich nur in ausgesuchten Kreisen bewegt, der versteht nun einmal nicht, was des Bürgers eigentliches Problem insbesondere in Bezug auf den Islam und die Zuwanderer ist. Darüber hinaus stellt es ein, dem politischen System in Deutschland inhärentes Problem dar, dass es sich beim Ringen um Macht in der Politik vor allem um ein Ringen um selbige innerhalb des eigenen geschlossenen Systems handelt. Das Kreuzchen des Bürgers auf dem Wahlzettel steht am Ende des Prozesses um die Verteilung von Macht, nicht am Anfang. Er kann nur noch auf das reagieren, was ihm vorgesetzt wird. Die für den Politiker eigentlich entscheidenden Hürden auf dem Weg dorthin wurden vorher und ohne, dass man auf die Gunst des Bürgers angewiesen gewesen wäre, genommen.

Closed Shop Parteien

Zwar könnte man an dieser Stelle einwenden, dass der Bürger dem Politiker durchaus seine innerparteiliche Machtposition nehmen könne, indem er die jeweilige Partei mit schlechten Ergebnissen abstraft. Ein Blick auf das seit Jahren zu beobachtende Dahinsiechen der SPD unter Sigmar Gabriel genügt jedoch, um zu wissen, dass die Uhren in Zeiten der mangelnden Alternativen auch unter Politikern, anders ticken. Dass man im Prinzip wie Sigmar Gabriel eine Partei vollkommen gegen die Wand fahren und trotz unterirdischer Sympathiewerte von Seiten der Bevölkerung weiterhin Parteivorsitzender und vermutlich sogar noch Kanzlerkandidat werden kann. Was zählt, ist eben nicht die Mehrheit im Volk, sondern die Mehrheit in der Partei, was im Endeffekt auch viel einfacher ist, weil da die Zahl der Allerwertesten, in die man kriechen und Messer, die man in den Rücken rammen muss, deutlich geringer ausfällt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass man in weiten Kreisen der Politik mittlerweile selbst vor Beschimpfungen des Bürgers nicht mehr zurückschreckt oder ihn, wenn man ihn schon nicht wüst beleidigt oder wie im Falle der Ostdeutschen unter Kollektiverdacht stellt, zumindest als gefühligen, irrationalen Vollidioten darstellt, der sich nur noch im postfaktischen Raum bewegt. Dass es sich in Anbetracht einer Politik, die ihre Rechtfertigung nur noch aus der Pseudo-Moral zieht, während sich die tatsächliche Faktenlage längst auf die Seite des besorgten Vollidioten geschlagen hat, um eine schier absurde Unterstellung handelt, sei hier nur am Rande erwähnt.

Was macht aber nun der Bürger, der Citoyen, der den Drang verspürt, mitzureden, sich einzubringen, ohne seine Seele gleich mit dem Erhalt des Parteibuches verkaufen zu müssen, wenn die politische Diskussion zumindest in den deutschen Medien, und hier vor allem dem deutschen Fernsehen, ohne ihn stattfindet? Wenn er von den selbstreferentiellen Systemen Medien und Politik seit Jahren zum bloßen Zuschauer degradiert wird? Wenn Minderheiten wie die angeblich topintegrierte Kopftuchträgerin oder der studierte Migrant im medialen Zirkus als mahnende Kritiker gegenüber der Mehrheit auftreten dürfen, während diese Mehrheit durch niemanden mehr adäquat vertreten wird? Denn ja, sie ist es, die in der Interaktion zwischen Medien und Politik verloren gegangen ist. Die, vermutlich ganz unbeabsichtigt und hervorgerufen durch die eigene Betriebsblindheit und Entfremdung vom normalen Bürger, Dingen wie dem Minderheitenschutz zum Fraß vorgeworfen wurde. Was ist beispielsweise mit dem Polizisten, der mit kriminellen Clans und Asylbewerbern zu tun hat? Was ist mit der Lehrerin, die plötzlich nicht nur behinderte Kinder im Rahmen der Inklusion zu integrieren hat, sondern auch noch Flüchtlingskinder, die kein Wort Deutsch sprechen, mitunter traumatisiert sind? Wieso fragt man nicht einmal den Bürger, der tagtäglich mit den Auswirkungen dieser Politik zu tun hat? Zu viel Realität fernab der politischen Agenda? Es scheint so.

Im Ergebnis beginnt genau jener vergessene Bürger sich andere Räume zu suchen, in denen seine Meinung gehört wird, in der sie noch etwas zählt. Das einfachste Ventil ist die Wahl. Sein stilles Kreuz beim nächsten Mal einfach bei der AfD zu machen. Diese Zahl wächst und es sind viel mehr, als man in etablierten Kreisen denkt. Die wenigsten von ihnen haben etwas mit dem ostdeutschen Nazi oder dem postfaktischen Vollidioten zu tun, den man so gerne heranzieht, wenn man nach einer Erklärung für den Erfolg der AfD sucht. Dazu kommen die Kommentarspalten der Nachrichtenseiten, in denen man seine Meinung kundtut oder die vielen Facebookgruppen. Nicht zu vergessen, die kleinen, die neuen Medien, die entgegen dem allgemeinen Abwärtstrend in der deutschen Presselandschaft wachsen.

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Wer nach den Ursachen dieser Entwicklungen sucht, der sollte aufhören, auf jene zu zeigen, die vermeintlich hetzen und anstacheln. Sie sind allenfalls das Ventil, das am Ende einer Entwicklung steht, die bereits viel früher begonnen hat. Ungefähr dort, wo man aufgehört hat, des Bürgers Meinung Gehör zu schenken. An dem Punkt, an dem man begonnen hat, nur noch Lamya Kaddor und Kola Maryam Hübsch als vermeintliche Vertreter der Zivilgesellschaft anzuhören, die auch noch den moralischen Zeigefinger gegenüber all jenen erheben, die ihresgleichen nach eigener Auffassung nicht genug Wertschätzung entgegenbringen. Sie hat dort begonnen, wo in der FAZ bejammert wird, wie unsachlich und frauenfeindlich die Kritik gegenüber Angela Merkel sei. Und nicht zuletzt dort, wo ein ganzer Teil Deutschlands unter Nazi-Kollektiv-Verdacht gestellt wird und des Bürgers Meinung nur noch erwünscht ist, wenn sie nicht islam- oder asylkritisch ist.

Wer nicht einmal bemerkt, wie er dem kritischen Partizipativ-Bürger, dem Cityoen den Raum der politischen Diskussion entzogen hat, der muss sich nicht wundern, wenn er sich diesen Raum durch andere Plattformen und Ventile zurückerkämpft. Der braucht sich weder über den stillen AfD-Wähler wundern, noch über den wütenden Facebook-Diskutanten. Der braucht nicht mit den Finger auf Thilo Sarrazin oder andere zeigen, sondern sollte ausschließlich bei sich selbst beginnen, nach Ursachen zu forschen. Das Gute an dieser Entwicklung ist, dass selbst der unpolitische Bürger langsam zum Citoyen wird. Dass sich immer größere Teile der Bevölkerung nicht mehr mit dem Zuschauerstatus zufrieden geben. Dass sie sich eben durch andere Methoden Gehör verschaffen, wenn man sie woanders nicht mehr hören will.

Aber diese Entwicklung birgt auch Gefahren. Dann, wenn die auferlegte Stille, die fehlende Repräsentation zur allgemeinen Stille, zur unterschwelligen Wut wird. Wenn die Resignation und das Misstrauen gegenüber Medien und Politik so weit vorangeschritten sind, dass sich nicht einmal mehr über die Talkshow oder den Artikel aufgeregt wird. Wenn der Zuschauer sich einfach zurückzieht, um nicht mehr länger Zuschauer sein zu müssen, statt sich seinen Status des Citoyen zurück zu erkämpfen. Wenn er sich auch nicht mehr von den kleinen Medien repräsentiert fühlt bzw. diese Repräsentation zunehmend als sinnlos erachtet. An dieser Stelle verliert man den Bürger. Nicht nur für die jetzige Politik und die klassischen Medien. Sondern für die Demokratie, das grundsätzliche Vertrauen in den Staat.

Die Radikalisierung des normalen Bürgers beginnt nicht mit den vermeintlichen Hetzern und Anstiftern. Vielmehr sind sie es, die ihn noch beruhigen, die das Gefühl geben, dass die eigene Meinung noch irgendwo Erwähnung findet wird. Stattdessen nimmt sie dort ihren Anfang, wo nicht einmal mehr das gegeben zu sein scheint. In den Haushalten, wo der Fernseher aus bleibt, wenn politisch diskutiert wird, wo die Kommentarspalte nicht mehr mit Meinung gefüllt wird und das Kreuzchen auf dem Wahlzettel der eigenen Ansicht nach sowieso keinen Unterschied mehr macht.

Dieser Entwicklung sollte man entgegenwirken, in dem man auch den Bürger, den Vertreter der Mehrheitsgesellschaft wieder zu Wort kommen lässt. Schaut man sich jedoch die Reaktionen von Politik und Medien auf die zunehmende Wut ob mangelnder Repräsentation der Bevölkerung an, lässt sich eher Gegenteiliges beobachten.

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Kommentare ( 132 )

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