Böse Moslems, gute Muslime

Die türkische Frau ist auch in der dritten, vierten und sogar fünften Generation vielfach meilenweit von der Freiheit und Gleichberechtigung der Einheimischen entfernt. Gerade unter jungen Frauen treten die Unterschiede daher noch viel stärker zutage als zwischen Männern.

© Spencer Platt/Getty Images

Ich musste schon herzhaft lachen, als Simone Peters mit einem Mal in Bezug auf die Geschehnisse von Köln bei Maischberger eine Differenzierung zwischen Flüchtlingen und Asylbewerbern ohne Bleiberecht forderte. Monatelang war insbesondere für das linksgrüne politische Spektrum alles Flüchtling, was irgendwie seinen Weg nach Deutschland fand und kaum geht es, wie in der gestrigen Maischberger-Folge, um die Frage, was die Übergriffe von Köln und generell die gehäuft auftretenden sexuellen Übergriffe der letzten Zeit auf Frauen mit dem Islam zu tun haben, möchte man auf einmal deutlich machen, dass Flüchtling eben doch nicht gleich Flüchtling ist. Eine Unterscheidung, für die man gerade vom linken Lager in den letzten Monaten nur allzu oft wüst als Rechtspopulist beschimpft wurde.

Das Totschlag-Argument „Da müssen wir jetzt aber mal differenzieren.“ – sonst eigentlich politisch korrekt nur in Verwendung, wenn es darum geht, die Islamkritik als unsachlich zu brandmarken, indem man möglichst genau zwischen allen möglichen Formen und Farben des Islam unterscheiden möchte, wird nun plötzlich doch zu einer Frage der Differenzierung von unterschiedlichen Herkunftsorten der Muslime. Plötzlich spielt Links das Spiel „guter Moslem“, „böser Moslem“ gemessen an der Herkunft, um bloß nicht dem „rechten Hetzer“ in die Karten zu spielen. Sollte es tatsächlich der Fall sein, dass sich das linksgrüne Lager damit am Ende doch als viel rassistischer erweist als alle rechtspopulistischen Islamkritiker zusammen?

Dabei unterscheidet man nicht nur zwischen dem notwendigerweise pauschal als Vorzeige-Flüchtling präsentierten Syrer (der ja zumeist auf jeden Fall bleiben darf und deshalb gut verkauft werden muss) und dem bösen Asylbewerber aus dem Maghreb (der ja angeblich ohnehin wieder gehen muss). Vor allem ist man mit einem Mal auch stark um die Differenzierung zwischen türkischem und arabischem Islam bemüht. Ebenso wie bei den ewigen Unterscheidungen zwischen Islam und Islamismus, Islam und Salafismus, Islam und Wahabismus etc., will man auch hier, wenn es sein muss eben auf Herkunftsebene, noch einmal die Diversität des Islams betonen, um der Islamkritik Boden zu entziehen, indem man ihr unterstellt, stets zu pauschalisierend daher zu kommen. Wer Dinge ins Unendliche verkompliziert, in zig Nebenschauplätze aufspaltet und sie damit einzig zur Sache von „Experten“ erklärt, der unternimmt damit bewusst den Versuch, sie dem gesellschaftlichen Raum, dem gesellschaftlichen Diskurs zu entziehen. Frei nach dem Motto: „Das ist alles so kompliziert, da könnt ihr eh nicht mitreden.“ Ein Taschenspieler-Trick der politischen Kaste, der insbesondere in Bezug auf die Islam-Debatte allmählich nicht mehr greift.

Arabischer und türkischer Islam

Nun also die immer stärkere Betonung des Unterschieds zwischen arabischem und türkischem Islam. Und ja, zweifelsohne kann und sollte man diese Unterscheidung vornehmen. Aber nicht, um in „gute“ und „böse“ Moslems, „guten“ und „bösen“ Islam aufzuteilen, sondern allenfalls um der Feststellung willen, dass es in Sachen Islam immer noch ein wenig schlimmer geht. Jüngst gab Bundesinnenminister Thomas de Maizière in diesem Zusammenhang in einem Interview mit der ZEIT ungewohnt ehrlich zu Protokoll, dass die Integration von Millionen arabischen Muslimen in diesem Land, nach allem, was ihm sein französischer Amtskollege mitgeteilt hat, eine ganz andere Herausforderung sei als jene der Türken. Angesichts einer auch hier wenn überhaupt nur bedingt erfolgreichen Integration eine schöne Zukunftsvision.

Denn ja, an dieser Stelle lohnt es, sich einmal ehrlich zu machen und zu fragen, wie gut die „guten“ Moslems mit türkischem Migrationshintergrund denn wirklich integriert sind. Eine Frage, die so in der Diskussion bis jetzt schlicht überhaupt nicht gestellt wurde, weil es in jeder Talkshow-Runde stets als undiskutabler Gemeinplatz angesehen wird, dass die Mehrheit der Türken doch wunderbar integriert sei, auch wenn prominente Kritiker wie Thilo Sarrazin, Necla Kelek und andere dies schon seit Jahren verneinen. Stattdessen ist da immer wieder die Rede von den netten türkischen Bekannten oder Freunden, die man gerne anführt, wenn es darum geht, sich weltoffen und tolerant zu zeigen, auch wenn man hier und da ein wenig Kritik übt. Aber wie viel steckt wirklich hinter solchen Aussagen und inwiefern sind sie, so wie es suggeriert wird, auf die Mehrheit der hier lebenden Türken zu übertragen? Sind sie wirklich mehrheitlich ein Beweis dafür, dass der Islam schlicht zu vielschichtig ist, als dass man pauschal von höheren Integrationshemmnissen durch eben diese Religion sprechen kann?

Immer wenn unsere hiesigen Politiker und andere ihre Multi-Kulti-Phantasien in den Talkshows zum Besten geben, frage ich mich unweigerlich, wie viele von ihnen tatsächlich in direktem Kontakt mit all jenen stehen, deren Kultur und Religion sie in keiner Weise oder allenfalls als kleines Problem für die Integration ansehen. Sitzt Simone Peters abends mit ihren türkischen Freundinnen bei einem Glas Wein am Tisch? Ist Katrin Göring-Eckardt am Wochenende zur Wandertour mit der befreundeten türkischen Familie verabredet?

Das mag zunächst überspitzt formuliert wirken, aber was bedeutet Integration eigentlich? Wann kann man sagen, dass Multi-Kulti erfolgreich ist? Definieren wir Integration als ein weitgehend friedfertiges Nebeneinander-Hergelebe, dann lässt sich eindeutig feststellen, dass wir vom türkischen Islam bis jetzt vergleichsweise wenig mitbekommen haben. Geschehnisse wie Köln sind eindeutig ein Phänomen des arabischen Islams und Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund hierzulande in der Regel genauso fremd, wie uns mehr oder weniger autochthonen Deutschen. Es geht hier auch nicht um die Frage, ob man jetzt „Angst“ vor jedem Moslem haben müsse. Das wäre in der Tat plump und pauschalisierend. Vielmehr geht darum, zu erörtern, bis zu welchem Grad der Islam wirklich in die westliche Mehrheitsgesellschaft integrierbar ist – und das eben auch und gerade bezogen auf die alltäglichen Feinheiten des Miteinanders und nicht nur die groben Konfliktlinien wie etwa Terror und gewalttätige Übergriffe gegen Frauen.

Die Feinheiten des Miteinanders

Im Multi-Kulti-Paradies Berlin mag die Antwort auf die Frage, wie viel man wirklich miteinander zu tun hat, noch positiver ausfallen. Aber auch hier gibt es bereits Abnutzungserscheinungen, wenn es um die große Illusion der bunten Vielfalt geht. Auch hier begegnen sich Latte-Macchiato-Mütter und Muslimas immer häufiger nur sehr oberflächlich. Auch hier tritt der Gegensatz der Lebenswelten bei aller Toleranz immer stärker zu Tage. Schaut man nun noch auf die weniger urbanen Regionen, bietet sich ein noch stärkeres Bild der Segregation.

Ein befreundeter Journalist, der mich auf der Durchreise jüngst in meiner Heimatstadt besuchte, wies mich erstmals auf den hohen Ausländer-Anteil der Kleinstadt hin. Bis dato war mir das, nicht zuletzt aus dem Grund, dass ich kaum noch hier bin, nicht aufgefallen, auch wenn wir schon in der Schulzeit in unserem damaligen Freundeskreis viele mit türkischer oder kurdischer Abstammung hatten. Allesamt Jungs. Schon damals wurde stark zwischen uns, den „deutschen Kartoffeln“ und sich selbst unterschieden, was wir mit 14-15 jedoch nicht sonderlich aufmerksam wahrnahmen.

Mein Vater findet mich oft zu kritisch. Immer wieder zählt er mir in Diskussionen die Beispiele von Türken auf, die er als seine Freunde sieht und für gut integriert hält. Mit keinem von ihnen hat er sich je wirklich privat getroffen. Mit keinem von ihnen und ihren Frauen saßen meine Eltern abends zusammen bei einem Bier oder Glas Wein. Wie auch, wenn die Frau mit Kopftuch des gutintegrierten ehemaligen Arbeitskollegen sich seit vierzig Jahren nur in der eigenen türkischen Community bewegt und kein Wort Deutsch spricht. Und so wie meinem Vater geht es vielen Leuten, wenn sie sich ernsthaft einmal fragen, was sie denn wirklich mit den türkischen Muslimen hier im Land zu tun haben.

Nebeneinander aneinander vorbei

Die Beispiele zeigen daher sehr gut, worauf ich hinaus will. Sie stehen stellvertretend für viele weitere Beispiele von Zahlreichen, die mit mir über das Thema gesprochen haben. Es ist eben doch ganz oft egal, ob es sich um die zweite oder dritte, vierte Generation handelt. Wenn man Integration einzig als die Akzeptanz der gegenseitigen Parallelwelten definiert, dann ist der türkische Islam sehr wohl zu integrieren. Begreift man Integration bis zu einem gewissen Grad als Begegnung, als Integration der einen in die andere Lebenswelt oder sogar in Teilen als Vermischung der Lebenswelten, dann kann auch in Bezug auf den uns als so „gut“ integrierten präsentierten türkischen Islam in Abgrenzung zum „bösen“ arabischen Islam oft nicht die Rede sein. Integriert ist man auch hier zumeist nur in die eigene türkische Community, in die Ditib-Vereine, die zu Hauf geschaffenen Parallelstrukturen. Die türkische Frau ist auch in der dritten, vierten und sogar fünften Generation vielfach meilenweit von der Freiheit und Gleichberechtigung der einheimischen deutschen Frau entfernt. Gerade unter jungen Frauen treten die Unterschiede daher noch viel stärker zutage als zwischen Männern.

Das kann man, das muss man bis zu einem gewissen Grad akzeptieren, solange man die eigene Freiheit negativ als Abwesenheit von äußeren Zwängen und die liberale Gesellschaftsform als hauptsächlich von Individuen bestimmt definiert, in deren Privatleben man sich nicht einmischt, so lange sich zumindest nach außen an einen allgemeinverbindlichen, rechtlichen Rahmen hält. Man kann schlicht nicht die ganze Welt retten und ihr die eigene Kultur aufoktroyieren. Aber man sollte sich klarmachen, dass es auch bei diesem vermeintlich moderaten Islam die Gebote der Religion sind, die dafür sorgen, dass die Lebenswelten vielfach auch nach Generationen immer noch so weit auseinanderklaffen.

Nach den Parallelgesellschaften die Minoritätengesellschaft

Der Hinweis darauf, dass der arabische Islam in Sachen Integration eine größere Herausforderung darstellt als der türkische, bedeutet nicht, dass es eben einfach nur ein wenig anstrengender wird. Es bedeutet, dass die Parallelgesellschaften, die interkulturellen Probleme zunehmen werden, dass sich unsere Gesellschaft verändern wird – und das vielfach in eine Richtung, die man als Anhänger der westlichen Werte sicherlich nicht gutheißt. Und dass vielleicht am Ende auch noch der türkische Islam, der ohnehin durch die Steuerung aus Ankara wieder zunehmend reaktionärer daherkommt, davon angesteckt wird.

Interessant wird das ab dem Zeitpunkt, an dem die Zahl der Muslime in einem Land so groß wird, dass man die Parallelgesellschaften, die, wenn man nicht nur das Grobe, sondern auch die Feinheiten betrachtet, weit über die berüchtigten No-Go-Areas hinausreichen, nicht mehr ignorieren kann. Wenn weltanschauliche und religiöse Ansichten durch den gewachsenen Anspruch der gesellschaftlichen Mitsprache stärker zu Tage treten als beim nachmittaglichen Smalltalk mit dem Gemüsehändler. Erst dann wird man wohl auch im linken Spektrum realisieren, dass all das sehr wohl mit dem Islam als Ganzes zu tun hat und nicht nur mit bestimmten Strömungen. Dass eine klare Positionierung zu den westlichen Werten und gegen die antidemokratische, antiliberale Ausrichtung des Islams unumgänglich ist.

Wenn die Parallelgesellschaften so viele Mitglieder oder eines Tages mehr Mitglieder haben als die Mehrheitsgesellschaft, tritt an die Stelle der Mehrheitsgesellschaft die Minoritätengesellschaft.

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