Auf der Suche nach irgendwas – Die Zerrissenheit der jungen Generation

Nostalgie gegenüber früheren Zeiten, die weder zurückkommen, noch unbedingt wirklich immer besser waren, ist keine gewinnbringende Antwort auf unsere Zeit. Die Freiheit zu allem zu haben, diese jedoch nicht immer ausschöpfen zu müssen, sehr wohl.

© Matt Cardy/Getty Images

Das sind die ersten Zeilen aus Yvonne Catterfelds aktuellem Song Irgendwas, der wie eine Kurzbeschreibung meiner Generation klingt. Vielleicht ist er deshalb so erfolgreich. Und weil er es vermag, diese Suche in Melodie zu gießen.

Irgendwas, das bleibt, irgendwas, das reicht

Irgendwas, das zeigt, dass wir richtig sind

Bis wir etwas finden, was sich gut anfühlt

Was sich lohnt zu teil’n, würden gern sowas spür’n

Suchen überall, finden scheinbar nichts

Was uns halten kann, was uns das verspricht

Was hier zum Ausdruck kommt, ist die Orientierungslosigkeit einer Generation, die alle Freiheiten und so viel Auswahl wie nie zuvor hat. Aber mit einer größeren Auswahl und mehr Freiheit gehen auch mehr selbstbestimmte Entscheidungen einher und damit die Angst, unter Umständen etwas Besseres zu verpassen. Wer einmal vor einem Joghurtregal eines größeren Supermarktes stand, weiß jedenfalls, wovon ich rede.

Tyranny of Choice heißt das in der Fachsprache der Kapitalismuskritiker, die damit darauf aufmerksam machen wollen, dass immer mehr nicht unbedingt immer glücklicher macht. Und vielleicht haben Sie in diesem Punkt ein bisschen Recht. Zumindest, wenn man es auf das Leben und nicht auf Joghurts bezieht.

Denn während die falsche Entscheidung am Joghurtregal in der Regel ganz gut zu verkraften ist, maximal ein paar Cent mehr und eine andere Entscheidung beim nächsten Mal, sind falsche Lebensentscheidungen es mitunter nicht. An welche Uni gehe ich, was studiere ich, wo möchte ich in meinem Leben beruflich hin? Welche Stadt ist die richtige zum leben? Will ich überhaupt in Deutschland bleiben? Welche politischen Überzeugungen habe ich und was wähle ich? Nützt wählen überhaupt etwas? Wann ist das richtige Alter für Kinder und will ich überhaupt Kinder? Was sind die Risiken, was die Vorteile? Wer ist der richtige Partner und gibt es den überhaupt? Fakt ist, dass das Joghurtregal des Lebens, genauso wie das echte im Supermarkt, heute nicht mehr aus zwei oder drei Sorten besteht, aus denen man auszuwählen hat, sondern aus Produkten von 20-30 verschiedenen Herstellern, die eine ganze Armada von Joghurts anbieten. Früher hat man sich zwischen Erdbeer und Kirsche entschieden, zwischen Klaus und Dirk aus dem Nachbarort, heute ist da Bratapfeljoghurt und Crispy-Honig-Müsli-Zeug und Tinder und Facebook und der Run um den möglichst perfekten Lebenslauf.

Sind auf der Suche nach irgendwas

Sind auf der Suche nach etwas mehr

Sind auf der Suche nach irgendwas

Nur was es ist, kann keiner erklär’n

Hauptsache, ein bisschen mehr.

Klar, auch ohne Turboabi musste man sich früher schon mit 16-17 festlegen, was man beruflich machen will. Dann, wenn man z.B. eine Ausbildung absolviert hat. Das Problem ist aber nicht die Entscheidung an sich, die Tatsache, sich irgendwann festlegen zu müssen, sondern der Einblick in die Optionen, den es früher so nicht gab. Es ist der Vergleich, der uns unglücklich macht, der uns im Nachhinein eine Entscheidung als falsch erscheinen lässt, weil irgendwo anders vermeintlich noch etwas Besseres gewartet hätte. Die Unzufriedenheit kommt im Nachgang und wir versuchen, uns ihr zu entziehen. Denn das Gras des Nachbarn ist immer grüner. Und heute gibt es dank weltweiter Vernetzung, zig Social Media-Plattformen und einer Welt an sich, die durch Kommunikation und Verkehrsmitteln immer näher zusammen rückt, entsetzlich viele Nachbarn.

Und so denken wir über jeden Schritt genauestens nach und wollen uns auf nichts festlegen. Ich glaube nicht einmal, dass wir uns in meiner Generation nur deshalb so selten noch für Kinder entscheiden, weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf insbesondere für uns Frauen so schlecht ist. Sicherlich, das ist auch ein Punkt, aber er reicht eben nicht aus, um zu erklären, weshalb wir uns so oft dagegen entscheiden. Denn für frühere Generationen war es oftmals auch nicht leicht und die Entscheidung für Familie trotzdem klar. Nein, wir wollen so oft nicht, weil es die größte Festlegung auf ein Lebensmodell, einen Partner überhaupt bedeutet. Weil wir oft nur den Verzicht, die Einbuße von Freiheit sehen, nicht aber den Zugewinn. Und weil wir einander nicht mehr vertrauen. Weil keiner von uns sich noch auf jemanden festlegen will und weil der Mann sich eben leichter aus der Affäre ziehen kann als die Frau. Weil man keine Familie mit jemandem gründet, der vielleicht morgen schon wieder weg ist. Der ständig wie wir auf der Suche nach dem Mehr ist.

Irgendwer, der bleibt, irgendwer, der zeigt

Dass er scheinbar weiß, wer wir wirklich sind

Wenn wir ihn dann finden, können wir nicht bleiben

Wollen uns nicht binden, weil wir dann vielleicht

Etwas verpassen könn’n, was irgendwo noch ist

Was wir sonst vermissen, weil es nicht uns gehört

Freilich stellen wir uns dabei auch die Frage, ob es dieses Mehr überhaupt gibt. Nicht selten warten wir vergeblich darauf, dass es kommt, nur um am Ende festzustellen, dass das, was wir hatten, bereits das Mehr war. Dass es unendliches Wachstum – zumindest in der Liebe, im Zwischenmenschlichen – nicht gibt und dass Perfektion nichts weiter als eine Illusion ist, die schlussendlich dafür sorgt, dass wir alleine dastehen. Aber solche Gedanken sind nur kurze Sequenzen, die uns allenfalls nur temopär von der Überholspur abbringen.

Aber was müssen wir ändern, um nicht mehr rast- und orientierungslos zu sein? Denn Fakt ist: Es wird keine Rückkehr mehr zu weniger Auswahl, zum Drei-Joghurt-Regal geben und wir müssen lernen, uns in dieser Welt zurechtzufinden, die eher noch schnelllebiger wird. Nicht zuletzt, weil das Nicht-Zurechtfinden noch deutlich mehr Gefahren in sich birgt als nur den demographischen Wandel durch eine Generation, die Familie mehr und mehr als Ballast empfindet. Denn wo die einen die Freiheitseinschränkung mehr als alles andere fürchten und deshalb jeglicher Verpflichtung und Festlegung aus dem Weg gehen, erteilt ein anderer Teil dieser Generation dieser unendlichen Freiheit in stetig wachsendem Maße eine Abfuhr. Es ist jener Teil der Jungen „mit Migrationshintergrund“ hierzulande, der sich schon lange zwischen westlicher Freiheit und antiquiertem Weltbild der eigenen Kultur und Religion zerrieben fühlt. Dem die Freiheit längst zum überfordernden Ärgernis geworden ist und der  sich deshalb immer stärker nach einem klaren Weltbild sehnt, nach Unterteilung in Schwarz und Weiß und festen Regeln. Die letzte Konsequenz daraus ist die politisch-religiöse Radikalisierung. Der Kampf gegen die Freiheit unter der Fahne eines wütenden Gottes.

Die Orientierungslosigkeit, die kontinuierliche Suche nach dem Mehr mit all ihren unterschiedlichen Konsequenzen von harmlosen Entscheidungsschwierigkeiten bis hin zum kompletten Ausstieg ist das Nebenprodukt des ansonsten so positiven Fortschritts. Das linke Spektrum begegnet diesem Befund mit der Feststellung der Tyranny of Choice, der Aussage, dass der Kapitalismus an dieser Stelle versagt, weil er augenscheinlich keine Antwort darauf besitzt.

Aber die hat er. Nicht als System, dass uns die Antwort von oben vorgibt, wie es im Sozialismus jeder Spielart der Fall ist, sondern als Aufforderung, unsere eigene individuelle Antwort zu finden. Uns die Stolpersteine bewusst zu machen, ohne sie zu verteufeln. Zu fragen, wer wir wirklich sind, was wir wollen und ob der Rasen der vielen Nachbarn wirklich immer grüner ist. Ich bleibe dabei: Freiheit ist der großartigste, der wichtigste Wert überhaupt. Wir müssen lediglich lernen, mit ihm umzugehen. Eine falsche Nostalgie gegenüber früheren Zeiten, die weder zurückkommen, noch unbedingt wirklich immer besser waren, ist keine gewinnbringende Antwort auf unsere Zeit. Die Erkenntnis, die Freiheit zu allem zu haben, diese jedoch nicht immer gänzlich ausschöpfen zu müssen, sehr wohl. Sie ist es, die letztlich die Entspannung bringt, die wir brauchen. Die uns Entscheidungen fällen lässt, ohne ständig mit ihnen zu hadern. Will sagen: Eine große Joghurtauswahl ist klasse. Die falsche Entscheidung gibt es nicht. Erdbeer ist genauso klasse wie Bratapfel. Es kommt auf den eigenen Geschmack an.  Das heißt nicht, dass wir uns mit weniger zufrieden geben sollen, sondern, dass wir lernen, das für uns individuell Richtige zu finden.

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