Das geschichtslose Land

Kaum jemand kann oder will heute noch historische Bezüge herstellen. Dabei besitzt Souveränität nur, wer sein Handeln in Relation setzen kann. Faktum ist heute, dass die öffentliche Diskussion zwar immer lauter, aber eben auch immer unsouveräner wird.

© Central Press/Hulton Archive/Getty Images

Eine Geschichtsvergessenheit, wie man sie noch nie kannte, ist heute geradezu zum Markenzeichen des öffentlichen Diskurses geworden. Wer auf Vergleichbares in der Historie hinweist, worum es auch immer gehen mag, setzt sich sogleich dem Vorwurf aus, ein Gestriger oder gar Ewiggestriger zu sein.

Dabei gilt weiterhin sicherlich der Satz, dass derjenige, der die Vergangenheit nicht kenne, verurteilt sei, sie nochmals zu durchleben. Lediglich in einer Hinsicht ist in Deutschland das Lernen aus der Geschichte erlaubt: dann nämlich, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus geht. Da kann man sich vor Vergangenheitsbezügen kaum noch retten – was den Publizisten Henryk M. Broder schon zu der Bemerkung hinriss, dass die Zahl und der Elan der Widerstandskämpfer umso größer werde, je länger „der Führer“ tot sei.

Seien wir nachsichtig, lassen wir die Aktivisten in Ruhe und sehen uns einmal die eher zivilisierten Teile des öffentlichen Lebens an. Beispiel Zuwanderung: Die überwiegend unkontrollierte Einwanderung hat das Land seit September 2015 vor Probleme gestellt, die man so zuvor nicht kannte. Es sei denn, man hätte ein wenig historisches Bewusstsein. Der Geschichtswissenschaftler Ian Morris schreibt in seinem epochemachenden Werk „Krieg – wofür er gut ist“ eine überzeugende Analyse des Ausbruchs tödlicher Konflikte, die aufgrund von Wanderungsdruck in der Geschichte entstanden.

Die sogenannte Völkerwanderung ist den meisten Schulabgängern wohl noch im Gedächtnis – welche Folgen diese jedoch auch für die kleineren
Siedlungsgebiete außerhalb und am Rande des Römischen Reiches hatte, beleuchtet Morris auf eine neue Weise: Kleinere Völkerschaften wurden schlicht gezwungen, auf das Territorium der Nachbarn auszuweichen, weil andernfalls ihre Vernichtung angestanden hätte. Dort aber, je nach Lage der Übermacht, wurden sie entweder assimiliert, oder sie übernahmen das Territorium einfach selbst.

Zivilisatorischer Fortschritt

Die Bildung größerer Staatseinheiten sieht Morris denn folgerichtig als zivilisatorischen Fortschritt: Je größer die Einheit, desto weniger Menschen waren rechtlos und demzufolge vom Tod bedroht. Starb in der Steinzeit und noch bis ins Mittelalter jeweils einer von zehn Menschen eines gewaltsamen Todes, so ist das Verhältnis bei uns heute unter eins zu tausend – ungeachtet verheerender Kriege wie der beiden Weltkriege. Die Folgerung dürfte sein: Unerwünschte Wanderungen verursachen Chaos, provozieren Gegenbewegungen und erzeugen Gewalt.

Es rächt sich, dass historische Denkweisen bei den politisch Handelnden nicht länger verankert sind. So lässt sich die weitgehend als sakrosankt verankerte Behauptung, ein steigender Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre sei direkte Ursache der globalen Erwärmung, bei einem Blick in die Erdgeschichte zumindest anzweifeln; denn es gab häufig höhere Konzentrationen bei gleichzeitig globalen Kaltzeiten. Eine Erwärmung fand meist statt, ehe die Konzentration zunahm – also eher das Gegenteil der Kausalität.

Gleichwohl hören wir immer wieder von „Jahrhundertfluten“ oder nie da gewesenen Wirbelstürmen – obwohl die natürlich alle schon einmal da gewesen sind, häufig sogar schlimmer. Dass die verheerenden Stürme anfangs des 20. Jahrhunderts nicht so viel Schaden anrichteten wie ein moderates Unwetter heute, liegt schlichtweg daran, dass die versicherten Werte angesichts des niedrigeren Wohlstandsniveaus auch niedriger waren. Aber solche einfache Erklärungen könnten, wie es ein Minister auszudrücken p egt, „die Bevölkerung verunsichern“.

Land der Superlativmission

Und so zieht sich die Superlativmission durch die Medien, natürlich auch bei der Schere zwischen Arm und Reich, die sich angeblich immer weiter öffnet. Stimmte das, müssten wir, nach Jahrzehnten solcher Schreckensmeldungen, bis auf die paar Superreichen alle längst verhungert sein.

Der imaginäre Mangel an Gerechtigkeit hielt nicht nur einen Wahlkampf lang, sondern wird weiter unser Thema bleiben, weil natürlich niemand zu Kenntnis nimmt, wie ungerecht es auf deutschem Boden noch vor hundert Jahren zugegangen ist und welche Chancen heute in der Tat jeder hat, der hier aufwächst. So führt die Weigerung, einen Blick zurückzuwerfen, auf vielen Gebieten keineswegs direkt zum Fortschritt, sondern lediglich zu mieser Stimmung und trübem Gemüt.

Souveränität besitzt man nur, wenn man sich und sein Handeln in Relation setzen kann – in unserem Fall wäre das die Zeit, die jüdisch-christliche, römische, deutsche und europäische Geschichte. Was nebenbei zu einer gewissen Demut führt. Welche wiederum den Deutschen gut zu Gesicht stünde, die nach verheerendem Unheil, das sie über Europa gebracht haben, nun nirgendwo als moralisch überhebliche Vorbilder gefragt sind, ganz gewiss nicht.

Verdummen wir, geschichtslos und energiegewendet, besser allein und verkaufen Tribünentickets zum Zusehen an den vernünftigen Rest der Welt.


Reinhard Schlieker ist Redakteur und Moderator im Börsenstudio des ZDF


Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 12/2017 von Tichys Einblick erschienen >>

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Kommentare ( 58 )

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Da braucht unsere ganze Gesellschaft aber dringend Nachhilfe in Geschichtsunterricht! „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben“. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1770 – 1831) Die Geschichte spricht eine andere Sprache, als uns die Politiker weiß machen wollen: Kreuzzüge und Islam Widerlegung des häufig kolportieren Märchens, dass die Kreuzzüge der Christen ein Akt der Aggression gegen „einen überwiegend friedlichen“ Islam gewesen seien. Die Kreuzzüge sind in hohem Maße eine Reaktion auf knapp 470 Jahre Aggressions- und… Mehr

Ein ungemein kluger Text, den sich die wohlstandsverwahrlosten Spaßfritzchen dieses Landes hinter die Löffel schreiben dürfen, bezeichnen sie doch die letzten Geschichtsbewussten als „Modernisierungsverlierer“. Bravo.

„Die Bildung größerer Staatseinheiten sieht Morris denn folgerichtig als zivilisatorischen Fortschritt: Je größer die Einheit, desto weniger Menschen waren rechtlos und demzufolge vom Tod bedroht. Starb in der Steinzeit und noch bis ins Mittelalter jeweils einer von zehn Menschen eines gewaltsamen Todes, so ist das Verhältnis bei uns heute unter eins zu tausend – ungeachtet verheerender Kriege wie der beiden Weltkriege. Die Folgerung dürfte sein: Unerwünschte Wanderungen verursachen Chaos, provozieren Gegenbewegungen und erzeugen Gewalt.“ Was will der Autor uns damit sagen? Größere Staatseinheiten bedeuten zivilisatorischen Fortschritt. Dann läuft ja alles bestens für uns mit Schaffung des EU Superstaates. Ähm, wie… Mehr

„was den Publizisten Henryk M. Broder schon zu der Bemerkung hinriss,
dass die Zahl und der Elan der Widerstandskämpfer umso größer werde,
je länger „der Führer“ tot sei.“
Sorry, dieser Satz stammt von Johannes Groß, Chefredakteur der Deutschen Welle. Hat er schon Ende der 70er gesagt.

Das erinnert mich an die Infantitlität vieler Umweltschützer, mit denen ich persönlich gesprochen habe und die sich nicht einmal vorstellen konnten, welche Probleme durch den Wegfall moderner Technologie entstehen könnten.

„Das geschichtslose Land“? Von wegen! Natürlich haben wir eine Geschichte und was für eine. Daran werden wir täglich! erinnert. ZDF-Info, Phoenix, Tatort, Hafenkante, Großstadtrevier u.ä. Sendungen, die direkt oder indirekt Botschaften vermitteln, die mit unserer Geschichte von 33-45 korrelieren und uns daran erinnern, wie wir uns politisch korrekt zu verhalten haben.
Es ist vor allem ein Anliegen der Grün-Linken und Linksliberalen, wozu ich mittlerweile auch Teile der CDU zähle, dieses „Geschichtsbewußtsein“ immer wieder zu erinnern. Es ist d i e Moralkeule – Argumente überflüssig!

Die Probleme in Großbritannien mit Parallelgesellschaften, kommend aus der Zuwanderung aus den ehemaligen Kolonien. Die erheblichen Probleme Frankreichs, begründet vor allem in der unkontrollierten Masseneinwanderung, auch damals schon Flucht genannt, nach dem Verlust des Algerienkrieges. Die Probleme bei uns mit Araber- und Kurdenclans, z.B. kommend aus dem Libanon während und nach dem Krieg 2005 / 2006. Alles Erfahrungen, die wir schon gemacht haben und von denen wir hätten lernen können. Sie folgen immer dem gleichen Schema: Ein historisch wie auch immer bedingter vorübergehender Kontrollverlust eines europäischen Staates wird blitzschnell von jenen genutzt, die kurzfristig die Gelegenheit zu ergreifen verstehen. Darunter… Mehr

Viele gute und treffende Kommentare

Ein Fehler ist zu korrigieren: 50 % der unter 13-Jaehrigen muss es heißen. Entschuldigung. Aber auch dann ist s nur eine Frage von wenigen Jahrzehnten, wann wir hier ne muslimische Gesellschaft haben werden.

Also ich bin stolz auf das moderne Deutschland Merkels. Denn sie hat die Gesetzmässigkeit der Geschichte begriffen: endlich stehen wir da, wo wir hingehören – an der Spitze, jetzt auch moralisch. Kein anderer Staat hat es bislang geschafft, seine Grenzen, diese atavistischen Drangsalierungsinstrumente aller Flüchtenden, mutig abzuschaffen. Nur wir. Endlich, unter der im Sozialismus gross gewordenen Merkel, leisten wir Abbitte und Wiedergutmachung für unsere schnöde Ausbeutung der Dritten und aller anderen Welten. Deutschland verändert sich – von der Werk- und Ingenieursbank der Welt hin zum Sozialamt der Welt. Was der sozialistische Internationalismus nicht geschafft hat, der multikulturelle schafft es jetzt:… Mehr

Gute satirische Aufarbeitung der letzten 2 Jahre mit dem entsprechenden Ausblick in die Zukunft.

Probleme? Wieso denn Probleme? Wir sind ein reiches Land mit genügend Wohnungen, Arbeitsplätzen und Schulen. Vor zwei Jahren wussten wir überhaupt nicht, wohin mit unserem Überfluss. Endlich haben wir wieder eine historische Aufgabe – und wir werden es „schaffen“. Und wer etwas anderes sagt, ist einfach nur „rich and hysteric“.

Wahrlich, der Überfluss ist überall, nur gibt es halt „Abgehängte“, die ihn wohl nicht sehen. Ich gehöre auch dazu und suche als Selbständige seit September 2015 vergeblich eine Wohnung in dem Ort wo ich leben will und zu dem Preis, den ich bezahlen kann. So schlafe ich weiterhin seit nun mehr 1 1/2 Jahren auf der Couch eines Freundes und belaste nicht die Wohnungslosenstatistik und die Überflussgesellschaft mit unpassenden Fakten.

Niemand wird etwas genommen. Ihr persönliches Unglück hat mit der Politik von Frau Merkel rein gar nichts zu tun. Sie müssen sich einfach mehr anstrengen.

Nichts hat mit gar nichts zu tun. Verantwortung kennt Frau M. nicht, die war in der DDR kollektiv, also SIE.

Falsch. Nicht „rich and hysteric“… Globalisierungsverlierer, Angst- und Wutbürger. Lassen wir mal rechte (wirklich „rechte“) Polemiker und Polarisierer beiseite, die es ebenso gibt wie Postkommunisten auf der Linken: Genderwahn, grotesk übersteigerter Twitter-Shitstorm-Vulgärfeminismus und Weltrettungsphantasien als tägliches Brot: das ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk heute. Und die Massen glauben es. Dass Deutschland ein reiches Land sei, glauben nur noch die, die die Welt nur aus den Massenmedien kennen. In Wahrheit wird Deutschland bereits jetzt nach unten durchgereicht. Seit 2015 sinkt das BIP pro Kopf. Und da ist die Vermögensvernichtung durch abgeschaltete Kraftwerke und anstehende „Dekarbonisierung“ gar nicht eingerechnet… genau wie die angeblichen Vermögensgewine,… Mehr
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