Brexit: Heult doch!

Wieder hat eine Mehrheit nicht richtig gewählt, und das macht die Verlierer so zornig. Irgendwas läuft nicht richtig mit dieser Demokratie. Andreas Backhaus liest der verwöhnten Generation die Leviten.

© Mary Turner/Getty Images

„Trottel“, „Schwuchteln“, „Arschdicker“  (sorry, muss jetzt sein) – so lauten nur einige der Bezeichnungen für die Mehrheit der am Referendum beteiligten Bürger des Vereinigten Königreichs, die ich im Rahmen einer privaten Facebook-Nachlese des Brexits ausmachen konnte.

Die politisch Korrekten werden unkorrekt

Sie stammten übrigens überwiegend von denjenigen, die sich sonst als brave Lakaien der politischen Korrektheit gerieren. Das muss dieses tiefe europäische Freundschafts- und Gemeinschaftsempfinden sein, das Juncker und Konsorten immer beschwören und das als einigender Gedanke weit über die bloßen Institutionen der EU hinausreiche. Da werden es die Briten jetzt aber so richtig bedauern, dass sie auf diese großartigen Freundschaften verzichten werden müssen. „Ich bin so wütend; ich will, dass UK in den nächsten Jahren so richtig abgefuckt wird“ – so sprechen Akademiker. Mich erinnern sie eher an Männer von geringem Selbstwertgefühl, die der Ex-Freundin, nachdem sie sie abserviert hat, ein „Das wird dir noch leidtun!!!“ per WhatsApp schicken und Nacktbilder von ihr ins Internet stellen.

Der britische Komödiant, Religions- und Linkenkritiker Pat Condell kommentiert diese Art von Reaktionen dieser Tage bevorzugt mit Hashtags wie #BooHooPoorMe, #IWantMyMummy und #FuckThePlebs, mit denen er insbesondere auf eine seiner Meinung nach junge Generation überprivilegierter, großstädtischer Waschlappen abzielt. Damit zielt er gewiss nicht daneben, denn jedes Mal, wenn eine Wahl wieder nicht so ausgeht, wie es diese Generation gerne hätte, spult sie dieselbe Prozedur ab: Jemand überlegt sich schnell etwas, das das Ergebnis und die verantwortlichen Wähler in einem moralisch zweifelhaften Licht erscheinen lässt. Dies dient einerseits dazu, die Legitimität der demokratischen Entscheidung zu untergraben und andererseits das Selbstbild als intellektuell überlegene Gesellschaftsschicht, die durch die Schlechtigkeit ihrer Mitmenschen in eine Opferrolle gedrängt wird, zu reproduzieren. Dieser Gedankengang wird dann entsprechend intensiv über Twitter, Facebook und dergleichen verbreitet.

Die gestohlene Zukunft

Momenten ist es die kursierende Aufschlüsselung des Abstimmungsergebnisses nach Alterskohorten, die allerlei Aufstampfen mit hochrotem Kopf rechtfertigt. Denn ihr zufolge hätten „die Alten“ durch ihre Stimmen den Brexit herbeigeführt, während „die Jungen“ dagegen eben sehr viel weltoffener, klüger und weitsichtiger gewesen seien, weshalb sie den Brexit überwiegend abgelehnt hätten. „Gemein“ sei dieses Wahlverhalten vor allem deswegen, weil die jüngere Generation nun viel länger mit den Folgen der Entscheidung zu leben hätte, als die ältere. Erstere sei sogar um ihre Zukunft geprellt worden, um die pathetische Übersteigerung zu vollenden.

Wieder einmal ist es aber genau diese Reaktion und diese Argumentation, die weniger über die Abstimmung selbst, als über den infantilen, egozentrischen Charakter der jungen „Millennials“-Generation aussagen. Brendan O’Neill, Herausgeber des britischen Online-Magazins spiked, fasst es folgendermaßen zusammen:

„Old people have stolen my future“, young people say, as if the future were an already existing thing, a pre-determined, pre-wrapped gift they are entitled to, rather than something they make for themselves through their actions and their choices, exactly as those old people they hate had to do.

In der Tat taucht in den Überlegungen der sonst so fairnessversessenen Jungen nirgendwo auch nur ansatzweise die Idee auf, dass die Alten vielleicht die Chance verdient hätten, die EU-Politik, deren Zeugen sie über Jahrzehnte hinweg geworden sind, zu bewerten. Schon gar nicht hätten sie diese Chance womöglich deswegen verdient, weil sie durch ihre Steuern über den gleichen langen Zeitraum die EU-Politik finanziert haben. Genau diejenigen, die sich am längsten die leeren Versprechungen einer demokratischeren, „besseren“ EU anhören durften, sollen am besten gar nicht dazu befragt werden, ob diese Versprechungen auch nur im Ansatz erfüllt wurden und welche Konsequenzen dies haben sollte.

Die Ausbeutung durch die Privilegierten

Allerdings greift es zu kurz, gesellschaftliche Brüche wie den um die Brexit-Entscheidung nur auf einen Konflikt zwischen Jung und Alt zu reduzieren. Schließlich hat niemand anderes als Ursula von der Leyen genau diese Figur der gestohlenen Zukunft bei Anne Will ins Feld geführt. Es ist zwar nicht so, als ob man bessere Argumente von ihr gewohnt wäre, aber als taufrisch kann man die Frau Ministerin bei allem gebührenden Respekt wirklich nicht bezeichnen. Trotzdem sind sie und ihre Altersgenossen in Politik und Medien genauso an ihre Privilegien gewöhnt wie die deutlich später geborenen „Millennials“. Beide eint des Weiteren, dass sie diese Privilegien in immer stärkerer Form durch Willensbekundungen demokratischer Mehrheiten bedroht sehen. Die Bedrohung schließlich rührt daher, dass sowohl Ursula von der Leyen, Martin Schulz, als auch die kosmopolitischen Endzwanziger, denen die Zukunft gestohlen wurde, die aber trotz dieser Gefahr nicht zur Abstimmung gegangen sind, eigentlich ziemlich wenig vorweisen können, um diese Privilegien zu rechtfertigen. Abstimmungen wie der Brexit lassen sie nackt im Angesicht der an sie gerichteten Fragen „Warum? Zu welchem Zweck? Mit welchem Recht?“ dastehen.

Es gibt einen Prototyp dieses Menschenschlags. Ich treffe ihn gelegentlich in Münchner Supermärkten in Form vierjähriger Kinder, die gegenüber ihren gutgekleideten, gutgebildeten, gutverdienenden und darüber hinaus völlig unfähigen Eltern bestimmen, was es zum Mittagessen gibt. Beim leisesten Anzeichen eines Aufmuckens der elterlichen Autorität wird mit Geschrei und gegebenenfalls dem Herumwerfen von Lebensmitteln klargestellt, dass es nichts klarzustellen gibt: „Wenn ich nein sage, dann heißt es nein!“ – so kreischte es eine piepsige Stimme neben mir. Irgendwann erleben sie dann unweigerlich, aber viel zu spät und völlig unvorbereitet den Moment, wenn jemand nicht seine Nerven, seine Zeit und sein Geld darauf verwenden will, um ihnen ihre überkandidelten Wünsche zu erfüllen.

Nur zu gerne würden sie in einigen Jahren das derzeitige europäische Spitzenpersonal zu beerben. Was ein Jean-Claude Juncker für sie zum Vorbild macht, ist sein Talent, über Jahre hinweg seine fixen Ideen zu Europa ohne Rücksicht auf deren Sinnhaftigkeit oder Kosten in reale Konsequenzen für die Menschen umsetzen zu können. Selbst wenn es dann als Folge davon an allen Ecken der EU brennt, muss er nicht befürchten, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Ein sattes Gehalt, ein wichtig klingendes Amt und medial beachtete Auftritte in modischen Anzügen bei gleichzeitig fehlender Notwendigkeit fachlicher und menschlicher Kompetenz – das ist es, was die Generation privilegierter Blender anstrebt. Sollte das britische Beispiel in Europa Schule machen, steht ihnen noch eine harte Entwöhnung bevor. Besser wäre es, wenn sie ihre Tränen aufsparten. And grow a fucking pair!

Unterstützung
oder

Kommentare ( 66 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung