Das Denken in den Zeiten des Terrors

Die Statt den Täter und seine Motive zu durchleuchten und Sicherheitsrisiken der gegenwärtigen Migrationspolitik zu überdenken, also Opferschutz zu betreiben, nimmt sich die linke Seite des politischen Spektrums der Belange des Täters an.

© Thomas Niedermueller/Getty Images

Das Großartige am Siegeszug der sozialen Medien ist die enorme Verkürzung des Weges, den ein Gedanke vom Kopf eines Menschen bis zur Öffentlichkeit des Internets zurücklegen muss. Dies verringert die Chance, dass die betreffenden Menschen sich vor der Veröffentlichung erst einmal zurücklehnen und darüber reflektieren, wie es da in ihnen so denkt. Stattdessen verleitet die praktisch unmittelbare Möglichkeit des Hinausposaunens sie immer und immer wieder zu einer erfrischenden (und entlarvenden) Ehrlichkeit.

So hätte zum Beispiel Renate Künast in einer Denkpause auffallen können, dass ihr Tweet als pietätlose Dreckschleuderei gegenüber den im Einsatz gewesenen Polizeibeamten aufgefasst werden könnte (was er zu Recht auch wurde) und dass Fragen zum genauen Ablauf des Einsatzes besser in aller Ruhe von denen geklärt werden sollten, die die Verantwortung tragen und die Kompetenz dafür haben – also nicht von ihr. Aber Renate Künast wäre eben nicht Renate Künast, wenn ihr erster spontaner Gedanke sie nicht zu der Frage führen würde, ob die miesen Bullenschweine da vielleicht mal wieder zu schnell den Finger am Abzug gehabt haben.

Genauso wäre Jakob Augstein nicht Jakob Augstein, wenn er Künast nicht mit der pseudo-intellektuellen Bemerkung, dass ihre Frage  „nicht nur erlaubt“, sondern sogar „notwendig und vorgesehen“ sei, zur Seite spränge. Mit dieser Bemerkung liegt er noch nicht einmal falsch. Aber Künasts Frage erscheint doch irgendwie nachgeordnet der Frage, ob es für den jungen Afghanen nicht besser gewesen wäre, in Afghanistan zu bleiben, anstatt nach Deutschland eingeladen zu werden, um sich dann hier zu radikalisieren und schlussendlich vom versuchten Mehrfachmord abgehalten werden zu müssen. Ebenso erscheint sie weniger dringlich als die Frage, ob es für die von ihm attackierte und teilweise in Lebensgefahr schwebende Familie nicht besser gewesen wäre, wenn die Deutschen es mit ihrer Willkommenskultur vielleicht nicht ganz so übertrieben hätten. Aber diese beiden Fragen würden unweigerlich den Gedanken aufwerfen, ob das narzisstische Bedürfnis neurotischer Autoren nach einer Vergangenheitsbewältigung mittels unkontrollierter Migration wohl die Folgen rechtfertigt, die dieses Bedürfnis für nicht wenige ihrer Mitmenschen hat. Aber dieser Gedanke ist sicherlich weder erlaubt, noch notwendig oder sogar vorgesehen.

Reflexe statt Gedanken

Letztendlich wäre auch Die Zeit nicht Die Zeit, wenn sie nicht gleich nach der Nacht, in der ein Mann unter „Allahu Akbar“-Rufen auf Zugreisende eingeschlagen und eingestochen hatte, einen Gastbeitrag mit der Überschrift „Kein Grund, so viel Angst zu haben“ online stellen würde. Der Verfasser, ein anerkannter Risikoforscher, beschäftigt sich darin mit der drängenden Frage, warum die Europäer so viel Angst vor Terrorismus hätten, obwohl doch die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, viel geringer sei, als die, Opfer eines Autounfalls zu werden. Objektiv betrachtet wirft diese Thematik spannende neue Forschungsfragen auf: So dürfte auch die Wahrscheinlichkeit, einem Herzinfarkt beim Geschlechtsverkehr zum Opfer zu fallen, gerade im fortgeschrittenen Alter deutlich höher sein als die, von einer Bombe zerfetzt zu werden, aber trotzdem haben die meisten Menschen wohl deutlich weniger Angst vor der ersten Variante des Ablebens. Ein faszinierendes Paradoxon.

Der Beitrag ist schlicht symptomatisch für den Abwehrreflex, den islamistisch motivierte Straftaten in gewissen Redaktionen auslösen und deshalb dort den Sprung vom dringenden Bedürfnis zur Veröffentlichung ohne die Zwischenstufe der Reflexion vollführen können. Fazit des Beitrags ist übrigens, „der Bedrohung mit Augenmaß entgegenzutreten“, denn dann „fällt die Gewalt mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann in sich selbst zusammen“. Ein durchaus mutiger und optimistischer Vorschlag eines Magazins, in dem vor nicht allzu langer Zeit Ole von Beust unter dem Titel „Das Böse bloßstellen“ zum Feldzug – natürlich mit Augenmaß – gegen Thilo Sarrazin aufrief.

Nun dürfen Künast, Augstein und Genossen sicherlich das schreiben, was sie nun anscheinend schreiben müssen. Wie gesagt, sie wären nicht sie selbst, wenn sie anders könnten. Während dabei das Internet auf der einen Seite den Preis hat, dass es jedem die do-it-yourself-Gelegenheit zur Radikalisierung bietet, legt es auf der anderen Seite offen, wie Menschen mit extrem starren, widersprüchlichen Gedankengebäuden darauf reagieren, wenn die Realität deren Statik auf die Probe stellt. Angesichts dessen, wie miserabel sich viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dabei schlagen, wäre es nach der strafrechtlichen Verfolgung von Hasskommentaren vielleicht an der Zeit für eine temporal begrenzte, präventive Sperrung prominenter Twitter– und Facebook-Accounts nach jedem Terroranschlag. Der Bedarf an Hasskommentaren ließe sich so sicherlich spürbar reduzieren.

Unterstützung
oder

Kommentare ( 29 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung