Alles anders

Das, was in Deutschland so unantastbar erschien, das Gewaltmonopol des Staates, der allgemeine Wohlstand, unser soziales Sicherungssystem – alles scheint plötzlich zur Disposition zu stehen. Und mit einem Mal wird klar, für wie selbstverständlich man den Ist-Zustand hielt und wie zerbrechlich er ist.

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Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Kommentar überhaupt schreiben soll. Die letzten Monate und Wochen und speziell die Tage seit Köln, sind nicht nur eine Gratwanderung für all jene, die sich der political correctness verschrieben haben, sie sind auch eine Gratwanderung für jeden anderen, der ein bisschen darüber nachdenkt, was er mit seiner Schreiberei auslösen kann.

Wir alle, auch jene aus dem Kreis der Journalisten, sind ja keine objektiven Beobachter. Wir sind Teil dessen, was um uns herum passiert. Mit unseren ganz eigenen Empfindungen, unseren Ängsten und Sorgen, aber auch hoffnungsvollen Gedanken. Schon Niklas Luhmann stellte fest, dass es sich bei den Erkenntnissen über unsere Außenwelt niemals um Abbildungen der Realität, sondern immer nur um Beobachtungen der Realität und damit um Konstrukte handelt. Ähnlich sieht das auch die Geschichtswissenschaft in Bezug auf die Vergangenheit. So ist die Geschichte auch hier niemals einfach Abbild der Vergangenheit, sondern immer Konstrukt über die Vergangenheit , welches wir aus der Gegenwart heraus erzeugen. Diese Annahme führt unweigerlich dazu, dass man mit dem, was man schreibt, gerade wenn es nicht um reine Berichte, Artikel, sondern um Meinungen, Kommentare zu Geschehnissen geht, Realität mit konstruiert. Eine nicht zu verachtende Verantwortung.

Wir reden immer über Abbildungen der Realität

Umso mehr scheue ich mich eigentlich davor, meine eigenen momentanen Empfindungen wiederzugeben. Andererseits bietet aber gerade die Schilderung der eigenen Gedanken und Emotionen die Möglichkeit der Identifikation zwischen Autor und Leser. Und schon das Gefühl, dass einem ein anderer aus der Seele spricht, dass man Empfindungen und Wahrnehmungen teilt, führt oft dazu, dass sich die Gemüter ein wenig beruhigen. Das geht Ihnen als Leser manchmal so und mir als Autor, wenn ich Ihre Mails lese und merke, dass ich ein Stück weit auch ihre Gedanken artikulieren konnte. Insofern ist der Meinungsjournalismus in Form von Blogs und Kommentaren auch und vor allem wichtig, weil er Stimmungen aufgreift und abfängt. Unter dieser Prämisse schreibe ich diese persönlichen Dinge.

Sie, die Sie alle politisch interessierte Menschen sind (das nehme ich stark an, wenn sie Tichys Einblick lesen), kennen das sicher: Wenn ich dieser Tage morgens aufwache, möchte ich manchmal eigentlich gar keine Nachrichten lesen. Eine Horrormeldung jagt mittlerweile die Nächste. Alles steigert die eigene Verunsicherung und das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit. Und dennoch kann ich gar nicht anders, als alles durchzulesen. Ich glaube, dass das so ein natürlicher Zwang bei politisch interessierten Menschen ist. Und ja, nicht selten empfinde dabei regelrechten Neid gegenüber all jenen, die ich kenne, die wirklich davon überzeugt sind, dass Politik und alles, was damit zusammenhängt, nichts mit ihnen zu tun hätte. Diese natürliche Ignoranz gegenüber all dem, was uns umgibt – gerade hätte ich sie gerne.

Hunderte sexuell belästigte und teils vergewaltigte Frauen in ganz Deutschland. Ein Vorfall, von dem wir immer noch nicht genau wissen, welchen Hintergrund er hatte. Zumindest unser Justizminister geht mittlerweile von geplanten Aktionen aus, was die Vorfälle in Köln und anderen Städten fast zu einer Art von Anschlägen machen würde. Anschläge auf unsere Werte, jede selbstbewusste Frau, unsere Art zu leben an sich. Dazu ein Mann, der aus einem Flüchtlingsheim in Recklinghausen heraus nach Paris reist, um am Jahrestag des Attentats auf Charlie Hebdo erneut für Angst und Schrecken zu sorgen. Vier mal soll er hier in Deutschland unter verschiedenen Namen registriert gewesen sein. Ein Fall, der mir schmerzlich offenbarte, dass alles noch viel schlimmer ist als gedacht. Dass wir in der Flüchtlingskrise noch viel weniger unter Kontrolle haben, als ich mir hätte jemals vorstellen können. Denn ja, es gibt einen Unterschied zwischen meiner Aufregung darüber, dass wir überhaupt nicht mehr wissen, wer hier eigentlich zu uns kommt, vor ein paar Monaten und der traurigen Gewissheit heute. Als hätte man vor einigen Monaten noch gehofft, man selbst würde übertreiben und am Ende käme doch alles nicht so schlimm. Diese Hoffnung ist nicht mehr da und am Ende ist wahrscheinlich alles noch viel schlimmer als man je gedacht hätte.

Heute morgen dann die Meldung, dass uns laut Entwicklungsminister Gerd Müller der Höhepunkt der Flüchtlingskrise erst noch bevorsteht. Und das nicht im Hinblick auf etwaige Anschläge etc., sondern in Bezug auf die Zahl derer, die noch zu uns kommen werden. „Erst zehn Prozent der Fluchtwelle ist bei uns“, wird Müller in der FAZ zitiert.

Ohne Grenzen aufgewachsen

Gedankensprung. Ich unterhalte mich mit einem österreichischen Kollegen vom Fernsehen darüber, dass ich als Kind öfter mal nach Österreich gereist bin, weil Verwandte dort einen Zweitwohnsitz haben. Ich muss daran denken, wie einfach ich jedes Mal mit meinen Eltern im Auto die Grenze überquert habe. Einige Reisen haben wir unternommen. Nicht nur nach Österreich, sondern auch nach Spanien und immer wieder nach Frankreich. Ich bin 27 Jahre alt, ich habe es nie anders kennen gelernt. Und plötzlich scheint es wahrscheinlich, dass dies vielleicht in Zukunft nicht mehr so sein wird. Plötzlich glaube ich, dass es ohne wieder hochgezogene Grenzzäune nicht funktionieren wird. Ich, die selbst nie Grenzzäune innerhalb Europas erlebt hat und die diese Freizügigkeit daher so sehr schätzt, knickt ein, plädiert für Obergrenzen und Zäune, um diese durchzusetzen. Sicherlich, da ist auch viel Angst und Verunsicherung dabei, aber noch mehr die Überzeugung, dass wir anders nicht mehr bewahren können, wofür wir gerade hierzulande einen langen steinigen Weg gegangen sind: Demokratie, Trennung von Kirche und Staat (zumindest einigermaßen) und natürlich die Freiheit des Individuums.

Mit der Freiheit ist das so eine Sache. Als einigermaßen attraktive junge Frau habe ich mich auch vor der Flüchtlingskrise nicht unbedingt sicher gefühlt, wenn ich nachts irgendwo alleine langgehen musste (einen ähnlichen Satz hatte ich bereits in einem meiner Beiträge zuvor verwendet, was mir sehr übel genommen wurde). Dabei verstehe ich gar nicht, warum oder weshalb diese Aussage einige Menschen überrascht hat. Ich kenne jedenfalls keine junge Frau, die sich sonderlich sicher fühlt, wenn sie nachts alleine unterwegs ist. Und dennoch war die Angst nie so groß, dass ich das Gefühl hatte, ich müsse mich irgendwie selbst verteidigen können.

Heute, an Tag 10 nach den Vorfällen von Köln, liegen auf meinem Tisch zwei noch nicht geöffnete Plastikverpackungen. In der einen ein Pfefferspray, in der anderen ein Taschenalarm. Ich denke darüber nach, wie ich es noch vor wenigen Jahren idiotisch fand, als mir eine Freundin erzählte, dass sie immer ein Pfefferspray in der Tasche hätte. „Ein bisschen drüber“, dachte ich mir da. Heute liegt mein eigenes vor mir und immer noch traue ich mich nicht, es auszupacken, weil es mir wie eine Kapitulation vorkommt. Weil ich eigentlich immer noch nicht wahrhaben will, dass wir in solchen Zeiten leben. Als wäre es das Eingeständnis, dass nun alles anders ist. Und nein, ich glaube wirklich nicht, dass jeder Flüchtling ein potenzieller Gewalttäter ist. Auch weiß ich, dass mein Pfefferspray und mein Taschenalarm mir wenig bringen werden, wenn es zu einem Anschlag kommen sollte. Vielleicht ist es einfach nur die naive Vorstellung, mir damit ein kleines bisschen mehr ein Gefühl von Sicherheit erkaufen zu können. Ein Gefühl, was in letzten Tagen mehr denn je gelitten hat.

Wie frei sind wir mit Pfefferspray und Taschenalarm?

Aber wie frei kann man sich noch fühlen mit Pfefferspray und Taschenalarm in der Hand auf dem Weg nach Hause? Eine Frage, die ich mir in letzter Zeit öfter gestellt habe.
Vielleicht ist das alles nur übertriebene Panik. Die „German Angst“, wie man im Ausland so schön sagt. Manchmal hoffe ich, dass es nur das ist und dass man in ein paar Monaten darüber lacht, was für eine Angst man hatte. So war es ja bis jetzt immer, wenn irgendwelche Dinge besonders präsent in den Medien waren. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es dieses Mal nicht so sein wird. Dass die Verunsicherung bleibend und begründet ist. Dafür ist nicht zuletzt auch eine Regierung bzw. eine Kanzlerin verantwortlich, die ich noch nie für so unberechenbar hielt wie jetzt.

Vielleicht liegt das auch daran, dass ich noch relativ jung bin und dass mein heiles Kartenhaus, in dem ich hier in Deutschland immer gelebt habe, zusammen zu brechen droht. Seit meiner Kindheit befasse ich mit den schlimmen Dingen auf der Welt. Seit meiner Jugend bin ich politisch interessiert und engagiert. Aber auch hier liegt eine Diskrepanz zwischen der Auseinandersetzung aus der Ferne und dem Spüren am eigenen Leib. Ich war nie naiv. Ich war linke Antikapitalistin. Habe Wutreden über die Ausbeutung der dritten Welt und die Krisen und Kriege im Nahen Osten gehalten. Habe spöttisch behauptet, dass wir uns nicht wundern bräuchten, wenn uns all das irgendwann auf die Füße fällt. Aber jetzt, wo es da ist, ist es ganz anders. Das, was in Deutschland so unantastbar erschien, das Gewaltmonopol des Staates, der allgemeine Wohlstand, unser soziales Sicherungssystem – alles scheint plötzlich zur Disposition zu stehen. Und mit einem Mal wird mir klar, für wie selbstverständlich man den Ist-Zustand wirklich hielt und wie zerbrechlich er in Wahrheit ist. Etwas, worauf ich immer hingewiesen habe, was ich wohl aber jetzt erst wirklich verstehe.

Nein, wir sollten die Angst nicht gewinnen lassen. Aber ich kann nicht leugnen, dass mir das an manch einem der letzten Tage durchaus schwer fiel.

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Kommentare ( 51 )

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