Das Bildnis des Dorian Gray

Der Staat steuert immer mehr des zufließenden billigen Geldes in den Konsum. Ergebnis: Verlotterung der Infrastruktur. Straßen, Schienen, Schulen, Brücken, wo man auch hinsieht: Zukunft wird systematisch für den hedonistischen Konsum vernachlässigt.

© Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Oscar Wilde ist bekannt für Zitate, deren Humor man heute wohl als kultivierte Schnoddrigkeit bezeichnen könnte. Eines davon ist, dass man Versuchungen nachgeben solle, da man nicht wisse, ob sie wiederkehren. Dieser Empfehlung möchte ich jetzt folgen und dem von der Bosheit des polemischen Schreibers getriebenen Impuls nachgeben, einen Vergleich zu ziehen zwischen seinem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ und der Politik unserer „Eliten“, insbesondere der Bundesregierung und der Europäischen Zentralbank.

Es ist bemerkenswert, dass gerade ein dem Hedonismus so zugeneigter Mensch wie Oscar Wilde dieses Sittengemälde des gesellschaftlichen Zerfalls so treffend zeichnen konnte.

Dorian Gray ist ein in vieler Hinsicht philosophisches Werk, in welchem der Protagonist seine Sterblichkeit und seine moralische Verkommenheit auf magische Weise auf sein Portrait überträgt, welches an seiner Stelle altert und für ihn auch den Ausdruck der Bosheit annimmt, die das Ergebnis seiner zahllosen Verfehlungen und anderen Menschen zugefügten Verletzungen sind.

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  Er versteckt das Portrait hinter einem Vorhang und während er seinen hedonistischen Neigungen nachgeht, altert das Gesicht auf dem Bild an seiner Stelle während er die ewige Jugend und Schönheit in der Außenwelt sein Eigen nennen kann. Der Anblick des Bildes führt ihm jedoch immer wieder vor Augen, wie er wirklich aussieht. Sein daraus gespeister Selbsthass führt ihn schließlich dazu, das Bild mit einem Messer zu zerfetzen, den magischen Spruch zu brechen und die Ordnung der Dinge wiederherzustellen. Während er das Bild zerstört, geht der akkumulierte, aufgesparte körperliche und seelische Verfall vom Bild auf ihn über, er altert und stirbt, sein Portraitbild verjüngt sich zugleich.

Was Dorian Gray und unsere politischen und geldpolitischen Eliten vor allem gemeinsam haben, ist, dass beide von geborgter Zeit leben. Beide sparen den Verfall in Form sich aufstauender Ungleichgewichte auf. Die Droge, die diese Pfandleihe ermöglicht, heißt billiges Geld. Die Flutung der Wirtschaft mit Zentralbankgeld, geschaffen im Wege des QE, des „quantitative Easing“, erschafft eine Scheinblüte. Sie bewirkt vor allem zwei Dinge: Dass immer mehr Ressourcen in den Konsum fließen statt in die Investitionen, und dass zugleich immer mehr Investitionen zu Fehlinvestitionen werden, weil das vom manipulativen Nullzins gestörte Preisgefüge die falschen Knappheitssignale an die Unternehmen und Bürger sendet.

Die Fehlinvestitionen werden aber nicht mehr von den Kräften des Marktes und des Wettbewerbs aussortiert, weil der Nullzins sie als gigantische multimilliarden-Subvention am Leben erhält.

Gleichzeitig steuert der Staat immer mehr Mittel des zufließenden billigen Geldes in den Konsum. Das Ergebnis ist eine Verlotterung der Infrastruktur. Straßen, Schienen, Schulen, Brücken, wo man auch hinsieht: Die Zukunft wird systematisch zulasten des hedonistischen Konsums vernachlässigt. Die keynesianische Wirtschaftsidee dahinter erweist sich als ideologischer Überbau und Protagonist des Konsumterrors.

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Auch die Bösartigkeit, die die Gesellschaft befallen hat, erscheint wie ein Echo, man könnte frech sagen: Eine Anleihe bei Dorian Gray. Die Schleifspur moralischen Verfalls ist nirgendwo so groß wie in unserem moralinbesessenen Gemeinwesen. Während wir die heilsame Selbstoptimierung der Teilnehmer an der Marktwirtschaft, in der Wettbewerb und freie Wahl der Vertragspartner für ethische Disziplinierung sorgen, weitestgehend abgeschafft haben, haben wir die Türe des lautstarken Forderungsegoismus durch Partikularinteressen sperrangelweit aufgerissen. Wer am lautesten brüllt, am gewalttätigsten droht, am korruptesten Lobbyarbeit betreibt, der wird vom Zuteilungsstaat bevorzugt behandelt. Er muss dafür weder hart arbeiten, noch unternehmerisch Wert schaffen. Beides würde ihn ohnehin in den Augen der Eliten verdächtig machen.

Weil aber das Gift schuldenfinanzierter Nachfrage, dem goldenen Kalb unserer Tage, die Kapazitäten auslastet, sehen die Zahlen – noch – hübsch aus. 2% Wachstum. 2% Beschäftigtenwachstum. Sehet und staunet, was unsere Druckerpresse bewirkt hat, ihr Kleingläubigen!

Dass es kein Produktivitätswachstum gegeben haben kann, wenn ich 2% mehr Beschäftigte brauche, um 2% mehr Güter und Dienstleistungen zu produzieren, fällt nur dem auf, der genauer hinschaut, der den Vorhang vor dem Porträt des alternden, verlebten, egoistischen und auf Kosten der anderen und der Zukunft im Dienste der Lust verbrauchten Dorian Gray lüftet.

Dass der immer weiter wachsende Schuldenberg Europas eine Megatonnen-Sprengladung ist, die sich bei einem Entzug der Droge Nullzins sofort entladen würde, hat sich schon herumgesprochen.

Dass unzählige Schulen nur noch einladend wirken, wenn man als Kind eine Sozialisierung der Straße erfährt und ihre schimmelbefallenen Hallen und stinkenden, heruntergekommenen Sanitärbereiche nur als Basislager halbkrimineller Gangstrukturen noch halbwegs wohlwollende Verwendung finden, wird einem nur klar, wenn man sie als Kind besuchen muss. Und Kinder, das weiß jeder, haben in diesem Land keine Wählerstimme und auch sonst keine Stimme.

Dass sich immer mehr Brücken nach Jahren der Vernachlässigung in einem Zustand befinden, der eine Gefahr für die sie benutzenden Autofahrer darstellt, wird den Leuten wahrscheinlich erst bewußt, wenn es die erste richtige Großkatastrophe gegeben haben wird. Die hedonistische Linke wendet sich gelangweilt ab: Wären sie halt Bahn gefahren … Als ob dieser Teil unserer Infrastruktur in wesentlich besserem Zustand wäre.

Dass unsere Landesverteidigung praktisch nicht mehr existent ist und die Verteidigungsministerin in ihrer Arroganz der Macht ihre vornehmste Aufgabe darin sieht, die verzweifelt um Standfestigkeit kämpfende Truppe mit Genderworkshops und Haltungsvorwürfen zu demütigen, wird ebenfalls erst deutlich werden, wenn jemand den Vorhang vor Dorians Bildnis lüftet und unserem Land ein militärisches Ultimatum in irgendeiner Frage konträrer Interessen stellt.

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Die ganze Verkommenheit der aktuellen Politik tritt aber erst zutage, wenn man sich vor Augen hält, wie sie Bedingungen schafft, die Menschen aufeinanderhetzen, indem sie sie zu Konkurrenten einer durch falsche Politik immer knapper werdenden Umverteilungsmasse macht. Die unteren 15% der Gesellschaft wissen es längst, aber in den ökologischen Nischen der alt-68er, grün-rot-schwarzen Gartenzaunidylle ist es noch nicht richtig angekommen, sieht man mal davon ab, dass die eigenen 0,9 Kinder regelmäßig Läuse und Krätze aus der Schule mitbringen. Dieser Verteilungskampf spielt sich ab zwischen denen, die schon länger hier sind, und dem eingeladenen neuen Proletariat, den Gästen unserer Elite. Er geht um Sozialleistungen, Arzttermine, Wohnungen, Parkanlagen in den Städten und öffentliche Verkehrsmittel, die alle immer weniger benutzbar werden, für Frauen sowieso. Die das alles erarbeitet haben, sitzen nicht mehr mit am Tisch. Sie sind nur noch Zaungäste.

So hat die Hybris eines „wir schaffen das“ (gemeint war immer: „Wenn IHR das nicht schafft, seid ihr alle Nazis“) den Nährboden für eine neue Fremdenfeindlichkeit, einen neuen Rassismus und eine neue, tiefe Spaltung der Gesellschaft erzeugt. Sie hat sich so die Feindbilder selbst gebastelt und befeuert, die sie zur Rechtfertigung ihrer eigenen Intoleranz, der Einschränkungen der Freiheit, der Zensur und der gewalttätigen Antifa braucht, damit die Firnis nicht hier und heute von Dorian Grays Porträtbild springt und ihr Elitenversagen offenbar macht.

Aber wie Oscar Wilde in seiner Parabel vorausgesehen hat kann jedes Individuum und jede Gesellschaft innere Wiedersprüche nur bis zu einem gewissen Grade aushalten. Die Verlogenheit braucht ein Gefäß und wenn es überläuft, kommt es zur Katharsis.

Die Krise befällt die Gesellschaft, der Schleier vor dem hässlichen Bild der wahren Realität zerreißt, die Republik stürzt sich auf das eigene Bild des Abstiegs, den sie nicht mehr aushält. Dann stirbt Dorian Gray als Repräsentant einer alten, verkommenen Un-Ordnung, aber sein Bild ist wieder jung und strahlend. Man kann es wieder ins Wohnzimmer hängen. So wird es auch hier sein. Eine neue Ordnung der Freiheit, der wir uns nicht mehr zu schämen brauchen, eine Verfassung der Gesellschaft, auf die wir wieder stolz sein können, eine Revolution des Bürgers, der sich nicht mehr gängeln lassen wird, steht ins Haus.

Die Stunde der Wahrheit kommt. Deshalb müssen wir die Freiheit jetzt vordenken.


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Kommentare ( 28 )

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Herr Krall, Ihr Text mit dem klaren Blick auf die Gegebenheiten in diesem Land, ist eine geistige Wohltat.

Einzig der Satzteil „…den Nährboden für eine neue Fremdenfeindlichkeit, einen neuen Rassismus…“ scheint mir zu verkürzt. Es ist nicht fremdenfeindlich, wenn ein Volk sich seine Einwanderer aussuchen möchte, bei der Einwanderung auf Einhaltung von Recht und Gesetz pocht. Es ist nicht rassistisch zu erkennen, dass junge Männer oder Frauen einer bestimmten Sozialisation, besser bei ihren eigenen Leuten aufgehoben sind.

Wo fängt Fremdenfeindlichkeit an? Es gab einen Zeitpunkt, bis zu dem ich sehr tolerant war. Ich bin jedem wohlwollend begegnet, Hautfarbe und Herkunft spielten für mich keine Rolle. In dieser Zeit hätten sie mit mir diskutieren können, ob der Islam vielleicht doch zu Deutschland gehört. Nach Öffnung der Scheunentore hatte ich das Bedürfnis, mich eindeutig positionieren zu wollen. Ich fing an, mich mit dem Thema Islam und Muslime zu beschäftigen. Ich habe mich mit der Meinungsbildung schwer getan. Irgendwann stand dann aber fest, dass der Islam sehr sicher nicht zu Deutschland gehört und die Befürchtung der „Islamisierung“ reell ist. In… Mehr

Gut beschrieben. Mir erging es ähnlich.

Mit Toleranz werden wir nicht weiter kommen. Aus wiki: Der Philosoph Karl Popper beschrieb das Paradoxon zuerst 1945 in seinem Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde Band 1.[1] „Weniger bekannt ist das Paradoxon der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“ „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ Man kann sich… Mehr

Ein brillanter Text, der bei allem Trübsinn des alltäglichen Erlebens und der Wahnsinnsmeldungen, selbst wenn sie in den Leitmedien im Gewand bejubelter Nachrichten daherkommen, die Hoffnung schürt, dass dieser fehlgeleitete Staatsapparat, diese zur Verrücktheit verleitete Gesellschaft eine Episode sind, deren Ende bevorsteht, um abgelöst zu werden von einer freiheitlichen Ordnung, von der heutige Mitläufer und zukünftige Wendehälse behaupten werden, sie doch schon immer angestrebt zu haben. Vielen Dank Herr Krall.

Karl Marx hat mal gesagt: „Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte“.

Ein langer Artikel, dem ich inhaltlich voll zustimme. Ein Wort kondensiert den Inhalt treffend: Die „Verkommenheit“ der sog. politischen Eliten.