Das Leben schreibt die schönsten Geschichten

„Ziemlich entsetzt“ sei sie, mich „hier“ wiederzufinden. Da fragt sich Andreas Backhaus, was sie wohl gesagt hätte, wenn sie ihn statt bei TE im Gefolge des IS in Syrien oder mit einer Flasche Fusel im Rinnstein wiedergefunden hätte.

© Sean Gallup/Getty Images

Ab und zu geschieht es, dass das Leben uns unerwarteter Weise wieder mit Menschen zusammenführt, die wir schon seit langem aus den Augen verloren und vielleicht sogar gänzlich vergessen hatten. Dass so etwas nicht nur in Hollywood vorkommt und auch nicht nur nach der dort üblichen Manier abläuft, wurde mir beim Stöbern in den Leserkommentaren unter meinem letzten Beitrag bewusst.

Im betreffenden Kommentarbereich hatte sich eine Person mit registriertem Klarnamen und Profilfoto zu Wort gemeldet, welche ich als ehemalige Angestellte in einem kleinen Beratungsunternehmen wiedererkannte, in dem ich vor vielen Jahren als Praktikant einen schwülheißen Sommer verbracht hatte, anstatt mich im Dortmund-Ems-Kanal abzukühlen.

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Eines vorweg: Ich habe weder mit dieser Person, noch mit dem betreffenden Unternehmen irgendein Hühnchen zu rupfen, noch gibt es schmutzige Wäsche zu waschen. Im Gegenteil, ich habe damals gerne für und mit dieser Person gearbeitet, während das Unternehmen wiederum mit meiner Leistung sehr zufrieden war, was mir auch entsprechend bescheinigt wurde. Heute würde ich immer noch behaupten, in diesem Unternehmen viel Nützliches gelernt zu haben und eine suboptimale Wortmeldung einer ehemaligen Mitarbeiterin wird daran nichts ändern.

Warum reite ich dann überhaupt auf letzterer herum? Unser kurzer Kommentarwechsel zeigt, neben aller unfreiwilligen Komik, warum man trotz der grassierenden Borniertheit, der man so begegnet, die Freude an solchen unerwarteten Wiederbegegnungen trotzdem nicht zu verlieren braucht.

Nachdem die betreffende Person auch mich wiedererkannt hatte, fühlte sie sich als allererstes genötigt, mir mitzuteilen, dass sie „ziemlich entsetzt“ sei, mich „hier“ wiederzufinden. Da frage ich mich, was sie wohl gesagt hätte, wenn sie mich statt bei TE im Gefolge des IS in Syrien oder mit einer Flasche Fusel im Rinnstein wiedergefunden hätte. Die Steigerungen des Entsetzens wären ihr dann nämlich schnell ausgegangen. Hätte es für den Anfang nicht auch ein „irritiert“ oder „verwundert“ getan?

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Die abgebildete Diskussion kann man exemplarisch in etwa so zusammenfassen: ‚Du stellst Flüchtlinge Geflüchtete unter Generalverdacht und bist deshalb böse!‘ – ‚Nein, tue ich nicht, denn [Argument] und siehe [Zitat aus meinem Beitrag].‘ – ‚Du stellst Geflüchtete unter Generalverdacht und bist deshalb böse!‘

Wer gelegentlich Diskussionen im Internet führt, weiß aus Erfahrung, dass man an solchen Punkten das jeweilige Gespräch einfach besser beendet. Dies gilt insbesondere dann, wenn man zum Reflex des sogenannten Fremdschämens neigt, denn dieser wird in derartigen Gesprächen überdurchschnittlich stark gereizt:

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Ich muss gestehen, dass ich mir dann allerdings schon denke: Diesen albernen, herablassenden und selbstverliebten Unsinn schreibt jemand, die ich mal für kompetent gehalten habe, in einem öffentlichen Kommentar und das auch noch unter ihrem Klarnamen? Warum muss immer dann, wenn ich gerade denke, dass es um die Argumentations- und Diskussionsfähigkeit gewisser Parteien- und Meinungsvertreter eigentlich doch gar nicht so schlimm bestellt sein kann, wie oft behauptet wird, jemand des Weges kommen und einen Beleg dafür liefern, dass mein Optimismus so völlig fehl am Platze gewesen ist? So etwas kann man sich nicht ausdenken – solche Geschichten schreibt nur das Leben. Umso mehr ein Grund, das Gelernte dankbar mit einem Lächeln zu akzeptieren.

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Kommentare ( 48 )

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