Auf verlorenem Posten – Warum den Deutschen ein hauseigener Konservatismus fehlt

Seit Bismarcks Reichsgründung haben die Deutschen keinen eigenen Konservatismus entwickelt, der parteipolitisch aufrecht vertreten würde. Seine Frontmänner bleiben weiterhin politisch heimatlos oder werden zu Nationalrevolutionären.

By CDU, Fotograf: Paul Bouserath [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Selten wurde hierzulande so viel über Konservatismus geredet. In der ZEIT statuiert der „heimatlose Konservative“ Ulrich Greiner ein „Recht rechts zu sein“, in der Redaktionsstube der Wirtschaftswoche fragt man sich angesichts des Aufstiegs der AfD fast schon ängstlich, ob ein gesamtgesellschaftliches „Zurück zum Konservatismus“ bevorstehe und quasi als christdemokratische Parallelaktion erhoffen sich einige Unionsabgeordnete, dass sich ihre Heimatpartei wieder auf ihre „konservativen Stammwähler“ besinnt. Woher der Sinneswandel?

Konservativsein, das galt hierzulande immerhin lange bestenfalls als Dummheit, schlechtestenfalls als Vorstufe zum Faschismus. Auch die CDU, die man in manchen Leitartikeln noch als „konservativ“ bezeichnete, trug dieses ungeliebte politische Attribut selten vor sich her. Lieber sprach man von „Volkspartei“ oder „Partei der Mitte“, manchmal auch von der eigenen „Bürgerlichkeit“. Selbst Konrad Adenauer hat den Begriff stets zurückgewiesen. Konservativsein, das galt – nun ja – etwas aus der Zeit gefallen, nicht selten als anrüchig.

Schon Adenauer wollte nicht als konservativ gelten

Nun könnte man sagen: Gut so! Reaktionäres, Ewiggestriges und Träges brauche man im „weltoffenen Deutschland“ des 21. Jahrhunderts nicht. Doch damit liegt man weit daneben. Der Konservatismus ist eine – wenn nicht sogar die zentrale – der drei Strömungen des politischen Denkens der Moderne. Neben Sozialismus und Liberalismus hat er seinen festen Platz in so gut wie allen demokratischen Systemen der Gegenwart. In ihm steckt der „catonische Sinn für die Bewahrung der Sitten“ (Sloterdijk). Die Idee, das Bewährte gegen das Neue zu verteidigen. Ein Konservativer entwirft keine Visionen und konstruiert Utopien, die es umzusetzen gilt, wie es auf der linken Seite des politischen Spektrums üblich ist (oder war?). Er ist vielmehr erstaunt darüber, dass das bisher Erreichte besteht und funktioniert. Soziale, politische, technische oder kulturelle Innovationen werden entweder abgewiesen oder mit gesunder Skepsis in das Bestehende integriert. Er steht, pointiert gesagt, für den Dreiklang aus Identität, Sicherheit und Kontinuität. Als Selbstbeschreibung taugt – aus römischen Zeiten entliehen – der Titel conservator rei publicae, Erhalter des Staates, wohl am besten.

In Deutschland hatte der organisierte Konservatismus schon immer einen schweren Stand. Gab es nach 1871 noch einige Gemeinsamkeiten zwischen seinen parteipolitischen Vertretern, wie die Loyalität gegenüber der Monarchie, die die zahlreichen weltanschaulichen Unterschiede über Verfassung, Sozialstaat, Föderalismus, Kolonialismus und Wirtschaftsordnung zu überbrücken vermochte, so war dies spätestens mit der Novemberrevolte 1918 dahin. Bestimmte nationalliberale Milieus standen – wenn auch skeptisch – zur Weimarer Republik, andere deutschnationale sehnten sich zurück in Kaisers Tage und wiederum andere schlossen sich komplizenhaft der NS-Bewegung an. Nach dem zweiten Weltkrieg hörte der Konservatismus in dieser Form auf zu existieren. Er fand sich allenfalls im Bündnis mit dem Sozialkatholizismus und Wirtschaftsliberalismus in den Unionsparteien wieder, weil man sich mit Westbindung und Wiedervereinigung auf einigermaßen gleiche Ziele besinnen konnte. Und so fehlt in Deutschland bis heute eine spezifische Vorstellung und Umsetzung davon, was Konservatismus bedeutet.

Hierzulande bezeichnet sich zwar nur eine Minderheit offen als „konservativ“, doch ideell gesehen sind die Deutschen ein konservatives Volk. Man kann wohl davon ausgehen, dass mindestens die Hälfte zu einem bewahrenden, statt zu einem progressiven Weltbild neigt – freilich mit unterschiedlichen Intensitäten. Man müsste also meinen, es gäbe hierzulande eine starke konservative Partei, die diese Befindlichkeiten vereinigt. Doch dem ist nicht so.

Merkel: statt Kontinuität Springprozessionen

In der CDU finden sich Konservative immer seltener wieder. Wegen eines weit entfernten, durch einen Tsunami ausgelösten Reaktorunfalls (ein Schicksal, dass in Deutschland eher unwahrscheinlich ist) überstürzt die Energiewende auszurufen, erfüllt beispielsweise eben nur sehr bedingt die Forderung nach Kontinuität. Auch liegt es nicht in der Natur der Sache, dass ein Konservativer milliardenschwere Rettungspakete nach Griechenland schickt, um „Europa zu retten“. Wenn ein Konservativer Europa rettet, dann, weil es im Interesse der Bundesrepublik Deutschland liegt, dass der Kontinent nicht auseinanderdriftet. „Für Europa“ zu sein nur um Europa willen, ist trotz der Tatsache, dass dies seit Anbeginn zu den Genen der CDU gehört, nicht gerade ein konservatives Leitmotiv. Pro-Europäisch zu sein, das würde in konservativer Tradition bedeuten, Kompetenzen nach Brüssel zu verlagern, wenn es dem Nationalen dient. Nicht aus dem Prinzip heraus und schon gar nicht um die Vision eines europäischen Zentralstaates zu verwirklichen.  Ein Konservativer würde auch, wenn angesichts eines millionenfachen Zustroms an Flüchtlingen und Migranten die Ordnung des Staates zur Disposition steht, auch nicht lautstark „Wir schaffen das“ ausrufen und zum Willen einer europäischen Lösung die eigene Staatsgrenze und damit die kulturelle Identität aufs Spiel setzen, sondern mit gesunder Skepsis begrenzen, ordnen und – wenn nicht anders möglich – auch abwehren.

Die CDU war und ist zweifelsfrei im Besitz einiger konservativer Kernelemente. Finanzpolitische Verantwortung, das Streben nach nationaler Einheit, Verteidigungsfähigkeit, das Einstehen für Eigentum und Marktwirtschaft, die Integration der Staatskirchen sind ohne jede Frage Kompetenzen, die einer konservativen Partei zu eigen sein müssen. Doch an der Auflistung erkennt man schon deren Vergänglichkeit. Die nationale Einheit ist erreicht, die Bundewehr kaputtgespart und marktwirtschaftliche Reformen führte zuletzt ein SPD-Kanzler durch, während die CDU gemeinsam mit der SPD dieselben derzeit zurückdreht. Florian Finkbeiner vom Göttinger Institut für Demokratieforschung konstatiert, dass das Konservative sich in der CDU meist nur noch auf wenigen Politikfeldern oder in weltanschaulichen Versatzstücken zeige, die diese Sammlungsfunktion aufrechterhalten sollen, wie in Fragen der Familienpolitik, der Homo-Ehe oder des Embryonenschutzes. Doch diese Punkte seien längst innerparteilich umstritten und könnten nach außen nicht mehr glaubhaft vertreten werden. „Das Alleinstellungsmerkmal als Repräsentantin eines bürgerlichen Konservatismus ist der Union längst abhandengekommen.“

Die AfD: nicht konservativ, sondern revolutionär

Wer füllt diese ideologische Lücke? Glaubt man einigen Vordermännern der AfD, so sei sie die neue Volkspartei, die nun anstelle der Union treten würde. Doch ist das wirklich so? Die Äußerungen ihrer Anführer sprechen dagegen: Die AfD ist nicht konservativ, sie ist revolutionär. Björn Höcke, der sich selbst gerne im Rebellentum wähnt, spricht ganz offen von der „letzten Chance vor dem Volksaufstand“. Und auch der als gemäßigt geltende Jörg Meuthen möchte weg vom „links-rot-grün versifften 68er Deutschland“. Dies ist genauso wenig staatsmännisch, wie den Bundesjustizminister bei einer öffentlichen Veranstaltung pöbelnd vom Hof zu jagen, wie kürzlich in Zwickau geschehen (eine Praktik, die sonst eher in radikal-linken Kreisen verbreitet ist). Die AfD scheint, statt auf Kontinuität und Bewahren zu setzen, eher der Weisung Günther Maschkes zu folgen, einem Vertreter der Neuen Rechten: Er empfahl den Konservativen „sich zu opfern, um als Nationalrevolutionäre wieder aufzuerstehen.“ Dazu passt auch die Äußerung des neuen Hausintellektuellen der AfD, Michael Klonovsky, der eine Konfliktlinie zwischen „­­konservativ“ und „rechts“ zieht. Die AfD wählt, dieser Logik folgend, im revolutionären Gestus letzteres.

Und so klafft in Deutschland weiterhin eine riesige ideologische Lücke, in der sich Konservative politisch heimatlos vorfinden. Diejenigen, die sich noch einigermaßen mit dem Kurs der Kanzlerin abfinden können, bleiben der CDU treu. Jene, die davon genug haben, wechseln erbost zur AfD und finden sich dort als Revolutionäre wieder. Der konservative Rest bleibt auf verlorenem Posten und wird es auch bleiben, bis zu jenem Tag, an dem diese Nation ihren eigenen Konservatismus entdeckt.

Parallel zu seinem Abitur schreibt Oliver Weber als Autor und freier Journalist über Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Als Schüler steht für ihn der Blick auf die Zukunft der Republik im Zentrum seiner Überlegungen.

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